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Aggression ist Kommunikation

Wenn ein Hund droht oder beißt, gibt es dafür immer einen Grund. Die Ursache des Verhaltens ausfindig zu machen, ist oft gar nicht so einfach. Doch nur dann kann gezielt an dem Problem gearbeitet werden.

Frau Peters ist mit ihrem zehnjährigen Mischlingsrüden Benny im Park unterwegs. Benny kam damals als Welpe in die Familie und war von Anfang an ein entspannter, netter Hund, der sich mit jedem Menschen und Vierbeiner verstand. Doch seit einiger Zeit verhält sich Benny bei Hundebegegnungen anders. Immer wieder knurrt er, wenn sich ihm Hunde nähern, und letztens hat er sogar nach einem jungen Hund geschnappt, der aufgeregt um ihn herumsprang. Frau Peters kann sich das Verhalten ihres Hundes nicht erklären, denn Benny hat nie schlechte Erfahrungen mit anderen Hunden gemacht oder wurde das Opfer einer Beißerei. Verzweifelt wendet sie sich an unsere Hundeschule.

Als ich Benny kennenlerne, fällt beim Aussteigen aus dem Auto auf, dass er wahrscheinlich Probleme im Gelenkapparat hat. Nur zögerlich springt er aus dem Kofferraum und nimmt sofort Schonhaltung ein. Auch sein Gangbild erhärtet den Anfangsverdacht. Auf dem Weg zum Trainingsgelände schwingen die Hüften vermehrt in Richtung der nach vorn geführten Hintergliedmaßen, Benny wirkt insgesamt sehr steif. Auf Nachfrage berichtet Frau Peters, dass Benny seit längerer Zeit ungerne die Treppen ins obere Stockwerk geht und Probleme beim Hinlegen und Aufstehen hat. Als ich Benny im hinteren Rückenbereich berühre, zeigt er Meideverhalten, indem er zurückweicht, zudem beginnt er zu hecheln. Aufgrund meiner Beobachtungen und der Schilderungen der Halterin schicke ich sie zum Tierarzt. Nachdem eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule gemacht wurde, ist die Diagnose klar: Spondylose, eine degenerative, chronisch deformierende Erkrankung der Wirbelsäule. Diese Erkrankung ist oft mit Schmerzen für den betroffenen Hund verbunden. Daher ist auch Bennys Reaktion auf die Nähe anderer Hunde verständlich. Er zeigt eine schmerzbedingte Aggression, durch die er Distanz zu den Artgenossen herstellen möchte, um weitere Schmerzen zu verhindern.

In Bennys Fall ist der Auslöser für sein aggressives Verhalten klar erkennbar und daher eine Verbesserung seiner Lebensqualität wahrscheinlich. Jedoch sind die Gründe, warum Hunde Aggressionsverhalten zeigen, vielfältig und häufig kann nicht der eine Auslöser gefunden werden. Vielmehr bedingen oft eine Reihe von Umständen und Reizen das aggressive Verhalten und Hunde wechseln situativ auch von einer Aggressionsform in eine andere. Diese Mischmotivationen machen es den Haltern nicht immer leicht, die Auslöser oder Ursachen zu finden und zu verändern.

Warum verhalten sich Hunde aggressiv?

An Bennys Beispiel erkennen wir, was Hunde durch ihr aggressives Verhalten erreichen wollen. „Aggressionsverhalten dient der Schaffung oder Aufrechterhaltung von räumlichen und/oder zeitlichen Distanzierungen und dazu, die eigenen Interessen im Konflikt um Ressourcen obsiegen zu lassen.“ (Schöning 2001). Es geht nicht vornehmlich darum, dem Gegenüber zu schaden, sondern den eigenen Gleichgewichtszustand wiederherzustellen. Somit ist das aggressive Verhalten eine Reaktion auf Umwelteinflüsse, die das Wohlbefinden beeinträchtigen. Dabei spielt die Einhaltung der Individualdistanz oder die Durchsetzung eigener Interessen eine zentrale Rolle. Der britische Verhaltensbiologe John Archer drückt dies so aus: „Aggression ist ein Regulationsverhalten, das eingesetzt wird, um störende Reize aus der unmittelbaren Umgebung zu entfernen.“ Aggression dient also der Konfliktvermeidung und ist ein notwendiger Bestandteil der Kommunikation unter Hunden.

Aggressionsverhalten stellt eine unter mehreren Optionen dar, um ein Problem zu lösen. In der Verhaltensbiologie werden diese Konfliktlösungsstrategien auch als die „4 F’s“ bezeichnet, denn in der englischen Bezeichnung fängt jede mit einem „F“ an. Ist Flucht (flight) keine Option, dann kann der Hund in eine Art Schockstarre (freeze) verfallen. Er kann auch versuchen, die Situation durch Beschwichtigungssignale zu entschärfen (flirt/ fiddle about). Jedoch kann es auch zur Abwehr Abwehrreaktion kommen (fight), bei der sich mit allen Mitteln gewehrt wird. Auf welche Möglichkeit der Hund zurückgreift, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Besonders die Erfahrungen in der Vergangenheit in solchen Situationen beeinflussen das Verhalten. Aber auch die Tagesform, die Wichtigkeit der Ressource, die Mensch-Hund- Beziehung, die eigene Persönlichkeit und das Gegenüber spielen eine Rolle.

Was sind die Ursachen aggressiven Verhaltens?

Wie bereits erwähnt, ist das aggressive Verhalten des Hundes oft mischmotoviert. Es gibt Hunde, die den heimischen Garten und das Haus bzw. die Wohnung als wertvolle Ressource betrachten und diese daher vehement verteidigen. Immerhin befindet sich in diesem Territorium der Ruheplatz des Hundes, hier frisst er in Ruhe und dort leben seine Sozialpartner oder der eigene Nachwuchs. Daher ist es aus Hundesicht völlig normal, jeden Eindringling am Betreten des eigenen Reviers zu hindern. Liegt der Vierbeiner allein im Garten und bemerkt den Postboten, zeigt er zunächst Imponierverhalten, um diesen daran zu erinnern, dass dieses Gebiet besetzt ist. Mit hoch erhobener Rute und stolz geschwellter Brust schreitet er steifbeinig zum Gartenzaun. Um den Besitzanspruch zu verdeutlichen, wird sicherheitshalber an der Grenze des Grundstücks mit einigen Spritzern Urin eine Markierung gesetzt.

Trotz dieser Warnhinweise nähert sich der Postbote weiter dem Grundstück. Nun wird der potenzielle Eindringling lauthals verwarnt. Mit tosendem Gebell läuft der Hund am Zaun auf und ab. Das alles scheint den näherkommenden Menschen aber nicht zu beeindrucken, und so wird von einer Eskalationsstufe in die nächste geschaltet. Mit einer Scheinattacke schießt der Hund an den Zaun und schnappt mehrfach in die Luft. Endlich scheint der Eindringling verstanden zu haben, dass er hier unerwünscht ist, und zieht von dannen. Zufrieden kehrt der Hund zu seinem Beobachtungsposten zurück und verbucht sein Verhalten als Erfolg. Dass der Postbote sich nicht aufgrund des gezeigten Verhaltens entfernt hat, sondern weil er die Post in den Briefkasten geworfen hat und zum nächsten Haus muss, weiß der Hund nicht. Dieser wundert sich lediglich, dass der gleiche Typ zwei Tage später schon wieder auftaucht und es anscheinend noch mal wissen will. Eine never ending story ... Die Verteidigung des eigenen Territoriums fällt in den Bereich der Wettbewerbsaggression. Alles, was vom Hund als attraktiv und wichtig angesehen wird, kann gegen Widersacher verteidigt werden. Dazu gehören soziale Kontakte, Fortpflanzungspartner, Nahrung oder die eigene Position innerhalb der Gruppe. Typisch für eine wettbewerbsmotivierte Aggression sind längere Eskalationsphasen sowie ritualisierte Verhaltensweisen. Der jeweilige Hund muss nämlich abwägen, ob die umstrittene Ressource es wirklich wert ist, ein größeres Risiko einzugehen. Bei Konflikten innerhalb der eigenen Gruppe kommt noch die Überlegung hinzu, ob die Situation wirklich so bedeutend ist, dass die Beziehung zu einem wichtigen Sozialpartner gefährdet wird.

Einen weiteren Grund für aggressives Verhalten können wir bei Hunden sehen, die aufgrund einer Erkrankung oder Verletzung zum Tierarzt müssen. Selbstschutzaggression dient der Abwehr von schmerzauslösenden Reizen oder Situationen bzw. wird dann gezeigt, wenn ein Gefühl der Bedrohung entsteht. Oft maßnahmen im Vordergrund. Diese dienen zunächst der Schadensvermeidung, sie ändern nichts an der Ursache des aggressiven Verhaltens.

Natürlich sollten zunächst alle Situationen vermieden werden, in denen es zum aggressiven Verhalten des Hundes kommt. Dadurch soll ein weiteres Lernen am Erfolg vermieden und eine mögliche Eskalation der Aggression verhindert werden. Eventuell wird die Liegestelle so verändert, dass Besucher nicht mehr am Hund vorbeigehen müssen, wenn sie das Haus betreten. Notfalls kann der Hund auch erst einmal weggesperrt werden, wenn Besuch kommt. Lösen bestimmte Gegenstände oder Futter die Aggression aus, dann werden diese Dinge nicht mehr herumliegen oder für den Hund frei zugänglich sein. Ein Hund, der momentan zu aggressiven Verhaltensweisen neigt, darf natürlich draußen nicht mehr frei herumlaufen. Die Absicherung durch eine Leine ist selbstverständlich. Eventuell muss über den Einsatz einer Führhilfe, wie z. B. eines Führgeschirrs, nachgedacht werden. Hat der Hund bereits gebissen oder steht kurz davor, dann ist der Einsatz eines Maulkorbs unumgänglich. Viele Hundehalter scheuen jedoch den Einsatz dieses wichtigen Hilfsmittels. Der Maulkorb soll zum einen den Halter oder andere Hunde vor Verletzungen und weiteren, eventuellen rechtlichen Konsequenzen schützen. Zum anderen ist er manchmal nötig, um ein Training mit dem Hund überhaupt erst beginnen zu können. Wichtig ist die Auswahl eines passenden Maulkorbs und die vorherige Gewöhnung an diesen.

Die Ursachensuche – die Detektivarbeit beginnt

Um den Auslösern und den genauen Ursachen für das Aggressionsverhalten des jeweiligen Hundes auf die Spur zu kommen, bedarf es einer gründl ichen Einschätzung des Vierbeiners. In einem ersten Gespräch versuchen wir, anhand verschiedener Fragen erste Hinweise auf mögliche Ursachen zu finden. Der Halter soll das Verhalten seines Hundes so genau wie möglich beschreiben. Kennt er die möglichen Auslöser oder Ursachen? Auch Fragen zum Alltag mit dem jeweiligen Hund werden gestellt. Wie lebt der Hund, wie sind also die Haltungsbedingungen? Wie verhält sich der Hund im Allgemeinen gegenüber Menschen und Artgenossen? Welche Trainingsmaßnahmen wurden bereits ausprobiert? Im Anschluss stehen dann einige Tests auf dem Programm. Wir möchten den Hund in verschiedenen Situationen beobachten, besonders in der Situation, in der das aggressive Verhalten auftritt. Hier geht natürlich die Sicherheit vor – die des Halters und die des Hundes. Unter kontrollierten Bedingungen wird das Aggressionsverhalten ausgelöst und geschaut, wie sich Hund und Halter dabei verhalten. Aber auch Verhaltensweisen im Vorfeld und nach der aggressiven Reaktion werden beobachtet. All diese Maßnahmen zielen darauf ab, die genauen Ursachen für das Aggressionsverhalten des Hundes zu ermitteln und einen geeigneten Trainingsplan zu entwerfen, der zu einem dauerhaften Erfolg führt.

Trainingsansätze zur Veränderung des Verhaltens

Zunächst lernen die Halter, die aggressiven Signale ihres Hundes zu erkennen. Oft verläuft die Entwicklung des Aggressionsverhaltens schleichend. Meist wird erst dann die Aggression wahrgenommen, wenn der eigene Hund gehemmt oder ungehemmt beschädigt hat. Die Vorzeichen werden oder wurden vom Menschen nicht erkannt oder nicht gestoppt. Dass der eigene Hund bei Begegnungen mit Artgenossen sich optisch vergrößert, steifer wird, den entgegenkommenden Hund fixiert und sich an diesen an der Leine anschleicht, wird von den Haltern nicht als aggressives Verhalten gewertet und laufen gelassen. Der Hund wertet das menschliche Verhalten des Nichtbeachtens aber nicht als Ignoranz, sondern als Akzeptanz seines Verhaltens und fühlt sich darin bestätigt. Als Erste-Hilfe-Maßnahme kann es sinnvoll sein, den Hund zunächst in den entsprechenden Situationen abzulenken. Dieses Ablenken löst aber nicht die Ursache der Aggression. Hierbei besteht jedoch immer die Gefahr, dass eine Belohnung im falschen Moment unbewusst das aggressive und nicht das ruhige Verhalten belohnt. Suche lieber nach einer alternativen Beschäftigung, die der Hund durchführen kann. Gebe Deinem Hund eine sinnvolle Aufgabe, mit der er nicht überfordert ist. Diese Aufgabe orientiert sich dabei an den hundlichen Bedürfnissen und berücksichtigt rassespezifische Veranlagungen. Somit kann der Hund aktiv die Konsequenzen seines Verhaltens mitbestimmen. Für nicht aggressives Verhalten wird er belohnt und lernt, dass es andere Dinge zu tun gibt. Beim Training geht es nicht darum, die aggressiven Verhaltensweisen abzutrainieren, sondern diese in akzeptable Bahnen zu lenken. Auch Übungen rund um die Impulskontrolle des Hundes und die Steigerung seiner Frustrationstoleranz verbessern langfristig die Problematik. Denn ein Hund, der gelernt hat, mehr auszuhalten, und der alternative Strategien besitzt, greift weniger häufig auf aggressive Verhaltensweisen zurück. Ein aggressiver Hund braucht einen souveränen Menschen an seiner Seite, daher sind besonders Veränderungen im alltäglichen Umgang wichtig. Als soziale Lebewesen brauchen Hunde im Zusammenleben mit uns Menschen klare Strukturen, an denen sie sich orientieren können. Dann orientieren sich unsere Hunde auch in ehemals stressigen Situationen an uns und entscheiden sich immer öfter gegen ein aggressives Verhalten.

 

Mein Artikel für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich"

Hundesenioren – Von der grauen Schnauze bis zum letzten Weg

Eine lange Zeit ist er ein aktiver Wegbegleiter – munter und immer in Bewegung. Jetzt liegt er neben Dir und strahlt mehr Ruhe aus denn je. Im Laufe der Jahre wird die Beziehung inniger, man versteht und vertraut sich blind.

 

Welche Faktoren beeinflussen das Lebensalter eines Hundes?

Nicht nur wir Menschen werden immer älter, auch die Lebenserwartung unserer Hunde ist im Laufe der Zeit gestiegen. Wie kommt es zu dieser Steigerung der Lebenserwartung bzw. welche Faktoren beeinflussen das Lebensalter des Hundes?

Die Größe eines Hundes beeinflusst maßgeblich seine Lebenserwartung. Große Hunde haben eine niedrigere Lebenserwartung als kleine, weil sie schneller altern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Göttingen, in die Daten von mehr als 50.000 Hunden einflossen, die 74 verschiedenen Rassen angehörten. Während es die Vertreter großer Rassen wie Doggen und Bernhardiner nur auf fünf bis acht Lebensjahre bringen, kommen Terrier, Dackel und andere kleine Rassen mit zehn bis 14 Jahren auf fast die doppelte Lebenserwartung. 

Genetik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Statistiken zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Alter der Vorfahren des Hundes und den Nachkommen gibt. Sind die Elterntiere alt geworden, wird auch der Nachwuchs selbst mit einiger Wahrscheinlichkeit ein hohes Alter erreichen. Dies liegt daran, dass die Elterntiere ihre zelluläre Gesundheit und erfolgreichen Zellreparaturmechanismen an ihre Kinder weitervererben. Daher ist die Auswahl eines guten Züchters besonders wichtig. Diese sollten weniger auf extreme Größe züchten, sondern vielmehr auf eine hohe Lebenserwartung.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die gestiegene Lebenserwartung unserer Vierbeiner sind die Haltungsbedingungen. So werden Hunde heute anders gehalten als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie leben nicht mehr draußen in Zwingern und gehen tagtäglich bei Wind und Wetter einer anstrengenden Arbeit nach. Die meisten Hunde leben heutzutage gemeinsam mit ihren Menschen in gut beheizten Unterkünften, erhalten regelmäßig Auslauf, werden körperlich und geistig beschäftigt und liebevoll gepflegt. Hinzu kommen die enormen Fortschritte auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung unserer Hunde sowie die ausgewogenere Ernährung.

Wenn ein Hund den Übergang vom erwachsenen zum alten Hund durchläuft, fallen meist einige Veränderungen auf. Doch wann ist ein Hund überhaupt alt, was bedeutet “alt” eigentlich und mit welchen Veränderungen muss man rechnen?

Das Seniorenstadium eines Hundes lässt sich nicht am tatsächlichen Lebensalter feststellen, sondern vielmehr an den Alterszeichen. Altern wird als fortschreitender und nicht umkehrbarer biologischer Prozess bezeichnet, der nach und nach zum Verlust der Organfunktionen führt und mit dem Tod endet. Dieser Prozess setzt bei den meisten Hunden zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr ein (abhängig von der Größe bzw. dem Gewicht des Hundes). 

Das Alter macht sich bei jedem Hund unterschiedlich bemerkbar. Oft sind die ersten „grauen“ Haare besonders im Schnauzenbereich erkennbar, da die pigmentbildenden Zellen nach und nach ihre Funktion verlieren. Bei einigen Hunden lässt das Aktivitätsniveau nach und sie bewegen sich weniger oder ungern. Grund hierfür ist die generelle Verlangsamung des Stoffwechsels. Die Ruhephasen werden dementsprechend länger. Hierdurch kommt es zum Abbau von Muskelmasse und die Gefahr, Fettpolster anzulegen, erhöht sich. Durch die Abnutzung der Gelenke über die Jahre kommt es meist zu weiteren körperlichen Einschränkungen, da bestimmte Bewegungen nun schmerzhaft sein können. Lunge, Herz und Nieren funktionieren im Alter nicht mehr so gut wie früher. Auch eine Unterfunktion der Schilddrüse ist bei vielen Hundesenioren nicht ungewöhnlich. Da das zelluläre Reparatursystem nur noch eingeschränkt arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit einer Tumorbildung erhöht. Besonders Gesäugetumoren, Mund- und Rachentumoren sowie Leber- und Milztumoren drohen nun wahrscheinlicher zu entstehen. Die Funktion von Gehör, Nase und Augen wird zunehmend schlechter. Auch der Geschmackssinn ist von Veränderungen betroffen, sodass einige Hundesenioren das Interesse an Futter verlieren bzw. eine Vorliebe für sehr geschmacksintensives Futter entwickeln.

Die Fellstruktur kann sich im Alter ändern und bietet so weniger Schutz vor Nässe. Durch einen beginnenden Haarausfall mangelt es oft an Unterwolle, sodass Hundesenioren nun sehr viel schneller frieren, als in jungen Jahren. Übelriechender Atem und Probleme bei der Futteraufnahme haben oft ihre Ursache in Zahnproblemen des betagten Hundes. Entzündungen des Zahnfleischs, Zahnstein, abgenutzte bzw. abgebrochene Zähne und Karies sind keine Seltenheit und machen eine Zahnbehandlung erforderlich. Auch die Haut des Hundeseniors verändert sich. Meist wird sie trockener und spröder. Lipome sind gutartige Fettgeschwülste, die nun vermehrt auftreten. Solange sie nicht sehr groß sind oder den Hund stören, müssen diese nicht behandelt werden.

Einige ältere Hunde sind nun nicht mehr in der Lage, ihren Harn oder Kot über einen längeren Zeitraum einzuhalten. Die Inkontinenz im Alter kann verschiedene Ursachen haben. Nierenerkrankungen, Diabetes oder Harnwegsinfektionen sind die häufigsten Auslöser für die nachlassende Stubenreinheit.

Auch das Gehirn ist vom Alterungsprozess betroffen. So lässt die Konzentrationsfähigkeit nach und ältere Hunde brauchen oft mehr Zeit, um sich auf neue Situationen einzustellen und neue Aufgaben zu verstehen. Nun kann es auch zu Verhaltensveränderungen kommen. Manche Hundesenioren reagieren jetzt massiver auf Reize oder werden unsicherer und ängstlich. Durch die abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit werden viele ältere Hunde sehr anhänglich und haben Probleme mit dem Alleinbleiben.

Erkennt der alte Hund plötzlich seine Besitzer nicht mehr oder verläuft sich in der Wohnung, dann leidet er wahrscheinlich an einer CDS, dem cognitive dsyfunction syndrome, eine der Alzheimer-Erkrankung ähnlichen Gedächtnisstörung. Orientierungslosigkeit, Apathie oder vermehrte Unruhe, zunehmende Vergesslichkeit und Inkontinenz sowie ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus können erste Anzeichen hierfür sein. 

Viele Hundehalter möchten, dass ihr Hund seinen Lebensabend in Ruhe verbringen kann. Aber Bewegung sollte doch nach wie vor wichtig sein. - Was braucht ein Hund im Alter und wie kann man ihn beschäftigen, um ihn glücklich und gesund zu halten?

Die meisten Hunde haben kein Problem damit, älter zu werden. Vielmehr bereiten uns Hundehaltern die Veränderungen Sorgen und wir fürchten vermehrt um die Gesundheit unseres vierbeinigen Weggefährten.

Auch bei unseren Hunden gilt: „Wer rastet, der rostet“. Durch ein richtiges Maß an Bewegung bleiben nicht nur Muskeln, Gelenke und der Kreislauf in Schwung, es wird auch die Durchblutung aller Organe gefördert, sodass das Risiko für Übergewicht und Folgeerkrankungen sinkt. Darüber hinaus beeinflusst die regelmäßige Bewegung an frischer Luft die Psyche des Hundeseniors, denn durch die gemeinsamen Spaziergänge werden Stresshormone besser abgebaut. Hierbei gilt aber der Grundsatz, den alten Hund nicht zu überfordern. Lasse Deinen Hundesenior mitentscheiden, denn er weiß am besten, wann eine Pause nötig ist. Gleichmäßigkeit spielt auch bei der Art der Bewegung eine zentrale Rolle, da so Überbelastungen vorgebeugt wird. Viele kurze Spaziergänge über den Tag verteilt sind effektiver als einmal täglich eine große Runde zu gehen. Ist Dein älterer Hund eine Wasserratte, dann bieten sich Schwimmausflüge zum See an. Der gleichmäßige Bewegungsablauf und die Tragkraft des Wassers schonen die Gelenke und regen den Kreislauf an. Beim Schwimmen kann Dein Hundesenior auch besser Maß und Tempo der Bewegung selber bestimmen. Vermeide aber diese Form der Bewegungstherapie in der kalten Jahreszeit. 

Doch nicht nur eine angemessene körperliche Beschäftigung beeinflusst die Alterungsprozesse des Hundes, auch eine ausreichende geistige Belastung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Bei allen Beschäftigungen für ältere Hunde gilt: Kurze Übungseinheiten, rechtzeitige Pausen, Erfolgserlebnisse und Spaß sollten im Vordergrund stehen.

Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfähigkeit sind Suchspiele als Beschäftigungsform für viele Hundesenioren ideal. Verstecke das Lieblingsspielzeug Deines Hundes und lasse es Dir bringen. Wirf eine Handvoll Futter auf eine Wiese oder den mit Laub bedeckten Waldboden und beobachte Deinen Hundesenior, wie er freudig nach diesem stöbert. Biete Deinem Hundesenior verschiedene Denksportaufgaben, bei denen seine Problemlösefähigkeit gefordert wird. Durch selbständiges Ausprobieren und das anschließende Erfolgserlebnis werden verschiedenste Hormone ausgeschüttet, die einer senilen Demenz vorbeugen.

Aufgrund der abnehmenden körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sind im Zusammenleben mit einem Hundesenior aber auch wiederkehrende Rituale wichtig. Schlaf- und Futterplatz sollten sich immer an derselben Stelle befinden. Feste Fütterungs- und Spazierzeiten geben dem älteren Hund im Alltag die nötige Sicherheit und Orientierung.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt und der Hund signalisiert, dass die Zeit für ihn gekommen ist, zu gehen. Er zieht sich zurück, die Gelenke schmerzen, er ergibt sich seinen Altersleiden oder gar seiner Krankheit. Man weiß, dass man ihm einen würdevollen Abschied schuldig ist. Doch wann ist die Zeit gekommen, den Hund gehen zu lassen? Nach welchen Kriterien sollte man diese Entscheidung treffen?

Vor dieser Entscheidung graut es jedem Hundehalter und auch meine Frau und ich mussten diese Entscheidung bereits einmal treffen. Wann ist also der Tag gekommen, an dem die Lebensqualität des Hundes nicht mehr gegeben ist und ich meinen Hund gehen lassen muss? Hierauf gibt es keine eindeutige Antwort. Viele Hunde signalisieren jedoch, dass es jetzt Zeit ist, Abschied zu nehmen. Das Fressen wird eingestellt oder die depressiven und inaktiven Phasen nehmen überhand. Auch massive Schmerzen, für die es keine Linderung gibt, können eine Entscheidung zum Wohle des Hundes begünstigen. Unser Egoismus muss hintenangestellt werden, wenn es darum geht, den Zeitpunkt des Abschiednehmens festzulegen. Wir dürfen nicht die Lebensquantität auf Kosten der Lebensqualität unseres Hundes erhöhen. Falls Du Zweifel hast, frage Menschen, die Denen Hund gut kennen oder Deinen Tierarzt, ob der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Wenn nun aber der Tag gekommen ist, den treuen Gefährten gehen zu lassen, dann ist es die Pflicht des Hundehalters, ihn auf diesem letzten Weg zu begleiten. Viele Tierärzte kommen zu einem nach Hause und ersparen dadurch Hund und Mensch unnötigen Stress. Die gewohnte Umgebung macht das Abschiednehmen leichter. Ob Du vorab einen letzten ausgiebigen Spaziergang mit Deinem Hund unternimmst oder die letzten Stunden mit Schmuseeinheiten auf dem Sofa verbringst, auch hierbei gibt es keine mustergültige Lösung. Höre auf Deinen Bauch und tue das, was Deinem Hund gut tut. Bleibe bis zum letzten Moment bei Deinem Hund und erleichtere ihm so das endgültige Gehen.

Lass im Anschluss den Prozess des Trauerns bewusst zu. Versuche nicht, Deine Traurigkeit zu unterdrücken. Erinnere Dich dabei aber an die schönen gemeinsamen Erlebnisse, von denen es im Zusammenleben mit Deinem Hund mit Sicherheit etliche gab.

Folgendes Zitat des schottischen Dichters Walter Scott (1771-1832) bringt es abschließend treffend auf den Punkt: "Ich habe des Öfteren darüber nachgedacht, warum Hunde ein derart kurzes Leben haben, und bin zu dem Schluss gekommen, dass dies aus Mitleid mit der menschlichen Rasse geschieht. Denn da wir bereits derart leiden, wenn wir einen Hund nach zehn oder zwölf Jahren verlieren, wie groß wäre der Schmerz, wenn sie doppelt so lange lebten?“

Der will nur spielen - Kennzeichen echten Spielverhalten beim Hund

Viele Hunde genießen es sichtlich, mit anderen Vierbeinern zu spielen. Da wird ausgiebig über die Wiese gerannt, gemeinschaftlich an einem alten Handtuch gezogen oder mit viel Getöse gerangelt. Doch woran erkenne ich, ob es sich hierbei auch wirklich um Spielverhalten handelt?

Für echtes Spiel gibt es einige Kriterien, die dieses von anderen Verhaltensweisen unterscheidet. Eine davon ist das sogenannte SELBSTHANDIKAP. Hierbei begibt sich der Spielpartner freiwillig in eine ungünstige Position und macht sich damit unnötig angreifbar. Sei es, dass der Hund seine Geschwindigkeit in einem Rennspiel reduziert oder bei einem Raufspiel nicht mit voller Kraft zu Gange ist.

Viele Hunde schmeißen sich auch während eines Spiels auf den Boden und strecken alle Viere von sich. Durch solche Verhaltensweisen signalisieren Hunde, dass sie in Spielstimmung sind und halten ein Spiel im Gange. Auch werden so soziale Unterschiede ausgeglichen, da ansonsten ein Spiel zwischen einem ranghohen und rangniedrigen Hund nur schwer möglich wäre. Spannend hierbei ist, dass oft der statushöhere Spielpartner sich angreifbar macht und dem Gegenüber damit die Möglichkeit gibt, ihn zu „besiegen“.

Fehlendes Selbsthandikap-Verhalten ist oft die Ursache dafür, dass ein Spiel zwischen Mensch und Hund nicht zustande kommt, besonders wenn die Größenunterschiede immens sind. Daher sollte ich mich in solchen Situationen freiwillig Hinwerfen und damit auf Augenhöhe zum Spielpartner begeben. Dieser erkennt dann schneller, dass ich wirklich nur Spielen möchte.

Kastration beim Hund

Viele Hundehalter beschäftigen sich mindestens einmal im Zusammenleben mit ihrem Hund mit der Frage der Kastration. Viele Hoffnungen, Sorgen und Ängste sind mit diesem Eingriff verbunden und daher stellt sich für viele Hundehalter die Frage nach Sinn oder Unsinn einer Kastration des eigenen Hundes. Im folgenden Beitrag möchte ich Antworten auf die meist gestellten Fragen zum Thema „Kastration beim Hund“ geben.

Warum werden Hunde kastriert?

Es gibt etliche Gründe, warum Hunde kastriert werden. In der von Dr.Gabriele Niepel im Jahr 2002 durchgeführten Bielefelder Studie wurde den Gründen und Auswirkungen einer Kastration bei Hunden nachgegangen. Neben den tatsächlich medizinischen Gründen, die für eine Kastration sprechen, werden vor allem Hündinnen teilweise sehr früh kastriert, um möglichen zukünftigen Krankheiten vorzubeugen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass sich das Risiko anderer Erkrankungen nach einer Kastration erhöht und die Operation durchaus mit nicht unerheblichen Risiken für die Hunde verbunden ist. Einige Hunde werden auch kastriert, um das Zusammenleben mit dem Hund zu vereinfachen oder weil bei einer Mehrhundehaltung eine unkontrollierte Fortpflanzung verhindert werden soll. Bei letzterem Grund wäre eine Sterilisation eine geeignete Alternative.
Neben diesen Gründen erhoffen sich einige Hundehalter auch Veränderungen im Verhalten ihres Vierbeiners und wissen leider nicht, dass viele Verhaltensweisen nicht durch die Geschlechtshormone gesteuert werden und dass sowohl Testosteron als auch Östrogen nicht nur im Bereich der Fortpflanzung eine Rolle spielen. So kann es in manchen Fällen nach einer Kastration zu keiner Veränderung des entsprechenden Verhaltens kommen oder sogar zu einer Verschlechterung.
Das in Deutschland geltende Tierschutzgesetz gibt im §6 einen sehr engen Rahmen vor, in dem eine Kastration beim Hund durchgeführt werden darf. Die Kastration ist gesetzlich nur dann erlaubt, wenn sie im Einzelfall medizinisch indiziert ist oder zur Verhinderung einer unkontrollierten Fortpflanzung oder zur weiteren Haltung des Tieres notwendig ist und keine tierärztlichen Bedenken dem entgegenstehen. Die Kastration zur Prävention möglicher zukünftiger Erkrankungen des Hundes wird gesetzlich nicht abgedeckt.
Generell erfordert daher jede Kastration eines Hundes eine Einzelfallprüfung und daher sind Verpflichtungsklauseln zur Kastration in Vermittlungsverträgen von Tierschutzhunden rechtlich unzulässig. Ob ein Hund aus dem Tierschutz unter den in Deutschland vorhandenen Haltungsbedingungen kastriert werden sollte, muss wie bereits erwähnt im Einzelfall entschieden werden.

Kastration – Sterilisation, wo ist da der Unterschied?

Viele Hundehalter werfen die beiden Begriffe der „Kastration“ und „Sterilisation“ durcheinander und glauben, dass derselbe medizinische Eingriff bei einer Hündin Sterilisation heiße und man beim Rüden von einer Kastration spreche. Dem ist aber nicht so.
Von einer Kastration spricht man, wenn die hormonproduzierenden Keimdrüsen des Hundes entfernt werden, beim Rüden also die Hoden und bei der Hündin die Eierstöcke. Bei der Sterilisation werden jedoch die keimableitenden Wege, sprich Samen- und Eilleiter durchtrennt oder (teilweise) herausgenommen, so dass keine Keimzellen mehr transportiert werden können. Beide Operationen machen den Hund unfruchtbar. Der Vorteil der Sterilisation ist hierbei, dass nicht in den Hormonhaushalt des Hundes eingegriffen wird, was natürlich auch einen Nachteil darstellen kann, denn die hormonell bedingten Verhaltensweisen und möglichen Erkrankungen bleiben bestehen.

Kann eine Kastration Verhaltensprobleme lösen?

Diese Frage kann nicht pauschal mit Ja oder Nein beantwortet werden. Sind die entsprechenden Verhaltensweisen durch die Sexualhormone beeinflusst, kann eine Kastration in manchen Fällen zu Verhaltensänderungen führen. Sind die Verhaltensweisen aber erlernt oder Ausdruck einer fehlenden Erziehung wird eine Kastration zu keiner Veränderung führen und in manchen Fällen sogar zu einer Verschlimmerung.
Sollte die Hündin während ihrer Läufigkeit zum vermehrten Streunen neigen und der Rüde ständig auf Freiersfüßen wandeln und dann zu Urinmarkieren im Haus neigen, vermehrt Jaulen, unruhig sein und kaum noch Fressen, dann kann eine Kastration hilfreich sein. Auch bei der echten Hypersexualität des Rüden verschafft die frühzeitige Kastration eine Verbesserung des Verhaltens. Das vermehrte Aufreitverhalten der meisten Junghunde ist meist aber nicht sexuell motiviert, sondern dient oft dem Stressabbau in Konfliktsituationen oder entsteht aus Langeweile. Es kann auch eingesetzt werden, um einen vermeintlichen Konkurrenten in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken. Daher ist es nötig, genauer hinzuschauen, wenn der eigene Hund einen Artgenossen besteigt. Ist vorher wenigstens ansatzweise irgendeine Form von Balzverhalten zu erkennen? Beschnüffelt und leckt der entsprechende Vierbeiner ausgiebig im Anal- und Genitalbereich seines Gegenübers und aktiviert sein Jacobsonsches Organ, erkennbar am zähflüssigen Absondern von Speichel in Kombination mit Zähneklappern und leichtem Kräuseln der Oberlippe? Falls nicht, handelt es sich in den meisten Fällen auch nicht um ein sexuell motiviertes Aufreiten und eine Kastration führt eher zu keiner Veränderung oder sogar zu einer Verschlimmerung im Aufreitverhalten.
Auch beim Thema Aggression und Kastration ist Vorsicht angesagt. Die Entstehung des Aggressionsverhaltens bei Hunden ist multikausal, d.h. oft gibt es nicht den einen Grund für das aggressive Verhalten. Sollte der eigene Rüde jedoch eine erhöhte Aggressionsbereitschaft nur gegenüber anderen potenten Rüden zeigen, mit Hündinnen oder nicht geschlechtsreifen und kastrierten Rüden keine Probleme haben, kann die Kastration zu einer Verhaltensänderung führen. Auch wenn zwei intakte Rüden gemeinsam in einem Haushalt leben, sich als sexuelle Konkurrenten sehen, es daher zu massiven Beißvorfällen kommt und eine Abgabe einer der beiden Rüden nicht möglich ist, kann die Kastration des Rüden mit dem geringeren Führungsanspruch sinnvoll sein. Diese muss dann aber bei den ersten Anzeichen frühzeitig geschehen, um das beginnende Aggressionsverhalten entsprechend zu reduzieren.

Verändert die Kastration das Wesen meines Hundes?

Durch die Kastration kommt es zu sofortigen hormonellen Umstellungen beim Hund. Die Verbrennungsleistung in der Zellatmung geht zurück und dadurch wird der Grundstoffwechsel um ca. 30% verringert. Einige Hunde erscheinen nach einer Kastration daher träger, brauchen sie doch jetzt nicht mehr so viel Energie. Testosteron und Östrogen haben darüber hinaus auch eine appetitdämpfende Wirkung, so dass bei vielen Hund nach der Kastration das Sättigungsgefühl später eintritt. Diese Veränderungen bedingen eine veränderte Fütterung des Hundes, ansonsten kommt es zu Übergewicht. Die Umstellung auf ein energiereduziertes Futter ist daher anzuraten. Falsch ist es, die Futtermenge einfach zu reduzieren, da somit auch die Menge an den lebensnotwendigen Mineralien, Vitaminen und Spurenelementen im Futter verringert wird und es zu Mangelerscheinungen führen kann.
Das Temperament des Hundes verändert sich nach der Kastration aber kaum. Daher bleiben viele kastrierte Hunde auch weiterhin sehr bewegungsfreudig und aktiv.
Einige kastrierte Rüden zeigen nach einer Kastration eine gesteigerte Aggression gegenüber gruppenfremden Lebewesen, wenn sich Jungtiere (dies schließt auch menschlichen Nachwuchs ein) in der eigenen Gruppe befinden. Grund dafür ist die nun vermehrte Wirkung des Prolaktins, das für das Brutpflegeverhalten verantwortlich ist.
Bei allen Verhaltensweisen, die Cortisol gesteuert sind, wird eine Kastration das gezeigte Verhalten eher verschlimmern, da die Geschlechtshormone als Gegenspieler zum passiven Stresshormon Cortisol fungieren. Futter- und Angstaggressionen sowie eine eher defensive motivierte Territorialverteidigung wird verstärkt gezeigt bzw. durch eine Kastration nicht beeinflusst. Da Cortisol auch mit der Entstehung einer echten Trennungsangst zu tun hat, kommt es auch in diesem Bereich zu einer Verschärfung der Problematik. Ebenso wenig wird sich das Jagdverhalten nach einer Kastration nicht zum Wohle des Halters verändern. Vielmehr zeigen viele Hunde nach der Kastration ein gesteigertes Interesse am Verfolgen von Beutetieren, denn die Sexualhormone wirken eher dämpfend auf die Jagdleidenschaft des Hundes. Nehme ich meinem stark jagdlich motivierten Hund also die Geschlechtshormone, so kann sich dieser nun vermehrt dem Suchen und Hetzen widmen.
Auch bei Hündinnen, die sich ganzjährig sehr rüpelhaft gegenüber Artgenossen jeglichen Geschlechts und Alters zeigen, führt die Kastration eher nicht zu einer Verbesserung sondern in einigen Fällen sogar zu einer Verschlimmerung. Diese „Rüdinnen“ zeigen eher männliches Verhalten, sie heben zum Markieren das Bein und kümmern sich intensiv um die Revierverteidigung. Grund dafür ist der vorgeburtliche Einfluss des mütterlichen Testosterons, da dieses plazentagängig ist. Aber auch die Lage des weiblichen Embryos in der Gebärmutter kann solche vermännlichten Hündinnen erzeugen. Liegt die Hündin nämlich zwischen mehreren männlichen Geschwistern, kann über die Nabelschnur das von den Brüdern produzierte Testosteron in den Blutkreislauf der Schwester gelangen und dort zum Ende der zweiten Schwangerschaftswoche seine volle Wirkung entfalten. Der Programmierung des Gehirns in Richtung männlicherem Verhalten steht dann nichts mehr im Weg. Kastriere ich eine solche Hündin, nehme ihr also den hormonellen Gegenspieler, das Östrogen weg, hat das eigen produzierte Testosteron freie Bahn – mit all seinen negativen Wirkungen für den Halter.
Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass eine Kastration Wesensveränderungen herbeiführen kann. Diese können aber weder für den Halter noch für den betreffenden Hund positiv ausfallen. Daher muss in jedem Fall eine Einzelbetrachtung durchgeführt werden, um Vor- und Nachteile einer Kastration gegenüberzustellen und die eventuell nachfolgenden Wirkungen zu berücksichtigen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Kastration?

Sollte eine Kastration unumgänglich sein, sollte diese frühestens nach Abschluss der Pubertät stattfinden, es sei denn eine dringende medizinische Indikation liegt vor. Als Anhaltspunkt für diesen Zeitpunkt kann bei der Hündin das Ende der dritten Läufigkeit, mit all ihren Folgeerscheinungen herangezogen werden. Je nach Rasse bzw. Größe der Hündin also zwischen dem 12. und 24.Monat. Dieser Zeitraum gilt ebenfalls für den Rüden. Warum sollte ich also das Ende der Pubertät abwarten, bevor ich meinen Hund kastriere? Durch die Pubertät kommt es nicht nur zu wichtigen körperlichen Veränderungen beim Hund, sondern auch zu weitreichenden Umorganisationen im Gehirn. Erst nach Abschluss der Pubertät zeigt der Hund das für Erwachsene typisch rational-vernünftige Verhalten. Stimmungsschwankungen, eine erhöhte Reizbarkeit sowie Stressanfälligkeit und eher emotional gesteuertes Verhalten gehören dann der Vergangenheit an. Unser Vierbeiner ist dann auch in der Lage, Probleme viel effektiver zu lösen.
Findet aber eine Kastration vor diesem wichtigen Entwicklungsabschnitt statt, kann es nicht nur zu körperlichen Problemen im Bewegungsapparat und Herz-Kreislaufsystem kommen, sondern auch dazu führen, dass der betreffende Hund in der Pubertät steckenbleibt. Dann wird der Faktor der Nachsorge immens wichtig. Physiotherapie und verhaltensstabilisierende sowie stressbewältigende Trainingsschritte müssen nun frühzeitig unterstützend eingesetzt werden, um Risiken zu minimieren und die Lebensqualität von Hund und Mensch zu verbessern.

Welche Nebenwirkungen können durch eine Kastration auftreten?

Inkontinenz: Diese mögliche Nebenwirkung betrifft eher die kastrierten Hündinnen. Nach der hormonellen Veränderung durch die Kastration kann es passieren, dass der Schließmuskel nicht mehr ausreichend in der Lage ist, die Harnröhre abzudichten und es besonders im Schlaf zu unkontrolliertem Verlust von Urin kommt. Hündinnen mit einem Körpergewicht von über 20 Kilogramm sind eher von einer Inkontinenz betroffen. Auch die Rasse der kastrierten Hündin hat Einfluss auf diese Form der Blasenschwäche. So leiden ca. zwei Drittel der Boxer-, Dobermann-, Riesenschnauzer- und Rottweiler-Hündinnen nach der Kastration an Inkontinenz.

Fellveränderungen: Bei Hündinnen mit langhaarigem Fell und/oder roter Fellfarbe (z.B. Irish Setter, Cocker Spaniel, Dackel) bewirkt die Kastration oft ein vermehrtes Wachstum der Unterwolle, das Fell bekommt wieder ein eher welpenähnliches Aussehen. Bei Rüden entsteht in einigen Fällen ein stumpferes und flauschigeres Fell, da die Steuerungsfunktion des Testosterons auf die Talgdrüsen wegfällt. Bei beiden Geschlechtern kann es auch zum symmetrischen Haarausfall im hinteren Rumpf- und Flankenbereich kommen.

Übergewicht: Bei vielen kastrierten Hunden ist eine Gewichtszunahme feststellbar. Dafür ist der bereits erwähnte reduzierte Energiebedarf und die fehlende appetitdämpfende Wirkung der Geschlechtshormone nach der Kastration verantwortlich. Eine teuflische Kombination, da die Hunde nun ein größeres Hungergefühl verspüren, aber eigentlich weniger Energie benötigen. Wird die Ernährung daraufhin nicht angepasst, dann kann es zu Übergewicht mit all seinen gesundheitlich schädlichen Folgen (erhöhte Anfälligkeit für Diabetes Typ II, Herzkreislauferkrankungen, Verdauungsprobleme, erhöhtes Risiko von Harnsteinbildung, erhöhtes Narkoserisiko, Gelenkserkrankungen, verringerte Lebenserwartung) kommen.

Tumore: Viele Hündinnen werden bereits sehr früh kastriert, um das Risiko von Gesäuge- oder Gebärmuttertumoren zu verringern. Dass dieser prophylaktische Eingriff gemäß dem Deutschen Tierschutzgesetz unzulässig ist, wurde bereits erwähnt. Was vielen Hundehaltern jedoch nicht bewusst ist und auch nicht mitgeteilt wird ist, dass durch die Kastration das Risiko, an anderen Tumoren zu erkranken, höher wird. So haben z.B. kastrierte Rüden ein bis zu dreimal so hohes Risiko, an Prostatatumoren zu erkranken. Bei kastrierten Hündinnen können Tumore rund um den After und Schließmuskel (Perianaltumore) nun häufiger entstehen. Bei beiden Geschlechtern steigt durch die Kastration das Risiko der Bildung von Tumoren an Milz, Herz oder Knochen.

Bewegungsapparat: Bei allen kastrierten Hunden besteht eine erhöhte Gefahr für Gelenkfehlbildungen und Gelenkschäden. Hierbei gilt, je früher ein Hund kastriert wurde, desto größer das Risiko. Auch die Wahrscheinlichkeit von Kreuzbandrissen steigt bei Kastraten. Grund hierfür ist der verstärkte Muskelabbau und die eintretende Bindegewebsschwäche durch den Wegfall des Testosterons. Dieses Hormon führt normalerweise zur Bildung robusterer Knochen, einer Verstärkung der Skelettmuskulatur und des Bindegewebes. Sind bereits Schäden im Bewegungsapparat vorhanden oder in den Anlagen leider angelegt, dann wirkt sich eine Kastration noch verheerender aus. Eigentlich bräuchten diese Hunde eine besonders gut ausgebildete Haltemuskulatur und ein festes Bindegewebe, um wenigstens einen Teil der Belastung zu kompensieren.

Altersdemenz: Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen sorgt im Gehirn dafür, dass das Protein, aus dem die Alzheimer-Ablagerungen hauptsächlich bestehen, weniger produziert wird und bestehende Ablagerungen abgebaut werden. Beim Rüden wird hierzu Testosteron im Gehirn zu Östrogen umgewandelt. Fällt aber diese Schutzfunktion des Östrogens weg, dann steigt das Risiko von Altersdemenz-Erscheinungen. Orientierungslosigkeit, Vergesslichkeit, gesteigerte Nervosität und teilweise Agressivität sowie Schlafstörungen sind im Alter nun eher und früher zu erwarten.

In welchen Fällen ist eine Kastration zwingend erforderlich?

Es gibt Erkrankungen, die eine Kastration unumgänglich machen. Bösartige Tumore an den Eierstöcken, der Gebärmutter, den Gesäugeleisten oder Hoden und Analbereich, die lebensbedrohlich sind, gehören zu solchen Erkrankungen. Da ohne Kastration ein erhöhtes Risiko besteht, dass diese Tumore nach deren Entfernung wieder entstehen, sollten die hormonproduzierenden Keimdrüsen entfernt werden. Auch eine Gebärmuttervereiterung bzw. -entzündung kann beim wiederholten Auftreten lebensbedrohlich sein, daher ist auch hier eine Kastration anzuraten.
Einige Hündinnen produzieren zu viel Östrogen, so dass sich regelmäßig Zysten an den Eierstöcken bilden und es zu Haut- und Haarveränderungen sowie in manchen Fällen zu chronischen Ohrenentzündungen kommt. Diese Überproduktion des weiblichen Geschlechtshormons kann auch zu Veränderungen an der Gebärmutter führen. Bei dieser Ovariellen Imbalance Typ 1 ist ebenfalls eine Kastration aus medizinischen Gründen angebracht.
Neigt die Hündin zu Vaginalhyperplasien (abnormalen Anschwellen des Scheidengewebes in den Zyklusphasen Proöstrus und Östrus) oder Vaginalprolapsen (Scheidenvorfällen) und bestehen dadurch gesundheitliche Risiken, dann macht eine Kastration zwecks Verhinderung eines Rückfalls Sinn. Auch eine Diabetes mellitus erfordert eine sofortige Kastration der Hündin, da Östrogene die Wirkung der nötigen Medikamente behindern.
Beim Rüden sprechen folgende Erkrankungen für eine medizinisch begründete Kastration: Bösartige Hodentumore, regelmäßige Hodenentzündungen, ernste Hodenverletzungen, bösartige Prostatatumore sowie Perianaltumore oder Perinealhernie (Dammbruch).
Ebenso sollte bei einem beidseitigen Hodenhochstand eine Kastration beim Rüden durchgeführt werden, da es ansonsten zu tumorösen Entartungen der im Bauchraum verbliebenen Hoden kommen kann. Bei einem einseitigen Kryptorchismus reicht es jedoch, nur den im Bauchraum vorhandenen Hoden zu entfernen und durch eine Sterilisation die Weitergabe dieser Erbkrankheit zu verhindern.

Gibt es Alternativen zur chirurgischen Kastration?

Momentan gibt es für Rüden die Möglichkeit, mithilfe eines chipartigen Implantats, diese vorübergehend hormonell ruhig zu stellen sowie unfruchtbar zu machen und somit eine Kastration zu simulieren. Durch den im Implantat enthaltenen Wirkstoff wird die Produktion bestimmter Hormone gedrosselt, die für einen funktionierenden Sexualzyklus notwendig sind. Nach einer Vorlaufzeit von bis zu acht Wochen ist die körpereigene Testosteronproduktion dann für die Dauer von sechs bzw. zwölf Monaten (je nach Implantat) vollständig herabgesetzt. Dies ist sogar äußerlich sichtbar, da die Hoden beim gechipten Rüden merklich kleiner werden. Durch den Wirkmechanismus des Implantats kommt es zu Beginn zu einer verstärkten Hormonausschüttung mit dem verbundenen Anstieg des testosteronbedingten Verhaltens. Einige Rüden reagieren daher in den ersten vier bis sechs Wochen sehr nervig und übermäßig sexualisiert. Dieses Verhalten kann ebenfalls zum Ende der Wirkung des Kastrationschips nochmal auftauchen, der Rüde durchläuft dann eine Art zweite Pubertät.
Nachdem das Implantat seine Wirkung verloren hat, ist der Rüde dann auch wieder voll fortpflanzungsfähig. Es ist davon abzuraten, diesen Kastrationschip vor dem Ende des Wachstumsprozesses anzuwenden, da dieser auch Einfluss auf die Verknöcherung der Wachstumsfuge sowie auf andere Veränderungen im Bewegungsapparat haben kann.
Leider bestehen bei Hündinnen derzeit keine medikamentösen Alternativen zur chirurgischen Kastration zur Verfügung, bei denen nicht mit massiven Nebenwirkungen zu rechnen ist.

Woran sollte ich nach einer Kastration denken?

Wie bereits weiter oben geschildert, bewirkt eine Kastration beim Hund Veränderungen des Verhaltens, der Persönlichkeit und hat Einfluss auf körperliche und gesundheitliche Merkmale. Daher sollten bei der zukünftigen Haltung einige Dinge beachtet werden.

Ernährung: Damit der kastrierte Hund nicht übergewichtig wird, muss die Ernährung umgestellt werden. Ein reduzierter Energie- und Fettgehalt des Futters wird nun wichtig. Ebenso sollte der Anteil an Pflanzenfasern in der Nahrung erhöht werden, um ein besseres Sättigungsgefühl zu erreichen. Ein ausgewogener Mineral- und Vitamingehalt im Futter ist nicht nur für kastrierte Vierbeiner wichtig. Eventuell sollten auch Chondroitinsulfate oder Glukosamine zugeführt werden, da diese als Gelenkschutzfaktoren wirken.

Bewegung: Um den Bewegungsapparat des kastrierten Hundes fit zu halten, ist ein maßvolles, auf Alter und Konstitution des Hundes abgestimmtes Bewegungsprogramm sinnvoll. Sollten bereits körperliche Einschränkungen oder Schäden vorhanden sein, ist auch eine physiotherapeutische Behandlung oder die Unterstützung durch einen Osteopathen angeraten.

Training: Die Kastration führt zu einer eingeschränkten Hirnfunktion und macht den Hund anfälliger für Stress. Im Training sollte daher der Schwerpunkt auf Beschäftigungen gelegt werden, die dem Hund selbstverschaffte Erfolgserlebnisse ermöglichen. Hiermit werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Der dadurch erhöhte Dopamin-Spiegel wirkt der übermäßigen Cortisol-Produktion entgegen und dient darüber hinaus auch vorbeugend gegen mögliche Demenzerscheinungen.

Fazit

Die Kastration bewirkt keine Wunder und ersetzt auf keinen Fall den handlungsfähigen Menschen oder eine Verhaltenstherapie. Viele Verhaltensweisen, die den Halter im Zusammenleben mit seinem Hund stören, sind nicht durch die Sexualhormone bedingt. Daher wird eine Kastration in diesen Fällen keine Veränderung des betreffenden Verhaltens bewirken, sondern kann sogar zu einer Verschlimmerung führen. Nur wenn es sich tatsächlich um ­sexuell motiviertes Verhalten ­handelt, ist eine Kastration eventuell in Erwägung zu ziehen – aber dies sollte unbedingt im Vorfeld mit ­professioneller Hilfe durch genaue Analyse der auftretenden Situationen geklärt werden!
Vor dem endgültigen Schritt der Kastration, ist die chemische Kastration mittels Implantationschip zu empfehlen, der die Sexualhormonproduktion zeitweise unterdrückt. Somit kann für die Dauer der Wirksamkeit des Chips, das Verhalten ohne Einfluss des Sexualhormons beurteilt werden. Ggf. kann man in dieser Zeit auch mit Hilfe eines erfahrenen Hundetrainers eine Verhaltenskorrektur in so weit erreichen, dass das Verhalten auch nach der chemischen Kastration dauerhaft in bessere Bahnen gelenkt wird.
Jeder Hund muss also individuell betrachtet, die möglichen Veränderungen und deren Risiken bei der Entscheidung für eine Kastration bedacht werden.

Freilauf? Aber sicher!

Gemeinsam mit dem Vierbeiner durch Wald und Flur zu strawanzen – und das natürlich ohne die Sorge, dass Strolchi stiften geht – für viele Hundehalter ein lang ersehnter Traum. Mit dem richtigen Trainingsaufbau und Aktivitäten, die Mensch und Hund Spaß machen, heißt es auch bei Ihnen schon bald: Leinen los!

Was für ein herrlicher Tag! Die Luft ist klar und riecht nach Moos, die Sonnenstrahlen fallen durch Zweige der dichten Bäume. Ideales Wetter für einen Spaziergang mit dem Hund. Doch kaum ist Harry von der Leine, prescht er auch schon los und legt binnen weniger Sekunden Hunderte von Metern zurück. Kein Blick nach hinten zu seinem Frauchen. Die ruft Harry nicht mal mehr, weiß sie doch, es würde sowieso nichts bringen. Und meistens kommt der Rüde ja bald wieder zurück. Er muss sich eben mal so richtig austoben können. Aber wirklich wohl ist Harrys Halterin dabei nicht. Was, wenn Harry ein Reh sichtet und dann wirklich mal auf und davon ist? Was, wenn er sich im Dickicht verfängt und ernsthaft verletzt? Oder ein Wildschwein aufstöbert, das ihn angreift? Es könnte doch alles so schön sein: ein entspannter Spaziergang mit einem freilaufenden und dennoch achtsamen Hund. Einfach traumhaft … Vielen Hundehaltern ist es sehr wichtig, dass ihr Vierbeiner draußen frei laufen darf, völlig losgelöst. „Der muss doch auch mal rennen können“, bekommt man als Trainer oft zu hören. Na klar, darf er auch!

Ein paar grundlegende Dinge sollten vorab geklärt sein:

» Wie aufmerksam ist der Vierbeiner seinem Halter gegenüber generell sowie unter Ablenkung?

» Kennt der Hund ein Rückrufsignal, und reagiert er darauf zuverlässig?

» Welche Interessen verfolgt der Hund draußen? Ist er jagdlich motiviert und reagiert auf sich bewegende Reize, oder findet er Artgenossen schon von weitem sehr spannend?

» Womit kann man seinen Vierbeiner beim Spaziergang beschäftigen, was macht beiden – Hund und Halter – gleichermaßen Spaß?

Wer agiert, wer reagiert?

Oft berichten Hundehalter, dass ihr Vierbeiner ihnen zu Hause ständig nachläuft und sehr gut auf Ansprache reagiert – aber sobald er draußen ist, scheint eine völlige Taubheit einzutreten. Auch der Blickkontakt wird nicht mehr gesucht, und anstatt dem Menschen zu folgen, läuft der Vierbeiner fröhlich vorne weg. Alles scheint ihm wichtiger, als auf seinen Menschen zu achten.

Hier sollte sich der Mensch als Erstes die Frage stellen: Wie oft reagiere ich im Alltag auf meinen Hund, und wie oft kann ich dasselbe von ihm verlangen? Ein Mensch, der ständig auf alles eingeht, was sein Hund einfordert, wird schnell zum „Dienstleister“. Doch in einer ausgewogenen Verbindung dürfen beide Partner Forderungen stellen und „gehört“ werden. Es kommt eben auf die Schwerpunkte an. Ein Hund, der zu Hause auf der Couch lümmelt und seine Streicheleinheiten einfordert, muss draußen kein Ignoranzbolzen sein. Aber wenn eben dieser Hund beim Spaziergang die Ohren auf Durchzug stellt und seinen Halter keines Blickes mehr würdigt, dann ist es durchaus angebracht, daheim andere Strukturen zu schaffen. Dann ist die Couch ein Privileg, das nur nach „Genehmigung“ des Halters zugestanden wird. Das Körbchen wird vom Hund nicht nur aufgesucht, um einen erbettelten Knochen zu kauen, vielmehr schickt der Mensch den Hund immer wieder einmal aktiv ins Körbchen und fordert ihn auf, dort auch für einige Zeit zu bleiben. Und die Schnauze, die stupst, erhält nicht sofort einen Keks, ständiges Fordern des Hundes wird nicht mehr mit Aufmerksamkeit belohnt. Hierbei ist wichtig zu bedenken: Auch ein „Nein, es gibt jetzt nichts!“ oder ein „Lass das sein!“ ist eine Form von Aufmerksamkeit. Zwar hat der Hund noch nicht erreicht, was er eigentlich möchte. Doch zumindest scheint der Mensch ja verstanden zu haben, dass der Hund etwas möchte. Und da die Menschen aus Sicht des Hundes oftmals einfach länger brauchen, bis sie etwas verstehen, bleibt er dran. Denn die Aufmerksamkeit, auch wenn es eigentlich „negative“ Aufmerksamkeit war, bestätigt ihn in seinem Verhalten. Er lernt, dass es Sinn macht, weiter zu fordern. Ignoriert der Mensch dagegen das unerwünschte Verhalten des Hundes, indem er diesen weder anfasst, noch anschaut oder anspricht, auch nicht um ihn zu korrigieren, wird der Hund sein Verhalten irgendwann einstellen. Denn wenn keine Reaktion erfolgt, macht es für den Hund keinen Sinn, weiter zu fordern. Dabei ist es egal, welche Mittel der Hund einsetzt, um seine Forderungen durchzusetzen: Die Pfote, die beim Futterbetteln erhoben wird. Die Schnauze, die ständig an die Hand des Menschen stupst, um Streicheleinheiten einzufordern. Der aufgeregt hochhüpfende Vierbeiner, der als erstes begrüßt werden möchte.

Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut

Natürlich sollte man nun nicht ständig und in allen Situationen mit Ignoranz dem Hund gegenüber reagieren. Doch immer sollte klar sein, dass der Mensch die Entscheidung trifft. Er entscheidet, ob er auf eine Spielaufforderung reagiert oder nicht, ob also ein Spiel stattfindet oder nicht. Und selbstverständlich brauchst Du Deinen Hund nicht zu ignorieren, wenn er beginnt, die Wohnungseinrichtung zu zerstören, indem er den Schrank ankaut, den Teppich zerreißt oder Deine Brille vom Tisch klaut. In diesen Situationen hilft Ignoranz leider nicht, da das Verhalten für den Hund selbstbelohnend ist, denn er hat die Brille bzw. den Teppich ja erbeutet bzw. erfährt Befriedigung durch das Kauen an den Möbeln.

Doch auch Aufmerksamkeit in Form eines Verbots kann hierbei zu einer Verstärkung des Verhaltens führen. Nehme daher Deinem Hund die Brille ab, und überlege danach, wie Du in Zukunft vermeiden kannst, dass Dein Hund durch solche Handlungen Aufmerksamkeit bekommt. Durch die Veränderung dieser Strukturen im Alltag lernt Dein Hund, dass Deine Aufmerksamkeit sozusagen ein „kostbares Gut“ ist, auf das er besser reagiert, wenn es ihm geboten wird. So wird er auch draußen besser darauf reagieren, wenn Du ihn ansprichst. Hier sind wird dann schon beim nächsten Problem: Viele Menschen sprechen gern mit ihrem Hund, gerade in Zeiten, in denen der Hund nicht nur Familienmitglied, sondern oftmals auch einziger Lebenspartner und damit Lebensmittelpunkt vieler Menschen ist. Als geduldiger Zuhörer bekommt er nicht selten die Erlebnisse des Tages in aller Ausführlichkeit geschildert, immer wieder vermischt mit persönlicher Ansprache: „Du glaubst es nicht, Kimba, was ich heute erlebt habe.“ „Kimba, die Menschen sind einfach unglaublich.“ So geht es in einem fort… Der Hund lernt dabei nicht nur abzuschalten, wenn der Mensch anfängt, zu sprechen, er lernt auch, dass sein Name offensichtlich keine große Bedeutung hat. Denn es passiert ja nichts, was für ihn wichtig wäre. Dabei sollte der Name des Hundes für diesen eigentlich die Bedeutung haben: „Achtung, mein Hund, ich spreche mit dir. Du bist jetzt gerade gemeint, und es passiert etwas, das dich betrifft.“

„Schau mal!“

Daher ist es häufig sinnvoll, dem Hund ein sogenanntes Aufmerksamkeitssignal beizubringen. Dies kann ein kurzes Wort sein, wie „Schau“ oder „Look“; es kann aber auch ein Geräusch sein, wie das Schnalzen mit der Zunge. Das Signal soll für Bello lediglich bedeuten: Nimm Kontakt zu mir auf, auch aus der Distanz. Näherzukommen braucht der Vierbeiner hierfür nicht. Es geht nur um den Blickkontakt zu seinem Menschen – eben um die Aufmerksamkeit.

Um Deinem Hund das neue Signal beizubringen, hältst Du ein paar Leckerchen bereit und wartest einen Moment ab, in dem Dein Hund zufällig zu Dir schaut. In diesem Augenblick fügst Du das neue Signal hinzu, Du sagst also z. B. „Schau“. Danach folgt eine für den Hund spannende Handlung, er darf das Leckerli fressen, ihm vielleicht vorab noch hinterherjagen oder es fangen. Natürlich könntest Du stattdessen auch ein Spiel mit Deinem Hund beginnen. Da Du diese Übung jedoch nun häufiger hintereinander wiederholen möchtest, ist Futter hierfür meist besser geeignet. Denn hat Dein Hund noch nicht gelernt, einen Gegenstand, den Du zur Belohnung wirfst, zurückzubringen, brauchst Du unter Umständen lange, bis Du die Übung weiter trainieren kannst. Auch starke Erregung des Hundes durch körperliche Spiele führt in der Regel dazu, dass eine längere Pause notwendig wird.

Nun übst Du dies immer wieder, und zwar erst einmal unter geringstmöglicher Ablenkung: Blick – Signal – Belohnung/spannende Beschäftigung. Achtung: Das Signal wird noch nicht vor dem Blickkontakt gegeben! Es dauert eine Weile, bis Dein Hund die neue Vokabel gelernt und mit dem „Schau“ eine konkrete Handlung verknüpft hat. Erst nach etlichen Wiederholungen kannst Du testen, ob Dein Vierbeiner reagiert und Dich anschaut, wenn Du ihm das neue Signal gibst. Warte dazu auf einen Augenblick, in dem Dein Hund Dich gerade nicht anschaut, aber auch nicht mit einer anderen spannenden Aktivität beschäftig ist. Würde er gerade intensiv an einer Stelle schnüffeln oder eine Spur verfolgen, ist die Ablenkung für Deinen Hund unter Umständen noch zu groß. Steht er aber einfach nur da und schaut in die Gegend, und wendet Dir auf Dein Aufmerksamkeitssignal hin seinen Blick zu, dann weißt Du, dass er verstanden hat, worauf es ankommt.

Beginne das Training für das Signal „Schau“, wenn Dein Hund sich in Deiner Nähe befindet. Dein Hund soll ja nicht etwa lernen, dass er zu Dir herankommen soll, um die Belohnung zu erhalten, da Du ihm sonst beibringen würden, dass „Schau“ das neue „Hier“ sein soll. Reagiert Dein Hund zuverlässig auf das neue Signal in Deiner Nähe, kannst Du die Distanz zu Dir steigern. Hat Dein Hund gelernt, einen Ball zu apportieren, kannst Du diesen nun nutzen, um Deinem Hund klar zu machen, dass wirklich nur der Blickkontakt gewünscht ist. Werfe den Ball möglichst hinter Deinen Hund, sodass eine Aktion von Dir weg stattfindet. Alternativ kannst Du Deinem Hund nun auch andere Signale geben, wie z. B. das Signal „Sitz“ oder „Platz“, sodass er lernt, dass es Sinn macht, auf das Aufmerksamkeitssignal hin zu Dir zu schauen, da dann weitere Übungen folgen. Als nächstes gilt es nun also, das neue Signal in verschiedenen Situationen und unter steigender Ablenkung zu trainieren. Auch beim täglichen Spaziergang an der Leine.

Apropos Leine

Die Leine darf gern länger sein. Solange der Hund noch nicht frei, also ohne Leine, rennen darf, ist eine Schleppleine von großem Nutzen. Diese sollte zwischen fünf und zehn Metern lang sein. Bei weniger als fünf Metern kann man nicht wirklich auf Abstand trainieren; bei mehr als zehn Metern hat der Mensch sehr viel „Material zu wickeln“, wenn er die Leine aufnehmen will. Denn die Leine bleibt erst einmal in der Hand des Halters. Schrittweise wird nun das Gefühl der leinenlosen Freiheit geübt mittels dem Aufmerksamkeitssignal und dem Rückruf. Ein zuverlässiger Rückruf ist eines der wichtigsten Basics überhaupt. Denn nur ein Hund, der kommt, wenn man ihn ruft, kann auch frei laufen. Wie bei dem Aufmerksamkeitssignal gilt auch hier: Zuerst wird ohne Ablenkung geübt, danach wird jene allmählich gesteigert.

Anfangs lockst Du Deinen Vierbeiner mit freundlicher, auffordernder Körpersprache zu Dir. Kurz bevor Dein Hund Dich erreicht hat, sprichst Du Dein Rückruf-Signal aus, also z. B. das Wort „Hier“, und belohnst Deinen Hund dann mit einem kurzen, innigen Spiel. Der Hund darf dabei geknuddelt, gelobt und gefüttert werden, er soll merken, dass er willkommen ist und dass es schön ist, bei Dir zu sein. Mit einem kurzen Freigabesignal löst Du die Übung dann wieder auf. Das Rückrufsignal gibst Du im Laufe des Trainings immer früher, bis Dein Hund das Signal erlernt, also mit der Handlung „zu Dir kommen“ verknüpft hat, sodass Du es als neues Signal nutzen kannst, um Deinen Hund zu Dir zu rufen.

Training in kleinen Schritten

Im Idealfall steigerst Du die Ablenkung beim Training der beiden Signale in so kleinen Schritten, dass Dein Hund es möglichst immer schafft, zu reagieren. Je weniger Fehler hierbei passieren, desto zuverlässiger wird Dein Hund die Signale erlernen. Vor allem zu Beginn solltest Du lieber sehr kleinschrittig trainieren, damit es nicht zu einer Fehlverknüpfung kommt. Hat Dein Hund gar keine Vorstellung davon, dass er noch anders als gewünscht auf das jeweilige Signal reagieren könnte, wird sich die gewünschte Verhaltensweise fest bei ihm einprägen. Später dann musst Du die Schritte im Training jedoch vergrößern, da das Training sonst schnell langweilig für Deinen Hund wird. Und so geschieht es dann auch immer wieder einmal, dass Du die Ablenkung falsch eingeschätzt hast und ein Fehler passiert. Ignoriere das Fehlverhalten, noch kann ja nichts passieren, da Dein Hund noch an der Schleppleine läuft. Gehe dann im Training wieder einen Schritt zurück, sodass Dein Hund danach wieder auf Dein Signal reagiert und Du ihn dafür belohnen kannst.

Doch auch jetzt gilt weiterhin: Fehler sollten so selten wie möglich passieren. Dein Hund soll über den Erfolg, über die positive Verstärkung nach dem Ausführen der Signale, lernen, dass es Sinn macht, auf Dich zu achten. Solange es aber noch zu Fehlern kommt, Dein Hund also ab und an Deine Signale nicht ausführt, behältst Du die Schleppleine noch in der Hand. Zu Beginn des Trainings wickelst Du diese dabei in gleich großen Schlaufen auf. Läuft Dein Hund nun vor, kannst Du die Leine abwickeln. Bleibt Dein Hund stehen, nimmst Du die Leine wieder so weit auf, dass keine Schlaufen auf dem Boden liegen. So können weder Mensch noch Hund darüber stolpern – und vor allem kannst Du Deinen Vierbeiner besser festhalten, sollte er doch einmal lospreschen wollen. Hätte er jetzt viel Leine zur Verfügung, würde es zu einem, sowohl für Dich als auch für Deinen Hund, unangenehmen Ruck kommen. Hat er das Ende der Leine erreicht, kannst Du ihn auch mit einem Signal, wie z. B. „Ende“, darauf aufmerksam machen. So lernt er Schritt für Schritt, in welchem Radius er sich von Dir entfernen darf.

Reagiert Dein Hund gut auf Deine Signale, kannst Du die Leine nur noch am Ende festhalten, Dein Hund bekommt ein erstes Gefühl von „Freiheit“. In einem weiteren Schritt lässt Du die Schleppleine fallen, sie schleift nun frei hinter Deinem Hund her. Als Hilfe machst Du Dir am besten eine Markierung durch ein Klebeband oder einen Knoten, etwa ein bis zwei Meter vor dem Ende der Schleppleine. Immer dann, wenn Du die Markierung vor Dir auf dem Boden siehst, musst Du spätestens reagieren. Denn jetzt hast Du noch Zeit, z. B. mit Deinem Fuß auf die Schleppleine zu treten, falls Dein Hund auf Deinen Rückruf oder Dein Aufmerksamkeitssignal doch nicht reagiert. Erst wenn ein solcher Notstopp für lange Zeit und in den unterschiedlichsten Gegenden und Situationen nicht mehr nötig war, kannst Du die Schleppleine verkürzen. Schneide dazu Woche für Woche ein kurzes Stück der Schleppleine ab, bis Dein Hund letztlich ganz frei läuft. Durch das Abschneiden der Schleppleine gewöhnt sich Dein Hund Schritt für Schritt an immer mehr Freiheit. Würdest Du stattdessen einfach so direkt die Schleppleine ganz abmachen, kann es sein, dass Dein Hund lernt, dass er mit Schleppleine auf Deine Signale hören muss, Du ohne Schleppleine aber keine Möglichkeit hast, einzugreifen, wenn er nicht darauf reagiert.

Bleibe spannend für Deinen Hund!

Doch warum soll Dein Vierbeiner draußen überhaupt seine Aufmerksamkeit auf Dich richten? Für ein Futterstück, dass es eh morgens und abends zur Genüge im Napf gibt? Damit wirst Du nur die wenigsten Hunde wirklich überzeugen können. Vielmehr musst Du für Deinen Hund spannend sein, wichtig ist das gemeinsame Erlebnis mit dem Menschen draußen. Dazu musst Du wissen, was genau Deinen Vierbeiner am meisten begeistert. Liebt er Beutespiele, setzt er lieber seine Nase ein oder ist er ständig damit beschäftigt, auf Baumstämme zu klettern und liebt es, sich aktiv und dynamisch zu bewegen? Wenn Du die Interessen Deines Hundes kennst, kannst Du eine entsprechende Beschäftigung wählen, die Deinen gemeinsamen Spaziergang für Deinen Hund spannender macht. Die meisten Hunde apportieren sehr gerne. Dabei ist es ganz egal, ob es sich bei der Beute um einen Ball, einen Futterbeutel oder ein anderes Spielzeug handelt, Hauptsache, es macht beiden, Mensch wie Hund, Spaß. Wenn Du Deinen Hund noch nicht frei laufen lassen kannst, ist ein Training an der Schleppleine problemlos möglich. Diese hilft zudem, wenn Dein Hund das Zurückbringen der Beute noch nicht erlernt hat. Mach Dich dabei klein, locke Deinen Hund zu Dir, und verkürze die Schleppleine, wenn Dein Hund auf Dich zuläuft. Wenn Du nun noch die Beute gegen ein besonders leckeres Futterstück tauschst, wird Dein Hund Dir die Beute bestimmt gern überlassen. Denn schließlich geht es dann auch erneut los mit dem Apportierspaß. Bitte nutze aber zum Apportieren keine Stöcke! Die Verletzungsgefahr ist hierbei wirklich nicht zu unterschätzen.

Auch Suchspiele eignen sich bestens, um Abwechslung in den Spaziergang zu bringen. So kannst Du Leckerchen in Baumrinden, unter Laub oder im Gras verstecken, und den Hund die Futterbrocken erschnuppern lassen. Oder der Apportiergegenstand selbst wird zur Beute, die es zu suchen gilt. Den Futterbeutel kannst Du auch hinter Dir her schleifen, sodass er eine Geruchsspur hinterlässt. Dann darf der Vierbeiner seine Nase in die Fährte eintauchen und gemeinsam mit seinem Menschen zum Versteck marschieren. Alle diese Übungen sind problemlos auch an der Schleppleine möglich. Für bewegungsfreudige Hunde eignet sich „Natur-Agility“: Der Vierbeiner balanciert auf liegenden Baumstämmen, kriecht unter einer Bank hindurch, wird im Slalom um Bäume geschickt oder übt „Männchen“ auf einem Baumstumpf. Die Möglichkeiten sind endlos – halte einfach die Augen offen, Du wirst schnell ein regelrechtes Trainingscamp in der Natur entdecken.

Achte jedoch bitte stets darauf, kein Risiko einzugehen, damit sich weder Mensch noch Hund verletzen. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Hund noch an der Schleppleine läuft. Hier muss man beim Training besonders darauf achten, dass diese nicht hängenbleibt und der Hund einen Ruck bekommt oder aber sogar stranguliert wird.

Ausgelassenes Toben mit Artgenossen

Und dann gibt es noch etwas, das viele Hunde ebenfalls sehr glücklich macht: Toben mit anderen Vierbeinern. Dies ist tatsächlich etwas, dass der Mensch in dieser Form nicht zu ersetzen vermag: das ausgelassene, selbstvergessene, freie Spiel mit einem Artgenossen. Gerade dann, wenn der Hund als Einzelhund in der Familie lebt, sollte man ihm Kontakt zu Artgenossen immer wieder einmal ermöglichen. Doch mit Schleppleine ist dies in der Regel kaum gefahrlos möglich. Denn im wilden Spiel den Radius im Blick zu behalten ist nahezu unmöglich für den Hund. Schnell kommt es dann zu einem harten Ruck, wenn das Ende der Schleppleine erreicht ist. Sind viele Hunde am Spiel beteiligt, können die anderen Hunde auch über die Schleppleine stolpern oder in einer Schlaufe hängen bleiben. Suche daher lieber ein umzäuntes Gelände auf, in welchem Dein Hund nach Herzenslust frei mit seinen Spielkameraden laufen kann. Doch selbst wenn Dein Hund bereits frei laufen darf, solltest Du achtsam bleiben. Überlasse den Vierbeiner nicht einfach sich selbst, sondern rufe Deinen Hund immer wieder einmal zu Dir und unterbreche die Spielsequenz. Nach einem kurzen Stopp bei Dir darf das Spiel dann gern wieder weiter gehen. Dies macht Deinem Vierbeiner klar, dass sein Mensch noch immer präsent ist und er Dich weiterhin im Sinn behalten soll.

Zu guter Letzt: Selbst wenn Dein Hund noch so gut auf Dich achtet und bestens erzogen ist, solltest Du ihn zu Dir rufen und anleinen, wenn sich andere Spaziergänger nähern. So bleiben auf beiden Seiten Entspannung und Respekt gewahrt.

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Sandra Sauer (Martin Rütter DOGS Bad Dürkheim/Ludwigshafen) für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich".

Brauchen Hunde einen festen Liegeplatz?

Unser Harry, Schäferhund-Border Collie-Labrador-Husky-Mix, 1 Jahr alt, will kein Körbchen, keine Decke, Matratze ... einfach keinen festen Platz. Er versucht all diese Unterlagen zu besteigen und beißt sie dabei kaputt. Egal ob weiches Körbchen, Fell oder orthopädische Matratze. Er liegt meist auf dem Boden an wechselnden Plätzen und auch auf Couch und Bett. Aber er braucht doch einen festen Rückzugsort!?

Hunde sind in diesem Alter oft sehr „kreativ“. Gerade den ersten Schub der Pubertät hinter sich, sind sie dennoch lange noch nicht erwachsen. Auch die körperliche Entwicklung ist, gerade bei den großen Rassen, noch nicht vollständig abgeschlossen, sodass man sie noch nicht stark körperlich belasten kann. Die Konzentration im Training hält ebenfalls noch nicht lange an, sodass die geistige Auslastung des Hundes oft auch nur begrenzt möglich ist. Dennoch sind sie voller Tatendrang und Energie, und diese muss dann irgendwo hin. Das äußert sich oftmals darin, dass Möbel oder Decken zerstört werden. Du beschreibst, dass Harry die Decken nutzt, um darauf aufzureiten. Dies kann sexuell motiviert und ein Zeichen für die gerade erfolgten Veränderungen in seinem Körper sein. Es kann aber auch einfach ein Hinweis darauf sein, dass er nicht ausgelastet ist. Daher solltest Du ein intensives Training mit Harry beginnen. Dazu eignet sich z. B. ein Apportiertraining. Dieses kannst Du unendlich variabel gestalten und Harry so ideal fordern.

Einige Hunde zeigen unerwünschtes Verhalten aber auch, da sie damit Aufmerksamkeit erlangen. Selbst wenn diese Aufmerksamkeit für den Hund negativ ist, weil der Mensch mit dem Hund schimpft, hat er doch eine Reaktion des Menschen auf sein Verhalten erreicht. Diese bestätigt ihn darin, das Verhalten immer weiter zu zeigen. Daher solltest Du als allererstes das Verhalten von Harry in Bezug auf das Zerstören von Decken ignorieren. Immer dann, wenn er beginnt, auf der Decke aufzureiten, gehe also weder zu ihm hin, noch spreche ihn an. Du darfst ihn nicht einmal anschauen, denn schon das würde er als Reaktion auf sein Verhalten werten. Wenn er dabei die Decke zerstört, muss er in der nächsten Zeit eben auf einer Decke mit Löchern liegen. Falls es Dir schwerfällt, das Verhalten zu ignorieren, kannst Du die Decken auch wegräumen. Hunde mit viel Unterwolle, wie es beim Husky oder Schäferhund der Fall ist, suchen sich tatsächlich oftmals eher kühle Flächen als Liegeplatz aus. Wenn Dein Hund diese Stellen daher bevorzugt, braucht er auch nicht unbedingt ein weiches Körbchen mit dicker Decke.

Allerdings sollte es aber tatsächlich einen Rückzugsort für Harry geben, wo er nicht gestört wird und entspannen kann bzw. einen Liegeplatz, an den Du ihn immer wieder einmal auch schicken kannst. Denn jeder Hund sollte von Anfang an lernen, für eine Zeitlang an einem bestimmten Ort liegen zu bleiben, bis der Mensch ihn wieder frei gibt, da dies für den Alltag eine große Hilfe sein kann. Nicht alle Menschen mögen Hunde, manche haben sogar Angst vor ihnen. Wenn Du Harry auf seinen Platz schicken kannst, wird auch solcher Besuch ganz entspannt zu Dir kommen können. Solange Harry seine Decken zerstört, reicht es auch, wenn Du seinen Platz mithilfe einer Markierung, z. B. durch ein Klebeband, kennzeichnest. Wichtig ist für den Hund nur, dass er eindeutig erkennen kann, welchen Platz er auf Dein Signal, wie z. B. „Geh auf deine Decke“ aufsuchen soll. Ob dann da tatsächlich auch eine Decke liegt, spielt im Grunde genommen keine Rolle.

Harry muss nun in kleinen Schritten lernen, den mit Klebeband markierten Platz auf Dein Signal hin aufzusuchen. Stelle Dich dazu mit ihm direkt neben das Klebeband und führe ihn mit einem Futterstück auf den Platz. Dort forderst Du ihn dann auf, sich hinzulegen. Verknüpfe nach einigen Wiederholungen diese Handlung mit Deinem neuen Signal, wie z. B. „Geh in deine Ecke“. Achtung, wenn Du das Signal „Platz“ dazu benutzt, dass Harry sich hinlegen soll, eignet sich das Signal „Geh auf deinen Platz“ nicht dafür, dass Harry seine Liegestelle aufsuchen soll, da die beiden Signale dann zu ähnlich sind. Anfangs soll Harry nun nur ein paar Sekunden dort liegen bleiben. Belohne ihn dafür, dass er brav liegen geblieben ist und gebe ihn dann wieder frei. Schritt für Schritt kannst Du die Zeit, die Harry auf seinem Platz liegen bleiben muss, dann immer weiter steigern. Vergesse aber bitte gerade nach einer längeren Zeit nicht, Harry wieder frei zu geben, das Signal also aufzulösen. Steht Harry auf, ohne dass Du ihn frei gegeben hast, bringst Du ihn kommentarlos auf seinen Platz zurück. Warte nun aber nicht ganz so lange, bis Du ihn für das Liegenbleiben belohnst und das Signal wieder auflöst, denn dieses Mal sollte er die Übung mit einem Erfolg.

DOGS Tipp Erstellt von Andrea Buisman

Wenn Hunde alles fressen, was sie finden...

Ich habe eine Labradorhündin mit vielen Sonderausstattungen. Xana ist 2,5 Jahre alt und lebt mit einem anderen Hund zusammen. Soweit so gut. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet mir, dass sie auf dem Spaziergang alles frisst. Vom Taschentuch über Kot, einfach alles, was sie findet. Sie ist so schnell, dass ich oft nicht eingreifen kann. Ich habe Angst, dass sie mal etwas Giftiges frisst.

Viele Labrador Retriever sind tatsächlich regelrechte Fressmaschinen, die alles, was auch nur annähernd essbar zu sein scheint, fressen. Im „Notfall“ (wenn z. B. Frauchen naht …) wird der Fund auch erst einmal heruntergeschluckt, bevor der Labrador darüber nachdenkt, ob es sich überhaupt um etwas Essbares handelte. Damit wird aber auch eine wichtige Komponente deutlich: Je mehr Aufmerksamkeit der Mensch dem Hund dafür schenkt bzw. je mehr er versucht, zu verhindern, dass der Hund etwas vom Boden aufnimmt und frisst, desto intensiver wird dieser nach Nahrung suchen, um sie dann so schnell wie möglich zu fressen.

Ein erster Schritt im Training ist daher, das Verhalten zum einen zu ignorieren (zumindest so lange es sich um etwas Ungefährliches handelt) bzw. so weit wie möglich zu verhindern, dass der Hund überhaupt etwas aufnehmen kann. Dazu kann man den Hund an einen Maulkorb gewöhnen, da er so zumindest feste Dinge nicht mehr einfach so aufnehmen kann. Handelt es sich um Leberwurst oder auch weichen Kot, hilft ein Maulkorb natürlich nur begrenzt, denn der Hund kann die Schnauze auch mit Maulkorb in den Kot bzw. die Paste hineindrücken. Viele Hunde kommen allerdings gar nicht auf diese Idee, sodass ein Maulkorb meist tatsächlich im ersten Schritt Abhilfe verschafft. Alternativ kannst Du Xana erst einmal auch nicht mehr frei laufen lassen, sodass sie sich nicht so weit von Dir entfernen kann. So kannst Du kontrollieren, dass sie nichts vom Boden aufnimmt.

In einem weiteren Trainingsschritt kannst Du Xana beibringen, dass sie nur dann etwas vom Boden aufnehmen darf, wenn Du ihr das Signal dazu gibst. Nehme dazu ein Futterstück in die Hand und halte es ihr vor die Nase. In dem Augenblick, in dem sie das Futterstück aus Deiner Hand fressen will, schließt Du kommentarlos die Hand zu einer Faust, sodass sie nicht an das Futter herankommt. Warte, bis sie nicht mehr versucht, an das Futter in Deiner Hand zu gelangen, bevor Du die Hand wieder öffnest. Dies wiederholst Du nun so lange, bis Xana eine Zeitlang vor der geöffneten Hand wartet. Nun darf sie mit dem Signal „Nimm“ das Futter von Deiner Hand nehmen. Die gleiche Übung wiederholst Du dann mit Futter auf dem Boden. Setze Dich dazu am besten auch auf den Boden. Lege nun direkt vor Xana ein Futterstück auf den Boden. Will sie dieses aufnehmen, verdecke es einfach mit Deiner Hand. Wartete sie ruhig ab, darf sie es mit dem Signal „Nimm“ aufnehmen.

Du kannst Xana auch beibringen, Futter auf dem Boden anzuzeigen. Xana soll dazu lernen, sich immer dann, wenn sie etwas  – ihrer Meinung nach – Fressbares gefunden hat, davor setzen und warten, bis Du zu ihr gekommen bist. Lege dazu Futter unter einem Küchensieb aus, welches Sie z. B. mit Heringen im Boden feststecken, sodass Xana es nicht selbst wegschieben kann. Nun gehe mit ihr in Richtung Sieb. Xana wird vermutlich erst einmal versuchen, an das Futter unter dem Sieb zu kommen. Du wartest nun, bis Xana ruhiges abwartendes Verhalten zeigt und sich vor das Sieb hinsetzt. Nun nimmst Du das Sieb hoch und belohnen Xana mit einem Stück des Futters unter dem Sieb. Im weiteren Training gehst Du nicht mehr mit Xana zusammen zum Sieb, sondern lässt sie vorlaufen. Du näherst Dich erst dann, wenn Xana das Futter sitzend anzeigt. Im weiteren Training entfernst Du dann das Sieb. Gehe hierbei aber erst einmal noch gemeinsam mit ihr zum Futter. Sicherheitshalber führst Du sie an der Leine, damit Du verhindern kannst, dass sie anstatt sich hinzusetzen, das Futter einfach aufnimmt.

Wenn Xana dann noch zuverlässig auf Deinen Rückruf zu Dir kommt, auf ein Stoppsignal anhält und wartet sowie auf das Signal „Nein“ Dinge liegenlässt und sich stattdessen mit einer Alternative beschäftigt, wirst Du weitestgehend verhindern können, dass sie etwas Unerwünschtes vom Boden aufnimmt. Allerdings muss man auch ganz klar sagen, dass es durch noch so viel Training niemals eine hundertprozentige Sicherheit gibt. Du solltest daher Gegenden meiden, in denen gerade Giftköder gefunden wurden. Aus diesem Grund ist es aber auch einfach unheimlich wichtig, dass wir Hundehalter so viel Rücksicht wie möglich auf unsere Mitmenschen ohne Hund nehmen. Je weniger diese sich durch unsere Hunde, deren Anwesenheit, Gebell oder Hinterlassenschaften gestört fühlen, desto größer wird die Akzeptanz unserer vierbeinigen Freunde werden.

DOGS Tipp Erstellt von Andrea Buisman

Viel mehr als reine Konditionierungsmaschinen

Lange wurden Hunde als reine Reiz-Reaktions-Apparate betrachtet. Doch gerade in den letzten Jahren fördert die Wissenschaft Erstaunliches über ihr Lernverhalten zutage. Die Erkenntnisse lassen sich auch für Training und Alltag mit Hund nutzen.

Für meine Hündinnen Ronja (8 Jahre, Mischling) und Gaia (2 Jahre, Weißer Schweizer Schäferhund) gab es eine Rinderkopfhaut zum Kauen. Gaia war, wie immer, schneller fertig als Ronja und lief in der Wohnung umher. Ich beobachtete mit großem Staunen das nun folgende Schauspiel: Gaia lief zur Tür und bellte so, als ob sich jemand davor aufhalten würde. Ronja sprang aus ihrem Körbchen auf und lief ebenfalls bellend zur Tür. Während Ronja noch auf dem Weg zur Tür war, lief Gaia schon zielstrebig zu Ronjas Körbchen, in dem natürlich noch die Reste des Kauartikels lagen. Gaia nahm sich diesen und trug ihn stolz in ihr eigenes Körbchen, um dort nun ihre Eroberung zu fressen. Ich war damals, vor etwa 15 Jahren, wirklich sehr erstaunt über diese Denkleistung der Weißen Schäferhündin, die sich eine clevere Strategie überlegt hatte, um an ihr Ziel zu kommen.

Dieses eine Beispiel aus dem Bereich des kognitiven Lernens verdeutlicht schon, dass Hunde zu so viel mehr in der Lage sind, als die reine Konditionierungsmaschine, für die sie lange Zeit gehalten wurden. In den letzten Jahren widmet sich die Forschung vermehrt den kognitiven Fähigkeiten der Hunde und bringt immer wieder neue Erkenntnisse zu Tage. Doch natürlich dürfen die Konditionierungstheorien nicht gänzlich in den Hintergrund rücken, denn auch diese Prozesse laufen immer und ständig im Zusammenleben mit unseren Hunden ab. Vielmehr kommt es darauf an, sämtliche Aspekte des Lernens beim Training unserer Hunde zu berücksichtigen und individuell die jeweils beste Lernform auszuwählen.

Alle Lernformen beim Hund zu erläutern, würde den Umfang des Artikels sprengen, sodass ich an dieser Stelle lediglich auf einige, für das Hundetraining wichtige Lernformen eingehen möchte. Wie bereits geschrieben, sind die klassische sowie die operante Konditionierung natürlich auch heute noch wichtige Aspekte, die beim Trainingsaufbau berücksichtigt werden müssen. Doch was genau versteht man eigentlich darunter?

Operante Konditionierung

Bei der Operanten Konditionierung geht es um eine Verstärkung bzw. Abschwächung eines Verhaltens, das durch Hinzufügen oder Wegnehmen von angenehmen oder unangenehmen Folgen entsteht. Verwirrend ist dabei für viele Hundehalter die Bezeichnung der vier unterschiedlichen Lernformen, der positiven oder negativen Verstärkung sowie der positiven oder negativen Bestrafung, denn das positiv bzw. negativ in der Bezeichnung hat nichts mit der Wertung der Folgen zu tun, sondern besagt lediglich, dass eine Folge (die dann wiederum angenehm oder unangenehm sein kann) hinzugefügt oder weggenommen wird. Mathematisch ausgedrückt stehen die Begriffe positiv bzw. negativ also für „+“ (Plus) oder „-“ (Minus). Doch schauen wir uns die einzelnen Möglichkeiten zur Beeinflussung des Verhaltens unserer Hunde einmal genauer an.

Verstärkung

Die beiden Lernformen der Verstärkung wirken, wie es der Name schon sagt, verstärkend auf ein zuvor gezeigtes Verhalten. Ein Hund wird ein Verhalten also häufiger zeigen, wenn eine dieser beiden Lernformen zugrunde liegt:

• Positive Verstärkung: Nach dem Verhalten wird eine angenehme Folge hinzugefügt. Bekommt der Hund z. B. ein Stück Futter, wenn er sich hingesetzt hat, wird er sich nach dem Lernprinzip der positiven Verstärkung zukünftig öfter hinsetzen.

• Negative Verstärkung: Nach dem Verhalten wird eine unangenehme Folge weggenommen. Steht der Mensch so lange mit dem Fuß auf der am Halsband des Hundes befestigten, stramm angezogenen Leine, hört der Zug auf der Leine erst dann auf, wenn der Hund sich hinlegt. Nach dem Lernprinzip der negativen Verstärkung wird sich der Hund daraufhin zukünftig häufiger hinlegen.

Bestrafung

Die beiden Lernformen der Bestrafung wirken abschwächend auf ein zuvor gezeigtes Verhalten. Ein Hund wird ein Verhalten also seltener zeigen, wenn eine dieser beiden Lernformen zugrunde liegt:

• Positive Bestrafung: Nach dem Verhalten wird eine unangenehme Folge hinzugefügt. Wenn der Hund an der Leine zieht, ruckt der Mensch an dieser und fügt dem Hund damit Schmerzen im Hals-Nacken- Bereich zu, damit der Hund zukünftig nicht mehr an gespannter Leine läuft.

• Negative Bestrafung: Nach dem Verhalten wird eine angenehme Folge weggenommen. Wenn der Hund bellt, damit der Mensch das geliebte Spielzeug endlich wirft, steckt der Mensch den Ball wieder in die Tasche, es findet kein Spiel statt. Der Hund wird zukünftig seltener bellen, wenn der Mensch das Spielzeug in der Hand hält.

Verhalten ist situationsabhängig

Schaut man sich die jeweiligen Beispiele der vier Operanten Konditionierungsmöglichkeiten beim Hund an, wird bereits deutlich, dass Hundetraining so bzw. allein damit nicht wirklich funktioniert. Dies liegt unter anderem daran, dass das Training von Hunden nicht unter streng geregelten Laborbedingungen stattfindet. Nur weil das Spielzeug eingesteckt wird, wenn der Hund seinen Menschen fordernd anbellt, wird er nicht lernen, wie der Mensch sich ein gemeinsames Spiel stattdessen vorstellt. Verknüpft man diese Lernform aber beispielsweise mit der positiven Verstärkung, indem man das Spielzeug genau dann herausholt, wenn der Hund ruhig ist und das Spiel startet, wenn der Hund nicht bellt, versteht der Hund schnell, was sein Mensch von ihm erwartet.

Zudem müssen Hund und Mensch die angenehme oder unangenehme Folge gleichermaßen bemessen. Damit das Training erfolgreich ist, muss man wissen, welchen Wert der Hund einer Folge zumisst. Wenn ein Hund z. B. an der Leine andere Hunde anbellt und der Mensch den Hund nun ignoriert, ihm also soziale Aufmerksamkeit entzieht, wird der Hund das Verhalten weiterhin zeigen, da die Aufmerksamkeit seines Menschen für ihn, zumindest in diesem Augenblick, nicht wichtig und damit nicht „angenehm“ ist.

Negative Bestrafung funktioniert aber nur dann, wenn „eine für den Hund angenehme Folge weggenommen wird“. Hinzukommt, dass der Erfolg, nämlich die Vertreibung des anderen Hundes, für den Hund angenehm ist. Damit wirkt hier das Prinzip der positiven Verstärkung, eine angenehme Folge nach einem Verhalten verstärkt das Auftreten des Verhaltens. Der Hund hat sich quasi also „selbst belohnt“ und wird damit zukünftig weiterhin andere Hunde an der Leine anbellen.

Individuell belohnen

Wie aber findet man heraus, was für den Hund wichtig ist und als angenehm gewertet wird? Im Training nutzt man als angenehme Folge häufig Futter. Da jeder Hund essen muss, sind Hunde quasi genetisch darauf programmiert, Futter positiv, also angenehm zu bewerten. Doch natürlich ist Futter nicht gleich Futter, und Hund nicht gleich Hund. Für den Labrador ist sogar das trockene Stück Brot ein absolutes Highlight, und das selbst am Ende des Trainings, wenn bei den meisten Hunden das Sättigungsgefühl schon erreicht ist. Dies liegt übrigens laut neuester Forschungsergebnisse daran, dass bei vielen Labrador Retrievern eine Genmutation vorhanden ist, die dazu führt, dass die Regulation der Nahrungsaufnahme gestört ist, diese Hunde haben dann einfach immer Hunger! Die meisten Hunde würden ein Stück trockenes Brot nicht unbedingt als eine sehr hochwertige, also „angenehme“ Belohnung betrachten, es sei denn, sie wären dem Verhungern nahe. Bei einem Stück Fleischwurst oder Käse sieht es da dann aber wieder ganz anders aus, eine solche Leckerei steht bei den meisten Hunden hoch im Kurs.

Dennoch gibt es auch Hunde, für die Futter, und zwar egal welches, nicht die oberste Priorität hat, und die nicht einmal die in Hundehalterkreisen vom Geheimtipp zur Wunderwaffe aufgestiegene Leberwursttube begeistern kann. Doch sobald man das heiß geliebte Bällchen herausholt, verwandelt sich der futtermäklige und scheinbar nur schwer zu trainierende Vierbeiner in einen „Wunderknaben“, der ausdauernd und mit Freude beim Training dabei bleibt, wenn am Ende der Übung nur die Hetzjagd nach dem Beuteobjekt steht.

Der Kontext ist entscheidend

Immer wieder sieht man auch Menschen, die ihren Hund nach einer Übung im Training streicheln. Schaut man sich den Hund dabei an, zeigt dieser jedoch oftmals ein augenscheinlich verwunderliches Verhalten: Er dreht den Kopf weg und weicht mit dem Körper aus, steht vielleicht sogar auf und geht ein paar Schritte zur Seite. Deutlicher kann ein Hund eigentlich gar nicht sagen, dass er diese Aktion seines Menschen gerade als „unangenehm“, in jedem Fall aber als „unpassend“ eingestuft hat. Dabei muss das gar nicht bedeuten, dass dieser Hund grundsätzlich nicht gern gestreichelt wird und den Sozialkontakt mit seinem Menschen nicht genießt. Hier zeigt sich, dass Hunde Folgen situationsbedingt einstufen. Abends auf dem Sofa darf es gern die ausgiebige Schmuseeinheit sein. Zu dynamischen Aktivitäten passt eine solche Handlung jedoch aus Hundesicht nicht. Dennoch schätzen viele Hunde den Sozialkontakt ihres Menschen, sodass ein stimmliches Lob, also ein „Prima, das hast du fein gemacht!“ durchaus als angenehme Folge eingestuft werden kann. Es ist also wichtig, Hunde gut einzuschätzen und ihre Vorlieben zu kennen, um dann individuell die für sie in der momentanen Situation angenehmste Folge auszuwählen.

Ich hatte einen Labradoodle im Training, für den das absolute Highlight tatsächlich der Kontakt mit anderen Hunden war. Das Training mit ihm gestaltete sich daher anfangs relativ schwierig, da er sich für nichts anderes wirklich lange begeistern konnte. Was lag also näher, als seine Leidenschaft als angenehme Folge für unser Training zu nutzen? Jedes Mal, wenn er sich kurz auf Frauchen konzentrierte, durfte er anschließend mit meiner Hündin, die am Rand wartete, Kontakt aufnehmen. Und siehe da, ab dem Zeitpunkt konnte er sich immer länger auf Frauchen konzentrieren, sogar dann, wenn andere Hunde in seiner Nähe waren. Gleichzeitig lernte er, dass ein Spiel mit anderen Hunden durchaus erlaubt war, er dazu jedoch auf das Signal von Frauchen warten musste. Man muss allerdings auch sagen, dass sich ein solches Training relativ langwierig gestaltet, denn der Kontakt mit anderen Hunden nach einer erfolgreichen Übung dauert in der Regel immer eine gewisse Zeit. Der Einsatz von Futter, einem Beutespiel oder Sozialkontakt durch Stimme oder Streicheln lässt sich dagegen viel besser zeitlich dosieren und ist somit geeigneter für das Training von Hunden. Daher sollte man von Welpe an darauf achten, mit dem Hund über das gemeinsame Spiel Belohnungen zu etablieren, damit eben nicht das Zusammentreffen mit anderen Hunden die einzige für den Hund wichtige und bedeutsame Aktion des Tages wird.

Unangenehme Folgen

In Bezug auf unangenehme Folgen gibt es beim Hund dagegen nicht so viele Unterschiede, Traumatisierung durch einen Schreck und das Zufügen von Schmerzen finden alle Hunde nicht angenehm. Doch auch hierbei stufen Hunde die Intensität unterschiedlich ein. Das Sensibelchen wird schon beim laut gebrüllten „Nein“ seines Menschen in sich zusammenfallen, während andere Hunde dabei einfach die Ohren auf Durchzug stellen. Genauso zerrissenem Ohr aus dem Gebüsch und zeigt keinerlei Reaktion darauf. Auch unangenehme Folgen müssen daher individuell ausgewählt werden, damit die gewünschte Veränderung des Verhaltens überhaupt eintreten kann.

Fairness gegenüber dem Hund

An dieser Stelle muss man aber auch einmal ganz klar sagen, dass ein Training mithilfe unangenehmer Folgen, also die Verwendung der positiven Bestrafung sowie negativen Verstärkung, im Hundetraining sehr kritisch gesehen werden muss. Laut §1 des deutschen Tierschutzgesetzes darf niemand einem Hund „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zufügen. Was genau dabei ein vernünftiger Grund ist und ab wann „Leid“ bzw. Leiden beginnt, ist durch das Gesetz jedoch nicht genau definiert. Natürlich heißt das nicht, dass man einem Hund niemals etwas verbieten darf und das Training immer ausschließlich angenehm gestalten muss. Dennoch muss man beim Einsatz unangenehmer Folgen schreit der eine Hund schon laut auf und bewegt sich nur noch humpelnd vorwärts, wenn er nur in eine Brennnessel getreten ist, der andere dagegen kommt mit blutig immer moralisch und ethisch abwägen, inwieweit diese vertretbar sind und sollte sich immer fragen, ob eine Verhaltensänderung nicht auch durch Lernprozesse mit angenehmen Folgen erreicht werden kann. In den meisten Fällen wird Hundetraining bei Martin Rütter DOGS daher mithilfe der positiven Verstärkung oder der negativen Bestrafung erfolgen. Beim Einsatz der anderen beiden Konditionierungsformen sollte man im Zweifel immer einen professionellen Hundetrainer um Rat fragen. Denn das Zusammenleben mit dem Hund sollte immer so fair wie möglich gestaltet sein. Dies muss auch im Training berücksichtigt werden. Von größter Bedeutung scheint in dem Vergleich aber die Rolle der Beziehung zwischen Lehrer und Lernendem. Denn eine Beziehung, die auf Vertrauen, Zuwendung und Zusammenarbeit aufgebaut ist, ist erfolgreicher und angenehmer, als eine auf Angst und körperliche Gewalt aufgebaute Beziehung.

Reiz-Reaktions-Lernen

Nachdem wir nun besprochen haben, durch welche Lernprozesse Verhalten gesteuert werden kann, ist für das Hundetraining noch das gezielte Auslösen von Verhalten entscheidend. Denn der Hund soll sich ja nicht nur einfach so „häufiger hinsetzen“, er soll sich vielmehr genau dann hinsetzen, wenn sein Mensch ihm dies sagt. Der Hund muss also einen gezielten Auslöser für ein Verhalten erlernen. Diesem Lernprozess liegt nun wiederum die Lerntheorie der Klassischen Konditionierung zugrunde. Diese Lerntheorie wurde übrigens eher zufällig entdeckt: Der russische Physiologe Iwan Pawlow entdeckte 1918 in einem Laborexperiment zu Verdauungsprozessen bei Hunden, dass Versuchstiere, die schon längere Zeit in das Experiment eingebunden waren, zu speicheln begannen, schon bevor ihnen Fleischpulver in das Maul gegeben wurde. Der Speichelfluss trat schon beim Anblick des Tierpflegers ein, später sogar schon bei der Wahrnehmung seiner Schritte in das Labor. Es hatte also eine Veränderung des Verhaltens stattgefunden.

Nachdem Pawlow diese Vorgänge bewusst geworden waren, nutzte er sie, um die Abläufe in weiteren Versuchen genauer zu definieren. Er konditionierte die Hunde auf das Geräusch einer Glocke, indem er immer dann, wenn die Hunde gefüttert wurden, die Glocke ertönen ließ. Nach einiger Zeit begannen die Hunde bereits zu speicheln, wenn sie die Glocke hörten, und das, obwohl es gar kein Futter gab. Das Geräusch der Glocke war also zum neuen Auslöser für das Speicheln geworden, welches bisher nur durch den Anblick bzw. Geruch des Futters ausgelöst wurde. Es wurde also ein neuer Auslöser für ein Verhalten erlernt. Die ursprüngliche Form der Klassischen Konditionierung wird auch heute noch im Hundetraining angewendet, und zwar bei der Verwendung des Clickers. Das Click- Geräusch, das für den Hund zunächst keine Bedeutung hat, wird erst durch den Konditionierungsprozess, also durch die gleichzeitige Gabe von begehrtem Futter, zum Verstärker von Verhalten. Auch ein Lobwort, wie z. B. „Fein“ oder „Prima“ sagt dem Welpen zunächst einmal nichts, es muss erst mithilfe der Klassischen Konditionierung vom Hund als Verstärker erlernt werden. Einziger Unterschied zum Clicker oder auch der Pawlowschen Glocke ist hierbei, dass nach dem „Prima“ nicht zwingend Futter, Streicheln oder Spiel folgen muss, sondern für einige Hunde das Wort an sich verstärkend wirkt, da es sich dabei um die Zuwendung des Menschen handelt. Dies gilt aber nur dann, wenn für den Hund die soziale Aufmerksamkeit seines Menschen wichtig ist.

Auch das Erlernen von Signalen erfolgt im Grunde genommen nach dem Prinzip der Klassischen Konditionierung, denn der Hund lernt einen neuen Auslöser (also ein Signal) für ein Verhalten. Der Unterschied zu den ursprünglich von Pawlow untersuchten Abläufen liegt hierbei darin, dass es sich bei Pawlow um ein reflexartiges Verhalten handelte, also um das Speicheln, welches automatisch auftritt. Wenn wir möchten, dass unser Hund sich hinsetzt, wenn wir das Hörzeichen „Sitz“ sagen oder aber den Zeigefinger erheben, dann handelt es sich aber um ein Verhalten, welches der Hund erst einmal vorab durch Operante Konditionierung häufig zeigen muss. Der darauffolgende Ablauf der Signal-Konditionierung ist jedoch der gleiche wie bei der ursprünglichen Klassischen Konditionierung. Der bisher neutrale, dem Hund nichts sagende Reiz des Wortes „Sitz“ wird mit dem erlernten Verhalten „sich hinsetzen“ kombiniert, bis der zuvor neutrale Reiz zu einem erlernten Reiz wurde und der Hund sich auf das Wort „Sitz“ hinsetzt.

So wichtig das Erlernen von Signalen auch ist, da es uns den Alltag mit Hund ungemein erleichtert, ist es dennoch nicht die einzige Lernform, die in der Hundehaltung eine Rolle spielt. Denn Hunde sind genauso wie wir Menschen soziale Lebewesen, die durch soziale Handlungen und den Umgang miteinander lernen. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte Beobachtungslernen.

Beobachtungslernen

Mithilfe von Beobachten und Nachahmen lernen Hunde beispielsweise die Hundesprache besonders schnell und leicht. Dieser Lernprozess findet dabei hauptsächlich in der sogenannten Sozialisierungsphase statt, also etwa ab der vierten Lebenswoche.

Bei meinen eigenen Hündinnen kann ich das immer wieder beobachten, wenn sie selbst Welpen haben. Ab einem gewissen Zeitpunkt, wenn die Welpen etwa 6 Wochen alt sind, nehmen die erwachsenen Hündinnen sich ein Spielzeug oder einen Kauartikel, lenken die Aufmerksamkeit der Welpen auf sich und legen sich mit dem Gegenstand zwischen den Vorderbeinen hin. Die Welpen finden das natürlich spannend und wollen unbedingt wissen, was ihre Mutter da hat. Welpe Nr.1 kommt näher und will es sich ansehen, die Mutter fixiert ihn und er lässt ab. Welpe Nr. 2 ist etwas mutiger und kommt trotz Fixieren näher. Die Hündin zieht die Lefzen hoch und zeigt ihre Zähne, der Welpe zieht von dannen. Welpe Nr. 3 lässt sich davon nicht beeindrucken und kommt noch näher heran. Die Mutter macht einen Schnauzgriff, so dass auch dieser vorwitzige Welpe verstanden hat, dass Mama es ernst meint! Die restlichen Welpen bleiben nun auch auf Abstand, niemand traut sich mehr, Mama das Spielzeug zu klauen.

Alle Welpen haben nun nicht nur gelernt, dass man einem anderen Hund kein Spielzeug klaut, sondern auch was Fixieren, Knurren und das Hochziehen der Lefzen bedeuten: Diese Signale kündigen eine unangenehme Konsequenz, einen Schnauzgriff an. Und das haben selbst die Welpen verstanden, die nur zugeschaut haben. Was bedeutet das nun für das Zusammenleben mit dem Menschen? Der Hund beobachtet uns und unsere Handlungen genauso, wie er das Verhalten anderer Hunde beobachtet, denn Hunde sehen den Menschen als vollwertigen Sozialpartner an. Und sie lernen, was unser Verhalten für sie bedeutet, und das nicht nur in der einen Übungsstunde auf dem Hundeplatz oder den 20 Minuten Training am Tag, die wir mit dem Hund durchführen, sondern immer dann, wenn sie mit uns zusammen sind. Viele Menschen legen viel Wert auf die Durchführung des Trainings, und überlegen und planen genau, wie sie dem Hund eine bestimmte Übung beibringen wollen. Das ist, wie oben bereits geschrieben, ja auch empfehlenswert, man sollte sich vor jeder Übung genau überlegen, wie man das Training gestaltet. Im Alltag jedoch sind die Menschen auf einmal nicht mehr konsequent und entscheiden mal so, mal anders. Hier zeigt sich dann, dass der häufig verwendete Spruch „Beziehung statt Erziehung“ tatsächlich eine große Rolle im Hundetraining spielt. Natürlich muss man Hunde erziehen, muss ihnen Signale beibringen, denn ansonsten ist eine Hundehaltung in unserer heutigen Zeit nicht mehr möglich. Dennoch, das Zusammenleben mit dem Hund findet zum größten Teil im Alltag statt, nicht beim Training. Es muss uns daher klar sein, dass unser Hund uns den ganzen Tag beobachtet. Und wenn er uns als souveränen Sozialpartner wahrnehmen soll, dann müssen wir ihm mit unserem Verhalten auch zeigen, dass er sich an uns orientieren kann. Wir müssen auch im Alltag konsequent sein. Wir müssen die Bedürfnisse unseres Hundes kennen und wahrnehmen und entsprechend umsichtig handeln.

Kognitives Lernen

Doch zurück zum Beispiel meiner beiden Hündinnen zu Beginn des Artikels. Di weiße Schäferhündin trickste erfolgreich die ältere Mischlingshündin aus und ergatterte ihren Kauknochen. Zugrunde liegen hier kognitive Lernprozesse.

Beim Kognitiven Lernen werden bei der Problemlösung mehrere Möglichkeiten im Geist durchgespielt, es wird ein Zusammenhang zwischen Problem und Lösung hergestellt, ohne dass mögliche Lösungsvarianten zuvor real ausgeführt wurden, sodass es keinerlei Erkenntnisse hieraus gab. Hilfsmittel können dazu gezielt eingesetzt werden. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl der Versuch von Wolfgang Köhler, bei dem eine Banane an das obere Gitter des Affenkäfigs gebunden wurde. Durch Hochspringen versuchte der Affe die Banane nun zu erreichen. Da dies nicht von Erfolg gekrönt war, setzte er sich hin und betrachtete seine Umgebung. Nach einiger Zeit stapelte er im Käfig vorhandene Kisten übereinander, sodass er daran hochklettern und die Banane erreichen konnte.

Inwieweit es beim Hund tatsächlich kognitives Lernen, also Lernen durch Einsicht, gibt, ist noch nicht abschließend erforscht. Zwar gibt es viele Beschreibungen von Haltern, in denen Hunde durch Täuschung anderer Hunde (und auch Menschen!) an ein Ziel gelangten, dennoch kann dabei meist nicht geklärt werden, inwieweit es zuvor bereits real ausgeführte Versuche gab, bei denen der Hund durch Versuch und Irrtum, also durch operante Konditionierungsprozesse Lernerfahrungen gemacht hat.

Denn wenn es bei meinen beiden Hündinnen nun ein paar Tage zuvor zu einer Situation gekommen wäre, in welcher tatsächlich ein Mensch an der Tür stand, als die beiden gerade einen Kauknochen hatten, könnte die Schäferhündin in dieser Situation gelernt haben, dass „bellend zur Tür laufen“ erfolgreich ist, da sie im Anschluss daran die liegen gelassenen Kauknochen der Mischlingshündin einsammeln kann. Dagegen spricht dann allerdings, dass die doch eher territoriale Weiße Schäferhündin im Falle einer tatsächlichen territorialen „Bedrohung“ wohl kaum auch nur einen Gedanken an den Kauknochen verschwendet hätte …

Bei all diesen Aspekten, bei denen Lernen eine bedeutende Rolle einnimmt, darf also eines nie außer Acht gelassen werden: Bei unserer Arbeit als DOGS Coach mit den Menschen und ihren Hunden steht die Beziehung der beiden Parteien im Mittelpunkt. Wir müssen die Bedürfnisse von beiden Seiten ins Training mit einbeziehen. Jeder Mensch und jeder Hund sind einzigartig und jedes Mensch-Hund-Team benötigt andere Vorgehensweisen, um an sein Ziel zu kommen und ein entspanntes Miteinander zu erlangen.

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Nicole Freitag (Martin Rütter DOGS Düsseldorf) für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich"

Warum frisst mein Hund eigentlich Gras?

Immer wieder beobachten wir Hundebesitzer, dass unsere vierbeinigen Freunde Gras fressen – und einige sogar ziemlich viel und oft.
Aber WARUM tun Hunde das? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, da es dafür ganz viele unterschiedlich Gründe gibt:

Viele Hunde finden frisches junges Gras einfach lecker, da es oft viele Bitterstoffe, aber auch zuckerartige Stoffe, enthält. Die Meinung der meisten Menschen ist, dass der Hund auf Grund von Mangelerscheinung zum Schaf mutiert – dies ist aber nicht so. Die meisten Hunde leiden nicht unter Mangelerscheinungen, egal welche Form der Fütterung das Tier bekommt.

Verdauungsprobleme können aber oft ein Grund dafür sein. So können Fremdkörper, verschluckte Haare, Knochenreste oder ähnliches dem Hund schwer im Magen liegen. Das gefressene Gras hilft dem Hund zu erbrechen und sich somit von den Störenfrieden zu erleichtern. Aber, das Erbrechen ist meist nicht der Grund für Grasfressen. Bei Untersuchungen wurde festgestellt, dass nach knapp 1.000 Grasfressaktionen sich nur 4 Hunde übergaben.

Verschluckte Fremdkörper können natürlich auch durch den Kot ausgeschieden werden. Hierbei kann das Gras dem Hund auch behilflich sein, da es als Transportmittel dient. Oft gibt der Tierarzt den Tipp, wenn ein Hund etwas Unverdauliches verschluckt hat, Sauerkraut zu füttern. Dieses wickelt sich dann um den Fremdkörper und wird dann entweder oral, meist rektal ausgeschieden, ohne Magen- oder Darmwände zu verletzen. So funktioniert es auch mit Gras. Der Hund weiß also instinktiv, was er in einer solchen Notlage zu tun hat.

Durstige Hunde nehmen ab und an schon gerne eine Extraportion des frischen Grüns, da frisches Gras auch viel Wasser enthält.

Stress kann ein anderer Grund für Grasfressen sein. Bei Stress sinkt der Blutzuckerspiegel. Da Gras ja zuckerartige Stoffe enthält, steigt der Blutzuckerspiegel wieder an. Also – instiktiv alles richtig gemacht!

Langeweile kann ein weiterer Hintergrund sein. Manche Vierbeiner kauen dann halt Gras, wenn ansonsten nix passiert.
Aber auch ein Umlenken des Verhaltens von anderen Hunden steckt manchmal dahinter. Meine Hündin wurde mal von einem anderen Hund ziemlich penetrant gejagt. Plötzlich blieb Emmy stehen und fing an im Gras rumzukauen. Und!? Der andere Hund blieb an selbiger Stelle stehen, um zu schauen, was es denn dort wohl Tolles gibt. So hatte Emmy wieder ihre Ruhe…

Es können aber auch organische Probleme dahinterstecken. Sollte Ihr Hund vermehrt Gras fressen, ist ein Tierarztbesuch ratsam. Leber- oder Nierenschwäche könnte ein Grund sein.

Zu guter Letzt sollten wir aber eigentlich mal klären – Was ist Gras überhaupt? Und WAS genau frisst der Hund da? Oft sind es Kräuter und meist Wildkräuter. Die meisten Wildkräuter haben Inhaltsstoffe, die sehr hilfreich sein können.

Hier eine kleine Übersicht:
Brennnessel (antiallergisch, blutreinigend, blutbildend, harntreibend, stoffwechselfördernd, bei- Harnwegserkrankungen,- Rheumatismus,…)
Löwenzahn (blutbildend, blutreinigend, harntreibend, entgiftend, entwässernd, bei- chronische Gelenkerkrankungen,- Leberschwäche,- Nierensteine,…)
Quecke (bei- Magenschleimhautentzündung,- Darmentzündung,- Stoffwechselstörungen,- Kreislaufstörungen, harntreibend, Nieren stärkend, entschlackend, entwässernd)
Schafgarbe (blutreinigend, blutstillend, blutbildend, krampflösend, gefäßstärkend, gegen Würmer)
Spitzwegerich (antibakteriell, entgiftend, gegen Darmpilze, schützt und stärkt die Bronchien)

Generell sollte immer darauf geachtet werden, dass unser Liebling keine Gräser frisst, die mit chemischen Stoffen behandelt wurden, da dies zu Vergiftungen führen kann.

(Artikel erstellt von Sven Kunkel / Martin Rütter DOGS Schwerin)

Halsband, Geschirr und Co. aus tiermedizinischer Sicht

Zerrt oder pöbelt ein Hund an der Leine, kann der gemeinsame Spaziergang schnell zum Spießrutenlauf werden. Kein Wunder also, dass der Markt für sogenannte Erziehungshelfer boomt. Falsch eingesetzt können sie allerdings massive gesundheitliche Folgen für den Vierbeiner haben. Unsere Expertin verrät, worauf es ankommt.


Auf meinen nächsten Termin wartend, sitze ich im Auto. Im Rückspiegel beobachte ich eine Frau mit ihrem Hund auf der anderen Straßenseite. Der Hund zieht mächtig an der Leine. Die Frau scheint verzweifelt zu sein und ihrem Hund gut zuzureden. Sie bleibt minutenlang stehen und wartet darauf, dass der Hund den Zug auf die Leine verringert. Doch der dreht sich nicht zu ihr um. Dann beginnt sie wieder zu laufen und der Hund zieht ebenso stark an der Leine wie zuvor. Sie hangelt sich über die Leine zu ihm nach vorne und ruckt halbherzig an der Leine. Der Hund duckt sich und setzt sich hin. Er beginnt zu hecheln und man sieht deutlich, dass ihn die Situation verunsichert und stresst. Sie laufen gemeinsam los und wieder zieht der Hund an der Leine. Diese Abfolge wiederholt sich ein paar Mal, bis die Frau aufzugeben scheint und ihn wieder ziehen lässt. Dann verschwinden sie hinter der nächsten Kurve.

Mich stimmen solche Beobachtungen traurig. Gern würde ich diesen Menschen zeigen, dass Hunde-Erziehung auch ohne Schmerzen, Stress, Angst und Unsicherheit funktioniert und wie man zu einem vertrauensvollen Team zusammenwächst. Ich sehe die Verzweiflung, die Hilflosigkeit und den Frust auf beiden Seiten. Verständnis entsteht durch die Vermittlung von Wissen. Die Menschen müssen lernen, ihre Hunde zu verstehen, indem sie deren Körpersprache lesen können. Sie müssen verstehen, dass sie der souveräne Partner in der Beziehung Mensch-Hund werden müssen, und dass dies nicht durch übertriebene Strenge und Strafmaßnahmen, sondern durch ein individuell auf den jeweiligen Hund angepasstes Training erfolgt. Viele der heutzutage leider immer noch angewandten Erziehungsmethoden haben jedoch insbesondere auf die Psyche des Hundes schädigende Auswirkungen und führen häufig zu Angst, Schmerzen, dem Gefühl von Hilflosigkeit, Überforderung und Kontrollverlust. Psychisches Leid kann man nur schwer an medizinischen Befunden festmachen, sodass diese Auswirkungen nicht selten unerkannt bleiben.

Gerade der Einsatz von körperlichen Strafmaßnahmen, wie dem Nackengriff mit Schütteln oder dem beidseitigen Festhalten im Nackenfell mit gleichzeitigem Anstarren, ist abzulehnen. Auch wenn es dabei sicherlich zu körperlichen Verletzungen kommen kann, stehen hierbei die psychischen Schäden im Vordergrund. Wenn ein Hund den anderen im Nacken packt und schüttelt, steht in der Regel eine ernste Verletzungsabsicht dahinter. Wie soll sich ein Hund fühlen, wenn der Mensch dies zu seiner Maßregelung nutzt? Der Vertrauensverlust ist quasi schon vorprogrammiert. Auch das Anstarren ist unter Hunden als ernsthafte Drohung zu verstehen. Kann der Hund dieser Drohung des Menschen nun nicht ausweichen, weil er mit den Händen festgehalten wird, ist die psychische Belastung immens.

Erziehungshelfer unter der Lupe

Sind Hilfsmittel als „schlecht“ und für das Training ungeeignet anzusehen, und wenn ja, welche? Hilfsmittel kommen z. B. dann zum Einsatz, wenn der Hund im Alltag außerhalb des eigenen Grundstücks geführt werden muss. Um ihn und andere zu schützen bzw. nicht zu belästigen, können Halsband, Geschirr und Leine geeignete Hilfsmittel sein. Hilfsmittel werden aber auch dann eingesetzt, wenn zuvor angewandte Erziehungsmethoden nicht wirken oder der Mensch körperlich nicht in der Lage ist, den Hund zu halten.

Die Tücken des Halsbands

Eines der am häufigsten genutzten Hilfsmittel in der Hundeerziehung ist wohl das Halsband, dass es in vier unterschiedlichen Ausführungen gibt: das „einfache“ Halsband, das sogenannte „Halbwürger-“ oder auch „Zugstopp-Halsband“, das „Würgehalsband“ oder auch „Zughalsband“ sowie das „Korallen-“ oder auch „Stachelhalsband“.

Das „einfache“ Halsband kann aus Leder, Stoff oder Kunststoff gefertigt sein. Entscheidend in Bezug auf die schädigende Wirkung ist seine Breite, denn je dünner das Halsband, desto mehr Druck wird auf eine bestimmte Stelle am Hals ausgeübt, sobald Zug auf das Halsband kommt. Als Faustregel gilt: Die Breite des Halsbandes sollte mindestens der Breite des Nasenspiegels des Hundes entsprechen. Bei Windhunden gibt es sogar noch viel breitere Spezialanfertigungen, da sie in der Regel in Bezug auf die Proportion zum restlichen Körper einen besonders langen Hals besitzen und das Halsband bei ihnen daher deutlich breiter als der Nasenspiegel sein sollte.

Grundsätzlich werden alle Halsbänder aus tiermedizinischer Sicht problematisch, sobald durch Zug am Halsband (über die Einwirkung durch die Leine) Druck auf den Hundehals ausgeübt wird. Läuft ein Hund entspannt an lockerer Leine, wird das Halsband nicht belastet, die lockere Verbindung dient dem Hund lediglich als Orientierungshilfe bzw. in plötzlich auftretenden Gefahrensituationen zur Sicherung des Hundes. Wird Zug über das Halsband aufgebaut, wirkt sich dieser auf die Organe des Hundekörpers aus. Dies geschieht sowohl beim Zug oder Ruck an der Leine, als auch bei Hunden, die aus unterschiedlichsten Gründen aus eigenem Antrieb stark an der Leine ziehen.

Welche Organe können hierbei betroffen sein? Halsbänder sitzen in der Regel im Bereich des vierten und fünften Halswirbels. Unterhalb der Halswirbel und zwischen mehreren großen Muskelgruppen liegen die Halsschlagader, die Luftröhre, die Speiseröhre, Nerven und die Schilddrüse. Durch Zug auf das Halsband werden diese Organe zusammengequetscht und je nach Stärke der Einwirkung kann es zur Beschädigung dieser Organe und Einschränkung ihrer Funktionen kommen. Nun müsste man ja meinen, dass ein Hund selbst merkt, dass ein Verhalten ihm Schmerzen bereitet und für ihn schädlich ist, und er es deshalb einstellt bzw. anderweitig reagiert. Doch wenn andere Motivationen stärker sind als die Vermeidung von Schmerzen und Schäden, handeln einige Hunde quasi „ohne Rücksicht auf eigene Verluste“.

Ich habe Hunde kennengelernt, die alles versuchen, um zum Hund auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu gelangen, mit der Absicht, diesen zu verletzen – und das, obwohl sie angeleint sind, und die sich dabei selbst durch die Schmerzen, die durch den Druck des Halsbandes auf den Hals entstehen, nicht zurückhalten lassen. Nicht selten hört man ein Röcheln oder Husten des an der Leine zerrenden Hundes, das mehrere Minuten andauern kann. Durch die Atemnot kann ein Lungenödem entstehen, der Augeninnendruck kann ansteigen und Schäden an der Schilddrüse können zu Schilddrüsenerkrankungen führen. Auch Bandscheibenvorfälle, Nervenverletzungen und Spätfolgen wie Arthrose und Spondylose können eine Folge sein. Die dadurch entstehenden Schmerzen können wiederum Aggressionsverhalten auslösen bzw. bestehendes Aggressionsverhalten verstärken.

Spezial-Halsbänder

Vergleichbar in der Wirkungsweise mit dem „einfachen Halsband“ sind die sogenannte „Halbwürger-“ oder „Zugstopp- Halsbänder“. Sie sollen den Hund, anders als der Name es vermuten lässt, nicht würgen. Dazu müssen sie aber richtig angelegt sein! Diese Halsbänder besitzen einen Zugstopp, der verhindert, dass sich das Halsband unendlich zusammenzieht und den Hund dadurch würgt. Der Vorteil dieser Halsbänder gegenüber dem einfachen Halsband liegt darin, dass sie so eng eingestellt werden können, dass der Hund sich das Halsband nicht über den Kopf abstreifen oder beim Rückwärtsgehen selbst herausschlüpfen kann, ohne Zug jedoch sehr locker um den Hals liegen. Ein solches Halsband kann daher bei Hunden mit viel Fell oder viel Haut im Halsbereich (der sogenannten „Wamme“) angenehmer zu tragen sein als ein einfaches Halsband. Tierschutzrelevante Hilfsmittel „Würgehalsbänder“ dagegen haben diesen Zugstopp nicht und sind in Deutschland nach § 1 und § 3 des Deutschen Tierschutzgesetzes verboten, denn demzufolge „darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Zudem „ist es verboten, ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind“. Es werden jedoch keine Hilfsmittel explizit im Deutschen Tierschutzgesetz aufgezählt, sodass sich einige Trainer leider immer noch darauf berufen, dass der Einsatz von Würgehalsbändern, aber auch von Stachelhalsbändern, gerechtfertigt wäre, da es ja nicht zu „erheblichen“ Schmerzen kommen und die Erziehung des Hundes ja durchaus ein „vernünftiger Grund“ darstellen würde. Dass man Hunde nicht über Schmerzen erziehen muss, ist längst keine Frage mehr. Doch sind die Schmerzen bei der Anwendung dieser Hilfsmittel wirklich nicht erheblich?

Verwendet man Würgehalsbänder, besteht die Gefahr, dass sich das Halsband so stark zusammenzieht, dass der Hund stranguliert wird. Eine besonders schmerzhafte Wirkung wird über das eng fixierte Anlegen der Leine direkt hinter den Ohren verursacht, da hierüber die Luftzufuhr im Kehlkopfbereich des Hundes unterbunden wird und dieser sofort in Atemnot gerät. Hält ein Trainer eine solche Maßnahme für notwendig, um den Hund zu erziehen, oder wohl besser gesagt, „gefügig zu machen“, sollte man sofort das Training beenden, da es nicht nur zu Schmerzen und Schäden, sondern auch zu einem großen Vertrauensverlust in Bezug auf den Halter führen kann.

Ähnliches gilt für das „Korallen- oder Stachelhalsband“, bei dessen Verwendung tiefe Wunden mit eitrigen Entzündungen entstehen können. Die Anwendung von Gumminoppen auf den Stacheln verhindert zwar, dass die Stacheln zu blutigen Verletzungen am Hundehals führen, jedoch verstärkt sich damit noch die schmerzhafte Wirkung durch die Quetschung. So oder so ist die Verwendung dieses Hilfsmittels daher natürlich absolut abzulehnen. Leider scheint es dennoch so, dass immer noch viel zu viele Menschen denken, dass Hunde nur durch Strafe erzogen werden können. Es liegt also an uns Trainern, hier aufzuklären. Wer seinem Hund in kleinen Schritten zeigt, welches Verhalten er von ihm erwartet und richtiges Verhalten belohnt und verstärkt, wird den Hund nicht nur erfolgreich erziehen, er wird auch zum Partner, dem sein Hund vertraut.

Den Leinenruck „beschönigen“?

Den Ruck an der Leine sehe ich im Alltag bei den unterschiedlichsten Mensch- Hund-Teams leider immer noch relativ häufig. Da mittlerweile viele Menschen wissen, dass Hunde nicht über grobe körperliche Einwirkungen trainiert werden sollten, wird das Rucken an der Leine nicht selten „beschönigt“: „Ich zupfe ja nur ein bisschen …“ Gerade am Hals sitzen jedoch empfindliche Organe des Hundes. Auch ein leichtes „Zupfen“ ist daher nichts anderes als ein Leinenruck und für den Hund eine unangenehme Einwirkung, die selbst bei leichter Ausführung mit Schmerzen verbunden sein kann. In diversen Internet-Foren findet man zudem oft hilfreiche Ratschläge, die genaue Anweisungen geben, wie ein Ruck beim Hund erfolgen muss: „Wenn schon Leinenruck, dann bitte zur Seite, damit unterbricht man das Vorwärtsziehen des Hundes.“ Solche Kommentare machen mich ebenfalls sprachlos, denn ich frage mich, woher diese Tipps stammen. Es gibt keinen Unterschied in der Wirkung, ob der Leinenruck von oben, unten, links oder rechts erfolgt, es ist und bleibt eine unangenehme und damit bestrafende Einwirkung für den Hund, die dem Lernprinzip der positiven Bestrafung folgt: Nach dem unerwünschten Verhalten folgt eine für den Hund unangenehme Konsequenz, damit der Hund das Verhalten in Zukunft nicht mehr zeigt.

Wäre es nicht viel schöner, wir würden dem Hund einfach erst einmal zeigen, was wir überhaupt von ihm erwarten und diesem erwünschten Verhalten dann eine angenehme Konsequenz folgen lassen, also mit positiver Verstärkung trainieren? Das geht beim Aufbau der Leinenführigkeit nämlich genauso einfach wie bei jedem anderen „Trick“, den man dem Hund beibringen will. Wichtig ist nur, dass man das Training in kleinen Schritten aufbaut und den Hund nicht überfordert. Doch was soll man tun, wenn man mit einem angeleinten Hund durch eine Situation laufen muss, die für ihn noch zu schwierig ist, weil die Ablenkungen einfach zu groß sind? In solchen Fällen kann man sich behelfen, indem man den Hund immer nur dann am Halsband führt, wenn man die Leinenführigkeit trainiert, und in allen anderen Situationen die Leine am Geschirr befestigt.

Vor- & Nachteile des Geschirrs

Damit sind wir dann eigentlich auch direkt beim nächsten Punkt: Viele Menschen möchten ihren Hund aufgrund der möglichen Verletzungsgefahr überhaupt nicht am Halsband führen, sondern grundsätzlich lieber ein Geschirr nutzen. Doch ist das überhaupt „besser“? Die unendliche Geschichte von Halsband und Geschirr füllt ganze Foren und wird unter Hundehaltern heiß diskutiert. Aber wieso „unendlich“? Weil es nicht die Antwort auf diese Frage gibt. Denn auch ein Geschirr kann bei starkem Zug an der Leine zu gesundheitlichen Schäden führen. Es gibt zahlreiche Varianten und die Auswahl des passenden Geschirrs ist gar nicht so einfach. Um den richtigen Sitz, beziehungsweise Vor- oder Nachteile bestimmter Modelle zu beurteilen, muss man sich das Skelett des Hundes anschauen. Beim „Geschirr mit Brustriemen“ verläuft ein Gurt quer über die Brust des Hundes. Dieser ist mit einem Gurt verbunden der hinter den Vordergliedmaßen den Brustkorb umschließt. Ein solches Geschirr liegt über dem Schultergelenk. Dadurch wird die Bewegungsfreiheit der Schulter eingeschränkt und bei Zug auf der Leine wird der Druck auf verschiedene Knochenpunkte im Schultergelenk ausgeübt. Daher ist der dauerhafte Einsatz dieses Geschirrs nicht zu empfehlen.

Das „Geschirr mit Schulterriemen“ besitzt zwei Gurte, die den Hals sowie den Brustkorb umschließen und mit zwei Stegen, dem Bauch- und dem Rückengurt, miteinander verbunden sind. Dadurch wird, wenn Zug auf die Leine kommt, weniger Druck auf das Schultergelenk ausgeübt und der Druck relativ gleichmäßig auf den Brustkorb verteilt. Zugpunkt ist hierbei das Brustbein. Dieses Geschirr gibt es in unterschiedlichen Varianten, vom einfachen Nylongeschirr mit relativ dünnen Gurten, die bei Zug schnell einschneiden, bis hin zum komfortablen gepolsterten Geschirr mit breiten Gurten bzw. Stoffeinsätzen. Doch zu empfehlen ist auch dieses Geschirr nur dann, wenn es dem Hund wirklich passt.

Dies ist generell der große Nachteil gegenüber Halsbändern, denn da ein Geschirr den Hund an deutlich mehr Stellen umfasst, sind die unterschiedlichen Maße, gerade in Bezug auf die vielen unterschiedlichen Rassen und deren komplett anderen Körperbau oft gravierend. Hinzu kommt, dass der Körper des Hundes sich verändert, zunächst im Wachstum vom Welpen zum Junghund, später dann in Bezug auf Breite und Bemuskelung beim Übergang von der Pubertät zum erwachsenen Hund, aber auch dann, wenn der Hund altert. Kann man ein Halsband relativ einfach einstellen und an körperliche Veränderungen anpassen, ist dies beim Geschirr nur bedingt möglich. Ein zu kurzes Geschirr führt dann schnell zu wunden Scheuerstellen hinter den Ellenbogen, ein zu großes Geschirr rutscht hin und her und behindert den Hund beim Laufen.

Das Ausbildungsgeschirr

Eine weitere Geschirr-Variante, die in letzter Zeit immer beliebter wird, ist das Ausbildungsgeschirr. Hier handelt es sich um eine abgewandelte Ausführung des „Geschirrs mit Brustriemen“, das bei Hunden eingesetzt wird, die stark an der Leine ziehen und damit zur Gefahr für ihren Menschen werden, die den Hund ansonsten nicht halten können. Anders als beim normalen „Geschirr mit Brustriemen“ besitzt dieses Geschirr zwei Ringe, an denen eine Leine befestigt werden kann. Ein Ring befindet sich auf dem Rücken, der zweite Ring sitzt mittig auf dem Brustriemen. Zieht der Hund nach vorne, biegt der Mensch in die entgegengesetzte Richtung ab. Dabei führt er den Hund mithilfe der am vorderen Ring befestigten Leine sanft in die andere Richtung. Durch den Zug übt das Geschirr Druck auf die äußere Schulter des Hundes aus. Der Hund wird nun noch mehr in seiner Vorwärtsbewegung eingeschränkt als dies beim normalen Geschirr mit Brustriemen schon der Fall ist.

Die Einwirkung muss also wirklich vorsichtig erfolgen. Keinesfalls sollte der Hund ausschließlich über den vorderen Ring geführt werden. Es sollte immer eine zweite Leine am oberen Ring auf dem Rücken eingehakt sein, mit welcher der Hund im Notfall gehalten werden kann. Das Ausbildungsgeschirr ist nur als kurzfristiges Hilfsmittel anzusehen, das keinesfalls dauerhaft eingesetzt werden sollte. Doch eine gute Leinenführigkeit ist nicht innerhalb von wenigen Tagen erreichbar und so kann das Ausbildungsgeschirr helfen, den Hund übergangsweise spazieren zu führen, ohne dass Mensch und Hund sich und andere gefährden. Gerade für Halter, die ihren Hund sonst nur mithilfe eines Ketten-, Würge- oder sogar Stachelhalsbandes führen können, ist das Ausbildungsgeschirr eine gute Alternative, bis der Hund auch ohne dieses Hilfsmittel an lockerer Leine laufen kann.

Das Kopfhalfter

Seitdem das Ausbildungsgeschirr auf dem Markt ist, sieht man Hunde, die am sogenannten Kopfhalfter geführt werden, nicht mehr ganz so häufig. Es ist dem Halfter bei Pferden ähnlich: Ein Riemen wird über die Nase des Hundes gelegt, ein zweiter Riemen wird hinter den Ohren des Hundes im Genick verschlossen. Der Nasenriemen ist als Zugriemen ausgelegt, in den am unteren Ring die Führleine eingehakt wird. Zieht der Hund an der Leine, zieht sich der Nasenriemen zusammen, der Hund kann nicht mehr nach vorne ziehen. Problematisch ist hierbei jedoch, dass das Kopfhalfter dabei auf das Genick des Hundes wirkt, man spricht von einer sogenannten Hebelfunktion. Ein heftiger Ruck kann daher zu einer wirklich starken Verletzung der Wirbelsäule im Hals-Nacken-Bereich führen! Die Krafteinwirkung des Hebels wird zudem nicht nur von der eigenen Hand und damit der eigenen Kraft bestimmt, sondern auch von der Bewegung des Hundes. Schießt dieser nach vorne und bringt dadurch Spannung auf die Leine des Kopfhalfters, wirken unheimlich starke Kräfte auf das Genick des Hundes. Aus diesem Grund darf ein Hund niemals ausschließlich am Kopfhalfter geführt werden. Der Hund muss immer zusätzlich ein Geschirr oder ein Halsband tragen, an dem eine zweite Leine befestigt ist und mit welcher der Hund in solchen Situationen gehalten werden kann.

Ein großer Vorteil des Kopfhalfters ist aber damit auch, dass der Mensch eben nur sehr wenig Kraft benötigt, um den Hund in eine andere Richtung zu lenken. Möchte der Mensch einen Richtungswechsel durchführen, spricht er den Hund an und wendet dann durch vorsichtigen Zug an der am Nasenriemen befestigten Leine den Kopf des Hundes ab. Sobald der Hund der Einwirkung folgt, wird er belohnt und die Leine wieder locker gelassen. Der Hund lernt damit in kleinen Schritten in schwierigen Situationen an lockerer Leine zu laufen. Parallel dazu muss aber auch die Leinenführigkeit ohne Kopfhalfter trainiert sowie die Ursache für das Ziehen an der Leine herausgefunden und beseitigt werden. Nur dann wird der Hund irgendwann auch ohne Kopfhalfter an lockerer Leine laufen. Das Kopfhalfter ist daher nicht für eine dauerhafte Verwendung geeignet.

Vorteil des Kopfhalfters gegenüber dem Ausbildungsgeschirr ist jedoch, dass der Kopf des Hundes gesichert ist. Hunde, die aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen oder dem eigenen Halter zeigen, können damit sicherer geführt werden. Allerdings ist die Gewöhnung an das Kopfhalfter auch schwieriger, denn der Nasenriemen wirkt für den Hund wie ein Schnauzgriff. Selbst ohne Zug auf die Leine nimmt der Hund den über der Nase liegenden Riemen als unangenehme Einwirkung wahr, sodass er zunächst versuchen wird, diesen abzustreifen. Daher muss der Hund vor Einsatz des Kopfhalfters in kleinen Schritten an das Tragen gewöhnt werden. Doch sollte man immer im Kopf haben, dass man eigentlich dauerhaft mit einer für den Hund unangenehmen Einwirkung trainiert, selbst wenn der Hund sich an den Nasenriemen gewöhnt hat und man im Training erwünschtes Verhalten belohnt. Der Einsatz des Kopfhalfters ist daher doppelt kritisch zu sehen, sowohl aus medizinischer als auch aus verhaltenstherapeutischer Sicht und muss gut überdacht werden!

Erziehung basiert auf Respekt

Grundsätzlich wünsche mir, dass sich immer mehr Menschen mit den Folgen bestimmter Erziehungsmethoden und Hilfsmittel auseinandersetzen und die Hilfe erhalten, die sie dringend benötigen. Ich möchte harmonische Mensch-Hund- Teams beobachten, die mit Respekt und in Rücksichtnahme aufeinander die kurze gemeinsame Zeit, die wir mit unseren Vierbeinern haben, genießen können und nicht aus Frustration und Verzweiflung auf ungeeignete Hilfsmittel und Erziehungsmethoden zurückgreifen.

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Valérie Pöter (Martin Rütter DOGS Oldenburg) für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich"

Ist mein Hund hyperaktiv?

Hektisches Herumlaufen, sobald die Leine ab ist und beim kleinsten Reiz völlig überdreht reagieren, sind das Zeichen einer Hyperaktiviät beim Hund?

Jeder kennt ihn, den Hund, der schon aufgeregt bellt, wenn Frauchen nur die Leine in die Hand nimmt, weil es gleich rausgeht. Der sich mit vollem Körpereinsatz in die Leine stemmt und seinen Menschen von A nach B zieht. Der es nicht aushält, wenn Frauchen unterwegs eine Freundin trifft, stehen bleibt und sich mit dieser unterhalten möchte und der beim Spiel mit anderen Hunden kein Ende findet. Häufig werden diese Hunde und ihre Halter aufgrund des überdrehten Verhaltens auch vom Training in einer Hundeschule ausgeschlossen, da sie dort den Ablauf und die anderen Teilnehmer stören. Landen diese Hunde dann bei uns im Training, dann werden sie uns von ihren Haltern oder den bisherigen Hundetrainern als hyperaktiv beschrieben. Doch zeigen diese Hunde wirklich eine Hyperaktivitätsstörung oder hat das derzeitige Verhalten nicht andere Ursachen?

Kennzeichen echter Hyperaktivität

Bereits in den 1970er Jahren beschreiben Tierärzte solch auffällig aktive Hunde und diagnostizieren eine canine Hyperkinese (Campbell WE. Behavioral modification of hyperkinetic dogs. Mod Vet Pract 1973; 54: 49–52). Ob ein Hund aber wirklich als hyperaktiv bezeichnet werden kann, entscheiden folgende Kriterien:

1.     Das Verhalten ist bereits sehr früh sichtbar, vor dem 4.Lebensmonat zeigen sich Auffälligkeiten.

2.     Im Vergleich mit gleichaltrigen Hunden derselben Rasse zeigen diese Hunde eine erhöhte Bewegungsaktivität. Sie rennen und toben ununterbrochen und zeigen auch im Spielverhalten grobes, körperliches Spiel, bei dem es teilweise zu Verletzungen kommt. Dabei bellen und winseln sie vermehrt. Das Spiel findet kein Ende, auch wenn das Gegenüber eine Pause macht.

3.     Wird der Hund von der Leine gelassen, dann rennt er scheinbar ziellos und hektisch über das Gelände, erkundet dieses nur unvollständig. Immer wieder werden die gleichen Stellen aufgeregt beschnüffelt. Aufgrund einer mangelnden motorischen Kontrolle kommt es auch vor, dass der Hund in Hindernisse läuft.

4.     Bei der Futtergabe können die Hunde es kaum aushalten, auf das Futter zu warten. Sie springen am Menschen hoch, bellen diesen an und stürzen sich bereits auf die Futterschüssel, bevor diese den Boden berührt. Auch ein vorsichtiges Nehmen des Futters aus der Hand ist beinahe unmöglich. Futter wird hektisch heruntergeschlungen.

5.     Ständig wird die Umgebung aufmerksam beobachtet und erkundet, auch wenn diese bekannt und vertraut ist.

6.     Kleinste Reize führen zu einer extremen Reaktion, der Hund kann sich nicht selbst kontrollieren oder hemmen. Frustrationen führen schnell zu aggressivem Verhalten.

7.     Eine verminderte Konzentrationsfähigkeit ist kennzeichnend. Hyperaktive Hunde haben es schwer, sich auf eine Sache oder Aufgabe länger zu konzentrieren. Ständig springt ihre Aufmerksamkeit von einer Sache zur nächsten. Daher kann es zu einer eingeschränkten Stubenreinheit kommen, da der hyperaktive Hund draußen zu sehr abgelenkt ist, um Kot und Harn abzusetzen.

8.     Eine schnelle Übererregung ist kennzeichnend für solche Hunde. Eine Gewöhnung an Reize aus der Umwelt, auf die der Hund mit heftiger Erregung reagiert ist nur schwer möglich.

9.     Hyperaktive Hunde zeigen eine verminderte Schlafdauer und -intensität mit allen gesundheitlichen negativen Folgen. Manche Vierbeiner kommen nur noch auf 5 Stunden Schlaf pro Tag und können ohne absolute Reizarmut auch tagsüber nicht mehr Ruhen. Sie haben auch kaum Traumphasen, die oft nur sehr kurz sind.

10.  Durch eine mangelnde emotionale Kontrolle kommt es oft zum schnellen Übergang von spielerischem zu ernsten Verhalten. Was als Laufspiel begann kippt in echtes Jagdverhalten, eine spielerische Balgerei endet in einer Beißerei. Es kann aber auch aufgrund der mangelhaften emotionalen Selbstkontrolle schnell zur Ausbildung von Ängsten kommen.

11.  Wird ein hyperaktiver Hund gegen seinen Willen festgehalten, um ihn zu beruhigen, zeigt er heftige Gegenwehr und beißt auch teilweise unkontrolliert um sich.

Die geschilderten Verhaltensweisen beeinträchtigen den Alltag und die Lebensqualität des Hundes und des Halters massiv und haben ihre Ursache nicht in einer mangelnden Erziehung oder Auslastung des Hundes. Auch eine beginnende Pubertät kann diese Verhaltensweisen nicht erklären. Hier haben wir es mit einer echten Verhaltensstörung zu tun.

Ursachen für Hyperaktivitätsstörungen

Eine echte Hyperaktivitätsstörung kann zum einen genetische Ursachen haben. Die Anlagen befanden sich bereits in den Elterntieren und sind daher auch bei den Geschwistern vorhanden. Daher macht es Sinn, sich die Geschwistertiere diesbezüglich einmal anzuschauen und zu prüfen, ob auch diese die oben genannten Verhaltensweisen zeigen. Eng mit der genetischen Ursache ist natürlich auch die ursprüngliche Verwendung des betreffenden Hundes zu sehen. Wurde die Rasse zu hoher Aktivität gezüchtet und auf Arbeitsleistung selektiert? Dann ist eine höhere Anfälligkeit für hyperaktives Verhalten gegeben. Zum anderen haben die frühen Haltungsbedingungen mit der Entwicklung einer solchen Verhaltensstörung zu tun. Neigt der junge Hund eh schon zu hyperaktiven Verhalten und wird eventuell von Mutter oder Geschwistern zu früh getrennt, dann kann sich das Verhalten eher entwickeln, da die fehlende Erziehung und Interaktion mit den Geschwistern eine Ausbildung der Selbstkontrolle beeinträchtigt. Es kann auch sein, dass die Hündin mit der Aufzucht ihrer Welpen überfordert war und bereits selbst hyperaktiv reagierte. Eventuell stand auch kein kompetenter Züchter oder andere erwachsene Hunde zur Seite, die regulierend einwirken konnten. Auch die nachfolgenden Begebenheiten beim späteren Halter haben maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung einer Hyperaktivitätsstörung. Werden die hundlichen Bedürfnisse ausreichend befriedigt oder werden aus mangelndem Wissen nicht schon erste Anzeichen versehentlich gefördert? Hat der betreffende Hund Rückzugsmöglichkeiten, wo er entspannen kann? Wurden Ruhephasen eingehalten oder wurde versucht, durch noch mehr Aktivität den Hund auszupowern?  Wurde die Fähigkeit der Selbstbeherrschung bereits frühzeitig geübt und gefördert oder wurde dem Hund jeder Wunsch umgehend erfüllt?
Wie bei etlichen Verhaltensweisen sind die Ursachen in einer Kombination aus genetischen Aspekten und den Einflüssen der Umwelt zu finden. Die Anlagen sind bereits vorhanden und gelangen dann in ungünstige Haltungsformen.

Möglichkeiten der Verhaltensänderung

Hyperaktive Hunde müssen lernen, zur Ruhe zu kommen. Daher bietet es sich an, den Alltag durch verschiedene Rituale zu strukturieren. Die einzelnen Aktivitäten werden immer zu den gleichen Uhrzeiten begonnen und beendet. Somit sinkt beim Hund die Erwartungshaltung, dass er vielleicht etwas Wichtiges verpasst, wenn er sich ausruht. Bestimmte Gesten oder verbale Signale können bei diesem Prozess unterstützend eingesetzt werden. Sie kündigen zum einen an, dass jetzt etwas passiert oder auch, dass die Aktivität beendet ist und auch nicht fortgesetzt wird. So können Übungen immer mit einem bestimmten Wort (z.B. „Training“) eingeleitet und mit einem anderen Wort beendet werden (z.B. „Schluss“).

Ebenso bieten sich feste Ruhezeiten an, d.h. zu bestimmten Uhrzeiten begibt sich der Hund auf seinen Rückzugsort und verbleibt dort. Hierbei kann eine Box hilfreich sein, vorausgesetzt der Hund ist zuvor an die Box gewöhnt worden und hat gelernt, dort auch zu entspannen.

Stichwort Beschäftigung. Hektische Aktivitäten sollten zugunsten ruhigerer Beschäftigungsformen reduziert werden. Jegliche Nasenarbeit, bei der ein konzentriertes Suchen die Grundlage ist, sind gut geeignet, das Aktivitätslevel zu senken und den Hund dennoch auszulasten. Auch mental fordernde Aufgaben, bei denen der Hund durch eigenes Ausprobieren zur Lösung eines Problems kommt, sind adäquate Beschäftigungen.

Belohnung sollten den Hund für erbrachte Leistungen nicht unnötig erregen. Daher nicht allzu hochwertiges Futter einsetzen, sondern lieber mit ruhiger Stimme oder sanften Körperkontakt den Vierbeiner belohnen.

Gemeinsames Spielen fördert die Selbstkontrolle des Hundes. Dynamische Spielphasen werden durch den Menschen immer wieder kurz unterbrochen und dann fortgesetzt, wenn der Hund diese Frustration aushält, weil er gelernt hat, dass ruhiges Verhalten zu einer Fortsetzung des Spiels führt.

Gibt es erwachsene, kompetente und psychisch ausgeglichene Hunde in der Nähe, dann sollte auch zu diesen regelmäßig Kontakt hergestellt werden, da diese die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung optimal fördern können. Sie wissen genau, wie man mit solchen überdrehten Hunden umgeht.

Eventuell sollte auch über eine Futterumstellung nachgedacht werden. Der Proteingehalt im Futter sollte eher niedrig sein und auch schnell verdauliche Kohlenhydrate wie Zucker so gut es geht vermeiden, da diese zu Energiespitzen im Gehirn führen. Bessere Lieferanten für Kohlehydrate sind z.B. Kartoffeln. Glutamat hat ebenfalls im Hundefutter nichts zu suchen, da es als erregender Botenstoff im Gehirn wirkt. Tryptophanhaltigen Fleischsorten wie Lamm, Kaninchen oder Schwein sollte der Vorzug gegeben werden. Aufgrund der Aujeszkyschen Krankheit aber Schweinefleisch nicht roh füttern. Weniger geeignet sind Wild und Rind für hyperaktive Hunde, da diese viel Phenylalanin enthalten, welches über die Zwischenstufe Tyrosin zu erregenden Botenstoffen umgebaut werden. Im Zweifelsfall hierbei eine kompetente Ernährungsberatung in Anspruch nehmen, um das geeignete Futter zu finden.

Inwieweit eine medikamentöse Therapie begleitend zum Training Sinn macht, sollte ein erfahrener Tierarzt entscheiden. Dieser muss gut einschätzen können, welche Mittel eingesetzt werden können, um das Therapieziel zu erreichen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Trainer und Tierarzt ist angeraten. Langfristig sollten die medizinischen Hilfsmittel aber wieder abgebaut werden, weil der Hund eigene Verhaltensmuster erlernt hat, mit denen er seine Aktivität selbst herunterfahren kann.

Vorbeugung

Wie kann der Entstehung eines hyperaktiven Hundes entgegengewirkt werden?

Hunde sollten bereits in jungen Jahren lernen, mit Frust umzugehen und eine entsprechende Frustrationstoleranz zu entwickeln. Überfürsorgliches Verhalten ist hier fehl am Platz. Der junge Hund muss durch eigenes Ausprobieren seine Grenzen und die des Gegenübers kennen lernen. Dies bedeutet für den Menschen, seinen Hund zu erziehen und ihm die nötigen Fertigkeiten beizubringen, damit dieser adäquat mit Stress und Frust umgehen kann. Daher muss der Hund auch lernen, dass nicht immer und sofort auf sein Aufforderungsverhalten im Alltag reagiert und nicht jeder Wunsch erfüllt wird. Je früher hiermit begonnen wird, desto schneller stellt sich der Erfolg ein. Regeln sollten verständlich und konsequent vermittelt werden. Schaffen Sie einen Rahmen, in dem sich ihr Hund frei bewegen darf und der ihn vor Gefahren schützt.

Abwarten bereits frühzeitig üben. Der Hund muss lernen, dass sich ruhiges Verhalten lohnt und danach eine großartige Aktivität startet. Also nicht mit dem hysterisch bellenden und an der Leine wie wild ziehenden Hund in den Hundefreilauf, sondern in einiger Entfernung stehen bleiben und sich erst dann dem Hundefreilauf nähern, wenn der eigene Hund ruhig ist.
Auch die Futtergabe für das Üben nutzen. Erst wenn sich der Vierbeiner beruhigt hat, wird die Futterschüssel hingestellt. Fortgeschrittene dürfen gerne auch dann noch ein wenig warten, bis sie sich dann genüsslich den Bauch vollschlagen dürfen.
Bringen Sie Ihrem Hund bei, dass sich die Haustür oder der Kofferraum nur öffnet, wenn er sich ruhig verhält. Sollte sich der Hund ungefragt der Tür nähern, schließen sie diese umgehend, damit sich sein Verhalten nicht selbst belohnt. Nach einer kurzen Pause gibt es dann die zweite Chance. Wartet er nun selbst in einiger Entfernung zur Tür, dann belohnen sie ihn verbal und erlauben ihm nun, die Wohnung mit ihnen zu verlassen.

Ausreichende Ruhephasen schaffen, in denen sich der Hund entspannen und Gelerntes verarbeiten kann. Der Rückzugsort sollte eine Entspannung ermöglichen, d.h. sich abseits vom hektischen Familienalltag befinden, aber dem Hund das Gefühl geben, dass er immer noch zur Gruppe gehört. Daher Decke oder Körbchen nicht mitten in den Raum legen, sondern eher an den Rand oder eine ruhigere Stelle, am besten in der Nähe der Bezugsperson.

Da es genetische Anlagen zur Entwicklung von hyperaktiven Verhalten gibt, sollte es selbstverständlich sein, dass nur psychisch ausgeglichene und sozial kompetente Hunde in der Zucht eingesetzt werden. Bei sehr großen Würfen oder unerfahrenen Elterntieren sollte über die Hilfe von anderen erwachsenen Hunden bei der Aufzucht des Nachwuchses nachgedacht werden. Auch der Züchter sollte notfalls bei der Früherziehung der Welpen unterstützend eingreifen.

Die Welpen sollten idealerweise nicht zu früh von den Elterntieren und den Geschwistern getrennt werden. Sind die Elterntiere kompetent und die Aufzuchtbedingungen optimal, dann dürfen die Welpen auch gerne bis zur 10. oder 12.Woche beim Züchter verbleiben und dort durch den Umgang mit ihren Geschwistern und den anderen Hunden die wichtigen Fähigkeiten zur Selbstbeherrschung erlernen.

Gerne machen wir uns im Einzeltraining ein Bild von Ihrem Hund, um zu bewerten ob wirklich hyperaktiv ist.

 

 

Wie funktioniert eigentlich der Kastrations-Chip beim Hund?

Manche Rüden sind durch das eigene Testosteron so gestresst oder entwickeln Verhaltensweisen, die für sie selber und die Umgebung anstrengend sind, so dass eine Kastration in Betracht gezogen werden sollte. Bevor aber das Skalpell zu schnell gezückt wird, kann man seit einiger Zeit eine Kastration beim Rüden simulieren.

Hierzu wird dem Hund vom Tierarzt ein sogenannter Kastrations-Chip subkutan im Bereich zwischen den Schulterblättern unter die Haut gespritzt. Dabei muss der Tierarzt aufpassen, diesen Chip nicht ins Fettgewebe zu setzen, da ansonsten die Wirkung nur eingeschränkt oder gar nicht vorhanden ist.
Der Kastrations-Chip der Firma Virbac nennt sich „Suprelorin“ und diesen gibt es in zwei Varianten, die sich lediglich in der Wirkdauer unterscheiden. Der eine Chip wirkt ca. 6 Monate, der andere ca. 12 Monate. Auch das Gewicht des Hundes beeinflusst die Wirkdauer. Bei Hunden unter 10kg wirkt der Chip länger als bei Hunden über 25kg. Der Kastrations-Chip löst sich nach und nach komplett auf und muss daher nicht wieder entfernt werden. Nachdem der Chip gesetzt ist, dauert es zwischen 4 – 6 Wochen bis sich seine Wirkung voll entfaltet.
Normalerweise bildet der Rüde im Hypothalamus Gonadotropin-Releasing-Hormone (GnRH), die die Hirnanhangdrüse zur Produktion von Gonadotropinen anregen, die wiederum die Keimdrüsen des Rüden stimulieren. Das Hormon GnRH wird normalerweise in Intervallen ausgeschüttet und sorgt dafür, dass aus der Hypophyse, einer Drüse im Gehirn, Botenhormone ins Blut abgegeben werden, welche wiederum im Hoden die Bildung von Geschlechtshormonen (v.a. Testosteron) steuern. Der Wirkstoff im Kastrations-Chip -Deslorelin- ist ein sogenannter Gonadotropin-Releasing-Hormon-Agonist. Hierdurch schüttet die Hirnanhangdrüse zunächst eine große Menge der Gonadotropinen aus, welche nun die Hoden des Rüden zur vermehrten Produktion von Testosteron anregen. Daher kommt es bei einigen Hunde zu einer Verschlimmerung des sexuellen Verhaltens. Danach gibt der Chip dauerhaft kleine Mengen des GnRH-Agonisten ab, so dass die entsprechenden Rezeptoren satt sind und sich sogar zurückziehen. Die Keimdrüsen des Rüden stellen daraufhin ihre Tätigkeit ein, ist ja auch logisch, für sie befindet sich genügend Testosteron im Körper. So lange der Wirkstoff vorhanden ist und ausgestoßen wird, ist der Rüde zeugungsunfähig.
Ist der Wirkstoff des Kastrations-Chips aufgebraucht, werden die Rezeptoren an der Hypophyse wieder frei, so dass diese wieder Botenhormone ins Blut abgibt und die Hoden die Produktion von Testosteron und Spermien wieder aufnehmen. Der Rüde benimmt sich nun langsam wieder wie vor dem Setzen des Chips.

Wann sollte ich von einer Kastration Abstand nehmen?

Dein Hund verkriecht sich bei jedem Gewitter unters Sofa und Silvester verlässt er das Haus nicht mehr? Wenn Du Deinen Hund kurz allein lässt, beginnt er ein ohrenbetäubendes Heulkonzert? Beim Anblick eines Hasen sprintet Dein Hund durch und lässt sich nicht mehr abrufen? Und wenn Dein Vierbeiner seinen Willen nicht bekommt, zerlegt er die komplette Wohnung? Dann solltest Du Dich hüten, ihn zu kastrieren.

Verhaltensveränderungen beim Hund nach einer Kastration sind durch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Hormonen im Körper des Hundes zu verstehen. Da die Hormone im Körper voneinander abhängig sind, werden bei einer Kastration nicht nur alle hormonellen Vorgänge, die von den Sexualhormonen gesteuert werden, beeinflusst, sondern auch weitere Regelkreissysteme.

Je nachdem, wo die Sexualhormone im Gehirn auftauchen, entfalten sie eine unterschiedliche Wirkung. Mal wirken sie erregend, mal dämpfend.
Im Limbischen System, ein Areal im Gehirn, das in erster Linie dem Ausdruck und der Wahrnehmung von Emotionen dient, wirken sie angstlösend. Somit ist von einer Kastration besonders ängstlicher Hundetypen dringend abzuraten.
Auch bei einem stark jagdlich passionierten Hund wirkt eine Kastration oft kontraproduktiv. Zunächst haben die Sexualhormone nichts mit dem Funktionskreis des stoffwechselbedingten Verhaltens, wozu auch das Jagdverhalten gehört zu tun. Doch zeigen systematische Untersuchungen bei Katzen, dass die Sexualhormone das Beutefangverhalten eher verringerten. Die Erfahrungsberichte etlicher Hundehalter kastrierter Vierbeiner sowie meine eigenen Beobachtungen bestätigen, dass eine Kastration beim Hund die Jagdleidenschaft eher verschlimmert. Es scheint, dass besonders jagdfreudige Hunde nach dem Wegfall des sexuellen Bedürfnisses nun mehr Zeit haben, ihrem anderen Hobby intensiver nachzugehen.
Bei allen Verhaltensweisen, die Cortisol gesteuert sind, wird eine Kastration das gezeigte Verhalten eher verschlimmern, da die Geschlechtshormone als Gegenspieler zum passiven Stresshormon Cortisol fungieren. Futter- und Angstaggressionen sowie eine eher defensive motivierte Territorialverteidigung wird verstärkt gezeigt bzw. durch eine Kastration nicht beeinflusst. Da Cortisol auch mit der Entstehung einer echten Trennungsangst zu tun hat, kommt es auch in diesem Bereich zu einer Verschärfung der Problematik.

 Daher sollte eine Kastration nicht allzu leichtfertig durchgeführt werden. Jeder Hund muss individuell betrachtet, die möglichen Veränderungen und deren Risiken bei der Entscheidung für eine Kastration bedacht werden.

Quelle:

Strodtbeck, S., Gansloßer, U. (2014). Kastration und Verhalten beim Hund (2.Aufl.). Müller Rüschlikon

Strodtbeck, S., Borchert, U. (2013). Hilfe, mein Hund ist in der Pubertät! Entspannt durch wilde Zeiten (1.Aufl.). Gräfe und Unzer Verlag

 

Gerne machen wir uns im Einzeltraining ein Bild von Ihrem Hund, um zu bewerten ob eine Kastration sinnvoll ist oder nicht.

Mehr Hunde, mehr Spaß - Welche Position hat mein Hund im Rudel?

Für das Zusammenleben mit mehreren Hunden ist es für uns Menschen wichtig, das entsprechende Gruppengefüge der Hunde zu erkennen und diese dementsprechend zu behandeln. Damit wenig Konflikte entstehen und ein entspanntes Miteinander möglich ist, sollten die ranghöheren Hunde in den für sie jeweils wichtigen Bereichen bevorzugt werden. Dies kann bedeuten, dass einem Hund zuerst die Futterschüssel hingestellt wird und dann erst den anderen Hunden oder nach der Rückkehr des Menschen ein Hund zuerst begrüßt wird und dann erst der Rest der Gruppe. Generell sollte immer mit dem Hund etwas begonnen werden, dem dieses Privileg eher zusteht, d.h. der ranghöher ist.
Doch wie kann ich erkennen, welche Position die einzelnen Hunde in der Gruppe einnehmen?

Hierzu gibt es eine aufschlussreiche Studie einer niederländischen Forschergruppe um Joanne van der Borg (https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0133978). Die Forscher wollten wissen, welche Verhaltensweisen und Körperhaltungen am besten einen Statusunterschied zwischen Hunden erkennen lassen. Über 300 Stunden Videomaterial wurden ausgewertet und das ist das Ergebnis.
Nähert sich ein Hund einem Artgenossen in tiefer Körperhaltung und wedelt dabei schnell mit tiefgehaltener Rute, oft wackelt sogar der ganze Hinterteil mit, dann ist dies ein eindeutiges Anzeichen für submissives, rangniedriges Verhalten. Der entsprechende Hund demonstriert seinem Gegenüber zum einen seine freundliche Absicht und zum anderen, dass er ihn als ranghöher respektiert. Ebenso stellt das Lefzen- bzw. Maulwinkellecken ein deutliches Unterwürfigkeitssignal dar. Da unsere Hunde mit uns ebenso kommunizieren wie mit Artgenossen, zeigen sie dieses Verhalten auch uns Menschen gegenüber. Somit kann auch die Mensch-Hund-Beziehung anhand dieser Verhaltensweise betrachtet werden, um herauszufinden, welche Position der Hund dem Menschen gegenüber einnimmt. Wichtig hierbei ist, dass diese Verhaltensweisen freiwillig vom rangniedrigeren Hund gezeigt werden, er wird hierzu nicht gezwungen. Auch bei Hundeartigen gilt: Der Häuptling wird durch die Indianer zum Häuptling gemacht.

In diesem Sinne wünschen wir Euch viel Spaß beim Beobachten Eurer Hunde...

 

 

So lernt ein Hund schnell und nachhaltig - auf die Motivation kommt es an

Alles, was ihm Spaß macht und Vorteile verschafft, tut ein Hund gerne und immer wieder. Das können Sie ausnutzen, um ihn spielerisch und mit Freude zu erziehen.

Wir Menschen lernen am schnellsten und nachhaltigsten, wenn es uns Spaß macht. Sobald uns etwas interessiert, sind wir mit Feuereifer dabei und verstehen alles scheinbar im Handumdrehen. Unseren Hunden ergeht es ebenso. Umso wichtiger ist der Einsatz der richtigen Motivation im Training.

Motivation beschreibt den Antrieb, ein bestimmtes Verhalten auszuführen. In diesem Rahmen wird die intrinsische und extrinsische Motivation unterschieden. Die von innen kommende, biologisch funktionelle und angeborene intrinsische Motivation besitzt einen stark selbstbelohnenden Charakter, wie beispielsweise das Hetzen eines Hasen. Sie versetzt den Körper von innen heraus, zum Beispiel durch die Ausschüttung des Hormons Dopamin, in einen glückseligen Zustand.

Die extrinsische Motivation hingegen kommt von außen und ist diejenige, die im Hundetraining für Hundehalter häu­fig von Bedeutung ist. Der Hund zeigt ein bestimmtes Verhalten, da er sich hiervon einen eigenen Vorteil verspricht. Durch verschiedene Formen der Belohnung als Motivation ist es möglich, den Hund in eine Erwartungshaltung zu versetzen, die ein gemeinsames Training und das Formen erwünschten Verhaltens ermöglicht. Viele Menschen erwarten, dass der eigene Vierbeiner ihre Signale ausführt, weil sie der „Chef“ sind. Andere hingegen träumen vom bedingungslosen Gehorsam aus purer Liebe. Doch keine der beiden Erwartungen entspricht der Realität, denn Hunde sind von Natur aus Opportunisten.

Das bedeutet, dass sie immer bestrebt sind, den für sich selbst größten Vorteil aus einer Situation herauszuholen. Ein Verhalten, welches sich für einen Hund lohnt, wird er häufiger zeigen als eines, welches eventuell sogar mit negativen Konsequenzen verknüpft ist.

Mein Hund, der Opportunist

Die Lust am Lernen und dem Training mit dem Menschen ist dementsprechend stark abhängig davon, ob und wie sehr es sich für den Vierbeiner lohnt. Es gibt natürlich Hunde, deren intrinsische Motivation bereits die Zusammenarbeit mit dem Menschen ist. Ihnen geht es darum, möglichst viel soziale Aufmerksamkeit zu erhalten. Oftmals wird diese Motivation mit „will to please“ beschrieben, also dem Willen, zu gefallen. Doch auch hier liegt wieder ein dem Hund eigenes Bedürfnis zugrunde. Der Hund, der soziale Aufmerksamkeit anstrebt und diese als Belohnung emp­findet, wird allein schon durch ein verbales Lob seines Menschen motiviert, weiter mit diesem zusammenzuarbeiten. Die weitere Zusammenarbeit selbst ist damit gleichzeitig auch motivierend, sodass diese Hunde oft keine weitere Belohnung benötigen. Dennoch hängt auch diese Motivation von der Situation und den Außenreizen ab. Im umschlossenen Raum, wie beispielsweise in der Wohnung, im Garten oder auf dem Hundetrainingsplatz, reicht dem Hund die soziale Aufmerksamkeit seines Menschen als Lob. Auf dem Spaziergang hingegen, also in Feld und Wald, sind jedoch oftmals andere Interessen und Motivationen wichtiger.

Geht es auch ohne Belohnung?

Ein gut erzogener Hund genießt wesentlich mehr Freiheiten und Privilegien als einer, der Signale lediglich als einen Vorschlag auffasst. Und doch kann unseren vierbeinigen Begleitern kein willenloser Gehorsam aufgezwungen werden, ohne dass dies für sie lohnenswert wäre.

Viele natürlich angelegte Verhaltensweisen unserer Hunde besitzen einen selbstbelohnenden Charakter. So ergibt das Hetzen eines Hasen, das Vertreiben eines unliebsamen Konkurrenten, die Suche nach dem passenden Sexualpartner oder das Verteidigen eigener Ressourcen aus Hundesicht weit mehr Sinn als jegliche „Benimm“-Regeln, die wir unseren Hunden antrainieren möchten. Noch heute herrschen auf einigen Hundeplätzen zum Teil sehr veraltete Trainingsmethoden, die ausdrücklich auf Belohnungen verzichten. Sie arbeiten hauptsächlich über Zwang und Maßregelungen, wie beispielsweise einen Leinenruck bei Ungehorsam. Statt also erwünschtes Verhalten positiv über Belohnungen zu verstärken und zu formen, werden körperliche Konsequenzen für die Nichteinhaltung von Signalen eingesetzt. Doch wer lernt schon gern unter dem Druck, bei Fehlern negative Konsequenzen tragen zu müssen?!

Der Hund wird ausschließlich aus Angst vor körperlicher Manipulation oder Schmerzen Signale einhalten und erwünschtes Verhalten zeigen. Dies schadet natürlich nachhaltig der Mensch-Hund-Beziehung und macht das bereits aufgebaute Vertrauen zunichte. Außerdem werden Signale so keineswegs zuverlässig trainiert. Bietet der Mensch aus Hundesicht keine sinnvolle Motivation zur Zusammenarbeit an, wird sich der Vierbeiner früher oder später für seine eigenen Bedürfnisse entscheiden, die in aller Regel einen selbstbelohnenden Charakter haben.

Was ist die richtige Motivation?

So unterschiedlich, wie wir Menschen sind, so sind es auch unsere Vierbeiner. Während der eine Futter als absolutes Highlight betrachtet, kann es für den anderen ein gemeinsame Beutespiel sein. Wichtig ist, ganz gleich ob im Alltagstraining oder beim Hundesport, die Motivationsform zu ­finden, die der eigene Hund auch tatsächlich als Belohnung ansieht.

Wichtig beim Training mit dem Hund ist immer die soziale Form der Belohnung. Eine nette Grundstimmung und lobende Worte fördern stets den Spaß und die Lust am gemeinsamen Lernen. Auch wir Menschen erhalten gern ein positives Feedback und zeigen uns motivierter, wenn wir wissen, dass wir gute Arbeit leisten. Eine hohe, freundliche Stimme wirkt auf den Hund immer anziehend, signalisiert ihm, dass der Mensch sich über ihn freut und stärkt damit auch die Beziehung. So gehört ein verbales Lob immer zu einem gelungenen Training dazu. Die meisten Hunde lassen sich gut und gern mit Futter zum gemeinsamen Training motivieren. Je nach Hund kann hierbei das normale Trockenfutter ausreichen. Für sehr schwieriges Training oder als absolutes Highlight darf natürlich auch zu besonderen Leckereien, wie Käse oder Wurst, gegriffen werden.

Für Futter zu arbeiten entspricht der Natur des Hundes, denn für dessen Beschaffung bringen sie die meiste Energie auf. Studien belegen, dass Hunde große Freude daran haben, sich einen Teil ihrer Tagesration erarbeiten zu dürfen. Um auch hier etwas Abwechslung ins Spiel zu bringen, muss das Futter keineswegs starr aus der Hand gegeben werden. So kann es für einen Hund eine ganz andere Form der Belohnung sein, wenn Futter geworfen wird oder ein Suchspiel damit statt­findet. Bei der Arbeit mit Futter sollte jedoch unbedingt darauf geachtet werden, dass die Belohnung dem Hund nicht als Bestechung gegeben wird, um ihn zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen. Sie sollte immer eine Anerkennung für eine gute Leistung sein. Gerade bei aktiven Hunden steht meist ein Spiel als Belohnung sehr hoch im Kurs. Dies kann ein reines Spiel mit dem Hundehalter sein. Ein kurzes Rennspiel oder eine wilde Toberei eignen sich gut zum Belohnen einer erfolgreichen Übung und sind zudem noch sehr beziehungsfördernd.

Natürlich können auch Spielobjekte hinzugezogen werden. Die Belohnung erfolgt dann durch ein ausgelassenes Zerr-, Apportier- oder Suchspiel. Für diese Form der Bestätigung ist es wichtig, dass das ausgewählte Spielzeug für den Hund wirklich eine Belohnung darstellt und er die Spielregeln gut beherrscht. So ist ein Zerrspiel eher unangebracht, wenn der Hund mit der Abgabe des Spielzeugs noch Probleme hat oder gar Beute gern für sich beansprucht. Denn dann könnte aus einer ursprünglich gedachten Belohnung kurzerhand ein Streit um das Spielobjekt entstehen.

Nicht zu vergessen sind die Belohnungsformen, die den eigentlichen Grundbedürfnissen des Hundes entsprechen und somit zur Ausschüttung von Glückshormonen führen. Dazu zählen beispielsweise Freilauf, Buddeln oder je nach Hund der Kontakt zu anderen Artgenossen. So kann die Freigabe zum Schnüffeln nach einer guten Trainingseinheit für einen Hund schon sehr motivierend für das gemeinsame Training wirken. Hunde sind Opportunisten, für die sich das gemeinsame Training lohnen muss. Ansonsten werden sie sich immer für ihre eigene Bedürfnisbefriedigung entscheiden, die nur in den seltensten Fällen den Vorstellungen der Menschen entspricht. Doch nicht jeder Hund ist gleich und so gilt es, die individuelle Belohnungsform zu fi­nden, die das Hundeherz höherschlagen und die Zusammenarbeit mit den Menschen sinnvoll werden lässt.

So steigerst Du die Motivation

1. Sobald ein gewünschtes Verhalten zuverlässig gezeigt wird, sollte aus einer regelmäßigen zeitnah eine variable Belohnung werden. Die Motivation und Erwartungshaltung steigt erwiesenermaßen stark an, wenn die Belohnung unregelmäßig und unvorhersehbar erfolgt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Belohnung gänzlich wegfällt, sofern ein Signal zuverlässig vom Hund ausgeführt wird. Vom Menschen unbestätigtes Verhalten wird sich auf Dauer zunehmend abbauen und somit wieder verschlechtern. Vielmehr steigert man die Schwierigkeit der Übung, indem größere Ablenkungsreize hinzugefügt, Signale länger vom Hund ausgeführt werden sollen, oder aber weitere Signale hinzugefügt und dadurch eine ganze Verhaltenskette aufgebaut wird, bevor der Hund die begehrte Belohnung erhält.

2. Die Einführung einer Belohnungshierarchie bringt zusätzlich Spannung in das gemeinsame Training. Diese gestaltet sich ganz individuell je nach Hund, dessen Vorlieben und individuellen Bedürfnissen. So wird mit ansteigendem Trainingsstand nicht mehr jedes bereits gut trainierte Signal aus Hundesicht hochwertig belohnt. Das absolute Highlight für den Hund an der Spitze dieser Belohnungshierarchie gibt es dann für neue Signale, die der Hund erlernen soll, bzw. für bereits bekannte Signale nur dann, wenn die Ausführung wirklich sehr gut oder aber die Schwierigkeitsstufe bei der Übung sehr hoch war. So könnte beispielsweise für ein einfaches „Sitz“ früher oder später ein verbales Lob ausreichen, während für den perfekten Rückruf ein Beutespiel mit dem Menschen erfolgt.

3. Wird ein Signal bereits sehr zuverlässig ausgeführt, ist es sinnvoll, mehrere Belohnungsformen für ein Training zu verwenden und sich nicht beispielsweise ausschließlich auf Futter zu beschränken. So kann je nach Schwierigkeit der Aufgabe ein verbales Lob, ein gemeinsames Spiel oder eine Futtersuche angebracht sein. Durch diese Variation bleibt die Belohnung für den Hund unvorhersehbar und der Mensch spannend. Diese unterschiedlichen Formen der Belohnung sollten sich jedoch immer innerhalb der individuellen Belohnungshierarchie des eigenen Hundes wiederfinden.

4. Entscheidend ist außerdem, dass sich die Belohnungsform an die jeweilige Situation anpasst. Ein Hund, der sich erfolgreich vom Hetzen eines Hasen abrufen ließ, wird ein Stück Käse kaum als adäquate Belohnung ansehen, da beim Jagen weniger die Beschaffung von Nahrung als vielmehr eine spannende Jagd hinter der Beute die Motivation war. Sein Grundbedürfnis des Jagens könnte beispielsweise durch eine Ersatzhandlung, wie ein ausgelassenes Apportierspiel als Belohnung, befriedigt werden.

Was demotiviert den Hund?

Auch wenn es vielen Hundehaltern schwerfällt – die meisten Hunde lassen sich während des Trainings nur ungern anfassen und streicheln. Es kann passieren, dass der Vierbeiner Körperkontakt sogar eher als ein Bedrängen statt als Belohnung empfindet. Zudem kann die eigene Körpersprach zu Problemen führen. Ein zu starkes Beugen über den Hund oder ruckartige Bewegungen in seine Richtung können Unsicherheiten hervorrufen. Dies kann auch passieren, wenn die Signale plötzlich lauter und befehlsmäßiger als gewohnt gegeben werden. Dies ruft unter Umständen eine für den Hund sehr unangenehme Trainingsstimmung hervor. Wichtig ist immer, dass der Mensch authentisch bleibt. Jede Form der Schauspielerei, ganz gleich ob gekünstelte Freude oder aufgesetzte Härte, verunsichert den Hund. Orientieren sich die Belohnungsformen nicht an den Bedürfnissen und Vorlieben des Hundes, ist er wenig motiviert, mitzumachen. Er wird schnell das Interesse verlieren, die ihm gestellten Aufgaben zu erfüllen. Zudem können zu seltene Belohnungen oder zu schwere Aufgaben zu Frust und Stress beim Hund führen. Diese Fehler beim Training werden durch verschiedene Übersprunghandlungen und Beschwichtigungssignale deutlich, wie zum Beispiel sich abducken, den Kopf abwenden und Blickkontakt vermeiden, schlecken, schmatzen oder sich kratzen. Hier gilt es, den Hund genau zu beobachten, denn unerwünschtes Anfassen beispielsweise kann dazu führen, dass er erwünschtes Verhalten aufgrund dieser Form der „Belohnung“ zukünftig weniger häufig zeigen wird. Eine sehr bedrängende Körpersprache und Frust können wiederum dazu führen, dass der Hund sich komplett aus der Trainingssituation mit dem Menschen zurückzieht.

Woran kann es liegen, wenn der Hund sich einfach nicht motivieren lässt?

Wenn sich der Hund nicht motivieren lässt, kann das auf mehrere Fehler zurückzuführen sein. Zuallererst muss hinterfragt werden, ob die gewählte Belohnung wirklich auf den Hund angepasst ist oder eher den menschlichen Vorstellungen entspricht. So unterschiedlich Hunde sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bedürfnisse und Vorlieben. Wer sich bereits im Vorfeld gegen bestimmt Belohnungsmöglichkeiten entscheidet, beispielsweise Futter im Training kategorisch ablehnt, macht sich die gemeinsame Arbeit mit dem Hund eventuell unnötig schwer. Denn letztendlich wird der Vierbeiner entscheiden, welche Belohnung er bevorzugt, welche seine Bedürfnisse am meisten befriedigt und ihn motiviert. Außerdem gilt zu beachten, dass Dinge für einen Hund nur dann lohnenswert und motivierend sind, wenn sie ihm nicht stets vollumfänglich zur freien Verfügung stehen. So wird man einen satten Hund nur schwer über ein Futterstück zu einem gemeinsamen Training motivieren können. Stehen einem Hund also beispielsweise Futter, die soziale Aufmerksamkeit des Menschen oder Spielzeuge unentwegt zur freien Verfügung, gibt es für ihn schlichtweg keinen Grund, sich darum zu bemühen.

Zudem muss überprüft werden, ob die Trainingssituation nicht zu schwer oder zu lang war. Kann sich der Hund aufgrund der Außenreize nicht auf ein Training einlassen oder ist die Konzentration des Hundes erschöpft, kann die Belohnung noch so hochwertig sein. Er wird auch mit größter Mühe kein erwünschtes Verhalten mehr zeigen können.

Wenn der junge Hund in die Pubertät kommt

Das Training mit pubertären Hunden gestaltet sich oft etwas schwierig. Sie lernen in dieser Lebensphase sich und die Welt um sich herum neu kennen. Es finden biologische Abnabelungsprozesse und Umbaumaßnahmen im Gehirn statt. Was häufig als Ungehorsam abgestempelt wird, ist tatsächlich auf hormonelle Veränderungen zurückzuführen. Hier hilft es, den eigenen Anspruch zu reduzieren, im Training einige Schritte zurück zu gehen und die Belohnungsformen zu wählen, die dem Hund Spaß machen und die Beziehung zueinander fördern.

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Franziska Herre (Martin Rütter DOGS Erfurt/Weimar und Jena/Gera) für die Zeitschrift "Mein Hund und Ich".

Hunde im Büro – ein Gewinn für alle Mitarbeiter und den Chef!

Immer mehr Firmen erlauben ihren Mitarbeitern, den Hund mit ins Büro zu nehmen. Was oftmals mit einer einmaligen Erlaubnis im Notfall durch einen verständnisvollen Chef beginnt, entwickelt sich nicht selten zur generellen Erweiterung des Teams: Kollege Hund.

Denn viele Firmen haben schnell erkannt, dass nicht nur der Hund davon profitiert, dass er Herrchen oder Frauchen mit zur Arbeit begleiten darf. Ist ein Hund im Büro, wird die Mittagspause häufig für einen kurzen Spaziergang genutzt, dem sich oftmals auch die Kollegen ohne Hund anschließen. Und wer sich bewegt, tut etwas für seine Gesundheit! Auch der Austausch unter den Kollegen wird gefördert, denn Hunde schaffen eine positive Stimmung. So wird wieder mehr miteinander gesprochen, negative Stimmung und Mobbing nehmen ab. Und auch wenn es einmal „heiß“ hergeht bei einer Diskussion, schafft der Hund es immer wieder genau im richtigen Moment, allen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Doch das alles geht natürlich nur dann gut, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten. Je nach Unternehmensstruktur sind auch nicht alle Hunde für den Alltag im Büro geschaffen. Daher muss die Integration eines Hundes gut vorbereitet sein. Und das gilt natürlich erst Recht, wenn nicht nur ein Hund, sondern direkt mehrere Hunde im Büro miteinander auskommen sollen.

• Jeder Hund hat eine feste Liegestelle.
• Die Liegestelle befindet sich abseits vom Geschehen, im Idealfall hinter dem Sitzplatz des Hundehalters.
• Jeder Hund kann auf ein Signal des Menschen – auch auf Distanz – auf seine Liegestelle geschickt werden und bleibt dort solange, bis er wieder frei gegeben wird.
• Ablenkungen durch Futter, Menschen oder andere Hunde führen nicht dazu, dass der Hund die Liegestelle ohne Freigabe des Menschen verlässt.
• Ist die Ablenkung für einen Hund noch zu groß, wird er neben der Liegestelle angeleint. Alternativ kann auch eine Box verwendet werden. Viele Hunde lieben Boxen als höhlenartigen Liegeplatz und ziehen sich gern freiwillig darin zurück. Bei – noch – zu großer Ablenkung kann die Box dann geschlossen werden.
• Die Hunde verlassen die Liegestelle nur nach Freigabe durch ihren Menschen. Dann dürfen sie selbstverständlich auch Besucher begrüßen, mit diesen schmusen oder auch mit dem Hund aus dem Nebenbüro Kontakt haben. Gerade bei jungen oder sehr verspielten und kontaktfreudigen Hunden sollte diese Freigabe jedoch eher selten erfolgen, da die Erwartungshaltung des Hundes ansonsten schnell zu groß wird und er dann unruhig und „wie auf heißen Kohlen“ auf seiner Decke liegt, in Erwartung der „erlösenden“ Worte.
• Ein Hund muss für seinen Menschen jederzeit ansprechbar sein und den Kontakt zu einem Menschen oder einem anderen Hund unterbrechen. Dazu muss der Hund lernen, sich an seinem Menschen zu orientieren und diesem zu vertrauen.
• Wildes Spiel ist im Büro generell nicht erlaubt, hierzu werden die Pausen genutzt!
• Teilen sich mehrere Hunde ein Bürogebäude, müssen die Menschen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Hunde Rücksicht nehmen. Nicht jeder Hund liebt den Kontakt zu anderen Hunden und nicht alle Hunde werden gute Freunde sein. Daher muss es für jeden Hund einen Rückzugsbereich geben, den die anderen Hunde nicht betreten!
• Ist ein Hund jedoch komplett unverträglich mit anderen Artgenossen, eignet er sich vermutlich kaum für das Leben im Büro, wenn dieses noch weitere Hunde teilen. Dann muss sich Herrchen bzw. Frauchen wohl leider nach einer anderen Lösung umsehen.