Der Jagdhund im Alltag

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Richarda Theobald-Hoffmann (Martin Rütter DOGS St. Wendel/Kaiserslautern)

Der Jagdhund bzw. der jagdlich geführte Hund, ist zu dieser Jahreszeit wieder vermehrt im Einsatz: Bei Treib- und Drückjagden oder bei der Stöber- und Nachsuche. Wie schön es ist, wenn Hunde noch ihren Bedürfnissen nachgehen und das ausleben dürfen, wofür sie eigentlich auch gezüchtet wurden, kann man jedem Jagdhund nach der Arbeit ansehen, wenn er zufrieden und müde nach einem anstrengenden Jagdtag neben seinem Menschen liegt.

Aber was ist in den anderen Zeiten, wenn der Jagdhund saisonbedingt nur selten von seinem Menschen im jagdlichen Einsatz benötigt wird? Dann soll sich der Jagdhund heutzutage auch immer häufiger als Familienhund „gut benehmen“. Auf der einen Seite eine sehr erfreuliche Entwicklung – weg vom reinen Arbeitshund, der außerhalb der Wohnung in einem Zwinger gehalten und nur zur Arbeit genutzt wird – hin zum „normalen“ Hund mit engem Familienanschluss, der seine Familie auch bei Aktivitäten und Unternehmungen begleitet. Doch damit dies ohne große Probleme funktioniert, muss der Jagdhund zum einen lernen, wie er sich in der Stadt, im Café oder Restaurant und im Park verhält, zum anderen muss man gerade Jagdhunde auch während der sogenannten „Schonzeiten“ alternativ auslasten, um sie ausreichend zu beschäftigen, denn eine kurze Runde an der Leine um den Block reicht bei diesen sehr aktiven Hunden mit Sicherheit nicht aus. 

Das Alltagstraining ist umfangreich und beginnt mit gut gefestigten Grundsignalen bis hin zum körpersprachlichen Führen des Hundes über weite Distanzen. Ebenso wichtig sind eine zuverlässige Leinenführigkeit sowie das freie Folgen, auch unter ablenkenden Reizen wie sie in der Stadt häufig anzutreffen sind. Eine hohe Impulskontrolle, bis hin zur Schuss- und Standruhe, kann für den Jagdhund im Einsatz lebenswichtig sein, hat aber auch in der Stadt viele Vorteile. Denn hier muss der Hund lernen, den vorbeifliegenden Ball der spielenden Kinder zu ignorieren, heranbrausende Radfahrer passieren zu lassen und auf sämtliche Reize gelassen zu reagieren. Unerlässlich ist auch für den Jagdhund das Abschalttraining, der Jagdhund muss lernen, sich zurückzunehmen. Denn nichts ist schlimmer, als ein ständig jaulender und jammernder Hund unter dem Tisch, wenn man eigentlich gerade in Ruhe im Restaurant das Essen genießen möchte. All dies beginnt man am besten mit dem Welpen bzw. jungen Hund, der noch offen für neue Reize und Erfahrungen ist. Immer mehr Jäger suchen daher auch Welpen- und Junghundegruppen in den örtlichen Hundeschulen auf, um ihren jungen Begleiter ausreichend auf die zukünftige Umwelt zu prägen und ihn auf den Menschen, aber auch auf andere Artgenossen zu sozialisieren.

Denn auch den Umgang mit Artgenossen muss der Jagdhund von Welpe an erlernen. Während der Jagd ist der Focus der Hunde meist auf das Jagen gerichtet, sodass direkte Kontakte unter den Hunden nur am Rande stattfinden. Soll der Jagdhund aber den Menschen in den Park begleiten, wird er dort auf andere Hunde, und vor allen Dingen auch auf Hunde anderer Rassen treffen. Eine gute Sozialisierung auf unterschiedlichste Hunde ist daher die Voraussetzung für den Jagdhund als entspannten Begleiter im Alltag. Der zukünftige Jagdgebrauchshund sollte daher eine Welpen- und Junghundegruppe besuchen, in der nicht nur Jagdhunde, sondern alle Rassen aufgenommen werden, damit er die Möglichkeit hat, mit anderen Rassen, wie z. B. kurznasigen Rassen wie der Französischen Bulldogge oder aber Hunderassen mit anderen Motivationen, wie den Hüte- oder Treibhunden, Kontakt aufzunehmen und deren Kommunikationsformen zu erlernen.

Eine gute Auslastung bzw. Beschäftigung des Jagdhundes, erreicht man durch das Training von Jagdsequenzen über Apportier- und Fährtentraining. Hierbei ist das Arbeiten mit „echtem Wild“ natürlich den jagdlich geführten Hunden vorbehalten! Doch auch diese Hunde können lernen, mit Wildersatz, also mit Dummys zu trainieren, sodass nicht ständig Wild für das Training des Jagdhundes „verbraucht“ werden muss. Denn für den Hund spielt es letztlich keine Rolle, ob er der Spur eines Kaninchens oder eines Felldummys folgt, solange er nur seine Nase einsetzen kann. Auch sämtliche Apportierübungen lassen sich hervorragend mit Dummys durchführen. So kann der Hund in Feld und Wald versteckte Dummys suchen, auf ein - vorab für den Hund nicht sichtig - ausgelegtes Dummy eingewiesen werden oder aber von einem Helfer geworfene Dummys auf Signal des Menschen holen. Auch das Training an der Reizangel macht den meisten Jagdhunden großen Spaß. Wichtig ist hierbei von Anfang an den Schwerpunkt nicht auf das Hetzen, sondern auf die Steadiness und Impulskontrolle zu legen. Der Jagdhund muss also erst einmal eine Zeitlang sitzen bleiben, während die Beute an der Reizangel vor ihm hin und her bewegt wird, bis er dann auf ein Signal seines Menschen hinterherhetzen darf. Auch der gute Aufbau eines Abbruchsignals, gehört zur Ausbildung des Jagdhundes bzw. des jagdlich geführten Hundes immer dazu und kann hervorragend mithilfe der Reizangel trainiert werden.

Natürlich muss der Jagdgebrauchshund aber auch in Bezug auf seine jagdlichen Anlagen gezielt gefordert und gefördert werden. Diese Hunde müssen am Ende ihrer Ausbildung einen Job erledigen, bei dem Fehler unter Umständen unnötiges Leiden für das erlegte Wild bedeutet. Daher ist eine professionelle Ausbildung unerlässlich, der Hundetrainer muss sich mit den Anforderungen, die durch die Jagdausübung an den Jagdhund gestellt werden, auskennen. Ruhiges Apportieren von Wild, ohne zu knautschen und das Wild dadurch zu entwerten sowie zuverlässige Abgabe in die Hand sind Beispiele hierfür.

Dabei steht diese Ausbildung dem Training als Familienhund nicht unbedingt kontrovers gegenüber, denn heutzutage weiß man, dass veraltete Ausbildungsmethoden mit Gewalt und harter Bestrafung des Hundes nicht wirklich zu einem zuverlässigeren Jagdhund führen. Auch Jagdhunde können die notwendigen Fertigkeiten mithilfe moderner Trainingsformen erlernen. Dabei muss der Jäger nun nicht zwingend den Clicker in die Hand nehmen. Kenntnisse über Belohnungen, deren Auswirkung auf den Hund sowie das Training mit positiver Verstärkung sind jedoch auch in der modernen Jagdhundeausbildung nicht mehr wegzudenken. Immer mehr Hundetrainer zeigen, dass Jagdhunde auch ohne harte Strafen zum zuverlässigen Jagdbegleiter ausgebildet werden können, sodass die Nachfrage nach einer zeitgemäßen Ausbildung des Jagdgebrauchshundes immer größer wird.
Auch in unseren DOGS Hundeschulen finden Sie Angebote für die Ausbildung Ihres zukünftigen Jagdbegleiters: Jagdhundetraining - Ausbildung von Jagdhunden
 

Doch immer häufiger werden die ursprünglich ausschließlich Jägern vorbehaltenen Hunderassen, wie z. B. der Weimaraner, auch als reine Familienhunde gehalten. Ist das überhaupt möglich, ohne dass der Mensch an seinem Jäger verzweifelt oder aber der Hund ein langweiliges Leben ohne Befriedigung seiner Bedürfnisse führt?

Unsere Hunde sind Beutegreifer, denen wir das Jagen nicht abgewöhnen können. Durch alternative Beschäftigungsformen ist es jedoch möglich, auch bei passionierten Jagdhunden bzw. bei Hunden mit starker jagdlicher Motivation, das Jagdverhalten kontrollier- und händelbar zu machen. Durch zeitgemäßes, gut aufgebautes Training lässt sich dann auch dieser Hund, durch den Alltag bzw. durch schwierige Situationen „steuern“. Im Grunde genommen sind hier die gleichen Beschäftigungsformen zu nennen wie beim Jagdgebrauchshund in der Saisonpause: Apportiertraining, Fährtentraining oder Suche sowie Reizangeltraining. Kombiniert mit einem zuverlässigen Rückruf- bzw. Abbruchsignal sowie intensivem Impulskontrolltraining ist sehr häufig auch ein Freilauf dieser jagdlich passionierten Hunde möglich. Voraussetzung hierfür ist jedoch auch, dass der Halter seinen jagdlich passionierten Hund gut „lesen und verstehen“ kann und weiß, wie er ihn innerhalb seiner jagdlichen Motivation über eine „angemessene Belohnung“ so beeinflussen kann, dass der Hund mit seiner Aufmerksamkeit bzw. Orientierung bei seinem Menschen bleibt und weiter mit ihm kooperiert. Der Mensch sollte also in der Lage sein, anhand der Körpersprache seines Hundes, den Beginn des „Jagens“ zu erkennen, denn wenn der Hund erst einmal dem Hasen hinterherhetzt, ist es eigentlich bereits zu spät. Der Hund kann dann meist erst zurückgerufen werden, wenn er die Beute erjagt hat oder wenn er einsieht, dass er keine Chance hat, das Tier zu bekommen, und das kann dauern...

Das Jagdverhalten unserer Hunde besteht aus einer sogenannten Handlungskette: Orten – Fixieren – Anpirschen – Hetzen – Packen – Töten – Zerreißen – Fressen, deren einzelne Bestandteile je nach Rasse und Einsatzschwerpunkt unterschiedlich ausgeprägt sind. Allen Rassen gemeinsam ist jedoch, dass das „Jagen“ nicht erst mit dem Losrennen des Hundes - also dem Hetzen - beginnt, sondern bereits mit dem Beobachten - dem sogenannten Orten. Kann ich diesen Zeitpunkt erkennen und habe den Grundstein durch ein entsprechendes Training gelegt, kann ich genau „jetzt“ eingreifen und somit den weiteren Ablauf der Handlung steuern. Damit der Jagdhund auf den Rückruf bzw. die Ansprache seines Menschen freudig reagiert und den Hasen laufen lässt, muss als Belohnung eine Alternative gefunden werden, die der „verpassten Chance“ entspricht. Viele Hunde werden beim Rückruf mit einem besonders guten Leckerchen oder aber dem Lecken an der Futtertube belohnt. Wenn man sich nun jedoch vor Augen führt, dass die wenigsten Hunde jagen, um sich zu ernähren, ist es fraglich, ob Futter in dieser Situation wirklich eine adäquate Belohnung darstellt. Dem Hund geht es beim Jagen um den Spaß und um Bewegung: Laufen, Hetzen und ein möglichst großer Adrenalinkick stehen hier im Vordergrund. Reagiert der Hund in einer solchen Situation auf den Rückruf bzw. die Ansprache seines Menschen, sind aktive Belohnungen, wie ein Beutespiel, gerne auch mit Beute an einer Schnur, daher häufig besser geeignet als eine Futterbelohnung.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass ein solches Training nicht nach ein paar Wochen beendet sein kann, sondern sich über Monate hinzieht. Und letztlich endet das Training im Grunde genommen nie: Denn die jagdliche Motivation des Hundes muss sein Leben lang befriedigt werden, da er sonst schnell wieder in alte Muster verfallen und selbst entscheiden wird, welchen Spuren er folgt…