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Wer bist Du denn? Hundebegegnungen entspannt meistern

Aktueller Artikel in "Partner Hund" von Steffi Krauß

Luna trifft Arco, Max trifft Filou. Wollen sie nur spielen? Machen sie das unter sich aus? Dürfen sie frei laufen? Oder besser an die Leine? Kaum ein Thema polarisiert Hundehalter so sehr wie die ganz alltäglichen Hundebegegnungen beim Gassi.

Emma ist eine knapp zweijährige Mischlingshündin und geradezu verrückt nach anderen Hunden. Ihre Halterin, Frau Maier, geht mit ihr regelmäßig spazieren und hofft immer, dabei möglichst viele andere Hunde zu treffen. Dann darf Emma endlich spielen und toben. Frau Maier kann überhaupt nicht verstehen, dass sie gelegentlich unangenehme Kommentare erntet, wenn Emma zu anderen Hunden hinrennt. Sie ist doch sehr gut verträglich und hat noch nie einem Hund etwas getan! – Um sechs Uhr morgens verlässt Frau Bauer mit ihrem Boxer-Mischling Ben das Haus. Sie geht ihre erste Gassirunde lieber im Dunkeln, denn um diese Zeit trifft sie selten auf andere Hunde. Ihr graut vor jeder Hundebegegnung, weil Balu aggressiv auf seine Artgenossen reagiert und dann schwer für sie zu halten ist. Und am schlimmsten wird es, wenn freilaufende Hunde nah herankommen, kein Halter weit und breit zu sehen ist und sie nicht weiß, wie sie den fremden Hund auf Abstand halten soll…

Jedes Mensch-Hund-Team hat seine Geschichte. Manche ähneln sich, manche sind grundverschieden. Meistens geht alles gut aus, doch oft genug kommt es auch zu einer Rauferei zwischen den Hunden. Und nicht selten zu einem heftigen Wortwechsel zwischen den Haltern! Jeder glaubt, im Recht zu sein. Viele schließen vom eigenen Hund auf alle Hunde. Doch das funktioniert nicht, denn unsere Hunde sind komplex kommunizierende Lebewesen, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit, der wir mit einem lapidaren „Der will nur spielen!“ nicht gerecht werden.

Auf die Körpersprache kommt es an!

Wie erkenne ich aber, ob eine Begegnung für meinen Hund gut ist? Woher weiß ich, welcher Hund zum Spielkameraden wird und welcher zur Rauferei auffordert? Indem ich mich mit der Körpersprache und Kommunikation von Hunden auseinandersetze. Unsere Hunde haben ihre eigene „Sprache“ und wir Menschen können durchaus lernen, ihre vielfältigen und schnellen Signale zu erkennen und richtig zu deuten. Dann sind wir in der Lage, den entgegenkommenden Vierbeiner (und seinen Menschen!) einzuschätzen und unser Verhalten entsprechend anzupassen: Laufen wir lieber einen Bogen? Drehen wir sogar entspannt um? Oder geben wir unseren Hund einfach frei? Lassen wir ihn hinter uns sitzen und schirmen den anderen ab? Oder verständigen wir uns mit dem anderen Herrchen oder Frauchen? Lassen diese ihren Hund evtl. auch hinter sich warten, und man trifft gemeinsam die Entscheidung, die Hunde in den Freilauf zu schicken?

Es gibt meistens mehr als eine Möglichkeit. Wichtig ist, dass wir Hundehalter in der Lage sind, überhaupt Einfluss auf das Verhalten unserer Hunde zu nehmen. Dazu braucht es ein gewisses Maß an Erziehung. Der häufig gehörte Satz „Die regeln das schon!“ ist zwar zutreffend, aber möchten wir das denn? Wollen wir wirklich mit den Folgen leben, die es haben kann, wenn wir unseren Hunden freie Hand bei jeder Begegnung lassen? Wer diesen Satz gebraucht, geht davon aus, dass hinter den Handlungen unserer Hunde keinerlei ernst zu nehmende Motivationen stehen und dass somit auch keine folgenschweren Konflikte entstehen können. Er spricht ihnen jegliche territorialen, ressourcenbezogenen oder sexuellen Interessen ab und die Bereitschaft, diese zu verteidigen. Kurz gesagt: Derjenige unterschätz unsere Hunde völlig! Für einen ängstlichen Hund bedeutet der Spaziergang demnach einen täglichen Ausflug ins Krisengebiet, ohne Rückhalt durch seinen Menschen, schlimmer noch: von ihm der Situation ausgeliefert. Ein pubertierender Rüde bekommt den Freifahrschein, sich mit der Konkurrenz anzulegen. Und eine läufige Hündin darf also den Park der Hundeanarchie gar nicht mehr betreten, es sei denn man möchte Welpen vom nächsten Rüden.

Im Training wenden sich immer wieder frustrierte, erboste oder auch hilflose Hundehalter an mich: Sie möchten Ihren Hund gerne gut erziehen. Sie möchten ihm auch beibringen, in Anwesenheit von anderen Hunden noch auf seine Menschen zu hören. Aber sie können oft nicht vernünftig mit ihrem Hund üben, weil ständig frei laufende Hunde ihr Training unterbrechen. Natürlich sind Sozialkontakte zu Artgenossen für unsere Hunde sehr wichtig und sollen stattfinden! Aber es liegt an uns Haltern, gemeinsam zu entscheiden, wann wir diese Kontakte zulassen und wann eben nicht. Wenn wir alle einige allgemein gültige Punkte beachten und somit einen rücksichtsvollen und höflichen Umgang pflegen, nützt das unseren Hunden am allermeisten!

Für ein entspanntes Miteinander

Kontakt an der Leine sollte zwischen Hunden, die sich nicht kennen, vermieden werden. Durch die Leine sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und können weder frei kommunizieren noch ausweichen. Dadurch kommt es häufiger zu aggressiven Verhaltensweisen.

Ist ein Kontakt an der Leine unvermeidbar, weil z. B. ein freilaufender Hund nicht zurückgerufen wird, kann die Leine fallengelassen werden und der Halter entfernt sich ein paar Schritte, um den Hunden Platz zu verschaffen. Wenn die Leine nicht losgelassen werden kann, weil man sich an einer Straße befindet oder mit seinem jagdlich motivierten Hund im Wald, sollte sie locker und hoch gehalten werden, damit unser Hund sich darunter so frei wie möglich bewegen kann und sich beide Hunde nicht auch noch in der Leine verheddern.

Kommt ein angeleinter Hund entgegen, sollte der eigene Hund grundsätzlich an die Leine genommen bzw. sicher an der Seite geführt werden. Dabei spielt es keine Rolle, warum der andere Halter keinen Kontakt für seinen Hund wünscht! Vielleicht wurde dieser Hund kürzlich operiert oder es handelt sich um eine läufige Hündin oder er mag keine anderen Hunde oder der Halter ist in Eile: Niemand sollte sich rechtfertigen müssen, wenn er ungestört vorbeigehen möchte.

Dasselbe gilt für Hunde, die einen Bogen mit ihrem Menschen laufen und der Begegnung offensichtlich ausweichen. Überlassen wir es dem anderen Halter, die Gründe dafür zu kennen und gehen einfach mit Abstand vorbei.

Begegnet man einem unangeleinten Hund, kann der eigene Hund ebenfalls frei laufen. Hier sollte wieder genau auf die Körpersprache der Hunde geachtet werden. Die Halter können rechtzeitig weitergehen oder ein Hund wird zurückgerufen, bevor es zu Spannungen kommt.

Der Aufbau eines sicheren Rückrufs sollte selbstverständlich für jeden Hundehalter sein. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das obligatorische „Der will nur spielen!“ vielleicht auch bedeuten könnte „Er wird nicht kommen, wenn ich rufe!“ Unsere Hunde sind keine Maschinen, und den hundertprozentigen Rückruf gibt es nicht. Aber mit Training und einer guten Einschätzung des eigenen Hundes, wissen wir ziemlich genau, wann wir uns auf ihn verlassen können und wann wir ihn lieber an der Leine lassen.

Ein Spaziergang von Mensch und Hund kann mit einfachen Mitteln zu einem gemeinsamen Erlebnis werden! Es gibt viele schöne Beschäftigungsformen je nach Veranlagung und Vorlieben unserer Hunde, die draußen angewandt werden können. Der Mensch unterhält sich nicht mehr konstant mit anderen oder starrt unentwegt auf sein Smartphone. Und der Hund bekommt in Aktionen zusammen mit seinem Menschen viel mehr zu tun als Markieren, Abchecken von Gerüchen und Ausschau halten nach anderen Hunden. Gemeinsam erlebte Spaziergänge fördern die Bindung und wirken sich auch positiv auf den Rückruf aus.

Es ist sinnvoll, unseren Hunden beizubringen, auf ein Signal hin hinter uns zu bleiben, sei es bei fremden Menschen oder frei laufenden Hunden. Wir positionieren uns zwischen unserem und dem entgegenkommenden Hund und können diesen fern halten, indem wir Körpersprache und/oder Stimme einsetzen. Dieser Schritt ist wichtig, um entweder unseren ängstlichen Hund zu schützen oder auch um unserem bei Distanzunterschreitung aggressiv reagierendem Hund zu vermitteln, dass er sich nicht um den anderen zu kümmern braucht. Wir übernehmen das für ihn und vermeiden so eine Auseinandersetzung zwischen den Hunden. Denn nicht jeder Hund muss jeden anderen Hund mögen!

Wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen, mit wachen Augen durch die Welt gehen und zudem noch mit einigem Hundewissen ausgestattet sind, dann ist in unseren Parkanlagen und auf unseren Spazierwegen genügend Platz für alle Mensch-Hund-Teams, egal ob sie Kontakt zu anderen suchen oder eben nicht.

Körpersprache und Kommunikation bei Hundebegegnungen

Lecken über die eigene Nase: selbstberuhigendes Verhalten, Zeichen von Anspannung
Blick oder Kopf abwenden: Deeskalation, Beschwichtigung
Rundrücken, eingeknickte Gliedmaßen, Rute tief oder eingezogen: Beschwichtigung, Unsicherheit, Angst
Durchgedrückte Beine, Rute steif erhoben, Ohren nach vorn, Fixieren: Imponierverhalten, Vorstufe zur Aggression
Steifbeiniges Umkreisen, Kopf auflegen: imponierendes, begrenzendes Verhalten, kann jederzeit in Aggression umschlagen
Anschleichen, Fixieren mit gesenktem Kopf: Drohverhalten
Vorderkörpertiefstellung: Spielaufforderung, kann aber auch bei Unsicherheit gezeigt werden

Mein Hund pöbelt andere Hunde an!

Wenn Ihre Spaziergänge zum Spießrutenlauf werden, weil Ihr Hund beim Anblick von Artgenossen bellend in die Leine rennt oder weil er im Freilauf knurrend auf andere zuschießt, dann kann das schnell zur Belastung werden: Für Sie, für Ihren Hund, aber auch für entgegenkommende Hunde und Menschen. Die gute Nachricht ist, dass dieses Verhalten durch Training in der Regel stark verbessert werden kann. Die schlechte, dass es nicht über Nacht geschieht und viel Fleiß, Konsequenz und Durchhaltevermögen Ihrerseits erfordert. Die folgenden Trainingsschritte können Ihnen helfen, Ihr Ziel eines entspannten Spaziergangs zu erreichen:
- Vermeiden Sie zu Beginn den Kontakt zu fremden Hunden. Fahren Sie mit dem Auto weg oder üben Sie im Garten. Suchen Sie eine Beschäftigung, die Ihrem Hund Spaß macht, z. B. Apportieren. Gemeinsame Erfolgserlebnisse sind die Basis für jedes Training!
- Um Ihren Hund in jeder Situation sicher halten zu können, braucht er ein gut sitzendes Brustgeschirr. Ein Ring vorn am Brustgurt ermöglicht es Ihnen, Ihren Hund doppelt zu führen und ihn beim Reinspringen in die Leine zur Seite wegzudrehen.
- Weichen Sie im Alltag bislang noch fremden Hunden großräumig aus. Wechseln Sie die Straßenseite oder drehen Sie entspannt um. Vermeiden Sie Orte, an denen Hunde frei laufen.
- Selbst wenn Ihr Hund bisher niemanden verletzt hat, rate ich Ihnen zum Maulkorbtraining: Einen positiv aufgebauten Maulkorb wird Ihr Hund gern tragen. Er gibt Ihnen die Sicherheit, dass keine Bissverletzungen entstehen können. Er dient aber auch als nützliche Abschreckung für andere Hundehalter, die beim Anblick eines Maulkorbs ihren Hund oft besser kontrollieren.
- Trainieren Sie mit Ihrem Hund das Gehen an lockerer Leine, anfangs ohne Ablenkung, später mit mehr und mehr Reizen von außen.
- Üben Sie mit Ihrem Hund ein Alternativverhalten ein: Das kann eine Beschäftigungsform sein wie Futtersuche oder das Tragen eines Spielzeuges. Aber auch z. B. das Signal „Schau!“, bei dem Ihr Hund den Kopf drehen und Ihnen in die Augen sehen soll. Ist das passende Alternativverhalten aufgebaut, können Sie sich damit Schritt für Schritt anderen Hunden annähern. Starten Sie, wenn nötig, auf sehr große Entfernung!
- Benützen Sie im Laufe des Trainings Leinenführigkeit und Alternativverhalten, um an anderen Hunden vorbei zu gehen. Sie fungieren dabei als Puffer und lassen Ihren Hund immer auf Ihrer vom anderen abgewandten Seite gehen.
- Trainieren Sie mit Ihrem Hund, dass er auf Signal sicher hinter Ihnen sitzen oder liegen bleibt. Auf diese Weise können Sie später herankommende Hunde von ihm abschirmen. Beginnen Sie diese Übung mit Menschen, dann mit befreundeten Hunden, bevor Sie sie im Alltag einsetzen.

Wenn Ihr Hund das alles gelernt hat, sind Sie schon ein großes Stück weiter! Aber nicht immer lässt sich pöbeliges Verhalten ohne eine Korrektur z. B. in Form von Wasser umlenken. Ich rate Ihnen, sich im gesamten Training, aber auf jeden Fall beim Einsatz korrigierender Maßnahmen von einem guten Trainer begleiten zu lassen!

Gelber Hund Programm

Unter dem Namen „Gulahund Yellow Dog Program“ wurde in Schweden 2012 eine gemeinnützige Kampagne ins Leben gerufen, die sich seitdem international darum bemüht, Hunden mit größerem Distanzbedürfnis den nötigen Freiraum zu verschaffen. Eine gelbe Schleife an der Leine oder ein gelbes Halstuch machen Hundehalter darauf aufmerksam, dass dieser Hund keinen Kontakt zu anderen möchte. So können freilaufende Hunde rechtzeitig zurückgerufen oder dem „Gulahund“ die nötige Zeit zum Ausweichen gegeben werden. Die Gründe, warum ein Hund mehr Abstand braucht als ein anderer, sind dabei vielfältig und schließen traumatische Erfahrungen ebenso ein wie bspw. eine Läufigkeit. Den auf diese Weise freiwillig gekennzeichneten Hunden und ihren Haltern wird der nötige Raum zum Training ermöglicht.
Egal, ob wir nun auf eine gelbe Schleife achten oder auf Verhalten und Körpersprache von Hund und Halter: Noch mehr Toleranzbereitschaft und Rücksichtnahme unter Hundehaltern sind sicherlich eine schöne und begrüßenswerte Entwicklung!

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