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ZWEI WELTEN TEIL 2

Warum Mensch und Hund eigentlich gar nicht zueinander passen . . .

ZWEI WELTEN TEIL 2
Ein Dreiteiler darüber, warum Mensch und Hund eigentlich gar nicht zueinander passen . . .  
TEIL 2 DER HUND, SEIN DENKEN UND HANDELN  
Nicht nur im Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung  unterscheiden wir Menschen uns von unseren Hunden, die als eingefleischte, höchst soziale Rudeltiere eine andere Sicht auf ein gemeinsames Leben haben ( siehe Teil 1 dieser kleinen Serie ). Auch in den Denkstrukturen und Handlungsmotivationen finden sich gravierende Unterschiede zwischen Mensch und Hund, die schlichtweg auf entwicklungsbedingten Unterschieden in den Hirnstrukturen beruhen.
Der Mensch besitzt in seiner Hirnrinde Areale, die ihn dazu befähigen abstrakt zu denken. Er kann in seiner Vorstellung Handlungen weit im Voraus durchspielen und dann erst Entscheidungen treffen. Und genau dies tun wir Menschen auch. In unseren Köpfen läuft bei allem was wir sehen und erleben ständig ein Film ab, der uns allerdings auch leider häufig nicht die Realität erleben lässt.
Wir Menschen stellen uns immer wieder die Frage „was wäre wenn?“ und nehmen dadurch häufig in Gedanken Situationen voraus, die vielleicht niemals so eintreten werden. Wir leben nicht im „Hier und Jetzt“, haben verlernt auf unser „Bauchgefühl“ zu hören und bewerten stattdessen - automatisch und viel zu früh -  Situationen und andere Menschen.
Nehmen wir einfach einmal zwei Beispiele aus dem täglichen Leben: Ein Mensch wird uns namentlich vorgestellt, denn wir bis dato nicht kannten. Sofort verbinden wir mit dem Namen dessen äußere Erscheinung, die wir sofort werten. Entspricht die Erscheinung dieses uns völlig fremden Menschen nun irgendeinem Klischee, das wir ablehnen, werden wir in der Regel keinen weiteren Kontakt suchen. Der Film in unseren Köpfen hat also seine Wirkung getan.
Wie läuft nun so eine Begegnung aus Sicht unseres Hundes ab, wenn er genau derselben Person das erste Mal begegnet?  Der Name dieser Person wir unserem Vierbeiner mit Sicherheit genauso gleichgültig sein, wie dessen Erscheinungsbild. Ein Hund wird wahrnehmen, was wirklich ist, nämlich die objektive Realität. Er wird sich sagen: „Dies ist ein Mensch“ fertig und aus. Alles was danach abläuft sind Konditionierungen. So wird beispielsweise mein Hund als „verkorkster“ Hundeschulhund erst einmal seine Nase einsetzen, um zu eruieren, ab dieser Mensch vielleicht irgendwelche Leckerlies bei sich trägt. Es gilt nun einmal folgende Tatsache, weswegen wir Menschen ja unsere Hunde auch so schätzen und lieben:
EIN  HUND  WIRD  IMMER  VOLLKOMMEN  WERTFREI  EINE  ENGE BEZIEHUNG  ZU SEINEM  MENSCHEN EINGEHEN
Ein zweites Beispiel für die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Mensch und Hund  wäre die klassische Situation, in der ein Hund Leinenaggression zeigt. Ein Mensch geht mit seinem angeleinten Hund spazieren und ein fremder ebenfalls angeleinter Hund kommt mit seinem Menschen beiden entgegen. Im Kopf mindestens eines der beiden Menschen startet ein Film, in dem ein laut bellender, sich in die Leine werfender Hund gezeigt wird, der sich eventuell auch losreißen könnte. Das Gegenüber – ob nun menschlich oder ebenfalls Hund – pöbelt in der gleichen Weise. Die Gedanken rasen und gehen von  „was mache ich nur?“, “oh Gott nicht schon wieder!!!“, „was denkt jetzt gleich wohl der andere Hundebesitzer von mir?“ bis zu der Vorstellung eines Kriegsgeschehens, in dem Büschel von Fell umherfliegen, weil beide Hunde sich von der Leine losgerissen haben und aufeinander einprügeln. Herzschlag, Puls und Atmung erhöhen sich und Angstschweiß bricht aus . . . aber nur beim Menschen.
Sein Hund sieht die Situation viel nüchterner, weil er die Realität nicht verlassen kann und somit auch nicht wird.
Er sieht einen Artgenossen auf sich zukommen und registriert „ich bin angeleint und meinem Menschen geht es nicht gut“. „Ich drohe und imponiere meinem Gegenüber schon einmal vorsorglich, damit es nicht näherkommt“. „Sollte dieser Artgenosse sich dennoch weiter nähern, werde ich handeln und ab Distanz XY auslösen . . . außer man sagt mir – ENDLICH !!! – einmal etwas anderes“.
Es läuft alles also immer nach dem Motto:
DER MENSCH DENKT,  GOTT LENKT,  DER HUND HANDELT
Jetzt stellt sich natürlich de Frage, was denn genau nun das Verhalten eine Hundes leitet, wenn nicht sein Denken?
Ganz einfach: es sind - neben nicht zu unterschätzenden Stimmungsübertragungen - seine vier angeborenen Instinkte, die je nach Rasse unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Dazu zählen:
DER SOZIALE RUDELINSTINKT, der durchaus dafür sorgen kann, dass  Besuchern und Fremden ab und zu auch einmal nicht nett begegnet wird, weil unter natürlichen Umständen undenkbar ist, dass ein Hunderudel ein anderes „befreundetes“ Rudel zum Kaffeetrinken besucht.
DER TERRITORIALINSTINKT, der sich von  Markieren der eigenen vier Wände durch Urinieren oder Koten bis hin zu ernstem Verteidigungsverhalten des eigenen Heims gegenüber Fremden äußern kann.
DER JAGDINSTINKT, auf den  Ziehen an der Leine, Weglaufen bis hin zu Unerwünschtes Jagdverhalten, auch auf Ersatzbeute wie Jogger, Fahrräder, Autos etc. hindeuten kann.
DER SEXUALINSTINKT, der zwar natürlich ist, aber auch übermäßig werden kann, je nach erblicher Veranlagung, Erziehung und Auslastungsstand eines Hundes.
Wenn ein Hund seinen Instinkten folgt und diese auch frei ausleben darf, wird er schnell zu einem – zwar sozialen – Tier, das aber in keiner Weise gesellschaftsfähig ist und sich auch schnell in Gefahr begeben kann.
Unsere Hunde leben mit uns in einer für sie schon seit langer Zeit nicht mehr natürlichen Welt, und es ist die Pflicht von uns Menschen, unsere Hunde auf ein solches Leben vorzubereiten und es für sie so „natürlich“ wie möglich zu gestalten, sodass ihre Instinkte nicht für andere und sie selbst zu unangenehmen Folgen führen. Unsere Hunde wissen nicht von allein, dass sie mit uns in einer Welt leben , in denen das Jagen und Erlegen von Nachbars Kaninchen im Garten, das „Zwicken“ von Briefträgern und das Hüten von Kindern nicht erwünscht ist.
Auch ist ihnen gänzlich unbekannt, dass diese unsere Welt aus Autos, Wildhütern und leider auch aus Hundehassern und deren Giftködern besteht, die einem Hundeleben schnell ein Ende setzen können. Dies bedeutet für uns Menschen, dass wir Verantwortung zu tragen haben und unsere Hunde verstehen, sinnvoll auslasten und aus Gründen der Fairness klar führen sollten, um sie zu schützen.
Denn - ich sage es immer wieder -  wir Menschen können abstrakt denken. Unsere Hunde können es nicht und werden dazu auch nie in der Lage sein.  
Wir brauchen intakte Mensch-Hund-Beziehungen, die man nur etablieren kann, wenn man weiß, wie ein Hund Beziehungen wahrnimmt.
Dazu mehr in Teil 3 dieser Serie. Sie werden überrascht sein, wie leicht manche Dinge sich gestalten und dass abstraktes Denken auch Vorteile mit sich bringt.  

Ihre
Dr. Sigrid Göbel

Handewitt den 02. 01. 2014