"Mein Hund will nicht Spazieren" - Ein Fall aus der Praxis

Wir werden beinahe wöchentlich von Kund*Innen mit dem Problem aufgesucht, der eigene Hund möchte plötzlich nicht mehr weiterlaufen. Meistens berichten unsere Kund*Innen,
- der Hund wolle «aus dem Nichts» nicht mehr weiterlaufen und lege oder setze sich hin und «mache den Esel».
- Im Welpenalter tritt das Thema häufig auch kurz nach dem «aus dem Haus gehen» auf, wogegen das «nach Hause laufen» meistens kein Problem darstellt.
Was könnte die Ursache sein?
Bevor man sich Gedanken über mögliche Trainingsansätze macht, sollte man immer erst herausfinden, wie ein bestimmtes (unerwünschtes) Verhalten entstanden ist. Grundsätzlich stellt der Spaziergang ja vereinfacht ausgedrückt ein «Grundbedürfnis» dar und sollte einem Hund doch Freude bereiten. Dies würde man zumindest meinen. Weshalb stellen sich gewisse Hunde dann aber plötzlich «quer» und worin könnten also die Ursachen für diese Verhaltensweisen liegen?
Hunde haben Bedürfnisse, welche sich – stark vereinfacht ausgedrückt – aus den vier Grundmotivationen ergeben. Dabei handelt es sich um die territoriale, soziale, sexuelle und jagdliche Motivation. Je nach Rasse, genetischer Veranlagung und Charakter sind diese Motivationen unterschiedlich stark ausgeprägt. So ist bspw. bei einem Haus-, Hof- und Wachhund die territoriale Motivation stark ausgeprägt vorhanden, wogegen ein Jagdhund sehr stark jagdlich motiviert ist.
Darüber hinaus sind Hunde hochgradig soziale Lebewesen. Ihnen ist der Kontakt zu ihren eigenen Menschen, aber auch zu anderen Artgenossen äusserst wichtig. Sie kommunizieren nicht nur dann miteinander, wenn sie sich «in echt» sehen. Über das Setzen von Duftspuren, z.B. über Markierungen mit Urin, mit Kot, über das Scharren oder über das Reiben an Gegenständen / Büschen, können Hunde auch über eine längere Zeitdauer hinaus Informationen hinterlassen. Die Markierungen werden dann von anderen Hunden wahrgenommen, bzw. «gelesen» und ggf. über eine eigene Markierung «kommentiert». Ob es dabei um das eigene Darstellen, um das Provozieren, das Erheben von Ansprüchen auf ein Territorium oder aber auf eine (läufige) Hündin geht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Fakt ist: Damit Hunde die Informationen nachhaltig wahrnehmen und / oder selbst hinterlassen können, müssen sie oft «näher heran».
Unbewusst verstärkt
Wir Menschen spazieren / gehen in aller Regel jedoch in der Mitte eines Weges, quer über einen Platz und mittig über eine Kreuzung. Aus Hundesicht «verfehlen» wir somit vielfach strategische (Markier-)stellen, wie bspw. Ecken, erhöhte Grasbüschel, Säulen, usw. Dies führt dazu, dass der Hund mit einer anderen Motivation näher am Gebüsch oder an der Hauswand entlanglaufen oder an der Kreuzung länger schnuppern will, als wir Menschen dies vielfach zulassen.
Da wir oft abgelenkt sind, sei es, weil wir mit Freunden reden, in Gedanken versunken oder am Telefon sind, passiert es viel zu häufig, dass wir unserem Hund trotzdem «zum Pfosten hinterherlaufen» oder «am Wegrand stehen bleiben», wenn er mal kurz an der Leine zieht oder sich extra schwer macht. So darf der Hund ganz oft noch schnell fertig schnüffeln und wir bekommen dies vielfach gar nicht mit.
Hunde lernen also ziemlich schnell, dass wir Menschen beim «Laufen an der Leine» langweilig, unaufmerksam und abgelenkt sind. Ihre Bedürfnisse stillen sie somit extern und schnüffeln dort, wo sie gerade Lust zu haben. Manchmal passiert es jedoch, dass wir uns zielstrebig von A nach B bewegen möchten. Der Hund kann am Baum an der Kreuzung nun nicht fertig schnüffeln, der Mensch geht weiter. Nun macht sich der Hund zum allerersten Mal schwer und lehnt sich in die Leine – Er will nur noch kurz «fertig schnüffeln». Der Mensch verspürt einen Zug (nach hinten) und bleibt abrupt stehen. Man möchte dem Hund – verständlicherweise - ja keinen Ruck an der Leine geben. Der Hund hat aber – unbewusst – gerade in diesem Moment zum ersten Mal gelernt, dass sich das «Stehenbleiben» und «schwer machen» gelohnt hat. Denn er hatte nun die Möglichkeit, noch etwas länger zu schnüffeln.
Nun wiederholt der Hund dieses Verhalten in vielen unterschiedlichen Situationen, über mehrere Male an unterschiedlichen Tagen und Orten. Ungeachtet dessen, ob euch gerade ein Hund entgegenkommt, ob euer Hund von der anderen Strassenseite einen Duft in die Nase bekommen hat oder, ob das Sandwich aus dem Gebüsch verlockend riecht: Es lohnt sich – aus Hundesicht – in jedem Fall, sich in die Leine zu lehnen, sich schwer zu machen oder zu ziehen. Zumindest ein, zwei Schritte kommt man näher heran oder man kann ein wenig länger schnüffeln.
... wenn sich das Ziehen an der Leine lohnt.

Was kann man nun aber tun, ohne den Hund hinter sich her zu ziehen?
Je nachdem, wie ritualisiert und gefestigt das Verhalten bereits ist, gibt es unterschiedliche Trainingsansätze.
- Eine Möglichkeit wäre, ein spassiges Leinenführigkeitstraining zu starten. Die Idee liegt darin, dem Hund ein Alternativverhalten beizubringen und dies positiv zu verstärken, sodass sich längerfristig das Alternativverhalten noch mehr lohnt, als das unerwünschte Verhalten. Leinenführigkeit kann man nämlich durchaus auch spannend gestalten. So kann man den Hund Tricks ausführen lassen, wie bspw. ein Leckerli oder einen Gegenstand fangen, sich drehen, usw.
- Eine andere Möglichkeit wäre, dem Hund das Tragen eines Gegenstandes beizubringen oder den Hund eine Mini-Futter-Hetze ausführen zu lassen. Je nach dem, was dem Hund und dem Menschen Spass macht. Auch bei diesen Alternativverhalten geht es letztlich darum, dass das konsequente Training dazu führen wird, dass die Aufmerksamkeit des Hundes beim Laufen an der kurzen Leine viel eher beim Menschen ist, als bei jeder erdenklichen Laterne, an welcher man vorbeiläuft. Ausserdem verhindert man so weitere Fehlerfolge über das abrupte Abstoppen und Stehenbleiben.
Losgelöst von der «Problemsituation» muss der Mensch ganz allgemein darauf achten, dem Hund nicht jeden Wunsch sofort und gleich zu erfüllen. Zu denken ist hier vor allem an die Alltagssituationen, wie bspw.:
- der Hund bellt und schon fliegt der nächste Ball;
- der Hund fiebst und wird gestreichelt;
- der Hund holt sich ein Spielzeug und es wird mit ihm gespielt;
- der Hund stupst an die Hand und wird geknuddelt.
Dies sind nur wenige Beispiele, aber allesamt haben sie einander gemeinsam, dass der Hund durch viele solcher Situationen im Alltag lernt, dass seine Forderungen immer erfüllt werden. Weshalb sollte er nun auch nicht am Baum fertig schnüffeln dürfen oder die Richtung an der Leine bestimmen?
- So kommt man auch nicht darum herum, die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz des eigenen Hundes zu stärken. Letztlich liegt ein Teil des Problems ja gerade darin, dass es dem Hund schwer fällt, es auszuhalten, wenn er mal nicht seinen eigenen Bedürfnissen ("fertig schnüffeln", näher herankommen) nachgehen kann.
- Und letztlich ist ein wichtiger Trainingsschritt, weitere Erfolge des unerwünschten Verhaltens zu vermeiden. So sollte man beim Laufen an der kurzen Leine in jedem Fall nicht immer dann stehen bleiben, wenn der Hund stehen bleibt und schnuppern will oder dem Hund in jede erdenkliche Richtung folgen.
Darauf solltest du unbedingt achten!
Strukturiere den Spaziergang und vermittle deinem Hund ganz klar, wann er Freizeit hat und auch mal schnüffeln darf und wann nicht. Es empfiehlt sich, dem Hund beizubringen, dass er sich an der kurzen Leine am Menschen orientieren soll und das Markieren und «ewige schnüffeln» nicht erlaubt ist. Demgegenüber darf er im Freilauf oder an der Schleppleine «Freizeit spazieren» und bekommt so ausreichend Möglichkeiten, um zu Schnüffeln.
Du darfst deinem Hund das Alternativverhalten natürlich nicht immer erst dann anbieten, wenn er sich bereits «schwer» gemacht oder «abgestoppt» hat. Ansonsten riskierst du, dass dein Hund eine Verhaltenskette erlernt. Eine solche musst du unbedingt verhindern und daher präventiv handeln. Du musst also vorausschauend spazieren gehen und aufmerksam und achtsam sein. Nur so kannst du Stellen oder Menschen / Hunde, die dir entgegenkommen frühzeitig erkennen und deinem Hund das Alternativverhalten anbieten bevor (!), er abstoppt und nicht mehr weitergehen will.
Hilfestellung längerfristig wieder abbauen und Unsicherheiten erkennen
Fällt es deinem Hund längerfristig auch nicht mehr so schwer, so kann man die Beschäftigung und die Hilfestellungen natürlich wieder kleinschrittig abbauen. Soweit, bis es dein Hund ganz alleine schafft, an den spannenden Reizen vorbeizulaufen, ohne sich in die Leine zu hängen oder «einfach so» stehen zu bleiben.
Wichtig ist zum Schluss: Sollte dein Hund abrupt stehen bleiben und abstoppen, weil ihn etwas verunsichert oder verängstigt, so ist das Ignorieren des Verhaltens oder das sture Weiterlaufen natürlich kontraproduktiv und nicht hilfreich. In dieser Situation wäre es viel eher angebracht, dass du für deinen Hund da bist und ihm die nötige Sicherheit bietest. Ob dein Hund verängstigt ist, erkennst du an der Körpersprache (Rundrücken, eingezogener Schwanz, nach hinten gelegte Ohren, weit aufgerissene Augen, Zittern, usw.).
Im Zweifel lohnt es sich, das Verhalten zu filmen und in der Hundeschule zu zeigen.