Angst an Silvester

Ein Artikel unserer DOGS Partnerin Conny Sporrer (Martin Rütter DOGS Wien)

Wenn Sie diese Zeilen ein paar Wochen vor Silvester lesen und einen ängstlichen Hund haben, dann sei eines gleich vorweg gesagt: Es ist viel zu spät, jetzt noch etwas zu verändern. Wir können Ihnen hier Erste-Hilfe-Tipps geben und Maßnahmen nennen, die dazu führen, dass es in diesem Jahr für Ihren Hund hoffentlich etwas entspannter wird. Planen Sie ab dem nächsten Jahr, die Angst in den Griff zu kriegen, wird es ein langer harter Weg, dem immer wieder auch klare Grenzen gesetzt sind.

Angst ist nicht immer negativ. Angst ist ein Lebensschutzinstinkt und dient der Aufrechterhaltung des Rudels. Würde ein Wildhund in der Natur einer Schlange begegnen und tollkühn auf sie zugehen, könnte dies tödlich ausgehen. Angst ist also durchaus sinnvoll, solange sie nicht übertrieben und dysfunktional ist.

WOHER KOMMT ANGST?
Die Auslöser für Angst können sehr unterschiedlich sein. Manche Hunde sind generell typ- oder rassebedingt eher unsicher und sensibel, einige haben Traumata erlebt und andere wiederum wurden als Welpen schlecht geprägt und sozialisiert und nicht angemessen auf ihr späteres Leben vorbereitet. Das führt dazu, dass Hunde alles, was sie bisher nicht kennengelernt haben, schlicht und einfach nicht richtig einschätzen können und folglich oft verunsichert sind.

Ähnlich ist es mit der Geräuschempfindlichkeit. Viele Hunde sind sehr isoliert von alltäglichen Reizen aufgewachsen und erschrecken deswegen oft umso mehr, wenn plötzlich ein lautes Geräusch oder ein Knall auftritt. Viele Vierbeiner überstehen Silvester in den ersten Lebensjahren auch völlig unbedenklich. Da aber leider schon viele Tage vor Silvester ausprobiert wird wie Knallkörper funktionieren, kommt es immer wieder vor, dass es trotzdem irgendwann überraschend knallt und der Hund erschrickt. Dann wird immer munter weiter geschossen und es kann es zu keiner Erholungsphase kommen. Angst ist per Definition ein „unangenehmes Gefühl“, welches entsteht, wenn man in einer bestimmten Situation nicht mehr sein will, aber auch keine Möglichkeit sieht, ihr zu entkommen. Und so schleicht sich ein, dass der Hund bei Feuerwerken nach einem Knall bereits Angst vor dem nächsten hat und damit durchgehend ängstlich ist.

Dazu kommt der, in diesem Fall unangenehme, Nebeneffekt der klassischen Konditionierung. Ein Hund erschrickt sich vor dem Knall, währenddessen sieht er die leuchtenden Farben der Rakete, riecht den leicht angebrannten Duft und hört kurz davor ein schnelles Zischen. Folglich sind all diese Reize schon Auslöser für seine Angst und reichen aus, um ihn in Angstzustände zu versetzen. Das Phänomen kennt man auch von Gewitter: Veränderter Luftdruck, starker Regen und Blitze reichen als Auslösereize für Ängstlichkeit aus, obwohl einst nur der Donner die Furcht erzeugt hat.

WEGE AUS DER ANGST
Angst wird in der Großhirnrinde programmiert und ist nicht löschbar, das macht das Training auch so viel schwerer und erfordert immense Geduld. Das Gute ist aber: Man kann Angst mit positiven Informationen und Gefühlen überlagern. Gerade wenn es „nur“ die Angst vor Silvester ist sollte sich jeder Hundehalter die Frage stellen, ob er den langen mühseligen Weg des Trainings wirklich durchziehen kann und will oder nicht doch lieber ein paar Tage die Umgebung verlässt und irgendwo weit „hinaus“ fährt. Letztendlich ist dies die garantiert stressfreie Variante und der Aufwand verhältnismäßig gering. Haben Sie aber doch die Ambitionen, die Geräuschempfindlichkeit Ihres Hundes zu trainieren und zu verbessern, weil Ihr Hund womöglich auch vor anderen Geräuschen Angst hat und die Lebensqualität insgesamt leidet, dann wählen Sie am besten den Weg der Systematischen Desensibilisierung. Dabei geht es darum, dass sich der Reiz (also ein Geräusch) von ganz weit weg immer weiter annähert, während Ihr Hund in der Ausgangsposition bleibt und sich mit einer Sache beschäftigt, die in ihm positive Gefühle auslöst und damit die Angst quasi überlistet. Bevor es aber ans Eingemachte geht, müssen Sie vorab in entspanntem Umfeld eine Beschäftigungsform finden, die für Ihren Vierbeiner das Größte ist. Dies können Apportierübungen, Futtersuchspiele, Tricks u.v.m. sein. Balljunkies dürfen übrigens ausnahmsweise auch hierbei den Ball benutzen. Klappt die Alternativbeschäftigung, praktizieren Sie die Übung in verschiedenen Situationen, aber immer noch ohne Geräusche. Ist Ihr Hund in verschiedensten Situationen für die Sache ansprechbar, können Sie jetzt mithilfe einer zweiten Person während dem Ausüben des Alternativverhaltens in weiter Entfernung z.B. einen Knallfrosch bedienen. Nimmt der Hund das Geräusch wahr, widmet sich aber lieber seiner neuen Leidenschaft, so haben Sie alles richtig gemacht. Richtig ist das Training immer dann, wenn der Hund den Reiz zwar registriert, aber noch keinen Ansatz von ängstlichem Verhalten zeigt. Ist Ihr Hund für seine Lieblingsbeschäftigung nicht mehr ansprechbar, ist der Schritt schlicht zu schwer gewählt. Die Verringerung der Distanz muss also sehr langsam und geduldig passieren. Achten Sie auch genau auf die Körpersprache Ihres Hundes. Menschen können in der Angsttherapie immer verbal ausdrücken, wenn ihnen etwas zu schnell geht und sie sich überfordert fühlen. Hunde können dies nicht, sie haben nur ihre Körpersprache, die wir feinsinnig beobachten sollten, um nicht nur beim Training Überforderung zu vermeiden. Später nimmt man wieder langsam und stetig lautere Geräusche hinzu, z.B. eine Startklappe, ein Händeklatschen, eine Schreckschusspistole usw. Ganz am Ende steht erst das Zünden eines kleinen Knallkörpers. Ganz wichtig: Das beschriebene Training zieht sich in der Regel immer über Wochen und Monate. Am besten fängt man in der zweiten Januarwoche damit an, denn ein paar Wochen vor Silvester ist es sicher zu spät. Die Trainingsschritte dürfen keinesfalls zu schnell passieren, das Training muss immer mit dem positiven Erlebnis enden. Sie werden am Ende keinen tiefenentspannten Hund haben, aber dennoch einen Vierbeiner, der wesentlich unsensibler auf Geräusche reagiert.

WAS HILFT, WAS NICHT?
In diesem Zusammenhang möchte ich auch kurz auf die oft genannte „Geräusche CD“ eingehen. Sie enthält zahlreiche klassische Angst-Geräusche für Hunde wie Staubsauger- und Straßenlärm, aber eben auch Donner und Feuerwerke. Es wäre toll, sie effektiv verwenden zu können, denn so müsste man beim Abspielen einfach konstant den Lautstärkepegel höher drehen, um das Prinzip der Systematischen Desensibilisierung anwenden zu können. Umstritten ist ihre Effektivität aber deshalb, weil die Frequenzen eines echten Feuerwerks anders sind und demnach die gewünschte Situation nicht gut reproduziert werden kann.

Weitere mehr oder weniger bekannte Hilfsmittel sind Pheromonstecker, -sprays oder -Halsbänder. Sie enthalten jene Beruhigungspheromone, die bei der Mutterhündin in der Welpenaufzucht ausgeschüttet werden. Es soll also ein Geborgenheitsgefühl entstehen. Die Wirkung dieser „Hilfsmittel“ ist nicht klar bestätigt, jedoch kann es ja in keinem Fall schaden, sie auszuprobieren. Gleiches gilt für das Anziehen enger „Bodies“ für den Hund. Sie sollen, ähnlich wie bei Neugeborenen, durch das enge Wickeln, beruhigend einwirken. Stört es Ihren Vierbeiner nicht, so etwas grundsätzlich zu tragen, kann auch hier beim Versuch nichts schief gehen.

Gänzlich abzuraten ist immer von Sedierungsmedikamenten. Sie führen nur dazu, dass der Körper „heruntergefahren“ wird, der Kopf aber alles mitkriegt und dann nur damit beschäftigt ist, gegen die Schwäche anzukämpfen. In einzelnen Fällen gibt es andere wirkungsvolle Präparate, die aber über Wochen vorher langsam aufgebaut werden müssen. Besprechen Sie eine Gabe von Medikamenten unbedingt immer mit Ihrem Tierarzt. Sollten Sie sich für Naturheilkunde und pflanzliche Hilfsmittel entscheiden, so sei Ihnen das frei überlassen. Das entscheidende Wundermittel ist aber meinem Wissen nach auch auf diesem Gebiet noch nicht gefunden worden.

Der absolut wichtigste Rat ist aber: Seien Sie ein starker Partner für Ihren Hund. Nicht nur in der Angstsituation selbst, sondern im gesamten Zusammenleben. Nur wenn Ihr Hund Sie auch sonst im Alltag ernst nehmen kann, wird er Ihnen in schwierigen Momenten vertrauen. Wie Sie dazu am besten beitragen? Seien Sie in Ihren Vorhaben konsequent – nur wer wirklich weiß, was er will und dem auch nachgeht ist glaubhaft. Und lassen Sie sich von Ihrem Hund im Alltag nicht zu sehr manipulieren. Achten Sie in allen Belangen darauf, dass Sie agieren und Ihr Hund reagiert. Das heißt z.B. auch, dass Sie einer Streichelaufforderung nicht einfach nachgehen, sondern selbst entscheiden, wann Aufmerksamkeit stattfindet. Andernfalls passiert es leicht, dass Sie für Ihren Hund zur Marionette werden und ihm vermittelt wird, dass Sie sich ganz gut an ihm orientieren. In Angstsituationen möchten wir ja aber genau das Gegenteil vermitteln.


ERSTE HILFE MASSNAHMEN:
Kauen & lecken:
Bevor es mit den Knallern so richtig losgeht, gönnen Sie Ihrem Hund den größten Kauleckerbissen, den Sie sich vorstellen können. Ein großes Rinderohr ist oft ein Highlight. Oder befüllen Sie einen KONG mit Hüttenkäse o.ä.. Das Lecken und Knabbern setzt Glückshormone frei und beruhigt den Hund automatisch.

Vorhänge zu, Musik an:
Kleinste Lichtreflexe von draußen können die Angstzustände bereits auslösen. Schließen Sie daher - wenn möglich - Rollläden, Vorhänge oder Jalousien bestmöglich. Entspannende Musik (für Sie), die in angenehmer höchstmöglicher Lautstärke abgespielt wird (für Ihren Hund), dämpft so manchen Knallgeräusche gut ab.

Rückzug bieten:
Bevorzugt es Ihr Hund sich irgendwo zu verkriechen, sei es im oder unter dem Bett, in der Dusche oder doch lieber im Keller – gestatten Sie es ihm und machen Sie es ihm dort gemütlich. Sorgsam aufgebaut, kann übrigens auch eine eigene Box für Ihren Hund eine geeignete Höhle sein.

Nicht trösten:
So leid Ihnen Ihr Hund in der Situation auch tut, vermeiden Sie tunlichst, ihn zu trösten. Will er sich an Sie kuscheln, lassen Sie das natürlich zu. Gerne können Sie ihn dabei auch ruhig halten oder ihm z.B. durch eine ruhige Massage ein angenehmes Gefühl verschaffen, welche die negativen Gefühle der Angst verdrängt. Versuchen Sie aber nicht automatisch, ihm für jedes Bibbern gut zuzureden, das verstärkt seine Angst nur noch mehr, weil Sie sie damit besonders machen.

Auslasten & müde machen:
Versuchen Sie Ihren Hund vor allem am Silvestertag bestmöglich auszulasten. Fahren Sie tagsüber weit hinaus, um Ihren Hund in der Stille nochmal ordentlich auszupowern. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Aber bedenken Sie: Geräusche von Knallern sind oftmals weiter hörbar als man denkt, und gerade der Hund mit seinem guten Gehör nimmt diese aus noch viel weiterer Distanz wahr, als wir Menschen. Immer wieder liest man nach Silvester von entlaufenen Hunden, welche sich vor einem Knaller erschrocken haben. Dies können Sie ganz einfach vermeiden, indem Sie Ihren Hund sichern und an den Tagen rund um Silvester an der Leine bzw. mit Schleppleine und Geschirr ausführen.