Zum Hauptinhalt

Stress lass nach – Resilienz bei Hunden Teil 1

Unsere Hunde müssen in unserem gemeinsamen Alltag mitunter einiges aushalten. Dabei meine ich nicht nur gravierende Einschnitte wie etwa den Verlust der Bezugsperson. Auch scheinbar harmlose Begegnungen können den ein oder anderen Vierbeiner erschüttern. 

In einer Gruppenstunde unseres Alltagstrainings besuchten wir ein Einkaufszentrum. Es war insgesamt noch wenig los. Während einer Übung, bei der die Hunde neben ihren Menschen warten sollten, kam plötzlich ein kleiner „Zug“, eine Attraktion für die jüngsten Besucher, um die Ecke. Noch waren die Wagen wenig besetzt, und so fuhren die scheppernden Waggons zügig an den wartenden Mensch-Hund-Teams vorbei. Die acht Monate alte Labrador Retriever Hündin machte beim Anblick dieser Überraschung einen Satz zurück, blickte dann mit unsicherer Körperhaltung den vorbeifahrenden Zug an und bellte nach dem letzten Waggon mit einem Sprung nach vorne noch kurz hinterher. Dann ein Blick zu Frauchen, die daraufhin „Sitz“ sagte und das sogleich ausgeführte Signal mit einem Lächeln und Futter belohnte.

Der einjährige Vizsla-Rüde neben der Hündin sprang bei Ankommen des Zuges ebenfalls auf, versuchte dann trotz Leine in alle möglichen Richtungen zu laufen, sprang Richtung Frauchen und äußerte seinen Frust über das Geschehen schließlich laut bellend. Noch einige Minuten nach dieser Situation, sprang er immer wieder auf, um schnellwechselnd auf dem Boden zu schnüffeln, an Frauchen hochzuspringen oder sie in einen der Läden zu ziehen.

Resilienz

Die beiden Hunde in dieser Szene reagierten unterschiedlich „resilient“ auf dieselben äußeren Umstände. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, in stressigen Situationen angemessen zu reagieren und sich von ebendiesen schnell zu erholen (d. h. zum „Normalzustand“ zurückzukehren). Ein Hund mit geringer Resilienz kann folglich z. B. gesteigerte Aggression in der genannten Situation zeigen und seine Verunsicherung kann noch lange nach dem eigentlichen Stressreiz anhalten.

Während es zahlreiche Studien zur Stressforschung beim Hund gibt, findet der umfassende Blick unter dem Begriff der Resilienz erst seit einigen Jahren Einzug in die wissenschaftlichen Untersuchungen der Kynologie. Erkenntnisse zur Resilienz und Methoden zu deren Beeinflussung werden daher entsprechend von der Resilienzforschung mit Menschen und anderen Spezies abgeleitet.

 

Säulen der Resilienz

Das System zur Stressbewältigung ist komplex und das Ziel ist nicht, fortan jeglichen Stress zu vermeiden. Das „richtige“ Maß an Stress ist anregend und begünstigt somit eine angemessene Handlung und das Lernen aus der Situation. Um aber eine Überforderung oder dauerhaften Stress und damit langfristig körperliche und geistige Schäden zu vermeiden, machen sich „resiliente Hunde“ einige Ressourcen zunutze:

Die Sozialisierung in den ersten Lebenswochen ist entscheidend, denn dann sind die Welpen besonders empfänglich für neue Reize und können Erfahrungen besonders gut generalisieren. Wenn der Welpe vieles positiv kennenlernt, wird er diesen Lebewesen, Gegenständen, Orten, Situationen etc. gegenüber eher aufgeschlossen bleiben. Die Erfahrungen sollten insgesamt positiv sein, für den Welpen gut (!) zu bewältigende Stresssituationen können seine Resilienz aber stärken.

Da ein Welpe frühestens im Alter von acht Wochen bei seiner neuen Familie einzieht, ist auch der Züchter in der Verantwortung. Diese Verantwortung beginnt bereits mit der Auswahl der Elterntiere. Wenn sich die Mutter gut um ihren Nachwuchs kümmert, zeigen die Welpen insgesamt weniger negative Stressreaktion und sind allgemein aufgeschlossener. Ein schlechter Start ins Hundeleben, wie er teilweise bei Tierschutzhunden und grundsätzlich bei Welpen aus unseriöser Zucht erlebt wird, kann nur noch bedingt aufgeholt werden.

Übrigens beeinflussen auch die durch die Elterntiere vererbten Gene die Resilienz des Hundes. Es gibt einige Rassen, deren Vertreter mutig und sozial umgänglich sind – beides Eigenschaften, die in Studien mit erhöhter Resilienz korrelierten.

Kontrolle über das, was geschieht, erhöht die Anpassungsfähigkeit an belastende Situationen. In einer Studie zeigten die Hunde, die durch das eigene Handeln einem Schmerzreiz entfliehen konnten, kein auffälliges Verhalten, während die Hunde in der Kontrollgruppe schreckhaft und depressiv wurden. Studien mit menschlichen Probanden und Probandinnen lassen vermuten, dass gefühlte Kontrolle selbst dann förderlich ist, wenn nicht die eigentlich stressige Situation, sondern andere Bereiche kontrollierbar erscheinen.

Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht einher mit höheren Zielen sowie größerer Anstrengung bei der Verfolgung dieser Ziele trotz etwaiger Rückschläge. Für Menschen zeigten sich diese positiven Effekte in einer Studie sogar, wenn ihnen zu Beginn der Studie nur ein hohes Selbstvertrauen eingeredet wurde. Zusammen mit einer gesunden Option Optimismus zeigen Hunde einer Beobachtungsstudie zufolge im Alltag weniger „störendes Verhalten“ (z. B. Aggression) in einer bedrohlichen Konfrontation.

Impulskontrolle bedeutet, dass der Hund nicht immer impulsiv reagiert, sondern in der Lage ist, sich zurückzunehmen. In Studien fand man heraus, dass Hunde, die ihre Emotionen besser kontrollieren können als die Hunde der Vergleichsgruppe, deutlich variablere Herzschlagraten in stressigen Situationen aufwiesen. Diese Herzschlagvariabilität scheint ein Baustein der Resilienz zu sein, da er eine schnelle Anpassung an die Situation und anschließende Erholung erlaubt.

Eine innige, stabile Beziehung zur Bezugsperson begünstigte in mehreren Untersuchungen eine geringere körperliche Reaktion (Herzschlag, Cortisol) in stressigen Situationen. Besonders förderlich ist es dabei, wenn der Hund seinen Menschen bereits vorher als verlässlichen, beruhigenden Partner wahrnimmt. Der Effekt kann sogar anhalten, wenn die gemeinsam bewältigte, bedrohliche Konfrontation später noch einmal ohne Beisein des Menschen durchlebt wird. Darüber hinaus lässt ein herzlicher Umgang des Menschen mit seinem Hund, diesen eher Schutz beim Menschen suchen, während die Hunde ansonsten eher geneigt sind, ängstlich oder aggressiv auf die Bedrohung zuzugehen. Ähnlich positiv könnte sich auch eine entsprechende Beziehung zum souveränen Zweithund der Familie auswirken.