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Kollege Hund - dein Hund als Mitarbeiter im Büro

Seit Ende 2020 leitet Evelyn Stohler ihre eigene Martin Rütter Hundeschule Liestal / Rothrist in der Schweiz. Davor war sie einige Jahre als angestellte Martin Rütter Hundetrainerin tätig. Den Schritt in die Selbständigkeit hat sie nicht bereut. Sie freut sich, täglich Menschen mit ihren Hunden zu begleiten. Eine Stunde ohne Lachen gibt es bei Evelyn nicht.

Leider war es mir in meinem früheren Beruf als Medizinische Praxisassistentin / Arztsekretärin nicht möglich, einen Hund mit zur Arbeit zu nehmen. Aus hygienischen Gründen war dies in den Arztpraxen und im Krankenhaus nicht erlaubt. Ich beneidete damals jeden Menschen, dessen Firma hierzu die Erlaubnis gab und so auch berufstätigen Menschen die Hundehaltung ermöglichte. 

2015 zog mein erster Welpe, die Parson Russell Terrier Hündin Lotta, bei mir ein. Um sie gut betreuen zu können, wechselte ich die Arbeitsstelle. Mein neuer Arbeitgeber erlaubte es mir, einige Zeit im Home-Office zu arbeiten, sodass Lotta nie lang allein zu Hause bleiben musste. Was damals noch sehr selten war, wurde 2020 für viele Menschen Alltag: Die Covid19 Pandemie zwang viele Arbeitgeber:innen dazu, den Betrieb so weit wie möglich umzustellen und ihre Angestellten ins Home-Office zu schicken. Kein Wunder, dass diese neu gewonnene Freiheit dazu führte, dass viele Menschen sich einen Hund anschafften, denen das bisher aufgrund der beruflichen Situation nicht möglich war. Züchter:innen hatten hunderte Anfragen für einen Wurf, in Tierheimen waren viele Zwinger leer und selbst Organisationen aus dem Ausland hatten kaum noch Hunde zu vermitteln. Auch wenn es lang dauerte, kamen doch irgendwann die ersten Erfolge in der Bekämpfung der Pandemie, sodass spätestens Anfangs 2022 die meisten Maßnahmen von den Regierungen aufgehoben wurden. 1 bis 2 Jahre sind natürlich eine ausreichende Zeit, um einen Welpen groß zu ziehen, sodass er stubenrein ist und für einige Zeit allein bleiben kann. Dennoch – gut 10 Stunden alleinbleiben, wenn die Halter:innen nun wieder in ihrem Vollzeitjob ins Büro zurückkehren mussten, das ist selbst für den gut erzogenen Hund viel zu viel. Natürlich gibt es Alternativen, wie z. B. eine Hundebetreuung, die Hunde in der Mittagszeit ausführt, oder Hundetagesstätten, die den Hund über Tag aufnehmen und versorgen, doch Hunde sind am liebsten mit ihren Familienmitgliedern zusammen. Und leider bedeutete der Wegfall des Home-Office tatsächlich für einige Hunde das Ende einer gemeinsamen Zeit: Sie wurden ins Tierheim abgeschoben.

Wichtig: Wer sich einen Hund anschafft, muss sich darüber im Klaren sein, dass Hunde gut 15 Jahre alt werden. Eine Planung muss daher immer langfristig sein und auch Notfälle sowie unerwartete Entwicklungen berücksichtigen! Alles andere ist dem vierbeinigen Familienmitglied gegenüber unfair!

Doch viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeitenden auch weiterhin die Möglichkeit, zumindest zum Teil im Home-Office zu arbeiten, ein Glück für die betroffenen Hundehaltenden und ihre Vierbeiner. Andere Arbeitgeber:innen wurden in Bezug auf das Thema "Hund im Büro" immer aufgeschlossener, sodass die Hundehaltung für viele Menschen weiterhin möglich war. Dabei spielte nicht nur eine Rolle, dass die Unternehmen Sorge hatten, gute Mitarbeitende zu verlieren. Vielmehr zeigen Studien, dass ein Hund im Büro nachweislich eine positive Auswirkung auf das Arbeitsklima hat. Laut der Studie von Randolph T. Barker konnte bei Mitarbeitenden, die ihren Hund mit zur Arbeit bringen durften, ein Rückgang des Stresslevels während des Arbeitstages festgestellt werden, wohingegen der Stresslevel bei Mitarbeitenden ohne Hund bzw. derjenigen, die ihren Hund zu Hause lassen mussten, im Laufe des Tages anstieg. (Quelle: Randolph T. Barker, Virginia Commonwealth Universitiy, Preliminary investigation of employee´s dog presence on stress an organizational perceptions, 30.03.2012) Eine weitere Studie von Matthew Christensen et al. ergab, dass die Anwesenheit von Hunden die Teambildung unterstützt. Die Teammitglieder haben durch den Hund ein gemeinsames Thema, über das sich unbefangen reden lässt. Der Hund fungiert als Verbindungsglied, was zu einer höheren zwischenmenschlichen Aktion führt. Der dadurch entstandene Gruppenzusammenhalt führte zu mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden sowie schnelleren und effizienteren Ergebnissen. (Quelle: Stephen M. Colarelli, Amanda M. McDonald, Matthew S. Christensen, Christopher Honts, A Companion Dog Increases Prosocial Behavior in Work Groups, 09.02.2017) Zudem spielen natürlich auch in Bezug auf den Bürohund die seit langem bekannten gesundheitlichen Vorteile der Hundehaltung eine große Rolle. So nutzen Mitarbeitende mit Hund, aber auch deren Kollegen und Kolleginnen ohne Hund, beispielsweise die Pause zum gemeinsamen Spaziergang. Zudem führt die Interaktion zwischen Hund und Mensch bei beiden zum Ausstoß von Oxytocin, dem sogenannten Kuschelhormon. Oxytocin wirkt unter anderem blutdrucksenkend und beruhigend. Dabei zeigte eine Studie japanischer Wissenschaftler um Miho Nagasawa, dass für die Produktion des Hormons bereits der Blickkontakt ausreichend ist. (Quelle: Miho Nagasawa et al., Science, Oxytocin-gaze positive loop and the coevolution of human-dog bonds, 17.04.2015)

Unternehmen profitieren also in vielerlei Hinsicht davon, wenn sie ihren Mitarbeitenden gestatten, Hunde mit ins Büro zu nehmen. Doch nicht nur die durch Studien nachgewiesenen Vorteile sind hier aufzuzählen. So führen Hunde z. B. auch bei Social-Media-Aktivitäten zu deutlich mehr Aufmerksamkeit. 

An dieser Stelle möchte ich ein mir als Hundetrainerin wichtiges Anliegen anbringen: Auch wenn Fotos kurznasiger Hunde wie französischer Bulldoggen zu vielen Klicks führen, sollten Unternehmen als Vorbild vorangehen und die damit verbundene Bewerbung solcher Qualzuchten nicht unterstützen. Fällt dir eine solche Werbung auf, scheue dich nicht, das jeweilige Unternehmen anzuschreiben und über die Missstände in der Zucht und die Qualen, welche diese Hunde erleiden, aufzuklären!

Wenn du deinen Hund zur Arbeit mitnehmen möchtest, musst du das natürlich im ersten Schritt mit dem Unternehmen abklären. Ist dieses einverstanden, müssen selbstverständlich auch alle Kollegen und Kolleginnen zustimmen. Gibt es Mitarbeitende, die große Angst vor Hunden haben oder besteht eine Hundehaar-Allergie, muss hierauf Rücksicht genommen werden. Selbstverständlich darf der Hund auf der Arbeit niemanden belästigen, und so sollte gewährleistet werden, dass Menschen mit Angst vor Hunden keinen direkten Kontakt zu diesen haben. Doch manchmal ist die Angst so groß, dass allein die Anwesenheit des Hundes im Bürogebäude die Betroffenen so belastet, dass sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können. In dem Fall wirst du vermutlich leider darauf verzichten müssen, deinen Hund mitzubringen. In Bezug auf Allergien muss man zunächst einmal sagen, dass es "den Allergikerhund" nicht gibt. Ob ein Mensch auf einen bestimmten Hund allergisch reagiert, kann individuell getestet werden. Allergieauslöser sind Allergene im Speichel oder in Hautschuppen des Hundes, in den meisten Fällen ist das Allergen "Can f 1" Ursache für die Allergie. Da Hunde häufig das Fell belecken, reagieren Menschen besonders stark allergisch auf Hunde, die Haare verlieren. Nichthaarende Hunderassen eignen sich daher tatsächlich eher, sodass ich, wenn die Anschaffung des Hundes noch bevorsteht, zu Hunden wie Pudel, Lagotto Romagnolo oder Spanischer Wasserhund rate, da diese zumindest keine Haare verlieren. 

Natürlich kannst du diese Punkte bzgl. der Auswahl deines Hundes nur dann beachten, wenn dein Hund noch nicht bei dir eingezogen ist. Doch nicht nur die Fellbeschaffenheit spielt eine Rolle, auch der Charakter bzw. die Persönlichkeit deines Hundes können darüber entscheiden, ob er sich gut in deinen Büroalltag einfügt und von deinen Kollegen und Kolleginnen akzeptiert bzw. gern gesehen wird. Territoriale Hunderassen führen durch ihr Verhalten oft zu Problemen im Büroalltag. Wird jeder Hereinkommende mit lautem Bellen angekündigt, und dürfen sich Menschen nicht frei im Raum bewegen, ohne dass es zu aggressivem Verhalten des Hundes wie z. B. Knurren und Fixieren kommt, wird der Arbeitsalltag stark gestört. Aber auch schlecht sozialisierte Hunde, die große Angst gegenüber fremden Menschen zeigen, sind keine idealen Begleiter. In den meisten Fällen bedeuten diese Eigenschaften jedoch nicht sofort das komplette Aus, mit einem guten Training können auch diese Hunde oft noch lernen, im Büro zu entspannen. Allerdings müssen dann nicht nur du, sondern vor allem auch deine Kollegen und Kolleginnen ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen. Denn ohne sie geht es in diesen Fällen nicht, sie müssen sich wirklich genau an deine Anweisungen im Umgang mit deinem Hund und an die aufgestellten Regeln halten.

Generell sollten für jeden Bürohund Regeln vereinbart werden, an die sich alle Mitarbeitenden halten. Liegt dein Hund auf seinem Liegeplatz, darf er nicht gestört werden. Niemand ruft ihn von dort weg oder geht dorthin, um ihn zu streicheln. Dein Hund soll wissen, dass er auf seinem Platz seine Ruhe hat, es ist sein sicherer Rückzugsort. 

Daher sollte sich dieser auch an einer ruhigen Stelle befinden, an der kein Durchgangsverkehr herrscht. Der Eingangsbereich eignet sich in aller Regel also nicht! Im Bürobereich empfehle ich meinen Kunden und Kundinnen, den Hund in einer Ecke im Raum hinter dem eigenen Schreibtisch unterzubringen. So sitzt der bzw. die Halter:in als Puffer zwischen Hund und hereinkommenden Menschen. Eventuell kann auch ein Sichtschutz für mehr Entspannung sorgen, alternativ nutzen viele Hunde gern auch eine offenstehende Box als Höhle zum Rückzug.

Betritt jemand das Büro, muss dein Hund lernen, auf dein Signal zu seinem Liegeplatz zu gehen und dort zu bleiben, bis du ihn wieder freigibst. Denn nicht jeder Mensch wird gern vom freudig wedelnden Hund begrüßt, geschweige denn von den stürmischen Exemplaren angesprungen oder abgeleckt. Trainiere das Schicken auf den Liegeplatz und das Liegenbleiben am besten erst einmal zu Hause, da hier weniger Ablenkungen sind. Füge dann nach und nach Ablenkungen hinzu, bis dein Hund das Signal "Decke" auch im Büro beherrscht.

Aufbau Signal "Decke"

Wirf ein Futterstück auf den Liegeplatz und lass deinen Hund hinterherlaufen und das Futter fressen. Nach einigen Wiederholungen wartest du, bis dein Hund von sich aus, also ohne Hilfe durch ein fliegendes Leckerli, in Richtung Liegeplatz geht. Dazu stellst du dich zusammen mit deinem Hund z. B. direkt neben die Decke. Sobald er eine Pfote auf die Decke stellt, belohnst du ihn. Steigere nun Schritt für Schritt die Schwierigkeit. Dein Hund soll erst mit beiden Vorderpfoten und später dann mit allen vier Pfoten die Decke betreten. Danach vergrößerst du die Distanz zur Decke, anfangs einen Meter, dann zwei oder drei. Dein Hund lernt dadurch, aus der Entfernung zu seiner Decke zu laufen. Klappt alles gut, kannst du ein Signalwort, wie z. B. „Decke“, einführen. Nun muss dein Hund noch lernen, für längere Zeit auf der Decke zu bleiben. Sucht er die Decke auf, sagst du ihm, dass er sich hinlegen soll. Dieses Signal musst du ihm natürlich vorab beigebracht haben. Dein Hund muss nun erst eine Zeit lang liegen bleiben, bevor er eine Belohnung erhält, anfangs nur wenige Sekunden, später eine Minute, dann mehrere Minuten bis hin zu einer Viertelstunde und länger. Wichtig ist, dass du jetzt nicht vergisst, dass du deinem Hund ein Signal gegeben hast. Steht er auf, musst du ihn korrigieren und wieder auf den Platz zurückschicken. Auch bei unvorhergesehenen Ereignissen, wenn also auf einmal jemand dein Büro betritt, darf dein Hund nur aufstehen, wenn du ihn freigegeben hast.

Weiterhin ist wichtig, dass dein Hund nur von dir gefüttert wird. Dieser Punkt ist vor allem zu Beginn für viele Kollegen und Kolleginnen schwer zu verstehen, denn viele lieben es, Hunden den Rest des Frühstücksbrotes zu geben oder sie den Joghurtbecher ausschlecken zu lassen. Dein Hund soll aber lernen, dass andere Menschen keine besondere Bedeutung für ihn haben. Wenn ein Mensch den Raum betritt, hat er oder sie in der Regel ein Anliegen, das er oder sie mit dir besprechen will. Dein Hund muss also lernen, dass er einfach weiter auf seiner Decke liegen und schlafen kann, da für ihn nichts Wichtiges passiert. Bekommt er aber immer wieder einmal eine Leckerei, werden insbesondere die verfressenen Exemplare wie Labrador Retriever und Co. bei jedem und jeder Besucher:in aufgeregt in Erwartung eines Leckerbissens aufspringen. Kommt dieser dann aber einmal nicht, kann sich die Frustration darüber in lautstarker Jammerei oder sogar in Gebell äußern.

Dein Hund muss zudem lernen, dass er ohne deine Erlaubnis dein Büro bzw. den Bereich rund um deinen Arbeitsplatz nicht verlassen darf. Anfangs kannst du hierzu beispielsweise ein Kindergitter in der Tür oder eine Absperrung nutzen. Besonders wichtig ist dies, wenn außer deinem Hund noch weitere Hunde ins Büro mitgebracht werden. Ein Freilauf der Hunde sollte nur nach Absprache und in aller Regel nur im Außenbereich stattfinden. Das Büro selbst ist Ruhebereich, hier gibt es weder dynamische Beschäftigungsformen noch wilde Tobereien. 

Die meisten Hunde liegen jedoch nicht acht Stunden lang durchgängig still auf ihrem Platz. Welpen müssen in aller Regel sowieso anfangs spätestens alle zwei bis drei Stunden die Möglichkeit bekommen, sich zu lösen. Aber auch erwachsene Hunde müssen sich mindestens einmal am Tag ausreichend bewegen können. Die Mittagspause gehört daher deinem Hund! Ein kurzer Spaziergang mit ein wenig Beschäftigung ist dabei in aller Regel ausreichend. Du kannst deinen Hund ein paar Futterstücke in der Wiese suchen lassen oder einfache Apportierübungen mit ihm durchführen. Vielleicht schließen sich eurem mittäglichen Spaziergang ja sogar einige Kollegen und Kolleginnen an? 

Ideal ist, wenn du dir für die ersten Wochen, in denen dein Hund dich ins Büro begleitet, ein wenig freie Zeit nehmen kannst. Arbeitest du in der ersten Woche z. B. nur halbtags und danach die Woche sechs Stunden täglich, bevor du wieder Vollzeit arbeitest, kann sich dein Hund langsam an den neuen Alltag gewöhnen. Ist das nicht möglich, kann ein Backup eine Hilfe sein. Vielleicht gibt es jemanden, der deinen Hund nach einigen Stunden abholen kann, sodass er die restliche Zeit in gewohnter Umgebung verbringt.

Doch auch du selbst musst dich an Regeln halten. So ist es selbstverständlich, dass du deinen Hund nach dem Mittagsspaziergang – genauso wie nach dem Morgengassi vor dem Büro – sauber machst, sodass er das Büro nicht verschmutzt. Insbesondere bei haarenden Hunden ist die tägliche Reinigung deines Büros mit dem Staubsauger Pflicht. Zudem solltest du deinen Hund gut versichert haben, denn für Schäden, die dein Hund verursacht, musst du natürlich aufkommen. Ob er den Schreibtischstuhl ankaut oder sich auf dem teuren Büroteppich übergeben muss, alle diese Punkte sollten durch deine Haftpflicht-Versicherung abgedeckt sein.