Leinenführigkeit - ein Beitrag von Stefanie Liepert

Stefanie Liepert lebt mit ihrer Familie und ihren zwei Hunden Bruno (Australien Shepherd Rüde) und Hugo (Labrador Retriever Rüde) westlich von München. Dort leitet sie seit Januar 2023 die Martin Rütter Hundeschule in Landsberg am Lech und Umgebung. Wenn sie nicht gerade auf Hausbesuch ist, bietet sie dort zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten rund um den Hund sowie Einzel- und Gruppentrainings zu den unterschiedlichsten Themen an.
Mein damals 1,5 Jahre alter Australien Shepherd Rüde hat mich körperlich und psychisch an meine Grenzen gebracht. Auf jedem Spaziergang durchlebte ich die Hölle: eine niemals endende, nervliche Tortur, die mir jeglichen Spaß an sämtlichen Unternehmungen mit Hund geraubt hat. „Kannst du bitte mit dem Hund spazieren gehen?“, war bereits nach kurzer Zeit meine Standardfrage an meinen Lebensgefährten. Sowohl psychisch als auch physisch sah ich mich nicht mehr dazu imstande, den in der Leine hängenden Hund Gassi zu führen. Mein gesamter Körper tat weh, ich hatte überall Muskelkater, und auch die Kraft in den Armen schwand jeden Tag mehr. Böse Blicke und Kommentare anderer Menschen waren damals Alltag bei unseren Gassirunden. Irgendwann stellte ich mir die Frage: „Warum zieht mein Hund so massiv an der Leine?“ Aber auch: „Was mache ich falsch? Warum ist alles andere spannender für ihn als ich?“ Der Frust meinerseits wuchs und wuchs.
Das Laufen an lockerer Leine fällt vielen Vierbeinern schwer. Ein Grund dafür ist, dass sich die Laufgeschwindigkeit des Hundes von der des Menschen stark unterscheidet. Ein mittelgroßer Hund, der den Menschen beim Spaziergang begleitet, wird im Schritt zurückbleiben, im Trab jedoch immer ein wenig schneller sein als sein Mensch. So kann er nicht kontinuierlich in seiner natürlichen Gangart laufen, sondern muss diese beständig an das Tempo des Menschen anpassen. Für ihn bedeutet das lockere Laufen an der Leine zudem Langeweile und Verzicht in einem, da es in der Umgebung viel Spannendes zu erforschen gibt, was die kurze Leine jedoch nicht erlaubt.
Leinenführigkeit soll Spaß machen!
Daher starte ich das Training der Leinenführigkeit mit meinen Kunden und Kundinnen damit, dass Mensch und Hund dabei Spaß haben. Denn auch die meisten Menschen sehen in diesem Training leider oft nur ein notwendiges Übel.
Rufe deinen im Garten oder auf dem Spaziergang freilaufenden Hund zu dir. Befestige eine etwas längere Leine von ca. 3 – 5 m an seinem Geschirr. Wirf nun ein Leckerli ein Stück den Weg entlang bzw. von dir weg und fordere deinen Hund auf, ihm hinterherzujagen und es zu fressen. Achte aber darauf, dass du nicht weiter als Leinenlänge wirfst, damit dein Hund keinen Ruck bekommt. Er soll das Spiel mit dir an der Leine ja nicht negativ verknüpfen. Nun lässt du ihn mehrere Kekse in unterschiedliche Richtungen erjagen. Danach löst du die Leine, er darf wieder freilaufen. Mit einem Hund, der bereits gelernt hat, Spielzeug zu apportieren, kannst du auch kleine Apportierübungen an der Leine machen.

Die meisten Hundehalter:innen malen sich schon vor der Anschaffung eines Hundes die idyllischen Spaziergänge durchs heimische Grün aus. Doch bis der Hund freilaufen kann, ist viel Training nötig. Und selbst dann ist Freilauf nicht immer überall erlaubt. Doch wenn der Mensch nur sieht, dass er seinem Hund die Freiheit nimmt, wenn er ihn an der Leine führt, wird er diese negative Einstellung auch auf das Training der Leinenführigkeit übertragen.
Leinenführigkeit ist keine Strafe!
Bevor du mit dem Training der Leinenführigkeit beginnst, ändere deine Einstellung! Durch das Spiel mit deinem Hund an der Leine hast du bereits erfahren, dass du deinem Hund trotz Leine spannende Beschäftigung bieten kannst und ihr beide zusammen Spaß haben könnt. Doch die Leine ist noch so viel mehr für deinen Hund. Es gibt so viele Gefahren für Hunde in unserer Zivilisation. Angeleint kannst du deinen Hund sicher durch sein Leben führen. Du verhinderst, dass er vom Auto überfahren oder vom Radfahrer angefahren wird. Du bietest ihm Schutz, wenn andere Menschen ihn bedrängen. Immer dann, wenn dein Hund von dir an der Leine geführt wird, bist du sein sicherer Hafen, auf den er sich verlassen kann. Dabei achtest du auf seine Bedürfnisse, ermöglichst ihm immer wieder einmal auch zu schnüffeln, sich zu lösen oder startest eine Beschäftigung mit ihm. So wird die Leinenführigkeit zur Teamsache. Nun musst du ihm nur noch beibringen, dass er dir immer dann, wenn weder Schnüffeln noch Beschäftigung angesagt sind, an lockerer Leine folgen soll.
Für das Training der Leinenführigkeit sollte deine Leine nicht zu lang sein, damit sie nicht über den Boden schleift und du oder dein Hund sich darin verheddern oder darüber stolpern. Sie sollte aber auch nicht so kurz sein, dass sie bereits gestrafft ist, wenn dein Hund ruhig neben dir steht.
Ob du deinen Hund bei der Leinenführigkeit am Geschirr oder Halsband führst, spielt im Grunde genommen keine Rolle. Die Schwierigkeit beim Training der Leinenführigkeit besteht jedoch darin, dass du oft nicht vermeiden kannst, den Hund angeleint zu führen, obwohl er das Laufen an der kurzen Leine noch gar nicht gelernt hat. Bei jeder anderen Übung würde man, so lange wie der Hund diese noch nicht beherrscht, den Hund nicht damit konfrontieren. Doch leider müssen die meisten Menschen ihren Hund durch die Leine sichern, und sei es nur für den Weg von der Haustür zum Auto. In diesem Fall kannst du die Leine immer dann, wenn du deinen Hund an der Leine führen musst, ein Training der Leinenführigkeit aber noch zu schwer ist, am Geschirr anleinen. Zieht dein Hund, mildert das Geschirr den Zug ab, sodass er keine Verletzungen an der Halswirbelsäule oder dem Kehlkopf erleidet. Beginnst du das Training der Leinenführigkeit, hakst du die Leine vom Geschirr ins Halsband um. Das Einhaken der Leine im Halsband wird für deinen Hund nach einiger Zeit zum Signal, dass er nun an lockerer Leine laufen soll.

Nimm nun die Leine in beide Hände vor deinen Bauch. So fällt es den meisten Menschen leichter, nicht doch an der Leine zu rucken, um den Hund zum Folgen zu animieren. Denn dein Hund soll die Leinenführigkeit ja angenehm empfinden, er soll daran genauso viel Spaß haben wie an der Jagd nach dem Futter.

Wie jetzt? Leinenführigkeitstraining soll Spaß machen?
Ja klar, warum denn nicht? Letztlich ist es doch nur eine von vielen Übungen, die du mit deinem Hund trainierst, einer von vielen Tricks, den du deinem Hund beibringst. Meine Kunden und Kundinnen sind immer begeistert dabei, dem Hund „Sitz“, „Down“ oder „Bleib“ beizubringen. Sie lieben es, den Hund zu lehren, auf Signal zu kommen, und haben viel Spaß, wenn der Hund Tricks wie „Pfötchen geben“ oder „Männchen machen“ lernen soll. Also, sei offen für ein spannendes Training, du wirst sehen, Leinenführigkeit kann so abwechslungsreich sein!
Wie wird nun die Leinenführigkeit trainiert?
Bevor du loslegst, überlege, auf welcher Seite dein Hund dich begleiten soll. Du kannst ihm zwar beibringen, dich auf beiden Seiten zu begleiten, doch für den Beginn solltest du die Seite wählen, die dir und deinem Hund leichter fällt. Wähle zudem für dein Training ein reizarme Umgebung. Denn wenn dein Hund abgelenkt ist, wäre die Gefahr groß, dass er wieder an der Leine zieht.
Das Aufmerksamkeitssignal
Dein Hund muss später an der Leine auf viele Dinge gleichzeitig achten:
Auf dich, deine Geschwindigkeit und die Richtung, die du einschlägst
Auf den Weg und eventuelle Unebenheiten
Auf Ablenkungen, die er während des Laufens wahrnimmt
Daher macht es Sinn, zunächst ein Aufmerksamkeitssignal aufzubauen. Dein Hund soll hierbei lernen, sich bei diesem Signal, wie z. B. dem Wort „Schau“ oder „Look“ oder einem Schnalzen, auf dich zu konzentrieren. So kannst du ihm signalisieren, dass gleich etwas passiert, du beispielsweise die Richtung änderst oder stehenbleibst. Natürlich soll er während der Leinenführigkeit auf dich achten, doch eine immer gleiche Handlung über einen langen Zeitraum auszuführen, ohne sich ablenken zu lassen, ist schwer. Ihr beide seid aber ein Team, und im Team agiert man miteinander. Hilf deinem Hund also, indem du ihn bei Wechseln aufmerksam machst, sodass er nicht in die gespannte Leine läuft und einen Ruck bekommt.

Es geht los!
Nun endlich beginnt das Training der Leinenführigkeit. Mach deinen Hund mit dem Aufmerksamkeitssignal auf dich aufmerksam. Schaut er dich interessiert an, gehst du einen Schritt mit dem Bein nach vorne, neben dem sich dein Hund befindet. So bekommt er die Bewegung sofort mit. Setze deinen Körper ein, indem du dich ihm dabei ein wenig zuwendest. Die meisten Hunde schließen sich nun gespannt dem Menschen an und folgen ihm.
Falls dein Hund sitzenbleibt und dir nicht folgt, achte beim nächsten Mal darauf, dass er steht, wenn du den ersten Schritt machst.

Ist das nicht toll? Dein Hund ist den ersten Schritt an lockerer Leine gelaufen! Ihr habt eure erste Leinenführigkeitsübung gemeistert! Wie jetzt, du findest das nicht wirklich toll? Dafür sollst du deinen Hund schon loben? Überlege einmal, wie du deinem Hund das Bleiben beigebracht hast. Anfangs bekommt er hier schon eine Belohnung, wenn du dich nur auf der Stelle bewegst. Dann stellst du ein Bein nach hinten und machst einen Wiegeschritt, bevor du dann einen ganzen Schritt von ihm weggehst. Eigentlich baust du das Training also sogar in noch kleineren Schritten auf als bei der Leinenführigkeit. Niemand entfernt sich beim „Bleib“ direkt 10 Schritte von seinem Hund. Soll der Hund an lockerer Leine laufen, sind für viele Menschen 10 Schritte jedoch oft noch viel zu wenig, sie erwarten direkt mehr. Also, belohne deinen Hund und feiere ihn für diesen ersten Schritt. Und wiederhole die Übung dann, immer und immer wieder, bis dein Hund wirklich verstanden hat, dass er bei diesem einen Schritt an deiner Seite mitlaufen soll. Erst dann, nach vielen Wiederholungen, steigerst du die Anzahl der Schritte auf zwei bis drei und später auch mehr. Variiere jetzt die Anzahl der Schritte, nach denen dein Hund eine Belohnung erhält. Mal gehst du zwei Schritte, mal fünf Schritte, dann wieder nur drei Schritte. So bleibt dein Hund immer aufmerksam, denn er weiß ja nie, wann es die Belohnung gibt.
Die Belohnung solltest du dabei nicht schon in der Hand halten. Es geht beim Training der Leinenführigkeit nicht darum, deinen Hund mit Futter vor seiner Nase in eine bestimmte Position zu bringen und dort zu halten. Hole das Futter zur Belohnung aus der Tasche heraus, du kannst es deinem Hund dann geben oder es ein Stück werfen, sodass er nach der konzentrierten Übung einmal kurz hinterherhetzen kann. Natürlich ist auch ein Spiel zur Belohnung erlaubt, allerdings kannst du mit einer Futterbelohnung mehr Übungen schneller hintereinander durchführen.

Hörzeichen aufbauen
Für deinen Hund ist das Einhaken der Leine im Halsband inzwischen bereits das Signal, an lockerer Leine zu laufen. Du kannst nun aber noch ein Hörzeichen hinzufügen, wie z. B. das Wort „Fuß“. Soll dein Hund später auf beiden Seiten laufen, kannst du hierfür ein anderes Wort, wie z. B. „Hand“ aufbauen, sodass dein Hund beide Seiten per Signal unterscheiden kann. Auch für das Training „Frei bei Fuß“ macht ein Hörzeichen Sinn.
Schwierigkeit steigern
Jetzt muss dein Hund noch lernen, dir bei einem Richtungswechsel zu folgen. Auch hierbei kannst du ihm körpersprachlich helfen. Beginne zunächst mit dem Richtungswechsel von deinem Hund weg. Beim Richtungswechsel auf deinen Hund zu besteht die Gefahr, dass du ihn anrempelst, wenn er die Richtung nicht rechtzeitig annimmt, er muss also bereits gelernt haben, auf deine Körpersprache zu reagieren. Beginne den Wechsel von deinem Hund weg mit dem Bein, neben dem dein Hund läuft. So bemerkt er sofort, dass du offensichtlich die Richtung ändern wirst. Stelle dann dein anderes Bein ebenfalls in die Richtung, mache aber keinen zu großen Schritt, denn dein außen laufender Hund braucht etwas mehr Zeit, um dir zu folgen. Den Wechsel auf deinen Hund zu beginnst du dagegen mit dem anderen Bein. Drehe das Bein ein, sodass es vor deinem anderen Bein steht. Dadurch wirst du automatisch auch deinen Körper in Richtung deines Hundes drehen und ihm so signalisieren, dass ein Richtungswechsel bevorsteht. Erst dann drehst du das Bein, neben dem sich dein Hund befindet, in die neue Richtung, sodass er dir problemlos folgen kann.
Ist dein Hund gerade unaufmerksam, warte noch, bis du den Wechsel durchführst. Alternativ kannst du auch dein Aufmerksamkeitssignal nutzen.
Herausforderungen meistern
Hat dein Hund diese Grundlagen der Leinenführigkeit gelernt, kannst du das Training anspruchsvoller gestalten. Kombiniere zunächst deine vier bis fünf Schritte geradeaus mit verschiedenen Richtungswechseln. Verlängere die Strecke geradeaus, laufe aber auch mal Bögen oder Kreise. Wechsle das Tempo, laufe im Schneckentempo und sprinte dann daraus los.
Je abwechslungsreicher du euer Training gestaltest, desto spannender bleibt es für euch beide. Du kannst auch Hindernisse in dein Training miteinbauen. Laufe über am Boden liegende Äste oder Stangen, führe deinen Hund eine Treppe hinauf, laufe durch auf dem Boden liegende Autoreifen oder im Slalom um Bäume herum. Steigere auch die ablenkenden Reize und trainiere im Park. Laufe um andere Menschen oder Mensch-Hund-Teams herum. Lege Spielzeug oder Futter auf den Boden und führe deinen Hund daran vorbei. Sei kreativ, beim Training der Leinenführigkeit sind dir keine Grenzen gesetzt.

Einmal geht es noch …
Gerade bei der Leinenführigkeit werden wir Menschen schnell ungeduldig und verlangen von unserem Hund viel zu viel. Macht dein Hund einen Fehler im Training, überlege daher immer erst einmal, ob du nicht zu schnell vorangegangen bist und gehe lieber wieder einen Schritt zurück. Vermeide es, deinen Hund für einen Fehler z. B. durch einen Leinenruck zu bestrafen. Er zieht nicht an der Leine, um dich zu ärgern, sondern weil du es ihm noch nicht gut genug beigebracht hast. Es macht daher auch keinen Sinn, „Fuß“ zu sagen und dann an der Leine zu rucken, denn dein Hund hat offensichtlich ja noch gar nicht verstanden, was du von ihm erwartest, wenn du das Signal „Fuß“ sagst.
Viele Menschen unterschätzen, wie anstrengend dieses Training für den Hund ist, denn von außen betrachtet, sieht es doch sehr einfach aus, der Hund muss ja lediglich folgen. Wie viel Konzentration vom Hund erforderlich ist, sich dir anzupassen, und wie anstrengend es für ihn ist, seine eigenen Bedürfnisse hintenan zu stellen, musst du dir daher immer wieder bewusst machen. Hat dein Hund jedoch gelernt, dass das Laufen an der Leine gemeinsame Aktivität bedeutet, wird auch er Freude daran haben. Dann ist die Leine kein notwendiges Übel mehr, sondern Symbol der Verbindung zwischen dir und deinem Hund. Sie ist der „heiße Draht“, der dich und deinen Hund zusammenhält, der euch beide zu einem Team macht.
Doch denke immer daran, niemand ist perfekt. Und so kann es sein, dass der jagdlich motivierte Hund beim Anblick des über den Weg hoppelnden Kaninchens alles vergisst und in die Leine springt. Sei ihm dann nicht böse, denn das bedeutet nur, dass du nun, neben der Leinenführigkeit, auch die Impulskontrolle trainieren solltest. Dazu sollte dein Hund aber auch die Möglichkeit bekommen, sein Jagdbedürfnis auszuleben, indem du ihn beispielsweise einen Gegenstand an der Reizangel hetzen lässt. Gerade die Leinenführigkeit ist also nie getrennt von anderen Übungen zu sehen. Insbesondere das Alltagstraining spielt hierbei eine große Rolle. So wird der territoriale Hund, der zu Hause an der Tür wacht, auch an der Leine nach vorne gehen wollen, um den entgegenkommenden Hund abzuchecken. Kommst du also in deinem Training der Leinenführigkeit an einem bestimmten Punkt nicht weiter, empfehle ich dir, dich an eine professionelle Hundeschule zu wenden.