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HILFE MEIN HUND JAGT

Wenn Ihr Vierbeiner "nur das Eine" im Kopf bzw. in der Nase hat . . .

 

Hilfe, mein Hund jagt !!!                                                                                

Wenn Ihr Vierbeiner "nur das eine" im Kopf, bzw. in der Nase hat . . .

Sie können mit Ihrem Hund keinen entspannten Spaziergang absolvieren, weil dieser Sie an der Leine einfach nur durch die Gegend zieht und dabei links und rechts Ihren Weg kreuzt während er sich mit seiner Nase am Boden festgesaugt zu haben scheint?
Ein Freilauf ist schon gar nicht im Bereich des Möglichen, weil Sie nach dem Abnehmen der Leine sicher sein können, dass Autos, Fahrradfahrer oder Jogger gehetzt werden und/oder Ihr Vierbeiner sich aus dem Staub macht, sobald er eine Fährte aufgenommen hat, und Sie dann stundenlang am Auto auf seine Rückkehr warten können? So langsam beschleicht Sie das Gefühl, dass Sie Ihrem Hund – zumindest draußen – komplett gleichgültig sind?

Zu Hause angekommen werden dann große tiefe Löcher im eigenen Garten gegraben, an denen Ihr Hund dann steht und diese – manchmal sogar mit angehobener Vorderpfote – hypnotisiert, um dann mit einem großen Satz am Rand der Krater entlang zu springen.
Sollte die Nachbarskatze in Sicht kommen, wird diese sofort auf´s Korn genommen, und ab geht die wilde Hatz, während seltsamerweise die eigene Katze in Rue gelassen wird. Dafür werden aber die eigenen Kinder schon mal in die Fersen gezwickt, wenn sie zu laut und zu schnell toben.

In der Tat, IHR HUND JAGT!

Die schlechte Nachricht ist, dass diese Verhaltensweisen fest im Erbgut Ihres Hundes verankert bzw. genetisch programmiert sind, sodass dieser jede der oben beschriebenen Handlungen in sich schon als Belohnung empfindet und immer wieder daraus auf sein wird, diese wieder ausführen zu können.

Im Gegensatz dazu lautet die gute Nachricht, dass man auch mit jagenden Hunden entspannt leben kann, wenn man im Umgang mit ihnen auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nimmt und mit ihnen ein beziehungsförderndes Training absolviert, das beiden Seiten viel Spaß machen kann.

Mit dem Wolf als Urahn ist in ALLEN Hunden eine Verhaltenskette genetisch festgelegt mit den Elementen Orten >>> Fixieren >>> Anpirschen >>> Vorpreschen >>> Hetzen >>> Packen >>> Töten >>> Reißen >>> Fressen (Coppinger 2005).
Innerhalb dieser Kette liegen auch bei allen Jagdhunderassen wie z. B. dem Deutsch Kurzhaar, dem Jagdterrier, den Bracken usw. alle Verhaltenselemente  immer noch in gleich starker Ausprägung vor, weshalb verantwortungsvolle Züchter Hunde dieser Rassen nur in die Hände von Jägern abgeben.

Bei unseren Haushunden, die nicht mehr selbst für Ihren Nahrungserwerb sorgen müssen, sind – mit Ausnahme der recht ursprünglichen nordischen Hunde wie z. B. Alaskan Malamute und Husky - in der Regel die Elemente Reißen und Fressen kaum noch vorhanden. Andere Elemente hingegen sind je nach Rasse und somit aufgrund von züchterischer Selektion im Einzelnen besonders stark ausgeprägt vorhanden.

Bei Hütehunden wie z.B. dem Border Collie, Treibhunden wie z. B. dem Bouvier sowie den Sichthetzern wie z. B. den Windhunden werden Sie folgende Verhaltenskette vorfinden (die stark ausgeprägten Elemente sind fett gedruckt):

Orten >>> Fixieren >>> Anpirschen >>> Hetzen >>> . . . . . .

während im Vergleich dazu bei einem Vorstehhund wie z. B. einem Pointer oder Setter die Verhaltenskette aus

Orten >>> Fixieren >>> Anpirschen >>> . . . . besteht.

Bei einem Apportierhund wie z. B. einem Retriever findet man die Verhaltenskette

Orten >>> Fixieren >>> Anpirschen >>> Hetzen >>> Packen >>> . . .

während sich bei einem Herdenschutzhund wie z. B. dem Kangal  die Spezialisierung auf das letzte Glied der Verhaltenskette beschränkt . . . . . hetzen >>> Packen >>> Töten >>> Reißen >>> Fressen.

Unterteilen kann man Jagdhunderassen grob in

Solitärjäger wie z. B. den Erdhunden Jack Russel Terrier und Teckel. Diese Hunde jagen selbständig und sind bei ihrer Arbeit eher nicht auf die Hilfe des Menschen angewiesen.

Gemeinschaftsjäger wie z. B  Vorstehhunden wie u. a. Pointer, Setter und den Apportierhunden wie den Retrievern sowie den Stöberhunden wie z. B. dem Cocker Spaniel. Diese Hunde arbeiten mit dem Menschen zusammen, indem sie diesem Wild anzeigen, nach dem Schuss die Beute apportieren oder Wild nach dem  Aufstöbern dem Menschen vor die Flinte scheuchen.

Meutehunde wie z. B. dem Beagle. Diese Hunde jagen innerhalb einer Hundemeute eng an eng und sind dabei eher wenig an Sozialkontakten interessiert.

Dieses Wissen ist notwendig, wenn man seinem "Jagdhund" das richtige Training zukommen lassen will.

Zusätzlich ist es wichtig zu wissen, wann sich in der Entwicklung der einzelnen Hunderassen das Jagdverhalten entwickelt.
Bei den meisten Hunden liegt der Zeitpunkt in der Sozialisationsphase (8. – 16. Woche) oder in Abhängigkeit von der Größe und Wehrhaftigkeit der bevorzugten Beute in der Zeit des Heranwachsens (ca. 5 – 10 Monate).
Zusätzlich muss der junge Hund jetzt noch auf die für ihn rassetypische Beute geprägt werden, was in einem Hunderudel bei gemeinsamen Jagdausflügen mit älteren Rudelangehörigen geschieht.

Bei den meisten Hunden ist es sinnvoll, bereits im Welpenalter z. B. mit dem Apportieren von Gegenständen oder Futtersuchspielen zu beginnen, damit das Jagdverhalten des eigenen Hundes Teil seines Sozialverhaltens wird.
D. h. das Jagdverhalten wird später nur im Beisein des Menschen ausgeübt und steht im Bezug zu diesem, weil der Hund gelernt hat, dass eine GEMEINSAME Jagd grundsätzlich vom Menschen initiiert wird, und man auch nur zum Erfolg kommt, wenn der Mensch dabei ist.
Jagdverhalten hat zwar einen selbstbelohnenden Charakter, dient aber auch – und nicht nur unter Hunden – der Festigung von sozialen Beziehungen.
Eine Prägung auf die bevorzugte Beute der jeweiligen Rasse sollte tunlichst vermieden werden, weshalb man jungen Hunden in Gebieten, in denen sie auf diese Beute stoßen könnten – was ja schon im eigenen Garten passieren kann – solange keinen Freilauf gewähren sollte, bis sie in der Zusammenarbeit mit ihrem Menschen fest auf eine Ersatzbeute geprägt wurden.

Jedes Mal, wenn ein Hund ohne Zutun des Menschen Beute hetzt oder sogar erlegt, wird dieser aufgrund der selbstbelohnenden Komponente dieses Verhaltens davon überzeugt sein, dass sein Mensch in seinem Leben eher eine untergeordnete Rolle spielt. Solche Hunde werden schnell zu selbständigen Routiniers, und deren Sozialpartner Mensch wird bald keinen Einfluss mehr auf das Jagdverhalten ausüben können.

Hier nun eine kleine Zusammenfassung und ein Überblick darüber, was man tun sollte, wenn man sich einen Hund mit jagdlichen Ambitionen anschafft bzw. schon angeschafft hat:

1 . Einem Welpen nicht zu früh auf Spaziergängen Freilauf gewähren, damit sich in der
     Sozialisationsphase kein eigenständiges Jagdverhalten mit Prägung auf die bevorzugten Beutetiere
     entwickeln kann.

2 . Schleppleinentraining aus dem eben genannten Grund.

3 . Training eines zuverlässigen Rückrufs nebst Leinenführigkeit.

4 . Spaziergänge spannend gestalten durch z. B. gemeinsame Futtersuche.

5 . Prägung auf eine für den Hund sinnvolle „Ersatzbeute“ wie z. B. einen Futterbeutel und Aufbau
     einer den Anlagen des Hundes entsprechenden Apportierarbeit.     

     Bei Solitärjägern beispielsweise sollte diese Arbeit existentiellen Charakter haben.
     D. h. ein solcher Hund sollte grundsätzlich für seinen Nahrungserwerb mit dem Menschen zusammen
     arbeiten.
     Nordische -und somit sehr erwachsen denkende- Hunde sollten dies ebenfalls tun und dabei
     zusätzlich schnell vor schwere Aufgaben gestellt werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass
     diese Hunde sich langweilen und die Zusammenarbeit verweigern. 

6 . Fährtenarbeit z. B. für Hunde, die für ihr Leben gerne stöbern wie z. B. den Cocker Spaniel.

7 . Reizangeltraining für alle Hunde, die auf Sicht hetzen wie z. B. alle Windhundarten.

Was man absolut vermeiden sollte ist eine sinnlose Hatz auf leblose Beuteobjekte meist initiiert durch ständiges Herausschleudern von Bällchen aller Art.
Dabei wird der Blick eines Hundes ausschließlich auf diese Objekte gerichtet anstatt auf den Sozialpartner Mensch.
Schnell wird ein Ball zur Droge des Hundes, bei deren Anblick dieser sofort für seinen Menschen nicht mehr ansprechbar sein wird. Oberste Priorität beim Jagdhundetraining hat jedoch die Ansprechbarkeit des Hundes.   

Auch führt die Tatsache, einem jagdlich ambitionierten Hund gar keine Möglichkeit zu geben, seinen Jagdtrieb auszuleben, zu einer nicht artgerechten Haltung. Jagen ist in dessen genetischem Code fest programmiert, und im Spiel mit anderen Hunden hat Ihr Hund dieses Verhalten schon längst erlernt, da das Jagdspiel die bevorzugteste Spielform unter Hunden darstellt.

Hindern wir Jagdhunde daran, ihren Jagdinstinkt auszuleben, werden sie dies auf unerfreuliche Weise kompensieren und

-          Fahrräder, Motorräder, Autos und/oder Jogger hetzen

-          wildern, sobald sie eine Möglichkeit wittern

-          immer wieder den eigenen Garten umgraben

-          Psychische Störungen entwickeln in Form von Jagd auf Schatten und Lichtreflexen bis hin zu
           stereotypem Verhalten oder auch sogar autoaggressiv reagieren, indem sie sich selbst
           wundlecken, ihre Extremitäten annagen u. a. Dinge mehr

Ich denke kein Liebhaber von Jagdhunderassen wird dies tatsächlich wollen. Deshalb fördern Sie – sofern sie einen jagdpassionierten Hund besitzen - bitte ganz bewusst dessen Jagdverhalten je nach Veranlagung Ihres Hundes.

Sie werden sehen, ein derartiges Training macht viel Spaß, beide Seiten profitieren davon und eine wunderbare Mensch-Hund-Beziehung ist das Resultat. 

Dr. Sigrid Göbel                                                                                                                         
Handewitt den 06. 05. 2014 

D.O.G.S. - Zentrum für Menschen mit Hund
Flensburg - Handewitt