Rüde oder Hündin

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Conny Sporrer (Martin Rütter DOGS Wien) für all4dogs

Im Volksglauben herrschen viele Märchen und Meinungen über geschlechtsspezifische Unterschiede von Hunden vor. Nicht nur optische, sondern vor allem vermeintliche Verhaltensgegensätze werden bei der Entscheidung, ob Rüde oder Hündin, oft herangezogen. Doch was ist an diesen Behauptungen wirklich dran? Sind Rüden wirklich aggressiver und Hündinnen leichter zu erziehen? Wir räumen mit allen Vorurteilen auf….

 

Versuchen Sie unter Hundemenschen mal zu erfragen, ob sie eher Hündinnen oder Rüden bevorzugen. Sie werden zig verschiedene Meinungen und Argumente hören, je nach den Erfahrungen, die jene Menschen mit den Geschlechtern gemacht haben. Oft werden Sie hören: Hündinnen sind viel verschmuster, markieren weniger, sind leichter zu führen und zu erziehen, sind nicht so aggressiv, werden aber läufig. Man hat dann die Sauerei zu Hause, kann dieses Thema aber durch Kastration lösen. Rüden sind schöner, imposanter, stellen etwas dar, sind dafür aber nicht so anhänglich, laufen öfter davon und sind aggressiver im Umgang mit Artgenossen. Für all diese Thesen kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung als Hundetrainerin mindestens jeweils 10 Gegenbeispiele nennen. Aber beginnen wir einmal bei Bienen und Blumen und der Frage, welche biologischen Argumente es für diese Ansichten gibt.

 

Es ist heutzutage kein Geheimnis mehr, dass sich wild lebende Hunderudel durch eine klare Aufgabenverteilung strukturieren. Ranghohe Hunde haben meist mehrere und wichtigere Aufgaben, aber vor allem zwischen den Geschlechtern gibt es eine klare Trennung. Rüden sind grundsätzlich eher „extern“ verantwortlich, Hündinnen eher „intern“ zuständig, so wie man das vom altmodischen Rollenbild der Menschen kennt. Sich „extern“ zu kümmern, heißt für den erwachsenen Rüden die Sicherung des Territoriums zu gewährleisten und folglich für das gesamte Rudel verantwortlich zu sein. Dazu gehört zum Beispiel, die Grenzen durch Markierverhalten zu sichern, aber auch visuell darzustellen, dass für Sicherheit gesorgt ist. So zeigen Rüden bei Annäherung potenzieller Konkurrenten auch deutliches Imponierverhalten durch eine hoch erhobene Rute, einen aufrechten Gang und eine allgemein sehr präsente Körperhaltung.

 

Weiters haben ranghohe Rüden auch das Privileg der Verpaarung, sprich, sie sind für die Erhaltung ihres Rudels zuständig. Ist die Hündin paarungsbereit und wurde auch angemessen vom Rüden umworben, kommt es zum Deckakt. Im Laufe der Trächtigkeit ist der Rüde weiterhin für externe Aufgaben zuständig. Sind dann die Welpen geboren, greift der Vater erst nach etwa 6 Wochen in die Erziehung ein. Er studiert mit dem Nachwuchs spielerisch verschiedene Situationen für den Ernstfall ein, macht Jagdspiele, setzt Grenzen und trägt so zur Sozialisierung der Welpen bei, um sie bestmöglich auf ihr späteres Leben vorzubereiten. Auch Hündinnen leisten natürlich einen wichtigen Beitrag zur Arterhaltung – sie tragen die Welpen aus und ziehen sie groß. Während Rüden ganzjährig paarungsbereit sind, beschränkt sich das Interesse der Hündin zur Verpaarung auf nur wenige Tage im Jahr. Während der Läufigkeit zeigen Hündinnen ähnliche Verhaltensweisen, wie wir sie sonst von sexuell sehr motivierten Rüden kennen: häufiges Markieren, zum Teil auch mit gehobenem Bein, und deutliche Selbstdarstellung durch Imponiergehabe, um sich vor potenziellen Paarungspartnern zu präsentieren.

Auch Hündinnen streunen während der Läufigkeit schon einmal herum, wenn sie keinen adäquaten Rüden in der Nähe ausmachen können. Unsere Haushunde haben ja eher nicht die Möglichkeit auf Verpaarung in diesem Sinne. Fällt also die Verpaarung aus, hat die Natur die sogenannte Scheinträchtigkeit vorgesehen. Durch die verringerte Progesteronausschüttung am Ende der Läufigkeit steigt automatisch der Prolaktinspiegel, welcher unter anderem das Gesäuge wachsen lässt und Milch produzieren kann. Viele Hündinnen lassen sich die Scheinträchtigkeit weder körperlich noch psychisch anmerken. Andere wiederum zeigen deutliche Verhaltensänderungen, wie stetige Unruhe, Nestbautrieb, starke Trägheit und Lethargie sowie das Behüten von Spielzeug und Gegenständen als Ersatzwelpen. Man kann also anhand der natürlichen Gegebenheiten und Verhaltensweisen schon einige Muster erkennen, welche die Stammtischweisheiten über „Manderl“ und „Weiberl“ begründen.

 

Oft hat die geschlechtliche Auswahl persönliche Gründe. Gerade optische Komponenten spielen hier häufig eine große Rolle. Während zarte Frauen sich eher zierliche Hündinnen nehmen, geht bei Männern oft das Testosteron durch: Der Hund muss etwas darstellen, imposant und wehrhaft sein. Aber auch so manche Dame fühlt sich durch einen stattlichen Rüden besser beschützt. Familien entscheiden sich tatsächlich aus Bequemlichkeit auch manchmal gegen Hündinnen – während der Läufigkeit ständig aufzupassen, sei anstrengend, und obendrein verursache diese zusätzlichen Dreck. Hunde, die bereits zu Hause oder im Umfeld leben, spielen bei der Auswahl des neuen Hundes auch eine Rolle. Lebt eine unkastrierte Hündin in der Familie, ist bei einem neuen Rüden zumindest dessen Kastration vorprogrammiert. Gibt es einen Rüden, der tendenziell unverträglich mit anderen Rüden ist, so fällt die Auswahl meist auf eine Hündin.

 

Die Frage, ob Hündinnen grundsätzlich verschmuster sind, kann ganz klar mit Nein beantwortet werden. Aufgrund des verstärkten Pflegeverhaltens während der Welpenaufzucht könnte man natürlich auf mehr Zärtlichkeit schließen, aber genauso gibt es Rüden, die sich absolut partnerschaftlich verhalten und sorgfältig Ohren auslecken und Schnauzenzärtlichkeiten zeigen. Es gibt zahlreiche Hündinnen, die eine große Individualdistanz haben und nicht gerne kuscheln, und Rüden, die am liebsten den ganzen Tag gestreichelt werden. Eine weitverbreitete These ist ja, dass Hündinnen generell leichter zu erziehen wären. Aus meiner Erfahrung als Hundetrainerin muss ich diese These als Pauschalaussage klar widerlegen. Gefühlt sind gleich viele Hündinnen wie Rüden meine Kunden. Wenn eine Hündin läufig ist, erschwert das oft die Zusammenarbeit mit dem Menschen – dies gilt allerdings auch für den ein oder anderen sexuell stark motivierten Rüden. Auch die Behauptung, dass Rüden häufiger in Raufereien verwickelt wären, kann so nicht bestätigt werden. Wie bereits dargestellt, ist es tendenziell die Aufgabe des Rüden, für Sicherheit zu sorgen, aber in einer guten Mensch-Hund-Beziehung sollte jedem Hund klar sein, dass letztlich das Wesen am anderen Ende der Leine die Verantwortung trägt. Auseinandersetzungen unter Hündinnen können tatsächlich wesentlich härter sein, als man denkt. Während Rüden meist sogenannte Kommentkämpfe austragen, welche dem Festlegen der Rangstruktur dienen, streiten Hündinnen seltener um das Privileg, sich fortzupflanzen und Welpen gebären zu dürfen. Wenn es jedoch zu einer solchen, sexuell motivierten Auseinandersetzung kommt, dann ernsthaft und manchmal bis aufs Blut. Ressourcenmotivierte Streitereien geschehen unabhängig vom Geschlecht und können, je nach Situation und Hund, sowohl milde als auch ernst ausfallen.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bzw. Argumente für oder gegen Rüde oder Hündin, werden immer ein heiß diskutiertes Thema bleiben. Bei der Auswahl eines neuen Hundes gilt es aber, neben dem Geschlecht vor allem auch Rassedispositionen zu beachten. Denn von Natur aus wird eine Hovawart-Hündin sich territorialer verhalten als ein Königspudel-Rüde, weil Erstere zum Aufpassen, Zweiterer als Jagdbegleithund gezüchtet wurde. Auch die Entwicklung des einzelnen Hundes spielt eine große Rolle: Schon während der Schwangerschaft kann Stress bewirken, dass der Testosteronspiegel der Mutterhündin erhöht wird und deshalb auch Hündinnen später eher männliche Verhaltensweisen zeigen. Auch nachgeburtliche Einflüsse prägen die Hunde fürs spätere Leben und sind oft Auslöser für bestimmte Verhaltensweisen, ganz unabhängig vom Geschlecht. Deshalb ist es ratsam, sich vor der Hundeauswahl professionellen Rat von unabhängigen Experten zu holen, um sicherzugehen, den perfekten Begleiter für ein harmonisches Zusammenleben auszuwählen.