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Interview mit Günther Bloch

Quelle: rudelstellungen-klargestellt.de

Günther Bloch gilt als renommierter Kynologe und hat sich durch seine Beobachtungen an wild lebenden Wölfen u.a. im kanadischen Banff-Nationalpark als Wolfsforscher etabliert. Zudem führte Bloch ein viel beachtetes Studienprojekt an frei lebenden Strassenhunden in der Toskana durch.

Wer, wenn nicht er, der beide Spezies tatsächlich erforscht, auf deren Lebensweisen die Rudelstellungslehre sich aufzubauen vorgibt, wäre besser geeignet, hierzu Stellung zu nehmen? Darum freuen wir uns sehr, dass Günther Bloch sich für das folgende Interview bereit erklärt hat!

 

klargestellt: Sie haben sich doch sicher mit der „Rudelstellungslehre“ beschäftigt und sogar Videos so genannter „Einschätzungen“ durch Frau Ertel gesehen. Wie ist ihr Gesamteindruck?

Bloch: Vielen Dank für diese substantiell wichtige Frage direkt am Anfang. Das gibt mir Gelegenheit, ein für allemal mit den zum Teil böswilligen Unterstellungen aufzuräumen, die im Internet in Umlauf sind. Je länger meine Frau und ich in Kanada leben, wo wir nach Herzenslust langzeitliche Verhaltensbeobachtungen an Wolf, Kojote, Fuchs und Streuner-hunden durchführen können, desto klarer wird uns, wie neidisch so mancher „Rudelstellungsanhänger“ doch sein muss auf Lebensstil und Qualität, die wir hier genießen dürfen.

Nun zu den Fakten: Ich habe nie behauptet, in Wolfsfamilien gäbe es keine Rudelstellungen. Wie käme ich dazu. Was ich nach wie vor vehement bezweifle, ist die Existenz von genetisch-fixierten Rudelstellungen. Zumal das Gegenteil der These beweisbar ist, alle Mitglieder einer Kanidengruppe stünden von Geburt an unumstößlich fest. Rudelstellungen werden in unterschiedlichen Konstellationen und Beziehungsgeflechten über längere Zeiträume hinweg gestestet und erarbeitet, in ritualisierten Verhaltensabfolgen variabel kommuniziert und können sich durch soziale und räumliche Umweltbedingungen massiv verändern. Beispiele aus der Praxis können Sie in der einschlägigen Literatur zuhauf finden. Sobald man jedoch eine solche Argumentationsposition einnimmt, wird einem postwendend unterstellt, nicht richtig beobachten zu können oder fehlerhafte Rückschlüsse aus den Beobachtungen an „degenerierten Wolfsrudeln“ zu ziehen. Was als degeneriert zu subsumieren ist, bestimmt alleine Frau Ertel, die Wolfsverhalten interpretiert, wie es ihr und ihren Anhängern gerade in den Kram passt: wölfisches „Rudelverhalten“ nach Gutdünken. Keiner hat jemals in der Wolfsforschung aktiv gearbeitet, trotzdem weiß man über jede noch so kleine Verhaltensregung genauestens Bescheid. Zumindest theoretisch.

Dem gegenüber steht die ausgesprochen komplexe Materie der Freilandforschung mit ganz konkreten Beobachtungsergebnissen aus der Praxis. Damit will man sich anscheinend jedoch nicht auseinandersetzen. Dennoch wirft man jedem Rudelstellungsskeptiker fälschlicherweise vor, keine Ahnung von Rudelstellungen zu haben, da man keinen Workshop von Frau Ertel besucht habe. Diese Aussage mag ja aus rein kaufmännischer Überlegung heraus ganz clever sein, aus fachlicher Sicht ist sie substanzlos und schlichtweg falsch.
Selbstredend habe ich nach genauem Studium des Buches und nach stundenlangen Gesprächen mit unseren Wolfspaten, die mir objektiv und völlig nachvollziehbar von den Rudelstellungsseminaren berichtet haben, zusammen mit einigen Kollegen mehrere Dutzend Workshop-Videos sachlich und mit der nötigen Sorgfalt analysiert. Da man diese Videos im Internet auf YouTube bewundern darf, brauche ich keine saftigen Workshop-Preise zu bezahlen – ist doch super. Die Falschbehauptung, ich hätte mich mit der Materie der Rudelstellungen nicht ernsthaft beschäftigt, ist also somit nichts anderes als eine dumme Ausrede, weil das ausführliche Filmmaterial mehr oder weniger einem Live-Besuch gleichkommt.

Nach Sichtung des Filmmaterials kommen wir zu nachfolgenden Abschlussbemerkungen: Die einzelnen Sequenzen von durchschnittlich 3-5 Minuten zeigen Momentaufnahmen bzw. Lebensabschnitte von diversen Haushunden. Nicht mehr und nicht weniger. Es fehlt jeglicher Kontext. Was man unzweifelhaft sehen kann, ist, dass der einzige große Baum innerhalb des kleinen eingezäunten Freilaufs auf jeden der einzuschätzenden Hundeindividuen wie ein Magnet wirkt. Logisch, bei solch einer Geruchsanballung. Zwangsläufig konzentriert sich das Explorations- und anschließende Markierverhalten sämtlicher Hunde zunächst einmal auf die intensiven Geruchsmarkierstellen von Artgenossen. Erstaunlicherlicherweise kommentiert Frau Ertel die hier knapp zusammengefasste Faktenlage mit keinem einzigen Wort. Stattdessen behauptet sie, die vererbte Rudelstellung jedes Hundes in Minutenschnelle erkannt zu haben.

Machen wir’s kurz: Unser Gesamteindruck war ein völlig anderer, selbst wenn meine Aussage nun von der Rudelstellungsfraktion als Affront bewertet werden sollte. Die streut ohnehin lieber wilde Gerüchte. Die Krönung der Lächerlichkeit ist eine Behauptung, G. Bloch würde die Rudelstellungslehre sicherlich annehmen, wenn sie ihm ein kanadischer Indianer vermittelt hätte. Oje. Kein Kommentar ohne Rechtsanwalt. Nur eins: Hierzulande kommt „Indianer“ eher einem Schimpfwort gleich.

klargestellt: Wie definieren Sie ein Rudel?

Bloch: Ich mag den Begriff Rudel nicht besonders und verwende ihn schon seit etlichen Jahren nicht mehr. In den Köpfen vor allem von Hundehaltern ist dieser Begriff als streng hierarchisch strukturierte soziale Gruppe mit nach Unterwerfung strebenden „Alphatieren“ etc. verhaftet. Das hat in der Realität zwar weder etwas mit frei lebenden Wölfen oder Wildhunden zu tun, passt aber geradezu optimal in das verallgemeinernde Schubladendenken vieler Menschen. In der Wildbiologie sprechen wir in Bezug auf Kanidenverbände lieber von Familien. Das sind sie im wahrsten Sinne des Wortes: soziale Familienverbände mit echten verwandtschaftlichen Beziehungen. Bemerkenswert kooperative und sozial strukturierte Gruppen mit formal dominanten Elterntieren und deren Nachwuchs aus 2-3 Jahren. Von Ausnahmen abgesehen, entspricht diese Kurzbeschreibung der Regel.

klargestellt: Können Sie nachvollziehen, dass man anhand eines Schlafbildes eines Wurfs frisch geborener Welpen deren spätere Stellung innerhalb eines Rudels bestimmen kann?

Bloch: Ich antworte hier als seit 1991 im Freiland tätiger Kanidenforscher bzw. professioneller Naturalist – ganz wie Sie mögen. Als solcher kann ich mit irgendwelchen nicht belegbaren theoretischen Überlegungen wenig anfangen. Ich glaube nicht an DAS Absolute. Ich bin Praktiker. Kein Theoretiker wie Frau Ertel von „Rudelstellungen“. Ohne ihr zu nahe treten zu wollen, dürfen wir an dieser Stelle zunächst einmal ganz objektiv festhalten, dass weder Frau Ertel noch einer ihrer Anhänger die soziale Organisation von Timberwolffamilien langfristig beobachtet hat. Genau das tue ich. Langzeitbeobachtungen an Tundrawölfen habe ich auch durchgeführt. Und glauben Sie mir: Fotos von der „Geburtsstellung“ frei lebender Wolfsmütter und deren Welpen in Höhlen zu schießen ist absolut unmöglich. Wie der gesunde Menschenverstand uns sagt, klettert keiner in Erdbauten und schaut sich dort die Stellungsformation von Welpen an. Wenn doch, müsste man das Ganze dann noch quantitativ durchziehen, um einigermaßen nachvollziehbare Aussagen treffen zu können. Das ist eine Illusion. Das ist wieder einmal die krasse Diskrepanz zwischen irgendwelchen imaginären Theorien gegenüber praktischer Arbeit in der Freilandforschung.

Im Übrigen können wir anhand mannigfaltiger Beispiele und Bergen an Datenmaterial klar und eindeutig beweisen, dass sich die „Rudelstellungen“ von Timberwolfwelpen erst durch nachhaltiges, intensives und nuanciertes Interaktions- und Spielverhalten nach und nach etablieren. Selbstverständlich gibt es gewisse Veranlagungen. Aber die reichen eben für feste Rudelstellungen bei weitem nicht aus. Wenn alles hundertprozentig fixiert und genetisch vorbestimmt wäre, so wie das Frau Ertel steif und fest behauptet, gäbe es unter Welpen kein sozialstatusbedingtes Interaktionsgeschehen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wölfisches Interaktions-, Kommunikations- und Spielverhalten ist hoch variabel. Das lehrt uns die praktische Verhaltensbeobachtung tagtäglich. Wir sollten dem, was wir sehen, Vertrauen schenken und uns nicht beirren lassen. Wären Wildkaniden nicht so unglaublich anpassungsfähig wie sie es de facto nun einmal sind, sondern starr und unflexibel, gäbe es keine Wölfe & Co mehr. Sie wären längst ausgestorben.

klargestellt: Sie haben in Italien an den so genannten „Pizza-Hunden“ geforscht. Haben Sie bei diesen Hunden statische Rudelstrukturen festgestellt?

Bloch: Nein, das habe ich nicht. Die Hauptbeobachtungsgruppe wurde von einem Leitweibchen dirigiert und geleitet. Somit gab es schon mal keinen „Vorderen Leithund“, sondern vielmehr eine Leithündin. „Eurecia“ hatte als unumstrittene Chefin eine klare Stellung. Vermutlich, weil es sich um eine collieartige Fähe mit herausragenden Sinnesleistungen handelte. Gefahren wie beispielsweise die Annäherung von Wildschweinen machte Eurecia meistens als Erste aus. Das war für die Gesamtgruppe ein wichtiger Überlebensvorteil. Auch sonst gab es klar umrissenen Rudelstellungen – Wächter und Alarmhunde zum Beispiel. Nur schlüpften typischerweise subdominante Gruppenmitglieder in diese Rolle, die ansonsten nicht viel zu sagen hatten. Es waren auch nie einzelne Individuen, sondern immer gleich mehrere Hunde, die sich um die Gefahrenerkennung kümmerten. Viele Aufgabenbereiche wechselten recht häufig. So waren einige der so genannten Alarmhunde je nach Wetterbedingungen und Tagestemperatur zwischenzeitlich alleine unterwegs, gingen baden oder auf die Mäusejagd. Anstatt von fest Fixiertem war primär Variabilität und Flexibilität beobachtbar.

Im Vergleich zum Wolf war vieles total rudeluntypisch, Inzucht beispielsweise an der Tagesordnung. Keiner einzigen Hundemutter kam bei der Aufzucht junger Welpen seitens des ranghöchsten Rüden irgendwelche Unterstützung zu. Helfershelfer gab es auch keine. Kein Nahrungstransport Richtung Erdbau, keine dauerhafte Absicherung des Höhlenstandorts. Nichts dergleichen. Andere Verhaltensaspekte erinnerten wiederum an wolfstypische Gepflogenheiten. Regelmäßiges Chorheulen zum Beispiel oder die Verteidigung von Jungtieren gegenüber Wildschweinen. Ganz a la Wolf verhielten sich die Hunde auch sehr reviertreu, bewachten ein Territorium mit fest etabliertem Wegenetz.

Sobald von dem „Rudelverhalten“ die Rede ist, handelt es sich um eine unseriöse Gleichmacherei. Das Verhaltensrepertoire von Wildhunden ist wie ein „Kessel Buntes“. Bei aller Begeisterung für unzählige Gemeinsamkeiten halte ich Frau Ertels 1:1 Gleichsetzung von Wolf und Hund in Bezug auf das Thema Rudel und Rudelstellungen für einen groben fachlichen Fehler. Wenn sie auf Wildhunderudel mit allen sieben Rudelstellungen verweist, dann soll sie uns doch präzise sagen, wo genau diese leben! Butter bei die Fische: wo kann ich als interessierter Kanidenfreund solcherart Hunderudel beobachten? Als Kanidenforscher bin ich hochgradig neugierig und immer offen für Neues.

klargestellt: Wie verhält es sich mit den Straßenhunden, die in vielen südlichen Ländern anzutreffen sind. Diese Hunde werden nicht von Menschen zu Rudeln zusammengestellt. Schließen sie sich in „strukturierten“ Siebenerrudeln zusammen?

Bloch: DEN Straßenhund gibt es nicht. DAS Straßenhundeverhalten auch nicht. Straßenhund ist nur ein Überbegriff für „feral dogs“, „stray dogs“, village dogs“ etc.pp. Das knallharte Überleben ohne menschliche Hilfe (z.B. selbst die „Pizza-Hunde“ wurden im Wald von Tierschützern gefüttert) ist für wild lebende Haushunde sehr schwierig. Das zeigen sämtliche themenrelevanten Studienergebnisse weltweit. Hin und wieder gibt es tatsächlich Hunde-Gruppen, die sich selbst ernähren können. Einige Inuit-Hunde im Norden Kanadas, einige Verbände in den Hackbauerkulturen in Nähe des Äquators, einige in Wolfsmanier organisierte Dingofamilien im Nordosten Australiens. Daraus aber eine Norm abzuleiten oder davon auszugehen, nur ein „strukturiertes Siebenerrudel“ sei perfekt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Erneut steht die Frage unbeantwortet im Raum: Wo sind die Daten, wo sind Filmaufnahmen oder Fotomaterial von funktionalen siebenköpfigen Straßenhunderudeln? Die top-dokumentierten Arbeiten, die es gibt – z.B. von den sehr berühmten Moskauer Straßenhunden, oder von M. Bekoff, von T. Daniels, von R. Coppinger oder von W. Fielding, J. Mather und M. Isaacs – kommen alle zu der Schlussfolgerung, dass Hundegruppen-Größen signifikant variieren. Sämtlichen Freilandforschern unisono vorzuwerfen, sie hätten bislang nicht richtig hingeschaut, ist vorlaut, dreist, arrogant und wenig konstruktiv.

klargestellt: Ist es richtig, dass man strukturierte Rudel deshalb nur selten beobachten kann, da diese aufgrund ihrer stellungsgerechten Struktur besonders wachsam sind und rechtzeitig verschwinden?

Bloch: Wie ich schon erwähnt habe, sind in Kanidengruppen unabhängig ihrer Größe stets mehrere Individuen anzutreffen, die liebend gerne als Wächter fungieren. Das wertet ein wenig ihren niedrigrangigen Sozialstatus auf, weil sie zum Vorteil aller Gruppenmitglieder einen aktiven Beitrag leisten. Für Wolfsfamilien ist das Absichern eines aktiven Höhlengebietes ein kollektives Bemühen. Da machen alle mit. Somit hat die Welpenfürsorge und Bewachung pauschal nichts mit fest fixierten Rudelstellungen gemein. Die schon benannte Haupt-Pizzahunde-Gruppe bestand mit Beobachtungsbeginn im Mai 2005 aus insgesamt 14 Mitgliedern, die wie von uns filmisch und fotografisch belegbar festgehalten, ein hervorragend funktionierendes Gefahrenerkennungs- und Abwehrsystem entwickelt hatte, vor allem gegenüber Wildschweinen.

Natürlich kann man theoretisch rechtzeitig verschwinden, wenn man besonders wachsam ist. Nur tun das Wölfe in der Praxis eher selten. Besonders nicht in Höhlengebieten. Mit Ausnahme bei Annäherung von Menschen. Wenn sich dort jedoch ein Schwarzbär, Grizzly oder Puma als potentieller Feind der Welpen blicken lässt oder die Kleinen womöglich versucht zu bedrohen, verschwindet kein Wolf. Dann ist der Teufel los. Da lernt man dann als stiller Beobachter sehr schnell und ganz praktisch, wie kollektive Gruppenverteidigung wirklich funktioniert. Und zwar live. Anstatt über das Absicherungs-, Gefahrenabwehr- und Fluchtverhalten von in freier Wildbahn ansässigen Wolfsfamilien und deren „Rudelstruktur“ theoretisch herumzuphilosophieren und uns Freilandforscher quasi als „blinde Besserwisser“ darzustellen, sollte sich Frau Ertel vielleicht einmal etwas ausgiebiger mit Fachliteratur aus der Freilandforschung beschäftigen. Just by the way: Statistisch gesehen beträgt der durchschnittliche Rudelumfang sechs Mitglieder, nicht sieben.

klargestellt: Im Gegensatz zu „strukturierten Rudeln“ beobachtet man gemäß Ertel eher lose Verbände. Laut Rudelstellungslehre sind Hunde in solchen Verbänden ausschließlich „Bindehunde“, die sich „asozial“ verhalten und ständig um ihre Rudelposition kämpfen. Haben Sie dies beobachten können?

Bloch: Nein, tut mir leid. Auch das konnten wir nicht beobachten. Weder bei den Pizza-Hunden noch anderen Straßenhundegruppen. Weder in Polen oder der Slowakei, noch in Spanien oder Portugal. Ernstkämpfe kamen mit Ausnahme der Paarungszeit so gut wie nie vor. Bei Auseinandersetzungen um Nahrungsressourcen haben wir unter den verwilderten Haushunden in der Toskana allenfalls kleinere Scharmützel gesehen. Ansonsten ein erstaunlich hoch entwickeltes Konfliktmanagement mit viel in Hundemanier vorgetragener aggressiver Kommunikation, die so facettenreich nur in gut strukturierten Gruppen zum Ausdruck kommen kann. Ansonsten hier und da einige knallharte Auseinandersetzungen um Paarungsrechte. Die kann man aus verhaltensbiologischer Sicht schlecht als „asozial“ bezeichnen. Soviel zum Hund.

Wobei wir wieder einmal bei dieser fürchterlichen Gleichmacherei mit dem Wolf gelandet wären. Frau Ertel sollte eigentlich wissen, dass es unter frei lebenden Wölfen selbst während der Hochranz extrem selten zu irgendwelchen Rudelpositionskämpfen kommt. Deshalb wandert der gesamte geschlechtsreife Nachwuchs ja schließlich ab. Der Versuch zur Gründung eigener Familien steht für die meisten Wolfsindividuen im Vordergrund. Soziale Bindung im angestammten „Familienrudel“: ade. Eltern-Nachwuchs-Bindung: ade. Gruppen-Bindung: ade. Habitatbindung an das elterliche Streifgebiet: ade. Auf welche Bindungsform sich Frau Ertel bei ihrer Pauschalaussage bezieht, ist mir schleierhaft.

klargestellt: Herrscht in „nicht strukturierten Rudeln“ tatsächlich ständig Unruhe und Stress? Falls dies so ist, warum bleiben solche losen Verbände dann zusammen, statt strukturierte Rudel zu bilden?

Bloch: Sehr gute Frage. Besonders unter Freilandbedingungen, wo jedes Gruppenmitglied Vor- und Nachteiles des Zusammenlebens abwägen und ggf. die Familie verlassen kann. Wieder so ein „Pseudo-Problem“. Anhand unserer Untersuchungsergebnisse ist spielend leicht zu belegen, dass sozial gestresste Niedrigrangige durchschnittlich im Alter von etwas über einem Jahr abwandern. Deshalb gibt es im Gegensatz zur Gehegevergesellschaftung in freier Wildbahn langfristig keine „Prügelknaben“ bzw. „Omegawölfe“. Steht alles in meinem Buch „Auge in Auge mit dem Wolf“. An dieser Stelle darf ich dann auch mal ein wenig Werbung machen.

Laut Frau Ertel sind Wolfsfamilien, die sich irgendwo auf unserem Planeten Erde beobachten lassen, allesamt „nicht strukturierte Rudel“. Ihre Begründung: beobachtbare Wölfe sind total degeneriert. Was lernen wir daraus? Aha: Lebensraumprägung, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit ist also nichts anders als Degeneration. Diese Logik erschließt sich freilich nur Frau Ertel. Konstruktive Frage mit Bitte um präzise Antwort: Schon mal den als allgemeingültig anerkannten Begriff „Kulturfolger“ gehört? Wölfe sind vielerorts zu cleveren Kulturfolger des Menschen avanciert. Und was ist mit der Domestikationsgeschichte vom Wolf zum Hund? Alles nur Degeneration?

Unruhe und Stress kommt in den besten Familien vor. Zumindest zeitweise. Sozialen Stress pauschal mit Gruppengrößen oder „nicht strukturierten Rudeln“ gleichzusetzen ist fachlich falsch. Sind momentane Konfliktsituationen und deren Bewältigung gleichzusetzen mit ständigem Stress? Wo ist die sachliche Unterscheidung zwischen situativem und chronischem Stress? Ersterer bringt Individuen in Hab-Acht-Alarmstellung, was gleichermaßen als notwendig und positiv zu bewerten ist.

klargestellt: Einzelhunde unter den Straßenhunden werden als „Eckhunde“ bezeichnet. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass diese Hunde lieber alleine bleiben, als in einem losen Verband für Struktur zu sorgen?

Bloch: Einfache Antwort: Nö.

klargestellt: Auf dem Foto des Wildbiologen und Filmemachers Chadden Hunter (s.u.), dessen Frau Ertel sich bis vor kurzem bediente, sieht man 25 Wölfe wie an einer Perlenschnur aufgereiht hintereinander her laufen (die Verwendung des Materials wurde ihr inzwischen untersagt). Frau Ertel erklärt dies mit der festgelegten Stellung, eines jeden Wolfes. Streben Wölfe grundsätzlich nach dieser Anordnung? Wenn ja, tun sie dies immer in derselben, stellungskonformen Reihenfolge oder hat dies andere Gründe?

Bloch: Sich mit fremden Federn zu schmücken finde ich schon ein starkes Stück. Das spricht doch Bände hinsichtlich Respekt und Seriosität. Zum Thema „starr vorgegebene Anordnung“: Ob D. Smith in Yellowstone, D. Mech auf Ellesmere Island, R. Peterson auf Isle Royale oder wir im Banff National Park – wir alle haben das Führungsverhalten von Wölfen seit mehreren Dekaden ausführlich dokumentiert.In der Wildbiologie spricht man von Zentralpositionsführung oder „non-frontal-leadership“. Es gibt keine stellungskonformen Reihenfolgen, und kein Wolf strebt grundsätzlich nach einer bestimmten Anordnung. Es läuft auch kein „Alphawolf“ ständig vorneweg. Mein Gott, das sind doch alles Ansichten aus der Steinzeit, qualitativ wie quantitativ anhand umfangreicher Datenbanken aus etlichen Studien zur Freude vieler Hundehalter längst widerlegt. Die Leitung, Führung und das Dirigieren von Wolfsfamilien ist eine hoch komplexe Angelegenheit. Sie wechselt ständig und aus unterschiedlichen Gründen – Näheres u.a. unter www.hundefarm-eifel.de („English publications“ klicken).

klargestellt: Kann man anhand eines solchen Fotos erkennen, dass die Tiere „in Verteidigungsstellung unterwegs“ sind?

Bloch: Nein, das kann man natürlich nicht. Fotos sind nichts anderes als simple Momentaufnahmen. Bei dem von C. Hunter im offenen Gelände aufgenommenen Bild müsste man die Gefahrenquelle doch sehen, die eine Verteidigungsstellung auslöst! Ganz abgesehen davon gibt es überhaupt keine vorgegebene Stellungsformation. Gefahrensituationen sind individuell. Gefahrenerkennung und Abwehr sind individuell. Feindbedrohung ist individuell. Verteidigungsverhalten ist individuell. Brenzlige Lebenslagen ergeben sich völlig spontan, wozu soll man also ständig in „Verteidigungsstellung“ unterwegs sein. Hinzu kommt, dass Wolfsfamilien insbesondere während der Aufzuchtphase der Welpen im Sommer so gut wie nie als Gesamtverbund unterwegs sind.

klargestellt: Das Rudelstellungskonstrukt fußt zu einem erheblichen Teil auf Absicherung. Da wird nach allen Seiten gesichert, es ist ständig von möglichen Angriffen ist die Rede. All das erweckt den Anschein, als befänden sich Wolfsfamilien ständig auf dem Kriegspfad gegeneinander und wären außerdem stetig auf der Hut vor eventuellen sonstigen Angreifern. Wie wichtig ist Sicherung gegen Angriffe bei Wolfsrudeln? Wogegen muss sich ein Wolfsrudel verteidigen?

Bloch: Natürlich kommen auf Wölfe je nach Lebensraum durchaus prekäre Problemlösungs-situationen zu, vor allem in Gebieten mit starker Bejagung seitens des Menschen. Richtig ist auch, dass die Haupt-Todesursache in dicht besiedelten Wolfsregionen andere Wölfe sind. Insofern muss man grundsätzlich schon auf der Hut sein. Hier bei uns auch vor Bären, Pumas oder dem Vielfraß. Insgesamt machen das erfahrene Leittiere mit dem für sie so typischen Weitblick und viel Gelassenheit. Wölfe sind weder Psychopaten noch Neurotiker. Sie sind hervorragende Kenner ihres angestammten Streifgebietes, ausgestattet mit herausragenden Sinnesleistungen. Infolgedessen lässt sich eine Wolfsfamilie nicht so leicht überrumpeln und es bleibt im normalen Alltag genügend Zeit für die Nahrungssuche, das Kommunizieren untereinander, das Interagieren und für ausgelassenes Spiel, das bekanntlich nur in lockerer sozialer und räumlicher Atmosphäre stattfinden kann.

klargestellt: Ist es richtig, dass ein bestimmter Wolf in einem Rudel die Aufgabe hat, den Verband nach hinten abzuschließen und sich in Notfällen bei Angriffen zu opfern? Haben Sie bei Wölfen, den Pizza- oder Straßenhunden solche Opfer beobachten können?

Bloch: Nein, diese Aussage ist bestenfalls als extrem naiv zu bezeichnen. So etwas konnten wir bislang während mehrerer zehntausend Beobachtungsstunden nicht ein einziges Mal dokumentieren. Zudem ist ein solch theoretisch erdachtes „Horror-Szenario“ absolut unlogisch. Welches Säugetier soll denn in der Lage sein, ein komplettes Wolfsrudel von hinten anzugreifen? Und wozu? Und kein einziges Wolfsindividuum (obwohl ausgestattet mit mehreren hundert Millionen Geruchsrezeptoren) soll von dem ganzen Spuk etwas mitbekommen haben? Wenn das tatsächlich so einfach wäre, würden in bestimmten Kreisen der Jägerschaft und unter Wolfshassern wahre Jubelstürme ausbrechen. Kein Wolf der Welt wird sich in Gefahrensituationen opfern.

Bei den verwilderten Haushundegruppen in Italien kam es gelegentlich vor, dass eine Wildschweinhorde versuchte, die Hunde an einer Futterstelle zu attackieren. Solcherart Versuche waren aber kein einziges Mal von Erfolg gekrönt, weil die Hunde im Kollektiv laut bellend und sich gegenseitig warnend bereits den geordneten Rückzug angetreten hatten, bevor die Wildschweine dort ankamen. Ergo brauchte sich auch an der Hundefront keiner zu „opfern“.

klargestellt: Ist es richtig, dass Wölfe nicht spielen, sondern nur damit befasst sind, zu arbeiten, indem sie das Rudel sichern, Nahrung beschaffen und die Rudelordnung aufrecht erhalten?

Bloch: Nein, nein und nochmals nein. Selbstverständlich spielen Wölfe. In Rituale gekleidete gemeinsame Spielaktionen sind ein wichtiger Bestandteil des wölfischen Interaktions- und Lernverhaltens. Spielrituale dienen u. a. dem kommunikativen Verständnis, dem nachhaltigen Kennenlernen der Regeln zum „Fair Play“. Spiel stärkt zudem die Gruppenzugehörgkeit. Wolfseltern spielen miteinander als Ausdruck ihrer engen Paarbindung und mit dem Nachwuchs, um Gruppenharmonie herzustellen. Jungwölfe spielen aufgrund ihres Alters logischerweise am häufigsten. Spieltypisch sind u.a. eine starke Vermischung einzelner Verhaltenssequenzen aus unterschiedlichen Funktionskreisen, Rollenwechsel und übertrieben dargebotene und körpersprachlich-betonte Bewegungsabläufe.

Was die „Arbeit zur Aufrechterhaltung der Rudelordnung“ betrifft: Gestandene Wolfseltern glänzen durch Charisma, leben einen durchdachten Lebensplan vor und sind für jedes Gruppenmitglied klar und eindeutig an ihrem selbstbewussten Auftreten zu erkennen, einschließlich ihrem zielorientierten Markierverhalten. Leittiere haben es nicht nötig, sich ständig mit Rudelordnungsfragen zu befassen. Sie sind der Motor einer Wolfsfamilie. Auf sie ist Verlass. Warum soll man solche Idolfiguren ständig herausfordern? Das wäre ziemlich töricht, und das sind Wölfe ganz gewiss nicht. Die Beispiele von Frau Ertel erinnern doch sehr stark an Beschreibungen aus der Gehegehaltung, wo kein Gruppenmitglied abwandern kann.

klargestellt: Haben Sie beobachtet, dass ein bestimmter Wolfswelpe sich versteckt bzw. von der Mutter versteckt wird, da er sonst als potentieller Konkurrent vom aktiven Leitwolf getötet würde?

Bloch: Wie bitte? Ein Leitwolf tötet einen seiner eigenen Welpen? Und die Mutter schaut kommentarlos zu? Der „aktive“ Leitwolf ist hier wohl gleichbedeutend mit dem alten Macho-Alpha-Bild. Eine Wolfsmutter versteckt einen bestimmten Welpen, damit ihr Lebenspartner ihn nicht umbringen kann. Wow. Dass diese abstruse Fantasiewelt nichts mit der Realität zu tun hat, sollte eigentlich jedem klar sein. Wolfsväter töten ihre Welpen und erkennen in einem bestimmten Welpen einen potentiellen Konkurrenten? Eine unglaubliche Geschichte, die man ausgerechnet von einer „Wolfsexpertin“ wohl am wenigsten erwarten sollte. So langsam wird´s nur noch peinlich.

klargestellt: Nach der Rudelstellungslehre „repariert“ eine stellungsstarke Wölfin ihren Wurf, wenn er rudelstellungsgemäß „inakzeptabel“ ist, durch das Töten einzelner Welpen oder auch ihres ganzen Wurfs. Haben Sie solch ein Verhalten beobachtet?

Bloch: Da Wolfswelpen die ersten zirka drei Wochen so gut wie ausnahmslos mit ihrer Mutter in einem Erdbau verbringen, kann ich keine Auskunft geben, was dort passiert oder auch nicht. Dass Wolfs- und Hundemütter gelegentlich einzelne immunschwache bzw. kaum überlebensfähige Welpen töten, ist hinlänglich bekannt. Dass es sich hier um „rudelstellungsgemäß inakzeptable“ Individuen handelt, ist eine durch nichts bewiesene These. In 24 Jahren Freilandforschung bin ich bis zum heutigen Tag noch keiner Wolfsmutter begegnet, die ihren kompletten Welpenwurf getötet hätte. Bislang kamen bei allen Wolfsfamilien jedes Jahr um Mitte April herum einige Welpen aus dem Bau. Ganz nebenbei am allerhäufigsten sechs! Das wissen wir ganz genau durch viele direkte Beobachtungen und in den letzten Jahren zusätzlich durch massenweise Bildaufnahmen von Foto-Fallen.

klargestellt: Haben Sie beobachtet, dass sich innerhalb einer Wolfsfamilie Tiere gleichen Ranges und gleichen Charakters oft meiden und bekämpfen, um einen „Mehrfachbesatz“ der Rudelstellung zu verhindern?

Bloch: Ungeklärte Rangpositionen mit mehr oder weniger Klärungsbedarf, der in situativen Konflikten zum Ausdruck kommt und im Rahmen eines kanidentypischen Managements einschließlich des Einsatzes von Abbruchsignalen kommuniziert wird, entspricht kanidentypischem Verhalten. Das ist doch wohl nichts Neues. Es gibt kein Gruppenleben ohne jegliches Konfliktpotential oder momentane Konkurrenzsituationen. Nirgendwo auf der Welt. Unter Wölfen, die genau aus diesem Grund im Verlaufe von Jahrhunderttausenden ein ausgefeiltes und funktionales Ausdrucksverhaltenssystem entwickelt haben, schon gleich gar nicht. Es wird gebrummt, es wird gedroht, es wird getrickst. Dazu gehört auch, dass sich zwei Kontrahenten/-innen eine Zeit lang aus dem Weg gehen. Na und? Wenig später wird sich wieder vertragen, wird wieder an einem Strang gezogen, ein gemeinsames Ziel verfolgt, kooperiert und eng zusammengearbeitet. Das ist wölfisch.

klargestellt: Zu Forschungszwecken im Sinne der Rudelstellungslehre werden derzeit fünf aus Italien importierte und als zusammenpassend eingestufte Hunde auf einem 350 qm² großen Grundstück gehalten. Dieses „strukturierte Teilrudel“ wird weitgehend sich selbst überlassen. Ist dies eine artgerechte Haltung?

Bloch: Warum hat man denn nicht gleich sieben „passende“ Hunde aus Italien importiert, um dem staunenden Publikum das „perfekt-strukturierte Rudel“ vorführen zu können. Verstehe ich nicht. Die magische Zahl war doch sieben!? Was will man denn mit einem „strukturierten Teilrudel“?

Der Begriff „Artgerechtigkeit“ wird in der Hundeszene meines Erachtens ständig überstrapaziert. Ich will die Frage mal so beantworten: Artgerecht für den Hund ist, eng mit dem Menschen zusammenzuleben. Das unterscheidet ihn vom Wolf. Das predige ich seit Jahrzehnten. Was heißt „weitgehend sich selbst überlassen“? Sollten diese Hunde nur in diesem 350 qm2 großen Pferch leben, ohne regelmäßigen Menschenkontakt bzw. einem normalen Hundeleben an der Seite des Menschen, hielte ich das Ganze für tierschutzrelevant, weil es einer dauerhaften Zwingerhaltung gleichkäme. Aus sozio-emotionaler Sicht will ich gar nicht anzufangen zu argumentieren. Sollte es sich um ein „wissenschaftliches“ Experiment handeln, wüsste ich gerne ganz genau wer, wo, was, wann und warum in welchem ethologischen Rahmen und nach welcher einheitlich definierten Untersuchungsmethodik erarbeitet?

klargestellt: Wie wirken sich solche Lebensumstände auf das Sozialverhalten der Tiere aus?

Bloch: Alles ist möglich. Um diesbezüglich ernsthafte Überlegungen anzustellen, fehlen mir jede Menge Informationen. So ist eine Prognose schwierig. Kennen sich die Hunde oder nicht? Gibt es unter ihnen irgendwelche Bindungs- und Dominanzbeziehungen? Kommen sie ursprünglich von der Strasse und wo wurden sie geboren?

klargestellt: Frau Ertel erklärt Hundehaltern, sie müssen eine bestimmte „Rudelposition“ einnehmen. Ist der Mensch in der Lage, sich für Hunde glaubwürdig sozusagen als Ersatzhund zu etablieren?

Bloch: Im richtig verstandenen Sinne: Ja. Hundehalter sollten zumindest versuchen, sich so gut es geht zu „verhundlichen“ bzw. sich in ihren Hund hineinzuversetzen, und Offenheit zeigen, ihn besser verstehen zu wollen. Menschen müssen die Andersartigkeit des Hundes akzeptieren lernen, wenn sie gute Lehrmeister sein wollen. Selbstverständlich sollte der Mensch seinen Führungsanspruch gelten machen. Summa summarum ist das Ganze eine Art Drahtseilakt: Einerseits sollte sich der Mensch des Öfteren mal zurücknehmen und den Hund Hund sein lassen. Sie müssen sich wie Hunde verhalten dürfen und nicht zum Popanz des Menschen verkommen. Auf der anderen Seite muss er einen klar verständlichen Rahmen vorgeben, ein Regelwerk, damit der Hund weiß, was erlaubt ist und was nicht. Insofern müssen ernsthafte Hundehalter sehr wohl eine bestimme Position einnehmen, nämlich als Gruppenleiter und Dirigent, als Ansprechpartner und Hilfesteller. Das erfordert viel Sozialkompetenz. Bedauerlicherweise kommen viele Menschen in unseren „modernen Zeiten“ kaum noch mit ihrem eigenen Leben klar. Aufgrund mangelnder Einschätzbarkeit und Berechenbarkeit sind viele Hundehalter bei ihren vierbeinigen Begleitern nicht sonderlich begehrt. Kein Wunder, bei dem ständigen Hin und Her, das heute im Umgang mit dem Hund an der Tagesordnung ist. Wenn das alles so gemeint ist, würde ich Frau Ertel zustimmen.

klargestellt: In einem der Videos spricht Frau Ertel von „Weitortung“ und erklärt, diese habe alleine der Vordere Leithund. Wurde bei Wolfs- oder Hunderudeln beobachtet, dass nur Leithunde über eine solche „Weitortung“ verfügen, während diese anderen Hunden fehlt?

Bloch: Auch hier ist ein Fünkchen Wahrheit dran. Wie in meinen Büchern und Publikationen nachzulesen ist, verfügen in erster Linie sowohl die Leittiere (Vater und Mutter, nicht der vordere Leitwolf), als durchaus auch mindestens zwei Jahre alte Erwachsene aufgrund ihrer Lebenserfahrung und Revierkenntnisse über die geniale Fähigkeit der frühzeitigen Gefahrenerkennung. Dazu bedarf es in der Tat eines enormen Weitblicks, über den jugendliche Wolfsindividuen und Jährlinge in dieser Ausprägung (noch!) nicht verfügen. Sie bekommen ihn aber mit zunehmendem Alter. Hier haben wir wiederum einen wunderbaren Beweis für verhaltensökologisch erlernte Fähigkeiten. Jungtiere erlernen den Gefahren-erkennungsweitblick durch intensive Beobachtung der Alttiere, nicht aufgrund einer genetisch vererbten Veranlagung. Über den Weitblick, den sich auch Hundehalter zwecks überzeugender Gruppenführung aneignen sollten, referiere ich in meinen Seminaren seit langem, weil frühzeitige Gefahrenerkennung auf alle Gruppenmitglieder stressreduzierend wirkt und „plötzliche“ Gefahrenabwehr wesentlich seltener notwendig wird.

klargestellt: Gibt es nach dem Stand der heutigen Forschung Hinweise auf eine genetisch festgelegte und somit vererbbare Stellung innerhalb eines Sozialverbandes von Kaniden?

Bloch: Nein. Ich habe gute Kontakte zu Genetikern und viele meiner Freunde sind Zoologen, Ethologen oder Biologen. Keiner von ihnen ist von dieser These überzeugt, weil bislang weder die Stammesgeschichte von Kaniden noch deren Verhaltensbiologie irgendwelche Hinweise erbracht hat, die diese Behauptung auch nur ansatzweise glaubhaft macht. Wie Sie im Interview erfahren haben, liegen uns jede Menge handfeste Belege vor, die das Gegenteil beweisen. Wenngleich man sich um ein paar Prozent rauf oder runter trefflich streiten mag, gilt nach wie vor die alte Faustregel: etwa ein Drittel des Verhaltens ist genetisch vorbestimmt, zwei Drittel unterliegt umweltbedingten Anpassungsprozessen.

Damit hier zum Schluss kein Missverständnis entsteht: ich bin kein wissenschaftshöriger Mensch. Evolution kennt keinen Stillstand. Wie schrieb einst Mark Bekoff zu schön: Der Plural von Anekdoten ist Daten. Ich halte weiterhin die Ohren offen und bleibe definitiv wissensdurstig. Ich bin Kanidenforscher, nehme meine Passion sehr ernst und glaube fest daran, „richtig beobachten“ zu können, auch wenn ich garantiert hier und dort zu einer situativen Fehleinschätzung gelange. Nobody is perfect. Das gilt auch für Frau Ertel, gegen die ich nichts persönlich habe.

Website Günther Bloch