Auslandshunde - von der Straße auf’s Sofa?

Wir befragen hierzu DOGS Coach Doreen Hörchner (Martin Rütter DOGS Potsdam/Zossen)

In vielen südlichen und osteuropäischen sowie ärmeren Ländern gehören sie zum Straßenbild. Im Sommer 2017 ist DOGS Coach Doreen Hörchner nach Bulgarien und Sri Lanka gereist. Der Grund ihrer Reisen: Sie wollte das Leben der Straßenhunde genauer unter die Lupe nehmen. Wir haben sie zu diesem Thema befragt:

Wie beschreibst du die Lage der Straßenhunde vor Ort? Müssen sie alle ums Überleben kämpfen und sehnen sich nach einem gemütlichen Zuhause?

Wie es um das Leben eines Straßenhundes bestellt ist, muss man immer und in jedem Fall individuell betrachten. Das Leben eines Straßenhundes in Bulgarien ist zum Beispiel nicht mit dem Leben eines Straßenhundes in Sri Lanka zu vergleichen. Weiterhin ist Straßenhund nicht gleich Straßenhund. Ein Straßenhund aus einer Großstadt findet andere Lebensbedingungen vor und ist anders sozialisiert als ein Straßenhund aus menschenleerer Gegend. Außerdem muss man differenzieren: handelt es sich tatsächlich um einen „echten“ Straßenhund oder um einen ausgesetzten Hund, einen verwilderten Hund, einen Hund, der in einer Auffang- oder Vermehrerstation oder im Verschlag groß geworden ist? Sie alle unterscheiden sich in Wesen, Bedürfnissen, Ansprüchen, Lernerfahrungen …

Wichtig bei der Betrachtung ist außerdem, die Bedingungen vor Ort nicht nach deutschen Maßstäben zu bewerten. Wir Deutschen neigen leider oft dazu, vorschnell und pauschal zu urteilen. Über soziale Medien wird uns täglich mit Erfolg suggeriert, dass „alle“ Straßenhunde, ob nun in Rumänien, Bulgarien, Spanien oder anderen Ländern, unendlich leiden, verfolgt, gequält, mutwillig entsorgt oder bewusst überfahren werden. Eine solche Darstellung ist irreführend und ganz sicher nicht im Interesse des Tierschutzes.

In Bulgarien z. B. habe ich unzählige Straßenhunde beobachtet, die vergnügt durch den Stadtpark toben, tagein tagaus frei entscheiden können, wohin sie wann gehen, die nach Belieben buddeln, jagen, mit Artgenossen durch die Gegend ziehen, entspannt auf zentralen Plätzen oder im Stadtpark herumliegen oder in überfüllten Einkaufspassagen den Tag verschlafen. Es gibt auffallend viele ältere Hunde auf den Straßen und nicht wenige, die eher an Übergewicht als an Hunger leiden. Die Toleranz gegenüber Straßenhunden ist ausgesprochen hoch, Einheimische versorgen Hunde mit Wasser und Futter oder auch Medikamenten. Ja, der eine oder andere muss sein Futter auch auf einer Müllhalde oder am Straßenrand zusammensuchen, den nächsten quälen ein Floh oder typische Altersbeschwerden, aber das heißt nicht automatisch, dass sie „alle“ leiden und dringend ihre Freiheit gegen ein „gemütliches Sofa“ tauschen möchten.

Ich möchte einem Straßenhund ein Zuhause geben. Wie erkenne ich eine seriöse Tierschutzorganisation und wie gehe ich sinnvoll vor?

Eine seriöse Tierschutzorganisation gibt detailliert und ehrlich Auskunft darüber, wo, wie, wann und warum ein Hund von der Straße aufgelesen wurde oder seit wann er bspw. in einer Tötungsstation sitzt. Die Adoption wird nicht ausschließlich über Qualfotos und emotional anrührende Geschichten geführt. Im besten Fall kümmert sich in einem ersten Schritt eine ausgesuchte Pflegestelle in Deutschland um das importierte Tier. Dort hat man die Möglichkeit, den Hund unverbindlich kennenzulernen. Man wird befragt, welche Vorkenntnisse vorhanden sind, was der Interessent vom zukünftigen Mitbewohner erwartet und  wie er sich die Betreuung und Erziehung vorstellt. Am besten lässt man sich vorab Videos (nicht nur Fotos!) zeigen, aus denen erkennbar wird, wie und wo der ausgewählte Hund aktuell lebt und wie er auf Artgenossen und Menschen reagiert. Eine gute Tierschutzorganisation ist auch nach Übernahme für den Hundehalter da und unterstützt bei eventuell auftretenden Schwierigkeiten.

Ein Straßenhund zieht bei mir ein – Was muss ich beachten?
Womit muss ich rechnen, wenn ich einen Straßenhund aus dem Ausland adoptiere?

Wenn ich mich vorab ausreichend informiert habe, ob der ausgesuchte Hund unter Berücksichtigung seiner Vergangenheit und seiner spezifischen Bedürfnisse tatsächlich zu mir passt, dürfte es nur wenige böse Überraschungen geben. In der Regel sind Straßenhunde sehr gut im Umgang mit Artgenossen sozialisiert. Klar dürfte aber auch sein, dass ein Hund, der längere Zeit auf der Straße gelebt hat, zwangsläufig einen gewissen Freiheitsdrang, hohe Selbständigkeit und jagdliche Erfahrungen mitbringt. Erstaunlicherweise sind es aber oft genau diese Eigenschaften, die wir hier in Deutschland als störend empfinden. Der Auslandshund, der sich doch eigentlich dankbar zeigen sollte, zieht an der Leine, kann in geschlossenen Räumen nicht allein bleiben, zeigt vielleicht Futteraggressionen, verhält sich unausgelastet, entwickelt Leinen-, territorial- oder sozialmotivierte Aggressionen, ist verängstigt oder im schlimmsten Fall sogar schwer traumatisiert. Derartige Fälle bestimmen leider meinen Arbeitsalltag mit Auslandshunden, und das macht mich immer wieder und in jedem Fall sehr betroffen. Ich kann nur immer wieder appellieren: die Anschaffung eines Hundes sollte immer ausreichend überlegt und vorbereitet sein, von einer „spontanen Rettung“ aus Mitleid sollte deshalb unbedingt abgesehen werden! Im Interesse des Hundehalters und des Hundes.

Doreen Hörchner wird auch in diesem Jahr an verschiedenen Orten Seminare und Reiseberichte zum Thema „Straßenhunde“ anbieten. Interessierte Hundefreunde und Tierschützer dürfen sich auf beindruckende Filmaufnahmen von Straßenhunden aus Bulgarien und Sri Lanka freuen. Sie gibt Ratschläge zur Übernahme eines Auslandshundes an die Hand und wird dem einen oder anderen Hundehalter, die Möglichkeit einräumen, über seine Erfahrungen mit einem Auslandshund zu berichten. Die genauen Termine werden zu gegebener Zeit auf ihrer Homepage und bei Facebook veröffentlicht.