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Aggression ist Kommunikation

Ein Artikel unseres DOGS Partners Marc Lindhorst (Martin Rütter DOGS Kiel und Lübeck) für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich"

Wenn ein Hund droht oder beißt, gibt es dafür immer einen Grund. Die Ursache des Verhaltens ausfindig zu machen, ist oft gar nicht so einfach. Doch nur dann kann gezielt an dem Problem gearbeitet werden.

Frau Peters ist mit ihrem zehnjährigen Mischlingsrüden Benny im Park unterwegs. Benny kam damals als Welpe in die Familie und war von Anfang an ein entspannter, netter Hund, der sich mit jedem Menschen und Vierbeiner verstand. Doch seit einiger Zeit verhält sich Benny bei Hundebegegnungen anders. Immer wieder knurrt er, wenn sich ihm Hunde nähern, und letztens hat er sogar nach einem jungen Hund geschnappt, der aufgeregt um ihn herumsprang. Frau Peters kann sich das Verhalten ihres Hundes nicht erklären, denn Benny hat nie schlechte Erfahrungen mit anderen Hunden gemacht oder wurde das Opfer einer Beißerei. Verzweifelt wendet sie sich an unsere Hundeschule.

Als ich Benny kennenlerne, fällt beim Aussteigen aus dem Auto auf, dass er wahrscheinlich Probleme im Gelenkapparat hat. Nur zögerlich springt er aus dem Kofferraum und nimmt sofort Schonhaltung ein. Auch sein Gangbild erhärtet den Anfangsverdacht. Auf dem Weg zum Trainingsgelände schwingen die Hüften vermehrt in Richtung der nach vorn geführten Hintergliedmaßen, Benny wirkt insgesamt sehr steif. Auf Nachfrage berichtet Frau Peters, dass Benny seit längerer Zeit ungerne die Treppen ins obere Stockwerk geht und Probleme beim Hinlegen und Aufstehen hat. Als ich Benny im hinteren Rückenbereich berühre, zeigt er Meideverhalten, indem er zurückweicht, zudem beginnt er zu hecheln. Aufgrund meiner Beobachtungen und der Schilderungen der Halterin schicke ich sie zum Tierarzt. Nachdem eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule gemacht wurde, ist die Diagnose klar: Spondylose, eine degenerative, chronisch deformierende Erkrankung der Wirbelsäule. Diese Erkrankung ist oft mit Schmerzen für den betroffenen Hund verbunden. Daher ist auch Bennys Reaktion auf die Nähe anderer Hunde verständlich. Er zeigt eine schmerzbedingte Aggression, durch die er Distanz zu den Artgenossen herstellen möchte, um weitere Schmerzen zu verhindern.

In Bennys Fall ist der Auslöser für sein aggressives Verhalten klar erkennbar und daher eine Verbesserung seiner Lebensqualität wahrscheinlich. Jedoch sind die Gründe, warum Hunde Aggressionsverhalten zeigen, vielfältig und häufig kann nicht der eine Auslöser gefunden werden. Vielmehr bedingen oft eine Reihe von Umständen und Reizen das aggressive Verhalten und Hunde wechseln situativ auch von einer Aggressionsform in eine andere. Diese Mischmotivationen machen es den Haltern nicht immer leicht, die Auslöser oder Ursachen zu finden und zu verändern.

Warum verhalten sich Hunde aggressiv?

An Bennys Beispiel erkennen wir, was Hunde durch ihr aggressives Verhalten erreichen wollen. „Aggressionsverhalten dient der Schaffung oder Aufrechterhaltung von räumlichen und/oder zeitlichen Distanzierungen und dazu, die eigenen Interessen im Konflikt um Ressourcen obsiegen zu lassen.“ (Schöning 2001). Es geht nicht vornehmlich darum, dem Gegenüber zu schaden, sondern den eigenen Gleichgewichtszustand wiederherzustellen. Somit ist das aggressive Verhalten eine Reaktion auf Umwelteinflüsse, die das Wohlbefinden beeinträchtigen. Dabei spielt die Einhaltung der Individualdistanz oder die Durchsetzung eigener Interessen eine zentrale Rolle. Der britische Verhaltensbiologe John Archer drückt dies so aus: „Aggression ist ein Regulationsverhalten, das eingesetzt wird, um störende Reize aus der unmittelbaren Umgebung zu entfernen.“ Aggression dient also der Konfliktvermeidung und ist ein notwendiger Bestandteil der Kommunikation unter Hunden.

Aggressionsverhalten stellt eine unter mehreren Optionen dar, um ein Problem zu lösen. In der Verhaltensbiologie werden diese Konfliktlösungsstrategien auch als die „4 F’s“ bezeichnet, denn in der englischen Bezeichnung fängt jede mit einem „F“ an. Ist Flucht (flight) keine Option, dann kann der Hund in eine Art Schockstarre (freeze) verfallen. Er kann auch versuchen, die Situation durch Beschwichtigungssignale zu entschärfen (flirt/ fiddle about). Jedoch kann es auch zur Abwehr Abwehrreaktion kommen (fight), bei der sich mit allen Mitteln gewehrt wird. Auf welche Möglichkeit der Hund zurückgreift, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Besonders die Erfahrungen in der Vergangenheit in solchen Situationen beeinflussen das Verhalten. Aber auch die Tagesform, die Wichtigkeit der Ressource, die Mensch-Hund- Beziehung, die eigene Persönlichkeit und das Gegenüber spielen eine Rolle.

Was sind die Ursachen aggressiven Verhaltens?

Wie bereits erwähnt, ist das aggressive Verhalten des Hundes oft mischmotoviert. Es gibt Hunde, die den heimischen Garten und das Haus bzw. die Wohnung als wertvolle Ressource betrachten und diese daher vehement verteidigen. Immerhin befindet sich in diesem Territorium der Ruheplatz des Hundes, hier frisst er in Ruhe und dort leben seine Sozialpartner oder der eigene Nachwuchs. Daher ist es aus Hundesicht völlig normal, jeden Eindringling am Betreten des eigenen Reviers zu hindern. Liegt der Vierbeiner allein im Garten und bemerkt den Postboten, zeigt er zunächst Imponierverhalten, um diesen daran zu erinnern, dass dieses Gebiet besetzt ist. Mit hoch erhobener Rute und stolz geschwellter Brust schreitet er steifbeinig zum Gartenzaun. Um den Besitzanspruch zu verdeutlichen, wird sicherheitshalber an der Grenze des Grundstücks mit einigen Spritzern Urin eine Markierung gesetzt.

Trotz dieser Warnhinweise nähert sich der Postbote weiter dem Grundstück. Nun wird der potenzielle Eindringling lauthals verwarnt. Mit tosendem Gebell läuft der Hund am Zaun auf und ab. Das alles scheint den näherkommenden Menschen aber nicht zu beeindrucken, und so wird von einer Eskalationsstufe in die nächste geschaltet. Mit einer Scheinattacke schießt der Hund an den Zaun und schnappt mehrfach in die Luft. Endlich scheint der Eindringling verstanden zu haben, dass er hier unerwünscht ist, und zieht von dannen. Zufrieden kehrt der Hund zu seinem Beobachtungsposten zurück und verbucht sein Verhalten als Erfolg. Dass der Postbote sich nicht aufgrund des gezeigten Verhaltens entfernt hat, sondern weil er die Post in den Briefkasten geworfen hat und zum nächsten Haus muss, weiß der Hund nicht. Dieser wundert sich lediglich, dass der gleiche Typ zwei Tage später schon wieder auftaucht und es anscheinend noch mal wissen will. Eine never ending story ... Die Verteidigung des eigenen Territoriums fällt in den Bereich der Wettbewerbsaggression. Alles, was vom Hund als attraktiv und wichtig angesehen wird, kann gegen Widersacher verteidigt werden. Dazu gehören soziale Kontakte, Fortpflanzungspartner, Nahrung oder die eigene Position innerhalb der Gruppe. Typisch für eine wettbewerbsmotivierte Aggression sind längere Eskalationsphasen sowie ritualisierte Verhaltensweisen. Der jeweilige Hund muss nämlich abwägen, ob die umstrittene Ressource es wirklich wert ist, ein größeres Risiko einzugehen. Bei Konflikten innerhalb der eigenen Gruppe kommt noch die Überlegung hinzu, ob die Situation wirklich so bedeutend ist, dass die Beziehung zu einem wichtigen Sozialpartner gefährdet wird.

Einen weiteren Grund für aggressives Verhalten können wir bei Hunden sehen, die aufgrund einer Erkrankung oder Verletzung zum Tierarzt müssen. Selbstschutzaggression dient der Abwehr von schmerzauslösenden Reizen oder Situationen bzw. wird dann gezeigt, wenn ein Gefühl der Bedrohung entsteht. Oft maßnahmen im Vordergrund. Diese dienen zunächst der Schadensvermeidung, sie ändern nichts an der Ursache des aggressiven Verhaltens.

Natürlich sollten zunächst alle Situationen vermieden werden, in denen es zum aggressiven Verhalten des Hundes kommt. Dadurch soll ein weiteres Lernen am Erfolg vermieden und eine mögliche Eskalation der Aggression verhindert werden. Eventuell wird die Liegestelle so verändert, dass Besucher nicht mehr am Hund vorbeigehen müssen, wenn sie das Haus betreten. Notfalls kann der Hund auch erst einmal weggesperrt werden, wenn Besuch kommt. Lösen bestimmte Gegenstände oder Futter die Aggression aus, dann werden diese Dinge nicht mehr herumliegen oder für den Hund frei zugänglich sein. Ein Hund, der momentan zu aggressiven Verhaltensweisen neigt, darf natürlich draußen nicht mehr frei herumlaufen. Die Absicherung durch eine Leine ist selbstverständlich. Eventuell muss über den Einsatz einer Führhilfe, wie z. B. eines Führgeschirrs, nachgedacht werden. Hat der Hund bereits gebissen oder steht kurz davor, dann ist der Einsatz eines Maulkorbs unumgänglich. Viele Hundehalter scheuen jedoch den Einsatz dieses wichtigen Hilfsmittels. Der Maulkorb soll zum einen den Halter oder andere Hunde vor Verletzungen und weiteren, eventuellen rechtlichen Konsequenzen schützen. Zum anderen ist er manchmal nötig, um ein Training mit dem Hund überhaupt erst beginnen zu können. Wichtig ist die Auswahl eines passenden Maulkorbs und die vorherige Gewöhnung an diesen.

Die Ursachensuche – die Detektivarbeit beginnt

Um den Auslösern und den genauen Ursachen für das Aggressionsverhalten des jeweiligen Hundes auf die Spur zu kommen, bedarf es einer gründl ichen Einschätzung des Vierbeiners. In einem ersten Gespräch versuchen wir, anhand verschiedener Fragen erste Hinweise auf mögliche Ursachen zu finden. Der Halter soll das Verhalten seines Hundes so genau wie möglich beschreiben. Kennt er die möglichen Auslöser oder Ursachen? Auch Fragen zum Alltag mit dem jeweiligen Hund werden gestellt. Wie lebt der Hund, wie sind also die Haltungsbedingungen? Wie verhält sich der Hund im Allgemeinen gegenüber Menschen und Artgenossen? Welche Trainingsmaßnahmen wurden bereits ausprobiert? Im Anschluss stehen dann einige Tests auf dem Programm. Wir möchten den Hund in verschiedenen Situationen beobachten, besonders in der Situation, in der das aggressive Verhalten auftritt. Hier geht natürlich die Sicherheit vor – die des Halters und die des Hundes. Unter kontrollierten Bedingungen wird das Aggressionsverhalten ausgelöst und geschaut, wie sich Hund und Halter dabei verhalten. Aber auch Verhaltensweisen im Vorfeld und nach der aggressiven Reaktion werden beobachtet. All diese Maßnahmen zielen darauf ab, die genauen Ursachen für das Aggressionsverhalten des Hundes zu ermitteln und einen geeigneten Trainingsplan zu entwerfen, der zu einem dauerhaften Erfolg führt.

Trainingsansätze zur Veränderung des Verhaltens

Zunächst lernen die Halter, die aggressiven Signale ihres Hundes zu erkennen. Oft verläuft die Entwicklung des Aggressionsverhaltens schleichend. Meist wird erst dann die Aggression wahrgenommen, wenn der eigene Hund gehemmt oder ungehemmt beschädigt hat. Die Vorzeichen werden oder wurden vom Menschen nicht erkannt oder nicht gestoppt. Dass der eigene Hund bei Begegnungen mit Artgenossen sich optisch vergrößert, steifer wird, den entgegenkommenden Hund fixiert und sich an diesen an der Leine anschleicht, wird von den Haltern nicht als aggressives Verhalten gewertet und laufen gelassen. Der Hund wertet das menschliche Verhalten des Nichtbeachtens aber nicht als Ignoranz, sondern als Akzeptanz seines Verhaltens und fühlt sich darin bestätigt. Als Erste-Hilfe-Maßnahme kann es sinnvoll sein, den Hund zunächst in den entsprechenden Situationen abzulenken. Dieses Ablenken löst aber nicht die Ursache der Aggression. Hierbei besteht jedoch immer die Gefahr, dass eine Belohnung im falschen Moment unbewusst das aggressive und nicht das ruhige Verhalten belohnt. Suche lieber nach einer alternativen Beschäftigung, die der Hund durchführen kann. Gebe Deinem Hund eine sinnvolle Aufgabe, mit der er nicht überfordert ist. Diese Aufgabe orientiert sich dabei an den hundlichen Bedürfnissen und berücksichtigt rassespezifische Veranlagungen. Somit kann der Hund aktiv die Konsequenzen seines Verhaltens mitbestimmen. Für nicht aggressives Verhalten wird er belohnt und lernt, dass es andere Dinge zu tun gibt. Beim Training geht es nicht darum, die aggressiven Verhaltensweisen abzutrainieren, sondern diese in akzeptable Bahnen zu lenken. Auch Übungen rund um die Impulskontrolle des Hundes und die Steigerung seiner Frustrationstoleranz verbessern langfristig die Problematik. Denn ein Hund, der gelernt hat, mehr auszuhalten, und der alternative Strategien besitzt, greift weniger häufig auf aggressive Verhaltensweisen zurück. Ein aggressiver Hund braucht einen souveränen Menschen an seiner Seite, daher sind besonders Veränderungen im alltäglichen Umgang wichtig. Als soziale Lebewesen brauchen Hunde im Zusammenleben mit uns Menschen klare Strukturen, an denen sie sich orientieren können. Dann orientieren sich unsere Hunde auch in ehemals stressigen Situationen an uns und entscheiden sich immer öfter gegen ein aggressives Verhalten.