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ZWEI WELTEN TEIL 3

Warum Mensch und Hund eigentlich gar nicht zueinander passen . . .

ZWEI WELTEN TREFFEN AUFEINANDER

Ein Dreiteiler darüber, warum Mensch und Hund eigentlich gar nicht zueinander passen . . .  

TEIL 3 WIE EIN HUND BEZIEHUNGEN WAHRNIMMT UND WAS DIES FÜR DEN MENSCHEN BEDEUTET  
In Teil 1 und 2 dieser kleinen Reihe haben wir jetzt schon so einiges erfahren, was uns die Frage, in welcher Weise ein Hund die Beziehung zu seinem Menschen beurteilt, leichter beantworten lässt. Da wir ja schon wissen, dass ein Wertesystem für ihn nicht existent ist,  wird ein Hund diese nie als gut oder schlecht beurteilen sondern lediglich in einer bestimmten Art reagieren bzw. gegenüber seinem Menschen agieren.
Demnach dürfte also folgendes gelten: 

ENTWEDER  DER  MENSCH  FÜHRT
ODER
DER  HUND  FÜHRT


FÜHREN, dieses Wort ist für den freiheitsliebenden, stets demokratisch denkenden Menschen extrem negativ belegt. Der Mensch fordert in de Regel gleiches Recht für alle, und Entscheidungen, die eine Gemeinschaft betreffen, werden demnach vorher auch gemeinsam ausdiskutiert. 
Nicht so der Hund! Das Leben in einer demokratisch „geführten“ Gemeinschaft fühlt sich für ihn an wie ein Leben in der Anarchie, einhergehend mit starker Verunsicherung und dem Gefühl, Verantwortung für dieses seiner Ansicht nach orientierungslose Rudel übernehmen zu müssen.
In einem Rudel genießen nur die Ranghöchsten Privilegien, während unter den rangniederen Tieren eine Arbeitsteilung herrscht, und diese im Gegenzug den Schutz des von den ranghohen Tieren souverän geführten Rudels genießen dürfen.
Diskutiert wird in einem Rudel grundsätzlich nicht.  Diskussionsversuche unter rangniederen Tieren – den sogenannten „Schnöseln“ im Rudel – werden von ranghohen Tieren punktgenau, entschlossen und sofort - allerdings ohne Verletzungsabsicht -unterbunden, da sie Unruhe bedeuten und das Rudel angreifbar machen.
Eine elementar geführte Diskussion findet man allerhöchstens unter ranghohen Tieren, wenn die Führungsrolle wechselt und auch diese sind – sofern überhaupt aggressiv geführt - ein einmaliges Vorkommen, das nicht von langer Dauer ist.
Wir sehen, Hunde debattieren nicht gern, sondern nur gezwungenermaßen, wenn sie uns als Menschen in unseren Führungsqualitäten hinterfragen.
Sogar in diesen Fällen möchten sie nicht die Führung übernehmen, sondern fordern uns – immer wieder – auf, doch endlich Verantwortung zu übernehmen.
Wir Menschen kennen die für unsere Hunde unnatürliche Welt besser, haben die Sprache als zusätzliches Kommunikationsmittel und können abstrakt bzw. planend und vorrausschauend denken.
Wer also von uns beiden steht nun in der Verantwortung?
Richtig, der Mensch!!!
Und genau der Mensch hat Pflichten seinem Hund gegenüber, die er gut erfüllen kann, wenn er folgendes beherzigt:

AUS  EINEM  UNGEHOBELTEN  KLOTZ  WERDE ICH  NIEMALS  EINEN  FEINFÜHLIGEN  MENSCHEN  MACHEN
GENAUSOWENIG  WIRD  SICH  EIN  HUND  IM DENKEN  FÜHLEN  UND  HANDELN  NIEMALS  AUF  DIE  EBENE  SEINES  MENSCHEN  BEGEBEN  KÖNNEN

ABER  ICH  ALS  MENSCH  KANN  DIE  EBENE  WECHSELN !!!

„An was genau erkennt denn jetzt mein Hund, dass ich ihn führe bzw. führen will?“, werden Sie jetzt sicherlich vollkommen zu Recht fragen.
Dazu möchte ich Ihnen die wichtigsten Merkmale aufzählen, die in den Augen eines Hundes eine Führungspersönlichkeit ausmachen.
DIE RICHTIGE MOTIVATION
Ich habe mich für die Haltung eines Hundes entschieden, weil ich Hunde mag und auch die Gründe dafür kenne.
Ich weiß, dass ein Hund mir gut tut und wünsche mir, dass auch ich der richtige Partner für meinen Hund bin.
Genau deshalb bin ich auch bereit, mich mit dem Hund als Tier auseinander zu setzen, d. h. ich bringe in Erfahrung, wo dessen (rassetypischen) Bedürfnisse, Stärken und Schwächen  liegen, wie ein Hund kommuniziert, denkt und fühlt und was sein Verhalten steuert.
Ich erkundige mich auch nach rassetypischen Eigenschaften, wenn ich eine bestimmte Rasse favorisiere und bin gegebenenfalls auch bereit, mich dagegen zu entscheiden, wenn in mir der Verdacht aufkommt, dass ich einem Hund einer bestimmten Rasse nicht gerecht werden kann.
Ich weiß, dass es nicht Privilegien sind, die einen Hund glücklich machen sondern eine vertrauensvolle Beziehung und bin bereit, alles – fachliche Unterstützung inbegriffen - dafür zu tun, damit auch ich meinem Hund gut tue.
AUTHENTIZITÄT
Ich weiß in Bezug auf das Verhalten meines Hundes zu jeder Zeit, was ich zulasse und was ich nicht zulasse.
Wenn mir ein bestimmtes Verhalten nicht gefällt, werde ich handeln und nicht zuschauen, wie mein Hund sich unbeliebt macht oder gar in Gefahr begibt.
Für alle Situationen dieser Art habe ich einen Plan A, B oder C bereit bzw. trainiere die Umsetzung zusammen mit einem Fachmann solange, bis ich aus dem Bauch heraus automatisch den richtigen Plan abrufen und umsetzen kann.
Ich führe meinen Hund, weil ich es wirklich will.
SOUVERÄNITÄT
Ich handele mehr als dass ich rede.
Schreien und Brüllen sind tabu.
Sollte mein Hund ein gesprochenes Kommando nicht ausführen, werde ich nicht lauter, sondern bestehe einfach ruhig abwartend darauf, dass er das ausführt, was ich ihm verbal oder körpersprachlich mitgeteilt habe.
Auf keinen Fall werde ich mein Vorhaben abbrechen.
In Problemsituationen, d. h. in Situationen, in denen mein Hund laut wird z. B. beim Verbellen von Besuchern und Artgenossen werde ich VOR meinem Hund handeln.
FAIRNESS
Bei allem, was mein Hund neu erlernen muss, gebe ich ihm Zeit bzw. habe Geduld mit ihm.
Bevor ich ihm Kommandos gebe oder Aufgaben stelle, auf deren Durchführung ich bestehe, stelle ich für mich sicher, dass mein Hund auch wirklich verstanden hat, worum es geht.
Bei allem was ich ihm erlaube oder verbiete herrscht Klarheit. D. h. was verboten ist, ist IMMER verboten, was erlaubt ist, wird nicht plötzlich sanktioniert.
Treten in bestimmten Situationen immer wieder dieselben Probleme auf, gilt für mich als oberste Priorität, erst einmal herauszufinden, WARUM mein Hund immer wieder in einer für mich problematischen Art und Weise reagiert.
Ich stelle sicher, dass mein Hund sich wirklich an mir orientieren kann, weil ich aus seiner Sicht logisch handele.  

Nehmen wir doch noch einmal das beliebte Beispiel Leinenaggression, d. h. mein Hund springt laut bellend in die Leine, sobald er einen Artgenossen erblickt, und ich möchte dieses Verhalten abstellen.
DIE RICHTIGE MOTIVATION >>> Ich will nicht mehr, dass mein Hund immer
                                                   wieder unter Stress gerät, wenn er anderen
                                                   Hunden begegnet
AUTHENTIZITÄT >>> Ich werde dieses Verhalten nicht mehr länger dulden.
                                 Ich will, dass mein Hund dieses Verhalten einstellt SOUVERÄNITÄT >>> Ich werde nicht auch noch laut während mein Hund an der
                                Leine tobt. Stattdessen handele ich und führe meinen
                                Hund ruhig aus der Situation heraus.
                                In Zukunft werde ich versuchen, diese Situationen solange
                                zu vermeiden, bis ich eine Lösung für das Problem
                                gefunden habe und suche mir ggf. professionelle Hilfe
FAIRNESS >>> Mir ist klar, dass sich hier ein unerfreuliches Ritual entwickelt
                       hat,dem ich nicht rechtzeitig vorgebeugt habe. Ich gehe – ggf.
                       mit Hilfe eines Fachmanns - dem Problem auf den Grund und
                       finde heraus WARUM mein Hund sich bei Begegnungen mit
                       anderen Hunden an der Leine problematisch verhält.
                       Habe ich die Lösung gefunden, werde ich zunächst solange an
                       den Ursachen arbeiten, bis ich das Recht habe, meinem Hund
                       dieses Verhalten zu untersagen bzw. dieses Ritual sofort zu
                       unterbrechen.   
Jetzt werden Sie sich sicherlich mehr oder weniger verzweifelt fragen, wie und ob man dies alles leisten kann.
Ich sage Ihnen, man kann, man muss nur wollen.
Es gibt Menschen unter uns, die dies von Geburt an können. Diese Menschen handeln viel aus dem Bauch heraus, vertrauen ihren Instinkten und wissen zu jeder Zeit, was sie wollen und was sie nicht wollen.
Ausschlaggebend ist jetzt nur noch, dass so ein Mensch sich auch noch genauso verhält, wenn er einem Hund gegenübersteht bzw. diesen besitzt. Hier ist kein Hundeschulwissen notwendig, diese Mensch-Hund-Beziehung wird von allein funktionieren.
Man findet diese Beziehungen übrigens häufig im Umgang unserer obdachlosen Mitbürger im Zusammenleben mit ihren Hunden. Schauen Sie bei Ihrem nächsten Besuch einer Fußgängerzone in der Innenstadt einmal genauer hin. Sie werden entspannte Hunde neben ihren Menschen liegen sehen, die diesen auch ohne Leine vertrauensvoll folgen, ohne je eine Hundeschule von innen gesehen zu haben, geschweige denn jemals z. B. über einen Agility Parcours gerast zu sein.
Zugegeben, Menschen, die einen Hund instinktiv richtig führen gibt es nicht so häufig, aber man kann sich Hilfe holen.
Auch wenn man als Mensch jahrelang im Umgang mit seinem Hund aus Unwissenheit nicht richtig gehandelt hat, ist dies kein Weltuntergang. Ein Hund wird aufgrund seines Lebens im „Hier und jetzt“ immer bereit sein für einen Neustart.
Er wird mit Sicherheit dabei in einer Phase der Umorientierung viel mit Ihnen diskutieren – schließlich geht es dabei um einen Wechsel an der Spitze eines Rudels – aber es lohnt sich wirklich durchzuhalten, weil beide davon profitieren. Auch ich bin aufgrund meiner eigenen Erfahrung mit meinem letzten wirklich wundervollen Hund  von folgendem überzeugt:
 
JEDER  MENSCH  BEKOMMT  DEN  HUND, DEN  ER  BRAUCHT . . .
UM  SICH  SELBST  BESSER  KENNEN  ZU  LERNEN
MANCHE  NUTZEN  DIESE  CHANCE  UND  BEIDE  PROFITIEREN  DAVON

Packen Sie es an, am besten gleich zu Beginn Ihrer Mensch-Hund-Beziehung, denn Fehler zu korrigieren dauert immer etwas länger. Ich wünsche Ihnen viel Durchhaltevermögen beim Erwerb neuer Erkenntnisse über den eigenen Hund und sich selbst. Es lohnt sich und macht sogar viel Spaß, denn hier ist immer der Weg das Ziel.


Ihre 
Dr. Sigrid Göbel

Handewitt den 04. 03. 2014