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Gelegenheit macht Diebe

Ein Beitrag von Conny Sporrer (Martin Rütter DOGS Wien) für all4pets

„Aus!“, „Nein!“, „Pfui!“ sind Signale, die wohl jeder Hundehalter seinem Hund gegenüber schon mal geäußert hat. Ganz häufig verwendet in Situationen, in denen der Hund etwas aus Menschensicht Unangemessenes tut. Allen voran oftmals das unerwünschte Fressen oder Beschnüffeln von Gegenständen und Essbarem. Gerade in der bevorstehenden Osterzeit, wenn Ostereier und Schokoladenhasen auf dem Couchtisch locken, können unsere Vierbeiner der Versuchung oft nicht widerstehen. Gerade diese Köstlichkeiten können für unsere Hunde sogar ernsthafte Gefahren bedeuten. Warum Ihr Hund das tut und wie es Ihnen am besten gelingt, ihm dieses Verhalten wieder abzugewöhnen, erfahren Sie hier.

Vor etwa 15.000 Jahren, als der Wolf sich langsam zum Haushund entwickelte, hat wohl alles begonnen. Obwohl bis heute strittig ist, wie Domestikation tatsächlich stattgefunden hat, spricht eine These dafür, dass der Mensch durch Sesshaftigkeit und Siedlungsbau dem Wolf eine neue ökologische Nische geboten hat. Die weniger scheuen Tiere haben sich so immer mehr an die Nahrungsreste und Müllansammlungen der Menschen getraut. Diese einfachen neuen Nahrungsquellen und ein gewisses Sicherheitsbedürfnis sorgten dann auch für Fortpflanzungsbereitschaft und schließlich die genetische Veränderung vom Wolf zum Hund.

NATÜRLICHES VERHALTEN ODER UNERZOGENHEIT?

Wenn auch etwas weit hergeholt, zeigt diese Theorie auf jeden Fall deutlich, dass es für den Hund das Natürlichste auf der Welt und zudem absolut lohnenswert ist, auf alles Fressbare zuzugreifen, was die Natur gerade bietet. Es würde jeder Logik entbehren, Nahrung einfach liegen zu lassen, weil das „ein gut erzogener Hund so macht“. Auch hat es nicht zwingend mit Respektlosigkeit zu tun, wenn ein Hund heimlich den Frühstückstisch abräumt. Bei wild lebenden Hunden darf in der Regel ein in der Futterrangordnung weit oben stehender Hund zuerst an die Beute und so lange daran fressen, bis er sie für die anderen freigibt, sprich: sich entfernt. Wenn also ein Hund, wenn er alleine ist, wie selbstverständlich Kekse vom Esstisch holt, ist das von der Natur so vorgesehen. Denn der Mensch hat sich ja schließlich entfernt, und daher darf der Hund jetzt ran.

Dennoch ist es aber so, dass es gewisse gesellschaftliche Spielregeln gibt, an die sich unsere Hunde, so sehr wir Ihnen auch mit allem Verständnis für ihre natürlichen Bedürfnisse entgegenkommen, anpassen müssen. Vorweg muss aber geklärt werden, woher das unerwünschte Stehlen und Fressen rührt. Nur wenn die Ursache geklärt ist, kann auch der richtige Trainingsansatz gefunden werden.

URSACHENFORSCHUNG

Es gibt Hunde, die ihren Menschen wie selbstverständlich Futter aus der Hand stehlen. Sie kommen zielgerichtet heran und – zack – klauen sie ein Stück Fleisch vom Grillteller oder lecken an der Eistüte. Diese Hunde haben nie gelernt, mit Menschen und deren Ressourcen respektvoll umzugehen. Es handelt sich also um eine absolute Respekt- und Distanzlosigkeit Menschen gegenüber. Auch wenn es sonst keinerlei Probleme gibt, wurden diese Hunde einfach nicht richtig erzogen, und es wurde überdies verpasst, ihnen an dieser Stelle eine Grenze zu setzen. Etwa wie einem Kind, dass wie selbstverständlich im Supermarkt an die Geldbörse der Mutter geht und sich das nötige Kleingeld für Süßigkeiten nimmt, ohne zu fragen. Es gibt viele Hundebesitzer, denen dieses Verhalten wenig ausmacht oder die es sogar, bewusst oder unbewusst, fördern. Grundsätzlich gibt es dabei auch kein Problem. Jedoch sollte im Sinne des Hundes erzogen werden. Zum einen erlaubt sich der Hund dieses Verhalten jetzt natürlich bei allen Menschen – und nicht jeder begrüßt dieses Benehmen! Zum anderen ist es für Hunde eigentlich völlig unlogisch, dass ihr Mensch so offen und freizügig mit seinen Ressourcen umgeht, das würden Hunde in der Natur auch nicht machen. Und so kann es passieren, dass ein Hund nur aufgrund dieser „Unachtsamkeit“ des Menschen sich in einer anderen wichtigen Situation nicht auf seinen Halter verlässt. Hunde streben nämlich nach sicheren und ernstzunehmenden Partnern, die sie führen, nicht nach unsicheren Marionetten, die bei jeder Gelegenheit ein Stück von ihrem Frühstücksbrot abgeben.

HUNGER, HUNGER, HUNGER!

Einige Hunde plündern schlicht aus Hungergefühl regelmäßig die Schränke. Und zwar nicht, weil sie zu wenig zu fressen kriegen, sondern häufig, weil aufgrund von mangelhafter Ernährung nie ein Sättigungsgefühl eintreten kann. Haben Sie regelmäßig das Problem, dass Ihr Hund gezielt auf Futtersuche ist, könnte es daran liegen, dass sein Futter nicht genügend verwertbare Nährstoffe enthält und so das Sättigungsgefühl nie ganz erreicht wird. Ein Exkurs zur richtigen Hundeernährung würde hier zu weit führen, aber hinterfragen Sie mal selbst, ob ihr Futter den natürlichen Anforderungen des Hundes gerecht wird. In der Natur frisst der Hund zu etwa 60–70 % reines Fleisch (tierische Nebenerzeugnisse sind damit übrigens nicht gemeint), der Rest sind Gräser, Kräuter, Gemüse und ein ganz kleiner Anteil Getreide (der aus dem Mageninhalt des Beutetieres stammt). In der Realität bestehen die meisten Futtersorten leider aus billigen Füllstoffen wie Mais, Soja und Getreide – Fleisch ist nur in minderwertiger Qualität und zu einem geringen Anteil enthalten. So ist es völlig naheliegend, dass viele Hunde dadurch immer auf der Suche nach mehr und verwertbarem Futter sind.

Nicht unerwähnt sollte an dieser Stelle die zwanghafte Aufnahme von allen möglichen Gegenständen und auch vermeintlich Unessbarem bleiben – die sogenannte „Allotriophagie“. So werden schon mal ganze Blumensträuße, Fernbedienungen oder diverse Verpackungen mit oder ohne Inhalt vertilgt. Die Folge sind dann natürlich häufig Notoperationen, um die Fremdkörper zu entfernen. Handelt es sich wirklich um eine solche Fressstörung, kann dies mit sämtlichen physiologischen Problemen wie Darmparasiten, aber auch Organerkrankungen zu tun haben, daher sollte man dies immer zuerst tierärztlich abklären lassen. Aber auch hier können Mangelerscheinungen nicht ausgeschlossen werden. Manchmal liegen aber viel schlichtere Gründe vor. Viele Hunde haben zum Beispiel gelernt, mit dem Allesfressen immer Aufmerksamkeit zu bekommen und es deshalb ritualisiert. Ob Menschenkot, Steine oder Blumenerde – spätestens wenn der Hund beginnt, das fressen zu wollen, zieht er die volle Aufmerksamkeit des Menschen auf sich und hat damit bekommen, was er wollte. Ist also die Mensch-Hund-Beziehung ohnehin nicht ganz rund, kann die Holzverkleidung im Wohnzimmer schon mal darunter leiden.

LAAAANGWEILIG…

Zu einem der häufigsten Gründe des Plünderns gehört aber mit Sicherheit Langeweile. Unterforderung und folglich Frust führen meistens dazu, dass unsere Vierbeiner sich einfach selbst Beschäftigung suchen. Achten Sie also immer darauf, Ihrem Hund und seinen Anlagen so gut es geht gerecht zu werden. Neben der körperlichen Auslastung steht vor allem die geistige Arbeit an oberster Stelle. Professionelle Suchhunde werden im Ernstfall auch nicht stundenlang, sondern in viel kürzeren Einheiten eingesetzt, weil Nasenarbeit gerade für untrainierte Hunde unheimlich anstrengend ist. Stellen Sie Ihrem Hund also, egal ob Chihuahua oder Leonberger, auch regelmäßig Denksportaufgaben. Nach der Beschäftigung draußen wird dann zu Hause entspannt und Energie für die nächsten Abenteuer getankt.

IHR TRAININGSWEG

Wenn Sie nun am diebischen Talent Ihres Vierbeiners arbeiten möchten, gilt in jedem Fall zunächst einmal: Geben Sie dem Hund keinerlei Möglichkeit, sein Verhalten weiter auszuüben. Räumen Sie Lebensmittel und andere interessante Gegenstände erst einmal so weg, dass Ihr Hund gar nicht erst drankommen kann. Auch neuralgische Stellen wie Wände oder Möbel müssen im ersten Schritt so geschützt werden, dass Ihr Vierbeiner sich nicht damit beschäftigen kann. Ist dieses Thema auch draußen präsent, führt kein Weg daran vorbei, den Hund sicher und gut an einen Maulkorb zu gewöhnen.

Auch wenn dies nur Erste-Hilfe-Maßnahmen sind, ist es für ein effektives Training immer unabdingbar, das unerwünschte Verhalten vorerst bestmöglich auszuschalten.

Im weiteren Schritt gilt es nun gemeinsam mit einem Profi, die individuelle Ursache festzustellen und einen entsprechenden Trainingsweg festzulegen. Oft kann schon die Klärung der sozialen Struktur im Mensch-Hund-Rudel und das Einhalten gewisser Regeln dazu führen, dass der Hund die Völlerei sein lässt. Bieten Sie Ihrem Hund frühzeitig Alternativen zum unerwünschten Fressen an und geben Sie ihm die nötige Ruhe und Struktur in ihrem Zusammenleben. Vergessen Sie aber am Ende nie: Fressen zu suchen und zu erjagen ist für unsere Hunde das Natürlichste der Welt und macht obendrein noch Spaß. Planen Sie doch beim nächsten Spaziergang mit Ihrem Hund eine spannende Futtersuche ein. Er wird schnell Freude daran entwickeln, gemeinsam mit Ihnen auf Jagd zu gehen, und die selbstständige Suche nach Fressbarem vielleicht schon nur deshalb sein lassen!