Zughundesport

Ein Artikel unseres DOGS Partners Markus Behr (Martin Rütter DOGS Ahrweiler / Gerolstein)

Foto von Achim Hehn (www.goldwolf.de)

Foto von Achim Hehn (www.goldwolf.de)

Foto von Achim Hehn (www.goldwolf.de)

„Den großen Mushern auf der Spur…“

Wer kennt sie nicht, die herrlichen Bilder? Verschneite Landschaft soweit das Auge reicht, die Sonne am blauen Himmel, athletische und kraftvolle Hunde in ihrem Element. Sie sind vor einen Schlitten gespannt. Hinten auf dem Schlitten der Musher, eins mit seinen Hunden, lenkt sein Gespann nur mit Kommandos durch die einsame Landschaft. Wer möchte so etwas nicht einmal selbst erleben?

Das geht doch nur in Alaska? Von wegen! Es gibt eine Variante, die auch ohne Schnee funktioniert:

Zughundesport, die neue Trendsportart, die sich zum Breitensport gemausert hat. Zughundesport funktioniert mit Gefährten auf Rädern oder zu Fuß. Da man hierzulande vor allem auf Wald und Wiesenwegen fährt, muss man auch damit rechnen, dass man nicht ganz sauber nach Hause kommt...

Aber, und das ist das Gute an dem ganzen Dreck: Es macht Mensch und Hund/en richtig Spaß!

Auch heute denken die meisten Menschen, dass Zughundesport nur etwas für Husky & Co. sei. Das stimmt aber gar nicht! Jeder lauffreudige Hund kann im Zughundesport eingesetzt werden. Natürlich sollte man seine sportlichen Ambitionen den Gegebenheiten anpassen. Auch wenn ich mit einem Jack Russel Terrier „Canicross“, also den Laufsport mit Hund im Zug vor dem Menschen, ausüben kann, wird die Chance auf den Weltmeistertitel wahrscheinlich ein Traum bleiben. Aber muss es wirklich immer der Pokal sein?! Ist das gemeinsame Erlebnis von Mensch und Hund nicht oftmals viel mehr wert, als so mancher Staubfänger, der im Schrank steht? Denn zusätzlich zum sportlichen Aspekt ist Zughundesport auch beziehungsfördernd, denn Mensch und Hund sind gemeinsam unterwegs, müssen als Team agieren. Und gerade in der heutigen Zeit, wo man doch in vielen Regionen durch den Leinenzwang den Hund fast gar nicht mehr so richtig körperlich auspowern kann, hat man mit dem Zughundesport eine neue Möglichkeit gefunden.

Warum Zughundesport?

Viele Menschen haben sich dafür entschieden einen Hund in ihren Familienverband mit aufzunehmen. Leider werden viele dieser Hunde nicht richtig oder viel zu wenig beschäftigt. Durch falsche oder fehlende Beschäftigung können Verhaltensauffälligkeiten entstehen. Wo kann der lauffreudige Hund noch einmal so richtig Gas geben und das auch noch vom Menschen absolut kontrolliert. Hier kommt der Zughundesport ins Spiel.

Der Hund wird hierzu mit einem passenden Geschirr ausgerüstet, an diesem wird z.B. ein Zugseil befestigt. Das Zugseil wird entweder direkt am Menschen an einem dafür speziell entwickelten Führgürtel befestigt oder am jeweiligem Sportgerät, wie z.B. Bike, Roller, etc. Dadurch ist der Hund in jeder Situation kontrollierbar. Da man den Hund beim Zughundesport nur mit der Stimme lenkt, muss dieser lernen, auf den Menschen zu achten. Zu Beginn ist das oft etwas schwieriger für viele Hunde, da das Signal von hinten kommt, ohne Sichtkontakt zum Menschen.

Ein klein wenig Geschichte

Früher hatte der Zughund, auch das Pferd des armen Mannes genannt, noch richtige Arbeitsaufgaben. Zughunde wurden z.B. vor den Karren gespannt, um das Hab und Gut des Menschen von A nach B zu ziehen. In anderen Regionen waren Sie z.B. dafür zuständig, selbstständig die Milch von den Bauernhöfen in die Molkerei zu ziehen. An der Küste waren die Hunde willkommene Helfer beim Krabben fangen, da sie den Schlitten mit Zubehör und gefangenen Krabben über das Watt zogen. In den Schnee bedeckten Regionen wurden die Hunde vor einen Schlitten gespannt und dienten als Transportmittel.

Welche Hunde eignen sich als Zughund?

Prinzipiell eignet sich jeder erwachsene, lauffreudige Hund für den Zughundesport. Die Offenheit in Bezug auf die verschiedensten Rassen spiegelt sich auch bei meinen Kunden und deren Hunden wieder. Es gibt Labrador Retriever, Rhodesian Ridgebacks, Dobermänner, Beagles, etc und natürlich Mischlinge aller Couleur, die den Zughundesport zusammen mit ihrem Menschen ausüben.

Die Gesundheit des Hundes spielt beim Zughundesport eine ganz wesentliche Rolle. Ein Check up beim Tierarzt ist vor Beginn des Trainings Pflicht, das Herz/ Kreislaufsystem des Hundes muss absolut in Ordnung sein. Bei Gelenkserkrankungen ist Zughundesport nur bedingt ausführbar. Bei Erkrankungen der Hüftgelenke (HD = Hüftgelenks-Dysplasie) kann fachmännisch angewandter Zughundesport aber sogar unterstützend helfen. Ist der Hund gesundheitlich eingeschränkt, sollte Zughundesport immer nur zusammen mit einem professionellen Trainer ausgeführt werden. Natürlich muss der Hund auch bereits erwachsen und damit ausgewachsen sein, da die Belastung für die Gelenke sonst zu groß wäre.

Viele werden sich fragen: „Aber schafft das mein Hund überhaupt, mich zu ziehen?“ Jeder Hund kann ca. das 4-fache seines eigenen Körpergewichts ziehen, nordische Hunde sogar bis zum 9-fachen des eigenen Körpergewichts! Bei der Berechnung des zu ziehenden Gesamtgewichts darf man natürlich das Gewicht des Gefährtes nicht vergessen! Zudem muss man bedenken, dass der Hund das Gewicht ja nicht senkrecht nach oben ziehen muss, er zieht Mensch und Gefährt waagerecht, womit sich das eigentlich zu ziehende Gewicht stark verringert. Dass sich das zu ziehende Gewicht bergauf erhöht und bergab erniedrigt ist wohl selbsterklärend. Natürlich erzeugen außerdem verschiede Untergründe verschieden hohe Reibungkräfte. Auf einem befestigten Waldweg lässt es sich für Ihren Hund ganz klar viel leichter ziehen, als auf einem Wiesenstück. Am leichtesten lässt es sich natürlich auf einem glatten Boden wie z.B. Asphalt laufen, dies ist dann aber wieder für die Hundegelenke sehr schädlich, zudem läuft sich der Hund dann auch schnell die Pfoten wund, und muss daher vermieden werden.

Voraussetzungen für den Mensch

Der Mensch sollte natürlich auch eine gewisse Sportlichkeit mitbringen. Die Freude an Bewegung sollte also da sein und auf jeden Fall die Akzeptanz, auch einmal weniger sauber nach Hause zu kommen.

Was benötigt man weiterhin für diesen Sport?

Man sollte an dreckabweisende Kleidung denken, und vor allem auch eine Schutzbrille tragen, da die Verletzungsgefahr der Augen durch hochgeschleuderten Splitt und kleine Steinchen besonders hoch ist. Es darf auf jeden Fall nur Zubehör benutzt werden, welches auch für den Zughundesport geeignet ist. „Nur mal eben ausprobieren“, ob der Hund zieht, und diesen dabei am Halsband oder Führgeschirr ziehen lassen, ist ein absolutes NO GO. In kürzester Zeit kann man dem Hund damit gesundheitliche Schäden zufügen, und davon mal abgesehen, kann er das Ziehen auch als etwas Schlimmes, Schmerzhaftes empfinden. Genau das soll aber nicht Ziel des Trainings sein! Das individuelle Anpassen des speziell für diese Sportart angefertigten Zuggeschirrs ist enorm wichtig. Genau wie ein Schuh, der für einen anstrengenden Lauf genau passen muss, ist die Passgenauigkeit des Geschirrs, um Druckstellen und Schürfungen zu vermeiden, unabdingbar. Daher ist auf jeden Fall zu empfehlen, das erste Zuggeschirr von einem Profi anpassen zu lassen, er kann Ihnen auch die unterschiedlichen Geschirrvarianten erklären und einschätzen, welches Geschirr am besten zu Ihrem Hund passt. Auch nicht zu unterschätzen ist, dass sich der Körper des Hundes im Laufe des Trainings noch verändert. Der Brustkorb wird größer, Muskeln werden aufgebaut. Daher kann es sein, das ein Geschirr nach einer gewissen Zeit zu klein wird, und ein neues Geschirr angeschafft werden muss.

Die verschiedenen Anspannarten

Im Wesentlichen wird zwischen Seil- und Pulkaanspannung unterschieden. Bei der Pulkaanspannung ist der Hund in einem dafür vorgesehenen Geschirr in einer Pulkastange, also einem Zugbügel, angespannt. Diese Anspannung wird z.B. beim Trike oder Sacco-Cart verwendet. Bei der Seilanspannung ist der Hund mit einem Zugseil mit integriertem Ruckdämpfer mit dem jeweiligen Sportgerät wie z.B. dem Bike oder Scooter, oder beim Canicross mit einem speziellen Führgürtel direkt mit dem Mensch verbunden.

Die verschiedenen Sportarten

Canicross

Hierbei wird der Hund mit einem Zugseil am Führgürtel des Menschen befestigt, der Hund läuft im Zug vor dem Menschen. Dieser Sport eignet sich auch für kleinere Hunderassen. Sportlicher wird es, wenn der Hund auch in der Lage ist tatsächlich zu ziehen und damit das Tempo und die Belastung für den Menschen erhöht.

Bikejöring

Beim Bikejöring wird der Hund mit einem Zugseil am Fahrrad befestigt. Diese Sportart eignet sich auch für kleinere oder ältere Hunde, da man hierbei den Hund sehr gut durch aktives Fahrradfahren unterstützen kann. Für ambitionierte Sportler kann das Bikejöring durchaus eine absolute Herausforderung sein. Ein trainierter Biker mit einem kräftigen Zughund vor dem Rad kann Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 50km/h erreichen.

Dogscooter

Ähnlich wie beim Bikejöhring wird hierbei der Hund mit einem Zugseil vor den Scooter (Tretroller) gespannt. Im Gegensatz zum Bike muss das Fahren mit einem Scooter oftmals tatsächlich erst einmal ohne Hund erlernt werden. Der Hund kann daher nicht so einfach wie beim Bikejöring unterstützt werden. Genauso wie das Fahrrad kann der Scooter jedoch ganz leicht mit Hilfe eines Gepäckträgers transportiert werden, so dass man unabhängiger in Bezug auf die Fahrtstrecke ist.

DogTrike

Das Dog-Trike ist ein dreirädriger Trainingswagen, bei welchem vorne ein Rad und hinten zwei Räder angebracht sind. Durch die größere Breite hat man hier eine wesentlich größere Standfestigkeit als beim Bike oder Scooter. Der Hund wird hierbei je nach Variante mit Seil vor das Trike gespannt oder aber in einer Pulka eingespannt. Das Eigengewicht eines Trikes liegt allerdings höher und kann so nur von zwei Hunden gemeinsam oder aber einem sehr zugkräftigen Hund gezogen werden. Zudem lässt sich das Trike nicht so einfach transportieren, hierfür benötigt man in der Regel einen Anhänger.

Sacco Cart

Das Sacco Cart ist ein vierrädriger Trainingswagen, auf welchem der Mensch in einer sitzenden Position mitfährt. Dies ist zwar sehr bequem, macht aber auch das Mitpedalen unmöglich, so dass man - auch aufgrund des hohen Gewichtes des Sacco Carts - nur mit zwei Hunden gemeinsam oder einem sehr zugstarken Hund fahren kann. Angespannt wird in der Regel in der Pulka, also dem Zugbügel. Aber auch das Anspannen mit einem Zugseil ist durchaus möglich. Vom Fahrkomfort und dem Fahrspaß gleicht eine Fahrt mit dem Sacco und zugkräftigen Hunden doch schon fast einer Kartfahrt. Extrem gute Kurvenlage bei einem tiefen Sitzschwerpunkt macht die Fahrt sicher. Aber auch für gemütliche Ausfahrten mit eher ruhigen Hunden bietet sich das Sacco Cart an.

Wetter

Fahrten jenseits der 15 Grad und bei zu hoher Luftfeuchtigkeit sollte man unterlassen, da der Hund sehr schnell überhitzen kann, und es so auch zum Kreislaufzusammenbruch kommen kann.

Trainingsaufbau

Für diejenigen, die jetzt Schweißperlen auf der Stirn bekommen, da Sie mit viel Mühe ihrem Hund beigebracht haben, nicht an der Leine zu ziehen, sei hier zunächst einmal Folgendes angemerkt: Keine Angst, der Hund kann sehr gut unterscheiden ob er am Halsband geführt wird und leinenführig gehen soll, oder ob er ein Zuggeschirr trägt, und an der Leine ziehen darf bwz. soll!

Für den Aufbau eines Trainings empfiehlt es sich als Neueinsteiger auf jeden Fall ein Seminar zu besuchen. Zu schnell hat man durch einfaches Ausprobieren Fehler gemacht, die sich nur schwer wieder regulieren lassen. Grundsätzlich muss der Hund beim Training zunächst einmal an Geschirr und Gefährt gewöhnt werden. Gibt es hier keine Probleme, trägt der Hund das Geschirr also ohne dass es ihn stört und hat auch keine Angst vor dem Gefährt, muss er lernen, im Zug vor dem Menschen zu laufen. Für dieses Training gibt es verschiedenen Möglichkeiten, die je nach Hund variieren. Ein laufstarker Hund wird sich vielleicht einfach direkt ins Geschirr legen und loslaufen, freudig darüber, dass er sich endlich einmal so richtig ausarbeiten darf. Ein unsicherer Hund oder aber auch ein Hund, der bisher immer nur gelernt hat, dass Ziehen an der Leine nicht erlaubt ist, muss in ganz kleinen Schritten erlernen, was sein Mensch nun von ihm möchte. Grundsätzlich wird dabei das Ziehen positiv verstärkt. Ob mit Futter oder eher mit Lob des Menschen ist individuell vom Hund abhängig. Beim Aufbau der ersten Zugübungen ist es besonders wichtig, darauf zu achten, dass der Hund nicht plötzlich einen starken Ruck durch die Leine beim Loslaufen bekommt. Der Hund könnte dies als Korrektur auffassen und sofort jegliches Ziehen einstellen. Im schlimmsten Fall findet der Hund die neue Beschäftigung unangenehm, da er hierdurch eine schmerzhafte Einwirkung erfahren hat. Die Grundlagen für den Aufbau eines Zughundetrainings sind somit sehr, sehr wichtig. Man muss mit Bedacht, Vorsicht und dem nötigen Einfühlungsvermögen an die Sache gehen, und sollte sich daher auf jedem Fall beim Einstieg von einem Profi helfen lassen.

Ein sehr schöner Schlittenhundeleitspruch

Im Zughundesport kannst Du, Gott sei Dank, nichts mit Härte oder Strafe erreichen! Entweder ein Hund hat Spaß und Freude am Laufen oder nicht. Der ganze Umgang mit den Hunden, ob beim Training, in Alltagssituationen und in Freizeitmomenten beruht auf gegenseitigem Respekt.

Ich hoffe, dass ich mit diesen Zeilen bei dem einen oder anderen Menschen das Interesse für diesen wunderbaren Sport geweckt habe und ihn vielleicht in den Bann der Zughundefreunde ziehen konnte. Vielleicht sehen wir uns ja demnächst auf einem Einsteiger-Seminar oder zu einer gemeinsamen Fahrt mit anderen Zughundeteams. Sämtliche Angebote finden Sie auf meiner Homepage.