Corona Krise: Home Office, Home Schooling – und endlich Zeit für einen Hund!

Die Corona Pandemie stellt uns alle vor neue Herausforderungen und betrifft uns in vielen Bereichen in unserem Alltag.

Viele Menschen haben auf einmal mehr Zeit, denn Freizeitaktivitäten können nur sehr begrenzt stattfinden, regelmäßige Termine fallen aus. In Zeiten von Heimarbeit und Unterricht zu Hause verbringt man mehr Zeit im eigenen Zuhause und gemeinsam mit der Familie. Doch wie soll man diese ganze Zeit, die man auf einmal hat, sinnvoll füllen? Was kann man tun, um die aufkommende Langeweile zu bekämpfen? Und dann steht da auf einmal die Idee im Raum, einen Hund anzuschaffen … Denn mit einem Hund muss man spazieren gehen, man kommt raus und kann sich aktiv beschäftigen. Also, was liegt näher, als zu einem Züchter zu fahren und im Idealfall direkt einen Welpen mitzunehmen? Wir haben mit Laura Müller von Martin Rütter DOGS München/Freising gesprochen, ob das wirklich eine gute Idee ist und warum es gerade in dieser Zeit problematisch werden kann, einen passenden Welpen zu finden.

Wie sinnvoll ist es, sich ausgerechnet in dieser Zeit, die wir gerade erleben, einen Welpen anzuschaffen?

Sicherlich spielt auf den ersten Blick in dieser außergewöhnlichen Situation der Faktor Zeit eine ausschlaggebende Rolle, weshalb gerade jetzt Welpen, bzw. generell Hunde, ein neues Zuhause finden. Viele Menschen arbeiten weniger oder aber von Zuhause aus, sodass nun ausreichend Zeit für das neue Familienmitglied vorhanden ist. Man sollte jedoch bedenken, dass diese Situation nicht lange so bleiben wird. Doch ein Familienmitglied, gerade ein Welpe, benötigt diese Betreuung nicht nur in Zeiten von Corona, sondern auch darüber hinaus. Somit ist es wichtig einen Zeitraum von 15 Jahren und nicht nur von 15 Wochen sicherzustellen. Ein Hund braucht circa drei Stunden am Tag qualitative Zeit, darunter fällt: Spazierengehen mit gemeinsamen aktiven Aufgaben (z.B. Apportieren, Suchen, Agility), Erziehung (die gerade am Anfang einiges an Zeit erfordert), aber auch Kuscheln, Füttern und Fellpflege.
Oftmals erlebe ich, dass Hundehalter glauben, dass es wichtig ist, zwei bis drei Stunden spazieren zu gehen. Dabei ist vielmehr die Qualität des Spaziergangs als die Dauer entscheidend. 20 Minuten geistige und körperliche Auslastung machen einen Hund müder und zufriedener als zwei Stunden reines, aus Hundesicht langweiliges, Spazierengehen.
 
Zudem ist es wichtig, sich ausreichend mit der Anschaffung des Hundes zu befassen:
- Welche Rasse passt zu mir?
- Welche Erwartungen habe ich an den neuen Vierbeiner, im Bezug auf Charakter, Aussehen, Aktivitätslevel?
- Habe ich vor Hundesport zu betreiben, und wenn ja, welchen?

Ich empfehle bei der Auswahl des Hundes immer darauf zu achten, wofür der Hund ursprünglich gezüchtet bzw. verwendet wurde! Denn diese Eigenschaften werden dem neuen Familienmitglied nach wie vor wichtig sein und müssen über Training und Alternativen geleitet und befriedigt werden. Interessiere ich mich beispielsweise für einen Hund mit einer stark territorialen Motivation, also dem Bedürfnis auf ein Gebiet oder auf Menschen aufzupassen, dann ist es wichtig, von Anfang an Grenzen zu setzen, damit die Aufgaben, wer für was zuständig ist, klar verteilt sind und beispielsweise Freunde weiterhin zu Besuch kommen können.
Wenn das Interesse für einen Hund mit ausgeprägter jagdlicher Motivation besteht, ist es wichtig, einen zuverlässigen Rückruf aufzubauen und dem Hund als Alternative ausreichend jagdliche Auslastung zu bieten, beispielsweise durch Apportiertraining.

Sicherlich waren die letzten Wochen aber auch wirklich für einige Menschen nun DIE Chance sich einen Welpen anzuschaffen. Denn wer einen Welpen aufnimmt, muss sich zumindest die erste Zeit, bis der Welpe gelernt hat, zumindest für ein paar Stunden einzuhalten und allein zu bleiben, intensiv um die Betreuung, Erziehung und Versorgung des Welpen kümmern. Wenn der Wunsch nach einem Hund also immer schon vorhanden war, jedoch lediglich mangels eines längeren Urlaubs zur Überbrückung der ersten Zeit bisher nicht umgesetzt werden konnte, hat sich nun für einige vielleicht der Traum des Lebens erfüllt.

Die Corona Pandemie schränkt uns in vielen Bereichen in unserem Alltag ein. Gilt das auch für die Auswahl und Anschaffung eines Welpen?

Ja, unbedingt! Ich selbst habe in meiner Hundeschule erlebt, wie hilflos Familien mit ihren Welpen waren, als die Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten sind. Dies hatte schließlich zur Konsequenz, dass die Hundeschule inklusive der Welpengruppe nicht stattfinden konnte, die ja für Welpen wichtig ist, um z. B. andere Rassen, neue Untergründe oder andere Menschen kennenzulernen. Ebenso schwer war es, einen Welpen an Alltagsreize heranzuführen, da nahezu das gesamte Leben heruntergefahren wurde. Vor allem bis zur zwölften Woche ist es jedoch eine der wichtigsten Aufgaben, den Welpen möglichst gut zu sozialisieren. Selbst so simple Dinge wie die Gewöhnung an Kindergeschrei und dynamische Bewegungen, indem man z. B. mit dem Welpen am Kinderspielplatz vorbeiläuft, fielen jedoch weg.

Die Auswirkungen von COVID-19 auf die Zucht von Hunden sind ebenso enorm. Durch die Kontaktbeschränkungen konnten die Familien den Züchter bzw. die Zuchthunde vorab häufig nicht kennenlernen. Dabei ist gerade dies wichtig für die Entscheidung für oder gegen einen Welpen, denn so kann man sich zunächst ein Bild von den erwachsenen Hunden und den Aufzuchtmöglichkeiten machen. Wenn beispielsweise die Mutterhündin schon sehr unsicher ist, können hier Rückschlüsse auf das Verhalten der Welpen gezogen werden. Da viele Züchter ihre Welpen in dieser Zeit nun aber nur begrenzt sozialisieren konnten und zudem zeitweise die medizinische Versorgung nicht geklärt war, was auch die abschließende Untersuchung mit Impfung betraf, führte dies bei einigen Züchtern zu dem Entschluss, den geplanten Wurf um eine Läufigkeit oder sogar ein Jahr zu verschieben. Durch die erhöhte Nachfrage mit einem parallel dazu reduzierten „Angebot“ kommt es bei vielen Züchtern derzeit zu einer enormen Nachfrage, z. T. melden sich mehrere Hundert Familien auf eine Wurfanzeige. Die Chance, einen Welpen aus einem Wurf zu erhalten, ist daher momentan sehr gering.

Es gibt aber doch viele Angebote z. B. bei ebay Kleinanzeigen oder in Tiervermittlungsportalen. Ist das eine gute Alternative, um einen Welpen zu finden?

Ich rate dringend vom Kauf eines Welpen auf Portalen wie ebay Kleinanzeigen ab, da hier viele unseriöse Angebote zu finden sind, und es oftmals kaum möglich ist, diese eindeutig zu erkennen. Die derzeitige Situation darf jedoch keine Ausrede dafür sein, einen Welpen aus einer unseriösen Zucht zu kaufen. Denn diese sind meist wenig sozialisiert und notwendige Untersuchungen, um Krankheiten vorzubeugen, sind nicht ausreichend durchgeführt. Der Hund muss aber mit der fehlenden Sozialisierung sein restliches Leben zurechtkommen, denn diese kann nur begrenzt nachgeholt werden. Zudem besteht beim Kauf dieser Hunde die Gefahr, den organisierten Welpenhandel zu unterstützen. Die Hündinnen werden hier in jeder Läufigkeit gedeckt und als Gebärmaschinen missbraucht.  Welpen werden unter schlimmsten Bedingungen produziert, sie wachsen im Stall, ohne Prägung und Sozialisierung oder notwendige medizinische Versorgung auf. Wer einen solchen Welpen aus Mitleid aufnimmt, um diesem zu helfen, trägt dazu bei, dass weitere Würfe mit dem Geld für den gekauften Welpen finanziert werden. Die Teufelsspirale beginnt, denn man trägt damit langfristig nicht zum gewünschten Tierschutz bei, sondern unterstützt kollektives Leid.

Was macht denn einen seriösen Züchter aus? Worauf sollte man bei der Suche nach einem Welpen achten?

Entscheidend ist schon der erste Eindruck am Telefon. Wenn hier die Sympathie passt, lernt man sich danach vor Ort beim Züchter persönlich kennen. Während des Gesprächs gibt der Züchter Einblick in die Unterlagen der Zuchthunde (Rüde und Hündin). Die Familie kann die Zuchthündin vor dem geplanten Wurf kennenlernen. Diese sollte freundlich und offen gegenüber Besuchern sein. Einem seriösen Züchter ist zudem daran gelegen, die Interessenten kennenzulernen und sich über die Voraussetzungen zur Haltung eines Hundes und speziell der potentiellen Rasse auszutauschen. Ich gebe Welpen-Interessenten aber immer mit auf den Weg, dass auch sie Fragen an den Züchter und zu dessen Hunden stellen können und sollen. Beispielsweise wie der Züchter seine Hunde beschreibt oder wie er sie auslastet. Denn dies gibt wiederum Auskunft darüber, wie gut der Züchter seine eigenen Hunde kennt. 
Seriöse Züchter erkennt man daran, dass sie (bei anerkannten Rassen) dem internationalen Dachverband FCI und in Deutschland dem Verband für das Deutsche Hundewesen, kurz VDH, angeschlossen sind. Es gibt klare Vorgaben und Regeln bezüglich ihrer Zuchtstätte und der Zuchtzulassung der Zuchthunde. Bei Hündin und Rüde wurden alle in Bezug auf die jeweilige Rasse notwendigen medizinischen Untersuchungen durchgeführt, zudem haben sie weitere Prüfungen wie Wesenstest, Formwert und Arbeitsprüfungen erfolgreich abgelegt. Die Welpen wachsen in der Familie mit entsprechendem Anschluss an das Familienleben auf. Ein angrenzender Welpenspielbereich ist vorhanden. Mit fortgeschrittenem Alter der Welpen kommen erste Besucher, später dann auch der ein oder andere ausgeglichene erwachsene Hund. Es werden erste Ausflüge mit den Welpen unternommen, wie z. B. Spaziergänge in die nähere Umgebung und erste kleine Autofahrten, um die Welpen gemeinsam mit der Mutterhündin leichter an das Autofahren zu gewöhnen. Bei der Abgabe an die neue Familie sind die Welpen entwurmt, geimpft und durch einen Tierarzt auf Krankheiten und gesundheitliche Probleme untersucht.
Sind die Welpen geboren, besucht man sie am besten öfter, um den tatsächlichen Charakter der einzelnen Welpen kennenzulernen. Es kann ja sein, dass an dem einen Tag der eigentlich aktivste Welpe gerade gefressen hat und sich nun mit vollem Magen von einer trägeren Seite zeigt. Besucht man ihn dann ein zweites Mal, wird man eventuell verwundert über das Energielevel des eigentlich doch trägen Hundes sein. 

Muss man dann jetzt auf seinen Wunsch bzgl. der Anschaffung eines Hundes verzichten? Oder gibt es sinnvolle Alternativen?

Auf jeden Fall gibt es Alternativen. Bei der Beratung zur Anschaffung eines Hundes bespreche ich mit der Familie immer, ob es unbedingt ein Welpe sein muss, oder ob nicht vielleicht auch ein Hund aus dem Tierheim in Frage kommt. Denn dort gibt es viele tolle Hunde, die auf ihre eigene Familie warten. Viele Tierheime haben mittlerweile wieder geöffnet und empfangen, natürlich unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln, wieder Besucher. Da auch sie in den letzten Wochen nur sehr eingeschränkten Betrieb hatten, sind sie dringend auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Oftmals erzählen mir Kunden, dass erwachsene Hunde den Nachteil haben, dass sie schon das ein oder andere Trainingsanliegen mitbringen. Doch auch ein Welpe bringt Trainings- und Zeitaufwand mit sich, sodass diese Zeit genauso auch in einen erwachsenen Hund investiert werden kann. Daher empfehle ich, den Hund vor Ort im Tierheim mehrmals zu besuchen und z. B. mit ihm spazieren zu gehen, um ihn genauer kennen zu lernen. Entscheidend ist, ob ein Hund zur persönlichen Lebenssituation passt, und das betrifft sowohl den Welpen als auch den erwachsenen Hund. Vielleicht eignet sich ja sogar auch ein eher wirklich älterer Hund? Denn wenn man nicht unbedingt sportlich aktiv sein möchte, ist ein Hundesenior häufig eine optimale Alternative. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Hund aus dem Tierheim eine mindestens genauso innige Beziehung zu seinem Menschen aufbauen kann wie ein Welpe, der seit Beginn bei seiner Familie lebt, und dass die Aufnahme eines Hundes aus dem Tierheim eine wundervolle Bereicherung des Lebens sein kann.

Ein paar Worte zu deiner Hundeschule:

Ich leite seit Ende 2018 die DOGS Hundeschule in München/Freising. Neben Einzeltrainings biete ich Gruppentrainings und Kurse zu unterschiedlichen Themen sowie Beratungen vor der Auswahl bzw. Anschaffung oder vor dem Einzug des Vierbeiners an. Als Hundetrainerin fasziniert mich, Menschen auf dem Weg zu einer harmonischen Mensch-Hund-Beziehung zu begleiten. Die Entwicklung dieser Beziehung mitzuerleben, erfreut mich immer wieder aufs Neue.