Straßenhunde, ein Beitrag zum Thema Auslandstierschutz

Ein Beitrag unserer DOGS Partnerin Sabrina Rahtgens, Martin Rütter DOGS München

Gesetzesänderungen im Tierschutz haben in den vergangenen Monaten das Thema „Auslandstierschutz“ in unzähligen Internetforen und auf Hundewiesen angeheizt. Offensichtlich berührt die Thematik der Straßenhunde viele Menschenherzen. Die teilweise sehr emotional geführten Dialoge sprechen Bände hierzu.

Neben wissenschaftlich belegten Handlungsempfehlungen, die auf meist auf „Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort“ setzen, hört und liest man ebenso Meinungen, die auf den Import von Hunden nach Deutschland ausgerichtet sind – um die Hunde aus dem Ausland zu „retten“. Zu den Konsequenzen einer Einfuhr von ehemaligen Straßenhunden und den Umständen, derer sich diese Hunde oft gegenübersehen, möchte ich in diesem Beitrag etwas sagen.

Hunde sind meisterhaft darin, sich verschiedenen Umweltsituationen anzupassen und sich einem oder mehreren Menschen anzuschließen. Ihre genetische Veranlagung hilft ihnen (domestikationsbedingt) dabei. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Hund, der zu einer Familie nach Deutschland kommt, in der Folge eines Umzugs vor Dankbarkeit und neu gewonnener Lebensfreude überquillt. Hunde sind intelligente Säugetiere, die durch Prägung und Sozialisierung in ihrer Umgebung bestimmte Erfahrungen sammeln und somit lernen, mit verschiedenen Reizen umzugehen.

Ein dreijähriger Straßenhund, der den Menschen als Gefahr kennen gelernt hat und für sich weiß, dass laute Geräusche gefährlich sind, wird dieses „Wissen“ in Deutschland nicht ad acta legen. Wenn er sich selbst ernährt hat, weiß er, wie man erfolgreich Kaninchen jagt und geschickt Mülltonnen ausräumt. Ein solcher Hund ist meist ziemlich schlau, denn wäre er es nicht, könnte er in seiner Welt nicht überleben.

Er muss täglich selbständig kluge Entscheidungen treffen, um selbst körperlich unversehrt zu bleiben und eventuell seine Nachkommen zu sichern. Solche Hunde haben gelernt, in jener Umgebung zu überleben. Ihr Wissen darüber, wie sie in dieser Umgebung zurechtkommen, gibt ihnen Sicherheit. Meist können sie Gefahren gut einschätzen, sich ernähren, mit Artgenossen kommunizieren, kurzum: Sie verfügen über das nötige Handlungsrepertoire, um verschiedenen Situationen zu begegnen.

Einem Hund, der ein solches Leben geführt hat, kommt eine „Rettung“ nach Deutschland nicht immer als solche vor. Das Bild einer fünfjährigen Podenco-Hündin, die sich nach einem knappen Jahr von ihrem Frauchen hat anfassen lassen und ein weiteres brauchte, um nicht bei vorbeikommenden Fahrradfahrern oder Motorengeräuschen in Panik zu geraten, spricht dagegen und mit ihr viele weitere Hundeschicksale. Diese Hunde stehen täglich vor Alltagsherausforderungen die sie nicht oder nur schwer meistern können, weil sie die Umgebung, in der sie nun leben müssen, nicht kennen gelernt haben. Sie empfinden keine Sicherheit und können sich nicht auf das verlassen, was sie durch Erfahrungen auf der Straße gelernt haben.

Von solchen Hunden eine schnelle Orientierung am Menschen zu verlangen, ist nicht fair. Wenn der Mensch als Gefahr kennen gelernt wurde, wie sollte ein Hund auf die Idee kommen, bei einer potentiellen Gefahrenquelle Schutz und Hilfe zu suchen? Vertrauen muss der Mensch sich im Alltag erst verdienen – und das braucht oft viel Zeit, gepaart mit Verständnis und Geduld. Vielen Hunden können wir Menschen es unter anderem dadurch ermöglichen, ein entspanntes Leben zu führen. Das oben genannte Fallbeispiel ist sicher nicht die Regel, denn viele Straßenhunde genießen auch nach kurzer Zeit einen harmonischen Alltag Seite an Seite mit ihren Menschen. Wir selbst sind es, die sich im ersten Schritt vor Augen halten müssen, dass Hunde Individuen sind mit eigenen Erfahrungen, Ängsten und Vorlieben. Bevor man sich entscheidet, einem ehemaligen Straßenhund ein neues Zuhause zu bieten, sollte man sich vorher darüber bewusst sein, dass das Zusammenleben anfangs manchmal mit vielen Einschränkungen einhergehen kann.

Eventuell kostet es viel Zeit und Geld, das neue Familienmitglied zu erziehen und zu trainieren. Die Sprache von Hunden zu verstehen, ist dabei ein elementarer Schlüssel. Straßenhunde sind meistens sehr sensibel und reagieren auf kleinste körpersprachliche Signale. Es hilft oft, dem Vierbeiner Rückzugsmöglichkeiten zu bieten und ihn nicht durch Streicheln und stetiges Ansprechen zu bedrängen. Anfangs wissen die Hunde ja häufig noch nicht, dass wir es nur gut mit ihnen meinen. Ein(e) erfahrener Hundetrainer(in) kann vor dem Einzug des neuen Familienmitglieds außerdem viele gute Ausblicke geben, wie das neue Leben mit einem ehemaligen Straßenhund aussehen kann.