Leinenaggression: Der tut nix, der will nur spielen…

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Conny Sporrer (Martin Rütter DOGS Wien) für all4dogs

Kennen Sie das? Ihr Hund ist im Freilauf freundlich und verspielt, entwickelt sich aber bei der Begegnung mit anderen Hunden an der Leine zur Bestie? Woher kommt dieses eigentümliche Aggressionsverhalten und wie ist es wieder in den Griff zu kriegen?

Der Sinn von Aggressionsverhalten im Allgemeinen wird von der renommierten Ethologin Dr. Dorit Feddersen-Petersen als „Mittel zur Distanzvergrößerung“beschrieben. Nun führen wir unsere Hunde aber an der Leine, und da ergibt sich auch schon die erste Schwierigkeit: In der Natur gibt es dieses lästige, einschränkende Ding einfach nicht. In unserer Gesellschaft klappt es aber leider nicht ohne, darauf müssen sich unsere Vierbeiner einstellen. Dafür müssen wir uns umso mehr in ihre Lage versetzen. Wo sich in der Natur aus dem Weggegangen wird und dadurch Distanz vergrößert werden kann, führen wir unsere Hunde an engen Gehsteigen oft direkt aufeinander zu und lassen sie dann auch noch aneinander schnuppern. Fühlt sich einer dabei unwohl und kann nicht weg, bleibt oft nur mehr Angriff als beste Form der Verteidigung.

Manche von uns lassen ihre Hunde 3 x täglich 12 Mal um den Häuserblock markieren. Damit schlägt der Hund aus seiner Sicht 36 Schilder in den Boden, auf denen steht „Hier lebt Aaron, bitte respektiert das“. Kommt nun der kleine Jerry um die Ecke, dessen Herrchen ihn unwissentlich ins Fremdgebiet führt, kommt’s zum Eklat. Oft beginnt es aber auch mit dem Verhalten auf der Hundewiese. Wie selbstverständlich lässt Frauchen die kleine Maja zu jedem Hund laufen, um ihn zu begrüßen. Will Maja dies in der Innenstadt auch, wird sie durch ihre Leine behindert. Das erzeugt Frust, der sich bei ihr in heftigem Gekläffe äußert.

Wir sehen also, dass auch hier, wie so oft, die Ursache am anderen Ende der Leine liegt, auch wenn es erst einmal gar nicht so aussieht.

URSACHEN

Es gibt eigentlich nur eine Handvoll Gründe, die es zu erkennen gilt, wenn wir von Leinenaggression sprechen. Problematisch ist oft nur, dass es sich auch um eine Mischform handeln kann oder das Verhalten gar nicht mehr intrinsisch motiviert ist (also nicht mehr aufgrund der eigentlichen Sache gezeigt wird), sondern schlichtweg ritualisiert ist. Zum Beispiel wenn ein Hund das Aggressionsverhalten über lange Zeiträume hinweg ausleben kann. Da geht es dann nicht mehr darum, den Feind z. B. nicht im Territorium haben zu wollen, sondern um das Ausleben eines abgespeicherten Verhaltensmusters: 4 Beine und Fell – das muss verbellt werden!

Sehr viele Hunde zeigen Leinenaggression aus Angst oder Unsicherheit. Die Leine nimmt ihnen dabei die Möglichkeit, uneingeschränkte Kommunikation auszuleben, und so verteidigen sie sich lieber schon im Vorhinein. Andere haben an der Leine mit anderen Hunden eine negative Erfahrung gemacht und generalisieren diese Erfahrung auf sämtliche andere Vierbeiner oder eben nur jene, die dem damaligen Angreifer ähneln.

KÖRPERSPRACHE LÜGT NICHT. DIE GRÜNDE FÜR AGGRESSION SIND DEM HUND IMMER ABZULESEN!

Erkennbar sind Unsicherheiten für den Laien nicht auf den ersten Blick. Bei genauerer Betrachtung werden Sie aber feststellen, dass Hunde sich dann körpersprachlich eher nach hinten verlagern, das Gewicht also eher auf den Hinterbeinen liegt, der Körper eher rund und der Schwanz oft unten gehalten bis eingezogen ist. Die Bellfrequenz ist dabei eher schnell, die Tonlage eher hoch. Unsichere Hunde bellen häufig auch mit nach oben gerichtetem Maul.

Ein sehr großer Teil der Hunde zeigt das unerwünschte Verhalten an der Leine aus territorialer Aggression. Hier geht es darum, den Bereich, in dem sie sich gerade befinden, zu verteidigen. Eindringlinge sind dann einfach unerwünscht und müssen vertrieben werden. Ob das Territorium nun nur die eigene Gasse, der gesamte Bezirk oder die ganze Welt ist, ist vom jeweiligen Hundetyp abhängig. Warum Hunde diese Aggressionsform oft nur an der Leine zeigen, hat sehr häufig damit zu tun, dass sie ohne Leine alles bestens kontrollieren und abchecken können. Ist der Personalausweis einmal kontrolliert, gibt’s für den vierbeinigen Eindringling oft den Freifahrtschein zum Weiterlaufen. Hängt Ihr Sheriff jetzt aber an der Leine, dreht er gern deshalb hoch, weil er frustriert ist und nicht checken gehen kann. Das ist übrigens der Grund, warum viele genau jetzt: „Der will nur spielen“ rufen. Es steckt nämlich zumeist keine Beschädigungsabsicht dahinter, sondern lediglich das dringende Bedürfnis des Hundes zu kontrollieren. Der Mensch denkt dann oft zu banal. „Nur spielen“ will der Hund dann aber mit Sicherheit nicht.

MENSCHEN SEHEN OFT NUR 2 FORMEN IN DER INTERAKTION VON HUNDEN: SPIELEN ODER BEISSEN.

Diese Verhaltensform geht übrigens oft mit der sexuell motivierten Aggression einher. Hier gilt es noch einmal genauer geschlechtsspezifisch zu unterscheiden, denn der Hund tendiert dazu, gleichgeschlechtliche Artgenossen zu vertreiben. Dies kann übrigens bei Rüde und Hündin gleichermaßen der Fall sein.

Erkennen können Sie diese Verhaltensweisen auch wieder körpersprachlich. Denn wer etwas zu verteidigen hat, der muss dies auch darstellen. Der Hund zeigt dann meistens häufiges Markierverhalten, oft kombiniert mit Scharren und Knurren. Er fixiert den potenziellen Feind schon auf weitere Distanz, schleicht sich dazu manchmal auch mit geducktem Kopf an. Springt er in die Leine, ist dies häufig mit regelmäßigem Aufstampfen der Vorderpfoten unterlegt – damit möchte der Vierbeiner noch einmal seinen Anspruch auf Grund und Boden demonstrieren. Sehr territorial motivierte Hunde flippen an der Leine häufig auch aus, wenn sich andere Hunde, z. B. im Spiel, zu schnell bewegen. Auch hier herrscht oft der Irrglaube, dass sie gerne mitspielen würden. Es geht ihnen lediglich darum, die Dynamik sofort zu unterbinden.

Ein nicht unerheblicher Teil der Hunde zeigt Leinenaggressionen aufgrund der Verteidigung von Ressourcen. Da reicht es oft schon, wenn Frauchen den Ball oder die guten Leckerlis nur in der Jacke eingesteckt hat. Kommt ein Artgenosse nun zu nah, gilt es, deutlich zu zeigen, dass er lieber wieder gehen sollte. Erkennbar ist das neben der selbstdarstellenden Körpersprache vor allem auch daran, dass Ihr Hund sich zwischen das Objekt der Begierde und den Konkurrenten drängt.

Häufig ist die zu verteidigende Ressource aber auch der Mensch selbst. Verhält sich dieser im Alltag nicht als souveräne Führungskraft, wird er in diesen brisanten Begegnungen gern vom Hund beschützt. Zeigt sich der Mensch nämlich häufig inkonsequent und lässt sich vom Hund mehr oder weniger ständig beeinflussen, so hat dieser leider oft das Gefühl, auf das Herrchen auch noch aufpassen zu müssen. Dies zeigt sich deutlich, wenn das Verhalten z. B. nur bei einer bestimmten Person auftritt oder der Hund das Getöse an der Leine sofort beendet, wenn sich der Halter von ihm entfernt.

VERMEIDUNG UND THERAPIE

Wenn Sie hier eine Anleitung gegen Aggressionsverhalten an der Leine erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen. Wie eingangs beschrieben, ist es bei diesem Thema zunächst einmal ganz wichtig festzustellen, woher das Verhalten rührt. Dies kann meist nur ein erfahrener, professioneller Hundetrainer richtig beurteilen und erkennen. Im nächsten Schritt wird dann ein auf das Mensch-Hund-Team abgestimmter Trainingsplan entwickelt, um das Verhalten sukzessive positiv zu verändern. Dennoch haben wir hier ein paar Erste-Hilfe-Managementmaßnahmen zusammengefasst, die Ihnen helfen sollen, Ihren Hund an den brisanten Situationen vorbeizuführen. Dies ist im Training immer der erste Schritt: Fehlverhalten darf nicht weiter ausgelebt werden, wenn Sie daran arbeiten!

1. Bei unerwünschter Begegnung abwenden oder Richtung wechseln, bei frontaler Begegnung mit genügend Platz einen weitläufigen Bogen um den anderen Hund gehen.

2. Den eigenen Hund immer an der abgewandten Seite zum anderen Hund führen – Sie dienen dann als Puffer und entschärfen die Begegnung.

3. Ist Ihr Hund versessen auf ein bestimmtes Spielzeug oder einen besonderen Leckerbissen, dürfen Sie ihn in dieser Phase noch damit ablenken, um ohne Radau aus der Begegnung zu kommen. Aber Achtung: Unerwünschtes Verhalten darf hier nicht belohnt werden. Timing ist ganz wichtig!

4. Wenn es möglich ist, bauen Sie für Ihren Hund eine Alternative zum aggressiven Verhalten auf. Dies kann ein kleines Suchspiel, aber auch einfach nur ein „Sitz“ neben oder hinter Ihnen sein. Konnten Sie sich mit diesen Maßnahmen an einer prekären Situation vorbeistehlen, ohne dass Ihr Hund Aggressionsverhalten gezeigt hat, belohnen Sie ihn auf jeden Fall ausgiebig dafür!