Zur Martin Rütter DOGS Hauptseite

Training bei unerwünschtem Jagdverhalten

Wieso findet Frieda Vögel spannend, obwohl sie nie einen erwischt? Weshalb fängt Bodo die Maus, frisst sie aber nicht? Und wie kann Frauchen Balu von Hase und Reh abrufen?

Sie wünschen sich, dass Ihr Hund sich trotz Ablenkung durch andere Tiere und Gerüche an Ihnen orientiert? Sie möchten Ihren Hund auf dem Spaziergang guten Gewissens und ohne Angst ableinen können?

Dann können Ihnen folgende Tipps helfen... 

Konsequenz im Alltag

Auch wenn die Motivation eines Hundes zu jagen, nichts mit der Qualität der Beziehung zu tun hat, sollten Sie sich Gedanken darüber machen, in wieweit Ihr Vierbeiner auf Ihre Signale im Alltag reagiert. Kommt Ihr Hund erst beim dritten „Hier“ und springt einfach aus dem Kofferraum des Autos, obwohl Sie ihm ein „Bleib“ gegeben haben? Dann ist es nur allzu verständlich, dass er erst Recht in für ihn spannenden und wichtigen Situationen auch nicht Ihre Signale befolgt. Trifft Ihr Hund also im alltäglichen Zusammenleben öfter selbständig Entscheidungen und manipuliert Sie erfolgreicher, dann ist es an der Zeit, einige Dinge zu ändern, um ihn auch in jagdlichen Situationen beeinflussen zu können. Verwalten Sie die für Ihren Hund wichtigen Ressourcen und animieren Sie Ihren Vierbeiner öfter, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Beenden Sie auch einmal eine tolle Sache, bevor Ihr Hund die Lust daran verliert. Sie werden sich wundern, wie sehr Ihr Hund motiviert ist, wenn es nach kurzer Zeit weitergeht. Entscheiden Sie, wann und wie lange Ihr Hund sich frei bewegen darf. Leinen Sie ihn unterwegs auch auf Strecken an, wo er ansonsten unangeleint herumrennen darf. Führen Sie im Alltag Rituale ein. Verlangen Sie z.B. von Ihrem Hund, dass er unterwegs an Weggabelungen anhält und auf Ihr Signal hin erst weitergeht. Erhöhen Sie Ihre Attraktivität, indem Sie sich gemeinsam beschäftigen, anstatt daß ihr Hund alleine durchs Unterholz läuft.

Unerwünschtes Verhalten zunächst vermeiden

Damit Ihr Hund im Alltag nicht weiterhin erfolgreich selber jagen kann und sich dadurch selber belohnt, vermeiden Sie übergangsweise Spaziergänge in wildreichen Gegenden. Lassen Sie Ihren Hund notfalls an der Schleppleine. Denken Sie daran, dass Ihr Vierbeiner dann ein gut sitzendes Geschirr trägt, an dem die Schleppleine befestigt ist. Sie sollten auch an Ihre Sicherheit denken und Handschuhe sowie lange Hosen tragen, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Üben Sie auch das Handling Ihres Hundes an der Schleppleine. Achten Sie darauf, dass die Schleppleine nicht allzu sehr durchhängt und auf dem Boden schleift. Entfernt sich Ihr Vierbeiner von Ihnen, dann geben Sie etwas mehr Leine, nähert er sich Ihnen oder bleibt stehen, dann nehmen Sie die Schleppleine wieder auf. Mit ein bißchen Übung geht Ihnen diese Bewegung bald ins Blut über. Begrenzen Sie den Freilauf Ihres Hundes auf Flächen, die eingezäunt sind oder auf denen mit dem Auftreten von Wild nicht zu rechnen ist.
Bringen Sie Ihrem Hund auch das Signal RAUS DA bei. Immer wenn Ihr Vierbeiner den Weg verlässt, sich in die Büsche schlägt und spannenden Spuren folgen möchte, können Sie ihm mit diesem Signal zurück auf den Weg befördern. Ihr Hund soll dadurch lernen, im Normalfall immer auf befestigten Wegen zu bleiben und diese nur nach Ihrer Aufforderung zu verlassen.

Erste Ansätze des Jagdverhaltens erkennen lernen

Hundliches Jagdverhalten hat viele Gesichter. Lernen Sie, die einzelnen Elemente frühzeitig zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Nicht mehr alle Hunde zeigen aufgrund Ihrer genetischen Veranlagung alle Elemente einer vollständigen Jagdsequenz. Diese besteht aus folgenden acht einzelnen Verhaltenselementen: ORTEN – FIXIEREN – ANSCHLEICHEN – HETZEN – PACKEN – TÖTEN – ZERREISSEN – FRESSEN. In den ersten beiden Phasen – dem Orten und Fixieren – sind die meisten Hunde noch gut beeinflussbar. Je weiter der Hund in der Jagdsequenz jedoch vorangeschritten ist, desto schwerer wird ein Eingreifen. Beobachten Sie also Ihren Vierbeiner sehr genau, um in Zukunft zu erkennen, welches Verhalten er wie kurz vor seinen Jagdausflügen zeigt. Ortet er Beute eher mit seinen Ohren, Augen oder seiner Nase? Wie hält er seinen Kopf, wenn er Beute bereits geruchlich oder akustisch wahrnimmt? Zeigt er kurz vor der Hetze ein Vorstehen? Sobald sie seine individuelle Körpersprache entschlüsselt haben, können sie ihn auch im Freilauf einmal rechtzeitig von einer unerwünschten Jagd abhalten.

Impulskontrolle

Bewegende Reize auszuhalten, ist für einen jagdlich motivierten Hund eine der maßgeblichen Fähigkeiten, die Sie ihm schnellstmöglich beibringen müssen. Ziel ist es, dass Ihr Hund in jagdlichen Situationen ruhiger wird und darauf achtet, was Sie ihm mitteilen wollen. Üben Sie mit Ihrem Vierbeiner das Signal BLEIB und steigern Sie schrittweise den Schwierigkeitsgrad. Haben Sie sich zu Anfang nur einige Schritte von Ihrem Hund entfernt und ihn für das Verharren auf der Stelle belohnt, so können Sie am Ende des Trainings mehrere Meter entfernt stehen bleiben, auf und ab hüpfen, um ihren Hund herumgehen oder sein Lieblingsspielzeug werfen, ohne dass er sich bewegt. Denken Sie bei diesem Training unbedingt an die anschließende Pause, in der sich ihr Vierbeiner frei bewegen darf, um die während des Impulskontrolltrainings aufgebaute Spannung wieder abzubauen. Integrieren Sie das Training der Impulskontrolle in den Alltag des Hundes. Verlangen Sie von Ihrem Hund eine BLEIB-Übung, bevor Sie die Haustür zum Spaziergang öffnen oder bevor er aus dem Auto aussteigen darf. Ebenso können Sie die Impulskontrolle im Zuge der Fütterung trainieren. Sollte Ihr Hund aufgeregt auf und ab springen sobald Sie den Futternapf in die Hand nehmen, so stellen Sie den Napf erst dann auf den Boden, wenn sich Ihr Vierbeiner beruhigt hat und sich von selber hinsetzt. Ziel ist es, dass Ihr Hund lernt, sich selber zu beherrschen, ohne dass Sie noch mit dem Signal BLEIB unterstützen müssen.

Alternatives Verhalten aufbauen

Damit sich Ihr Hund in Zukunft zu einem entspannteren Begleiter auf Ihren Spaziergängen entwickelt, sollten Sie die vorhandene jagdliche Motivation nicht unterdrücken, sondern kontrolliert ausleben lassen. Suchen Sie eine Beschäftigungsform, die zu Ihrem Hund passt und die er gerne ausführt. Nutzen Sie hierbei den Effekt der primären Motivation. Hierbei führt der Hund ein Verhalten aus, weil ihm dieses Spaß macht und die Ausführung bereits belohnend wirkt. Probieren Sie dazu verschiedene Beschäftigungsformen aus und schauen Sie, bei welcher Ihr Hund gar nicht genug vom Training bekommen kann, ohne dass eine zusätzliche Belohnung für die Ausführung folgt. Sobald Sie ein für Ihren Vierbeiner sinnvolles Alternativverhalten gefunden haben, werden Sie ihm seine Begeisterung förmlich ansehen und er lernt die gestellten Aufgaben mit weniger Wiederholungen.
Läuft ihr Hund freudig hinter Gegenständen her und bringt Ihnen diese zurück. Dann stellt das Apportiertraining eine geeignete alternative Beschäftigungsform für sie beide dar. Ob Sie nun einen Ball, eine Frisbee, einen Dummy oder einen Futterbeutel als Apportiergegenstand auswählen, spielt eigentlich keine Rolle. Achten Sie bei Bällen nur darauf, dass dieser für Ihren Hund nicht zu klein ist und er diesen versehentlich herunterschlucken kann. Lediglich Stöcker sollten nicht zum Apportieren benutzt werden, da sie ein großes Verletzungspotenzial besitzen. Bei fortgeschrittenen Hunden können Sie auch gerne mal ein Schweineohr als Apportiergegenstand auswählen.
Findet es Ihr Vierbeiner hingegen spannender, wenn sich die Beute bewegt und Haken schlägt? Dann sind kontrollierte Hetzspiele das Mittel der Wahl. Befestigen Sie hierzu z.B. sein Lieblingsspielzeug an eine Reizangel und lassen Sie Ihren Hund nun die sich bewegende Beute jagen. Achten Sie bei dieser Beschäftigungsform jedoch darauf, dass Sie nicht das unkontrollierte Hetzen fördern. Verlangen Sie vor jeder Hetze, dass sich Ihr Vierbeiner hinsetzt und auf Ihre Freigabe wartet, bevor er hinter der Ersatzbeute hinterher sprintet. Solche Hetzspiele sind für Ihren Hund sehr anstrengend. Daher sollte Sie Ihren Hund vorab noch einmal tiermedizinisch untersuchen lassen, um Herz- oder Gelenkprobleme auszuschließen.  Begrenzen Sie die kontrollierten Hetzspiele auf maximal 10 Minuten pro Trainingseinheit. Auch sollten Sie diese alternative Beschäftigung nicht mit Ihrem Welpen oder Junghund intensiv ausführen, da sich die Gelenke noch im Aufbau befinden und nicht voll belastbar sind.

Während des Spaziergangs hat Ihr Vierbeiner seine Nase durchgehend am Boden und schnüffelt begeistert jeden Grashalm ab? Dann könnte die Suche als alternative Beschäftigungsform das Richtige für Ihren Hund sein. Ob er dabei nun sein Spielzeug oder Futter sucht oder einer Geruchsspur folgt ist hierbei egal. Probieren Sie einfach beide Varianten aus und lassen Sie Ihren Vierbeiner entscheiden, welche er lieber ausführen möchte. Gestalten Sie die Suchen immer abwechslungsreicher und verbuddeln Sie auch einmal die zu suchenden Gegenstände in der Erde. Freuen Sie sich im Anschluß, wenn er diese voller Begeisterung ausbuddeln darf. Oder bringen Sie Ihrem Hund das Anzeigen der gefunden Gegenstände bei. Hierbei soll er die gefundene Ersatzbeute nicht apportieren oder auffressen, sondern Ihnen durch ein anderes Verhalten signalisieren, dass er Beute gefunden hat.
Egal womit Sie Ihren Hund seine jagdliche Motivation kontrolliert ausleben lassen, achten Sie darauf, dass Ihr Vierbeiner bei der Durchführung des Alternativverhaltens nicht überfordert wird. Spaß und Freude sollten bei der gemeinsamen Beschäftigung im Vordergrund stehen. Ihr Hund soll lernen, dass Sie ein adäquater Jagdpartner sind, mit dem er seine jagdlichen Bedürfnisse ausleben darf.

Rückrufbarkeit trainieren

Auch wenn Sie alle bisher besprochenen Punkte konsequent umsetzen, kann es immer wieder vorkommen, dass Ihr Vierbeiner während eines Spaziergangs doch ab und an seinem Hobby nachgeht und einem Hasen hinterher läuft oder ausgiebig eine Wildfährte verfolgt. In solch einem Fall kommt das Abrufsignal zum Einsatz. Sollte dies bereits in ablenkungsfreien Situationen gut klappen, so steigern Sie nun im Training schrittweise den Schwierigkeitsgrad und rufen Sie Ihren Hund z.B. zu sich, während sein Lieblingsspielzeug einige Meter entfernt von ihm liegt. Sie können Ihren Vierbeiner im laufenden Training auch einmal durch eine Würstchengasse abrufen oder das Abrufsignal einsetzen, während eine Hilfsperson eine Ersatzbeute auswirft oder an der Reizangel bewegt. Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bauen Sie parallel zu Ihrem Abrufsignal auch eine Hundepfeife auf, da diese erfahrungsgemäß für den Hund auf weite Entfernung besser wahrnehmbar ist und Ihre eventuell angespannte Stimmung nicht übertragen kann. Zwei oder drei kurze Pfiffe sind als Abrufsignal effektiver als ein einzelner langer Pfiff. Alternativ zum Abrufen können Sie auch ein STOPP-Signal aufbauen. Hierbei soll der Hund in seiner Bewegung stoppen und sich dann hinsetzen oder hinlegen.

Körperliche Auslastung

Da eine echte Jagd eine immense körperliche Belastung für den Hund darstellt, dürfte klar sein, dass auch hier im Alltag eine Alternative her muss. Dies gilt besonders für jene Vierbeiner, die noch aufgrund ihres Trainingsstands sicherheitshalber an der Schleppleine geführt werden müssen. Hierzu bieten sich Fahrradtouren an, bei denen Ihr Vierbeiner auch einmal richtig Vollgas geben kann und im gestreckten Jagdgalopp neben Ihnen herläuft. Achten Sie bei Ihren Radtouren darauf, dass der Untergrund dementsprechend weich ist, da das ausgiebige Traben und Rennen eine enorme Belastung für den Bewegungsapparat Ihres Hundes bedeutet. Vielleicht probieren Sie auch einmal ein Zughundetraining aus. Im Gegensatz zum Laufen am Fahrrad, läuft Ihr Hund hierbei vor einem entsprechend Gefährt und zieht seinen Menschen.  Lassen Sie sich bei dieser Trainingsform unbedingt von einem professionellen Trainer anleiten, um eventuelle Schäden zu vermeiden.

Und wenn alles nichts hilft...

Bei einer sehr ausgeprägten jagdlichen Motivation oder einem durch frühere Jagderfolge stark gefestigten Verhalten kann es sein, dass sich einige Hunde nicht auf das von Ihnen angebotene Alternativverhalten einlassen und auch weiterhin echter Beute nachstellen. Zu groß ist der Lustgewinn beim selbständigen Jagen. In solchen Fällen gibt es nur zwei Optionen: Spaziergänge an der Schleppleine - ein Leben lang oder die Korrektur des unerwünschten Verhaltens. Besonders die Korrektur stellt aus moralischer Sicht einen schwierigen Fall dar, da ein aus Hundesicht „normales“, sprich artgerechtes Verhalten verboten wird. Sie kommt daher nur in Frage, wenn der betroffene Hund in den meisten Situationen sehr gut ansprechbar ist, mit seinem Menschen kooperiert und trotz des intensiven, langwierigen und konsequenten Trainings das unerwünschte Jagdverhalten weiterhin zeigt, sowie dadurch die Lebensqualität des Hundes gesteigert werden kann. Lassen Sie sich hierbei aber bitte unbedingt von einem erfahrenen Hundetrainer helfen, der beurteilen kann, ob eine solche Korrektur sinnvoll ist und dies mit Ihnen gemeinsam aufbaut.