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DER HERBST DES LEBENS

Wenn unsere Hunde altern . . .

DER HERBST DES LEBENS
Wenn unsere Hunde altern

Alte bzw. alternde Hunde können einen ganz besonderen Charme entwickeln, indem sie eine ganz besondere Würde, Ruhe und Abgeklärtheit ausstrahlen. Bedauernswerterweise kann sich jedoch hinter dieser Fassade auch Leid verbergen. Ein Leid allerdings, dem man vorbeugen bzw. das man lindern kann, wenn man aufmerksam ist und genau weiß, worauf bei einem alternden Hund zu achten ist.

Zunächst ist erst einmal die Frage zu klären, was unter dem Begriff „altern“ zu verstehen ist, und ab wann dieser Prozess bei unseren Hunden einsetzt.

Auf den Punkt gebracht, kann man sagen : Altern ist Funktionsverlust von Körperzellen

Viele dieser Zellen werden ab einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Teilung behindert, bis diese schließlich ganz ausbleibt. Andere verändern ihre Struktur, werden brüchig und sterben z. T. ganz ab.

Da alle Körperzellen im Verbund und aufgrund ihrer Spezialisierung Binde – und Stützgewebe sowie Organsysteme bilden, machen diese Vorgänge sich äußerlich bemerkbar in Funktionsverlust dieser Gewebe und Systeme. Betroffen sind i. d. R. das Muskel – und Skelettsystem, Herz und Kreislauf, die Atmungsorgane, der Magen – Darm – Trakt, die Niere sowie die ableitenden Harnwege, das hormonelle System, die Immunabwehr und das zentrale Nervensystem.

Man sollte allerdings nicht warten bis Krankheitssymptome auftreten, denn dann ist es meistens schon zu spät. Es macht daher Sinn, seinen Hund ab einem gewissen Alter – insbesondere wenn Vorschädigungen bekannt sind - genau zu beobachten und auf kleinste Veränderungen sofort zu reagieren. Nur dann ist es möglich rechtzeitig zu reagieren und somit eine rasante Beschleunigung des Alterungsprozesses zu verhindern. Ein alter(nder) Hund bedeutet somit für den Menschen eine ganz besondere Verpflichtung.

Während die Jugendzeit eines Hundes sich auf 12 – 18 Monate eingrenzen lässt, umfasst das Alter eine viel größere Zeitspanne von 2 – 5 Jahren. In Anhängigkeit von der Größe und somit der Gesamtbelastung des Organismusses gilt ein extrem großer Hund ( z. B. eine Dogge ) ab einem Lebensalter von 5 Jahren bereits als alt. Ein „normal“ großer Hund ( z. B. ein Labrador ) ist ab einem Alter von 7 Jahren als alt zu bezeichnen, während dies bei kleinwüchsigen Rassen ( z. B. einem Jack Russel Terrier ) erst ab 11 Jahren der Fall ist.

Ab diesen Zeitpunkten benötigen die entsprechenden Hunde  neben der normalen täglichen Pflege und Gesundheitsfürsorge besondere Aufmerksamkeit bezüglich folgender Symptome :

Übermäßiger Durst als Indiz für :

-          Nierenfunktionsstörungen

-          Leberversagen

-          Diabetes ( Zuckerkrankheit )

-          Tumorgeschehen

-          Entzündung der Gebärmutter

Häufig trinken Hunde mehr als normal, wenn es bei Organfunktionsstörungen notwendig ist, Giftstoffe zu verdünnen und aus dem Körper zu eliminieren. In der Regel geht überhöhter Durst mit der Ausscheidung großer Urinmengen und eventueller Harninkontinenz einher. Dazu kommt es, wenn die für die Entgiftung zuständigen Körperorgane in ihrer Funktion beeinträchtig sind.  Zusätzlich sollte man aufmerksam werden, wenn zusätzlich zu diesen Geschehen tägliches bzw. mehrfach tägliches Erbrechen auftritt, da dies ernste Anzeichen von Organversagen von Niere und/oder Leber sein können.   

Gesteigerter Appetit tritt auf bei :

-          Diabetes

-          Funktionsstörungen im Darmbereich

Appetitverlust deutet auf vieles hin, meist aber auf :

-          Schmerzgeschehen ( Tumore, Gelenke, Muskeln, Zähne u. a. )

-          Nieren – oder Leberfunktionsstörungen

Appetit auf ungewöhnliche Dinge zeigt sich bei :

-          Leberfunktionsstörungen

-          Ernährungsstörungen

Gewichtszunahme ist neben Überfütterung zu erwarten bei :

-          Schilddrüsenfunktionsstörungen

-          Störungen der Nierenfunktion ( Cushing Syndrom )

-          Wasseransammlung im Bauchbereich aufgrund von Herz – und Leberfunktionsstörungen. Kann das Herz seine Pumpleistung nicht mehr voll erbringen, staut sich auch Wasser in der Lunge und Symptome wie Husten in Verbindung mit schneller mühseliger Atmung treten auf

-          Bauchtumoren

Gewichtsabnahme geht in der Regel mit  Appetitverlust einher, dem auf jeden Fall auf den Grund gegangen werden muss

Mundgeruch hat seinen Ursprung in :

-          Zahnerkrankungen

-          Nierenfunktionsstörungen ( Atem riecht nach Urin )

-          Diabetes  ( Atem riecht nach Aceton )

Steifheit/Lahmheit in Gliedern und Gelenken sind ein wichtiger Indikator für :

-          Schmerzgeschehen aufgrund von entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie der Wirbelsäule

-          Herz – und Lungenerkrankungen können vorliegen, wenn die obengenannten Symptome mit einer deutlichen Verminderung der Ausdauer einhergehen

Nachlassen des Hörvermögens zeigt sich neben fehlenden Reaktionen auf Zuruf z. B. in Form von

-          Ungewöhnlich tiefem Schlaf

-          Starkem Erschrecken ( ev. in Kombination mit Abschnappen ) bei abruptem Aufwecken durch den Menschen

Mühe beim Wasserlassen/Urinverhalten können Hinweise sein auf :

-          Erkrankungen der ableitenden Harnwege in Form von ENTZÜNDUNGEN, HARNSTEINBILDUNG, TUMORGESCHEHEN. Häufig tritt als Begleiterscheinung auch im Wechsel starker Harndrang mit häufigem Urinieren ( bis hin zu Harninkontinenz ) auf und es findet sich auch Blut im Urin 

Blut im Stuhl findet man bei :

-          Entzündlichen Darmerkrankungen häufig in Kombination mit Beimengungen von Schleim bis hin zur Stuhlinkontinenz 

Voluminöser blasser Stuhl ist ein Hinweis auf :

-          Leberfunktionsstörungen, die gleichzeitig auch Schwierigkeiten beim Koten/Verstopfung auslösen können

Veränderungen des Geisteszustandes hat viele Gesichter wie :

-          Lethargie mit sozialem Rückzug

-          Aggressives Verhalten bei Störungen

-          Unruhe ( ständiges Umherwandern )

-          Inkontinenz

-          Gestörte Wahrnehmung des Umfeldes

Alle oben aufgeführten Symptomenkomplexe bedürfen der Behandlung durch einen Tierarzt. Allerdings kann und sollte man vorbeugend auch eine regelmäßige Kontrolle durchführen lassen, indem man ab einem gewissen Alter seines Hundes ( s. o. ) halb – oder ganzjährig  nach einer Blutabnahme ein sogenanntes Geriatrisches Profil erstellen lässt.  Tierarztpraxen bieten diese Blutuntersuchung an, damit anhand bestimmter Parameter im Blut ( z. B. Bestimmung aller Nieren-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Blutfett- und Schilddrüsenwerten sowie ein großes Blutbild ) Organfunktionsstörungen rechtzeitig erkannt, behandelt und das Risiko eines akuten Organversagens vorgebeugt werden kann. Einem alten Hund bleiben auf diese Weise viele unnötige Qualen erspart.

Ein alter Hund erfordert neben guter Beobachtung aufgrund des schwächer werdenden Immunsystems auch regelmäßige körperlichen Kontrollen und insbesondere eine gute Körperpflege durch seinen Menschen. Das Erstellen von Checklisten kann dabei sehr hilfreich sein :

CHECKLISTE KÖRPERKONTROLLE UND –PFLEGE

Augen:

Achten Sie auf etwaige Linsen – und/oder Hornhautrübungen; Wucherungen; Warzenbildung an den Lidern; Ausfluss; Bindehautentzündungen und Unterschiede in der Größe beider Pupillen und handeln Sie in diesen Fällen.

ZUR PFLEGE reinigen Sie die Augen von Ausfluss oder Verkrustungen mit einem in steriler Flüssigkeit getränktem Wattebausch und benutzen Sie ggf. entzündungshemmende Augentropfen oder künstliche Tränenflüssigkeit bei trockenen Augen. Haare um das Auge herum, die die Hornhaut reizen sind regelmäßig zu entfernen.

Ohren:                                                                                                                                                                           Rötungen; Schwellungen; Ausfluss; schlechter Geruch; zu viel Ohrschmalz sowie angeschwollene Ohrlappen bedürfen einer Behandlung.

ZUR PFLEGE sind Ausfluss sowie übermäßiger Ohrschmalz nach Gabe eines Ohrreinigers mit einem Wattebausch zu entfernen. Bitte keine Q-Tipps benutzen, da diese den Gehörgang reizen und somit dafür sorgen, dass sich zusätzlich noch mehr Ohrschmalz bildet. Der Ohrreiniger sollte keinen Alkohol enthalten sondern aus einer Enzymlösung bestehen, die den pH innerhalb des Gehörganges konstant auf einem Wert von 5,5 hält. In einem leicht sauren Millieu haben Pilze, Viren und Bakterien nur eine sehr begrenzte Überlebenschance. 

Fang

Auf Zahnbelag;  gerötetes Zahnfleisch mit Blutungen oder Wucherungen;  schlechten Geruch, verfärbte, lockere, abgebrochene, Zähne; Ausfluss und Entzündungen sollte reagiert werden

ZUR PFLEGE betreiben Sie zur Vorbeugung täglich Zahnpflege bei Ihrem Hund und säubern sie Falten der Lefzen mit z. B. Kochsalzlösung.

Fell

Bei dünner werdendem, schlecht riechendem und/oder fettigem Fell; trockenen kahlen Stellen und Parasitenbefall betreiben Sie Ursachenforschung.

ZUR PFLEGE kämmen und bürsten Sie Ihren Hund regelmäßig und entfernen sie eventuelle Verfilzungen des Fells mit einer Schere.

Haut

Reagieren Sie auf dunkle rote Stellen; Wucherungen; Knotenbildung; Verschorfungen; Schwielenbildung und/oder Warzen.

ZUR PFLEGE sind an belasteten dünnhäutigen Stellen entstandene Schwielen regelmäßig mit speziellen Salben einzureiben.

Pfoten

Achten Sie auf die Länge der Krallen; einseitige Abnutzungen der Krallen an der Oberfläche; Risse oder Splitter in den Krallen; Entzündungen der Ballen und/oder Zysten zwischen den Zehengliedern

ZUR PFLEGE ist das Fell zwischen den Ballen der Vorder - und Hinterläufe stets kurz zu halten und von Verschmutzungen zu reinigen. Die Krallen sind häufiger zu kürzen, da ein alter Hund sich seltener auf hartem Unterboden bewegt.  

Genitalien

Bei Ausfluss aus Scheide, Penis oder Vorhaut; unterschiedlich großen Hoden; Milchleistentumoren und/oder Leistenbrüchen ist zu reagieren

ZUR PFLEGE sind Urinverschmutzungen durch Entfernung von Haaren im Genitalbereich zu beseitigen. Bei Hündinnen kann man Urinverbrennungen durch Einreiben der Schenkelinnenseiten mit Vaseline vorbeugen. Bei Auftreten von Ausfluss aus Vulva oder Vorhaut neben der Reinigung des betroffenen Bereiches ist immer ein Tierarzt zu Rate zu ziehen 

Analbereich

Ausfluss aus den Analdrüsen; Blutungen aus dem After; Tumore und Weichteilvorfälle müssen sofort näher untersucht werden

ZUR PFLEGE sind Haare rund um den After regelmäßig zu entfernen. Auch die Analdrüsen sollten in kurzen Abständen immer wieder einmal ausgedrückt werden. Lassen Sie sich die Technik von Ihrem Tierarzt zeigen.

Auch im häusliche Umfeld sowie im Umgang mit einem alten Hund sind einige wichtige Punkte zu beachten bezüglich

Risikominderung :
Glatte Böden sowie steile Treppen sind im Aufenthaltsbereich des Hundes zu vermeiden, weil die Sturzgefahr aufgrund von Schmerzgeschehen und Schwund von Muskelmasse extrem hoch ist. Auf ein Umstellen der Möbel im Haus sollte verzichtet werden, da das Sehvermögen des Hundes im Alter in der Regel nachlässt und der Hund durch Verletzungen an Möbelstücken, die nicht an ihrem gewohnten Platz stehen stark verunsichert wird.

Stressvermeidung :
Ersparen Sie ihrem alten Hund alles, was für ihn Unruhe bedeutet ( z. B. laute große Besuchermassen, spielende Kinder, die den Hund dauernd anfassen wollen und aus dem Schlaf reißen, junge Hunde, die dauernd spielen wollen ). Bieten Sie ihm in solchen Fällen einen sicheren Rückzugsort ( z. B. in einem Kennel außerhalb des Geschehens ).

Schließen Sie ihn jedoch nicht komplett aus. Er sollte z. B. nicht jedes Mal allein zu Hause bleiben, wenn Sie etwas unternehmen. Wenn möglich nehmen Sie ihn mit und lassen Sie ihn am Rande des Geschehens an allen Aktionen, die ihn nicht überfordern, teilhaben. So kann ihr Hund in Ruhe weiterhin Außeneindrücke verarbeiten, was ihn geistig fit hält.

Fütterung :
Stellen Sie Ihrem Hund leicht verdauliches Futter mit Ballaststoffen verteilt auf mehrere kleine Malzeiten über den Tag zur Verfügung, wodurch Magen-Darm-Trakt und Bauchspeicheldrüse geschont werden.

Zusätzlich sollte das Futter über einen hohen Energiegehalt bei gleichzeitig niedrigen Proteinwerten verfügen und eine Konsistenz besitzen, die den Hund zum Kauen anregen. Ein geringer Proteingehalt entlastet die Nieren, während ein Futter, das gekaut werden muss für  Speichelproduktion und Aktivierung der Verdauungssäfte sorgt. Gleichzeitig erfährt der Hund durch die Kautätigkeit auch eine geistige Aktivierung, die Langeweile vorbeugt und dementielle Prozesse verlangsamt. In der Regel ist dies nur über die Verabreichung eines speziellen Trockenfutters möglich. Lassen Sie sich diesbezüglich von einem Fachmann beraten. 

Bewegung :
Unternehmen Sie mit Ihrem Hund pro Tag mehrere weniger weite und zeitlich begrenzte Spaziergänge auf bekanntem Terrain. Dies beugt dem Aufkommen von Langeweile vor und stimuliert immer wieder seine Sinne.

Ort und Ausstattung des Schlafplatzes : Der Schlafplatz Ihres Hunden sollte weich gepolstert und an den Rändern deutlich begrenzt sein. Ein gut und häufig waschbares Material ist für den Fall einer Inkontinenzentwicklung sowie Geruchsentwicklung durch stark talgabsondernde Haut wünschenswert. Ein Körbchen sollte aus Hartplastik bestehen, damit es jederzeit gut zu reinigen ist. Der Schlafplatz eines alten Hundes sollte sich an einem warmen Ort befinden, da dessen Wärmeregulation nicht mehr so gut funktioniert wie in jungen Jahren.  

Toilettengewohnheiten :
Entwickelt ein alter Hund eine Inkontinenz, ist der Schlafplatz zusätzlich so zu wählen, dass dieser immer schnell nach draußen verbracht werden kann.  

Toleranz gegenüber dem Alter :
Es ist sinnvoll, einem alten Hund bei „kleinen Missgeschicken“ in Sachen Stubenreinheit sowie bei Verhaltensänderungen mit Verständnis zu begegnen. Lautes Schimpfen oder gar Abstrafen des Hundes verunsichert diesen extrem und erzeugt einen hohen Leidensdruck, da ein alter Hund allein schon durch seine Situation ( Nachlassen der Sinne, Harn – und Stuhlinkontinenz usw. ) stark belastet ist. Nehmen Sie es ihm deshalb nicht übel, wenn er einmal „grantelt“ bzw. schlecht gelaunt ist.

Schlucken Sie lieber im Falle eines Falles Ihren Ärger hinunter und reduzieren Sie die Stressbelastung Ihres Seniors durch ausgiebige Streicheleinheiten und Liebkosungen in ruhiger Atmosphäre.  

Auch wenn unsere Hunde im Alter ab und zu hohe  Anforderungen an uns Menschen stellen, sollten wir es als Selbstverständlichkeit ansehen, ihnen in der Zeit des Alterns besondere Aufmerksamkeit, Pflege und Schutz zu garantieren. In der Welpenzeit unserer Vierbeiner haben wir dies schließlich auch getan, und sie haben es uns in ihren besten Jahren durch ihre bedingungslose Zuneigung gedankt und unser Leben bereichert.      

Dr. Sigrid Göbel                                                                                                                             Handewitt den 16. 07. 2013