Wenn das Herrchen nur aufs Handy hört…

Jeder wird dieses Bild kennen – der Hundemensch, der selbst beim Gassigehen nur mit seinem Smartphone beschäftigt ist. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass sein Hund tut, was er will und für den Menschen zur Nebensache wird. Der Spaziergang ist für die meisten Hunde jedoch der Höhepunkt des Tages. Wenn aber der Blick des Menschen stets am Handy klebt, bleiben entgegenkommende Hunde oder Radfahrer unbemerkt. Wenig überraschend ist es dann, wenn manche Hunde irgendwann „taub“ werden. Wir haben zu diesem Thema Giulia Lautz von Martin Rütter DOGS Wil/St. Gallen befragt.

Wie sieht bei dir ein Spaziergang mit deinen Hunden aus? Genießt du lieber die Offline-Zeit oder bist du auch dann für alle erreichbar und nutzt die Zeit für Telefonate?

Ganz ehrlich – in meiner Anfangszeit mit meinem Hund Tiago habe ich das Spazierengehen oft genutzt, um noch Telefonate erledigen zu können. Da wusste ich aber noch nicht so viel über das „gemeinsame Erleben-dürfen“ und was das eigentlich aus Sicht der Fellnasen bedeutet. Als ich das Studium zum DOGS Coach begonnen und jeden Tag neues Wissen erlernt habe, hat sich dies direkt geändert. Von diesem Moment an stand die Qualität des Spaziergangs an erster Stelle und die Ablenkung durchs Handy konnte man nicht wirklich gebrauchen.
Heute hat sich das Familienleben etwas verändert – mit drei Fellnasen und einem Kleinkind ist ein Spaziergang nochmals eine andere Herausforderung, da hat das Handy nur ganz wenig Platz.

Merkt ein Hund, wenn sein Mensch völlig abwesend und nicht bei der Sache ist? Welchen Effekt kann das für den Hund haben?

Definitiv ja! Seit wir die Spaziergänge als gemeinsames Erlebnis gestalten, hat  sich die Bindung zu Tiago komplett verändert. Er hat sich nicht mehr verselbständigt und ist nicht mehr alleine jagen gegangen, sondern hat sich viel mehr an mir orientiert. Das hatte positive Auswirkungen auf den Alltag, wir bilden jetzt eine Einheit.
Wenn ich heute doch mal auf einem Spaziergang durch ein Handy abgelenkt werde, merken dies alle drei Hunde direkt und machen ihr eigenes Ding. Hunde sind genaue Beobachter, das wird leider oft unterschätzt.

Welche Gefahren und Ärgernisse können entstehen, wenn Hunde „taub“ werden und allein auf Erkundungstour gehen?

Ist der Mensch abgelenkt, verselbständigen sich viele Hunde. Heißt, sie schnüffeln mal hier und markieren mal dort und der Mensch bemerkt es nicht. Die Hunde beschäftigen sich alleine, da sie den Menschen langweilig finden. Sie verfolgen z. B. eine Spur, gehen jagen oder pöbeln andere Hunde an. Wenn es zu unerwarteten Hundebegegnungen kommt und der Rückruf aufgrund der Unaufmerksamkeit des Menschen nicht rechtzeitig erfolgt,  kann es zu unschönen Hundekontakten kommen, was für das entgegenkommende Mensch-Hund-Team unangenehm sein kann. Wenn der Hund nicht lernt, sich am Menschen zu orientieren, kann es auch im Alltag zu Problemen kommen. Denn wenn der Hund draußen schon auf sich allein gestellt ist und alles regeln soll, warum sollte er dann den Rest des Tages auf die Signale des Menschen achten? Welche Probleme dann entstehen, hängt wiederum vom Charakter des Hundes ab. Manche Hunde werden einfach nur ignorant und bleiben z. B. einfach liegen, wenn der Mensch sie vom Sofa herunterschicken will, und das solange, bis der Mensch sich in ein übrig gebliebenes Eckchen quetscht. Andere Hunde wiederum machen dem Menschen deutlich klar, dass sie gar nicht daran denken, „ihr“ Sofa mit dem Menschen zu teilen. Natürlich bedeutet das aber jetzt nicht, dass Hunde grundsätzlich nicht auf dem Sofa liegen dürfen. Probleme im Alltag können in allen Lebensbereichen auftreten.

Wie kann ich einen Spaziergang gestalten, sodass Mensch und Hund gemeinsam Spaß haben? Wie kann man die Bedürfnisse von beiden in Einklang bringen?

Unsere Hunde gehen in der Regel nicht spazieren, um die Natur zu genießen und etwas frische Luft zu schnappen, sondern suchen viel mehr das gemeinsame Erlebnis mit ihren Menschen. Denn das schweißt zusammen, der Hund ist danach körperlich und geistig ausgelastet und der Mensch spielt nicht mehr die zweite Geige.
Je nach Hund und Rasse gibt es unterschiedliche Bedürfnisse und Leidenschaften sowie dementsprechend verschiedenste Beschäftigungsmöglichkeiten. So kann man auf dem Spaziergang ein Apportierspiel mit einem Futterbeutel oder einem Felldummy durchführen oder den Hund durch ein Suchspiel, bei dem der Hund die Nase einsetzen darf, auslasten.
Mit viel Abwechslung und Kreativität beim Spaziergang können die Bedürfnisse der Fellnasen erfüllt werden und auch der Mensch kann von der „Offline-Zeit“ etwas für sich mitnehmen: Eine verständnisvolle Beziehung zwischen Mensch und Hund!