Interview mit Giulia Lautz zum Signal "Hier"

Vor über 14 Jahren bin ich zum Netzwerk von Martin Rütter gestoßen. Mit meinem Mann Steve und unserem inzwischen 10-köpfigen Team leiten wir unsere Martin Rütter Hundeschule in Wil / St. Gallen Schweiz. Eine familiäre Basis ist uns nicht nur mit den Kunden und Kundinnen sehr wichtig, sondern auch bei der Erziehung der vierbeinigen Freunde.
Hier
Warum ist das dein Lieblingssignal / das Lieblingssignal deines Hundes?
„Hier“ ist für mich eines der wichtigsten Signale im Hundetraining und somit mein Lieblingssignal, weil es für den Alltag mit den Vierbeinern „Freiheit“ bedeutet. Je verlässlicher mein Hund das Signal „Hier“ erlernt hat, desto mehr Freiheiten darf er genießen. Kann ich mich darauf verlassen, dass er direkt kommt, wenn ich ihn rufe, egal welche Reize vor seiner Nase sind, kann er sich viel freier bewegen, und das ist auch für den Hund eine große Bereicherung. Ich finde, gerade Freiheit ist ein sehr schöner Gedanke für unsere Hunde in unserer doch sehr für sie einschränkenden Gesellschaft.

Wie wird das Signal genau aufgebaut?
Gestartet wird in reizarmer Umgebung. Bedeutet: zu Hause in der Wohnung, im Garten oder je nach Hund auch auf dem Spazierweg, ohne Ablenkung (individuell nach Charakter). Optimal ist der Hund an der Schleppleine gesichert, bis das Signal zuverlässig aufgebaut ist. So kannst du verhindern, dass sich dein Hund entfernt, wenn er einmal nicht auf dein Signal hört.
Dein Hund sollte nicht zu weit entfernt sein. Sprich ihn mit seinem Namen an und locke ihn, z. B. durch Klatschen, Schnalzen oder indem du ein paar Schritte rückwärtsgehst. Sobald er bei dir ist, wird er mit dem Lobwort (z. B. „Prima“) gelobt und bekommt etwas super Leckeres zu fressen. Die Belohnung ist ausschlaggebend für das weitere Training. Es sollte nicht „einfach nur irgendein Trockenfutterbrocken“ sein, sondern eine „besondere Jackpot-Belohnung“, welche es zumindest im Aufbau des Signals nur speziell für den Rückruf gibt. Später kannst du die Belohnung auch je nach Hund / Charakter / Rückrufreiz variieren. So kann es auch mal ein fliegendes Dummy sein, dem dein Hund – anstatt dem Reh - hinterher hetzen darf.
Danach schickst du deinen Hund mit einem Auflösewort wieder in den Freilauf. Diese Übung wiederholst du immer wieder. Bist du dir irgendwann sicher, dass dein Hund kommt, fügst du, wenn er auf dem Weg zu dir ist, das Signal „Hier“ dazu. Anfangs erst kurz vor dir, damit er nicht doch noch etwas anderes in die Nase bekommt. Dann immer weiter weg von dir, bis du ihn letztlich mit dem Signalwort rufen kannst. Ein zusätzliches Sichtzeichen ist ebenfalls sinnvoll, hierfür kannst du z. B. die geschlossene Faust zur Brust führen oder die Arme ausbreiten.
Diese Übung wiederholst du an verschiedenen Orten. Wenn dies zuverlässig klappt, kannst du nun die Reize steigern, indem du deinen Hund von Futter oder Gegenständen, die du ausgelegt hast, aus dem Spiel mit anderen Hunden oder im Training, z. B. beim Apportiertraining oder in der Suche, zurückrufst.

Was sind Fehler, die man vermeiden kann?
Meine Erfahrung ist, dass die Menschen oft zu schnell zu viel wollen, insbesondere dann, wenn sie eher ungeduldig sind. Auch ich würde mich hier einreihen. Aber gerade beim Rückruf ist es sinnvoll, die Übung nicht zu schnell zu stark zu steigern. Es ist aber auch zu verlockend … Dein Hund hat das Signal im Training so zuverlässig ausgeführt. Und auf einmal springt auf dem Spaziergang ein Reh vor seiner Nase weg. Für den Hund unmöglich, hier zu wiederstehen und dem Reh nicht hinterher zu hetzen. Und automatisch rufst du ihn mit dem neuen Signalwort zurück, obwohl ihr eigentlich erst im Aufbau seid. Die Gefahr, dass dein Hund nun nicht reagiert, weil er das Signal unter so großer Ablenkung noch nicht erlernt hat, ist sehr groß. Und das ist sehr schade, denn so lernt dein Hund auch, dass er das Signal nicht unbedingt ausführen muss.
Wofür ist das Signal im Alltag wichtig?
Wie bereits beschrieben gibt es dem Zweibeiner Sicherheit auf einen verlässlichen Freund an der Seite und dem Vierbeiner viel mehr Freiheiten im Alltag. Du kannst deinen Hund mit seinen Hundekumpels spielen lassen, weißt aber, dass er direkt kommt, wenn du ihn rufst, weil das Spiel vielleicht zu wild wird oder weil du weitergehen möchtest. Im Wald kannst du gemeinsam mit ihm auf Erkundungstour gehen (außerhalb der Leinenpflicht in der Brut- und Setzzeit) und weißt, dass dein vierbeiniger Begleiter nicht direkt weg ist, wenn er etwas in der Nase hat. Zudem wächst allgemein die Orientierung vom Hund am Menschen, da der Hund seinen Menschen viel mehr im Auge hat. Denn es könnte ja jederzeit ein Rückruf kommen, der mit einem spannenden Spiel verbunden ist oder bei dem es etwas Leckeres gibt.

Kannst du von einer lustigen Geschichte zum Training aus dem Kreis deiner Kunden und Kundinnen berichten?
Vor meinem Studium zur Hundetrainerin bei Martin Rütter hat mein damaliger Hund Tiago immer schon früh gemerkt, in welchen Feldern ich den Rückruf weiter üben wollte. So lief er immer wieder bewusst zu einem Mäuseloch und wartete dort, bis ich ihn zurückrief, um noch eine der mega leckeren Belohnungen zu erhalten. Ich war natürlich brav und habe ihn jedes Mal gerufen, voller Stolz, wie gut er auf den Rückruf hörte. Dass er damit eigentlich mich manipuliert hatte, das war mir damals noch nicht klar.
Durch das Studium haben sich einige Dinge bei uns verändert, unter anderem auch der Rückruf auf seine Initiative. Im hohen Alter hat er dieses Verhalten aber wieder vermehrt gezeigt. Er ließ sich beim Spaziergang absichtlich weit nach hinten fallen, im Wissen, dass wir ihn gleich wieder zu uns rufen. Natürlich haben wir ihn dann mit einem Schmunzeln dennoch das eine oder andere Mal gerufen. Wenn ein Hund mit so viel Euphorie als Senior zurückrennt, darf man ein Auge zudrücken und ihn die Jackpot-Belohnung genießen lassen.