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HUNDE MIT ZWEI GESICHTERN

Aggressionsverhalten an der Leine und seine Ursachen . . .

Hunde mit zwei Gesichtern                                                                                

Aggressionsverhalten an der Leine und seine Ursachen

Gibt es für Sie Momente, in denen das Zusammenleben mit Ihrem Hund keinen Spaß macht? Nämlich genau dann, wenn Ihr Vierbeiner auf den täglichen Spaziergängen an der Leine auf Artgenossen trifft und zur Bestie mutiert?

Er wirft sich mit seinem gesamten Gewicht in die Leine, steht dann laut und bedrohlich bellend auf den Hinterläufen, und in Ihnen keimt der Verdacht, Besitzer von zwei Hunden zu sein, die Dr. Jekyll und Mr. Hyde heißen.  Dr. Jekyll ist ohne Leine freundlich und aufgeschlossen anderen Menschen und Hunden gegenüber und liebt es, mit Artgenossen zu spielen, während Mr. Hyde an der Leine anderen Vierbeinern und deren Menschen das Fürchten lehrt. 

Man versteht die Welt nicht mehr. Und die Behauptung von selbsternannten Hundeexperten, die in diesen Situationen – in der Regel ungefragt – zum besseren Verständnis mit den Worten „ Tss, Tss, immer wieder dasselbe, an der Leine fühlen der sich besonders stark, denn sein Mensch stärkt ihm ja den Rücken“ einen Beitrag liefern, hilft einem auch nicht wirklich weiter.  

Kein Wunder, dass diese Statements unbefriedigend wirken, denn sie sind schlichtweg falsch.

Es ist nämlich nicht (Über)Mut , der manche Hunde an der Leine derartig ausrasten lässt sondern eine starke Verunsicherung.

Wie sämtliche Formen von Aggression aus einer Angst heraus entstehen, ist dies auch hier der Fall.  Ihr Hund hat entweder Angst VOR etwas oder Angst UM etwas. Angst VOR einem Machtverlust im eigenen Territorium oder Angst UM Ressourcen, die er zu verteidigen hat,  wie z. B. den Menschen, der sich am anderen Ende der Leine befindet. Im angeleinten Zustand ist ein Hund nur eingeschränkt kommunikations – und handlungsfähig, was allen Hunden auch bewusst ist.  Jeder Hund weiß, dass das Aussenden von Beschwichtigungs – oder Unterwerfungssignalen sowie eine Flucht oder die eigene Verteidigung  im Falle einer Attacke des Gegenübers nicht möglich ist. Aus diesem Grund zeigt dieser, sobald sich eine Gefahr nähert eine sogenannte vorbeugende Aggression, damit der entgegenkommende Artgenosse sich gar nicht erst weiter nähert. Fühlt ein Hund sich dabei gleichzeitig auch noch für seinen Menschen verantwortlich, ist es kein Wunder , dass er in dieser Weise reagiert.  Er fürchtet also UM sein eigenes Wohlergehen und UM das seines Menschens.

Hunde, die es als ihre Aufgabe ansehen, Territorien zu bewachen und ggf. auch zu verteidigen, können an der Leine nicht frei agieren und Drohgesten werden ins Leere laufen.  Das Gegenüber wird als Eindringling  in das eigene – in der Regel schon mobile – Territorium wahrgenommen, und handelt es sich in diesem Falle auf beiden Seiten auch noch um zwei nicht kastrierte Rüden, wird das Aggressionsverhalten an der Leine besonders heftig ausfallen. Der sich nähernde Hund ist in den Augen des angeleinten Hundes ein ernstzunehmender Konkurrent, der unbedingt kontrolliert, korrigiert oder auch vertrieben werden muss, was aber an der Leine nicht möglich ist. Man fürchtet sich also VOR der Schmälerung der eigenen Macht, kann nicht handeln und ist dabei natürlich dementsprechend frustriert.

Natürlich kann ein Hund sich auch selbst bedroht fühlen, wenn er bereits eine oder mehrere (Beiß)Attacke(n) im angeleinten Zustand erleben musste oder in Welpen  - bzw. Hundegruppen ein beliebtes Mobbingopfer gewesen ist und sich nur mit Hilfe von aggressivem Verhalten aus der einen oder anderen - von seinem Menschen nicht bemerkten - misslichen Lage befreien konnte. In diesen Fällen fürchtet der Hund sich VOR Artgenossen, hat aber gelernt, dass Aggression ein probates Mittel ist, unliebsame Artgenossen wieder los zu werden.   

Welcher dieser Gründe nun auch immer vorliegt, ein Hund, der sich an der Leine aggressiv verhält, ist extrem verunsichert und in der Regel in sich schon ein äußerst sensibler und unsicherer Vertreter seiner Art. Was ihm hauptsächlich fehlt, ist Vertrauen in seinen Menschen. Ein solcher Hund traut seinem Menschen nicht zu, für sich selbst sorgen zu können, Territorien sowie Ressourcen gegenüber Eindringlingen zu verteidigen und/oder ihn selbst vor Übergriffen von Artgenossen zu schützen.

Wie er darauf kommt? Sein Mensch hat es ihm im täglichen Zusammenleben bewiesen, indem er seinen Vierbeiner

-   in Haus und Garten sowie auf dem Spaziergang frei schalten und walten sowie ihn unbewusst
    überall privilegierte Plätze  einnehmen lässt, weil man ihm seine Freiheit gönnen möchte, ohne zu
    berücksichtigen, dass Freiheit und Privilegien für einen Hund mit der Übertragung von Verantwortung
    verbunden sind

-   zum agierenden Part in der Beziehung hat werden lassen, selbst aber keinerlei Entscheidungen für
    seinen Hund trifft und dessen Manipulationsversuchen stets Folge leistet, weil man ihm gern
    Zuneigung schenkt

-   erlaubt, ihm daheim auf Schritt und Tritt zu folgen, weil man dieses Kontrollverhalten für echte
    Zuneigung hält        

-   häufig in ein Spiel mit Artgenossen entlässt, das kein Spiel ist ( z. B. Mobbing oder schlichtweg
    Prügeleien ) und dadurch seinen Hund im wider besseren Wissens im Stich lässt

-   Konflikte mit Artgenossen immer allein austragen lässt und dadurch versäumt, seinen Hund
    rechtzeitig zu schützen

Einem solchen Menschen kann ein Hund kein Vertrauen schenken. Im Gegenteil, er wird diesem – insbesondere in beengten Situationen an der Leine -  jegliche Führungsqualitäten absprechen. Führen und Folgen ist nämlich eine Sache von Verantwortung und Vertrauen. Der Führende – d. h.  der Mensch – hat sämtliche Verantwortung zu tragen, während derjenige der folgt – in diesem Falle der angeleinte Hund  – demjenigen der führt auf ganzer Linie vertrauen können muss.  Leider fehlt Hunden oft dieses Vertrauen in ihre Menschen, weshalb Hunde, die sich an der Leine (angst)aggressiv verhalten im Großen und Ganzen auch nicht leinenführig sind und stattdessen ihre Menschen an der Leine durch die Gegend ziehen.  

Beim Lesen der vorangegangenen Zeilen wird sicherlich in einigen von Ihnen ein unangenehmes Gefühl aufgekommen sein. Sie möchten doch einfach nur, dass es Ihrem Vierbeiner bei Ihnen gut geht und er sich wohl fühlt. Kein Problem ! Man kann die Uhr im Zusammenleben mit seinem Hund jederzeit zurückdrehen und miteinander von vorne beginnen. Hunde sind nicht nachtragend, wenn Ihnen im Umgang mit ihnen ein paar Fehler unterlaufen sind. Sobald Sie einige Dinge im täglichen Tag mit Ihrem Hund ändern, wird auch Ihr Hund sein Verhalten ändern. Mit Hilfe eines guten Hundetrainers ist alles möglich. Er oder sie wird Ihnen helfen, die Probleme bei Hundebegegnungen an der Leine zu beseitigen. Also nicht verzagen sondern einen Neustart wagen. Ihr Hund wird es Ihnen danken, und Sie können gemeinsame Spaziergänge ebenfalls wieder genießen. Dies wünsche ich Ihnen beiden.

Dr. Sigrid Göbel                                                                                                                         
Handewitt den 15. 09. 2013

D.O.G.S. - Zentrum für Menschen mit Hund
Flensburg - Handewitt