Wie Hunde die Welt erleben (und was das für den Alltag bedeutet)

Marcel Wunderlich ist Martin Rütter Hundetrainer mit eigener Hundeschule in Wiesbaden / Main-Taunus-Kreis. Eines seiner wichtigsten Trainingsziele: ein entspannter Alltag, sodass Mensch und Hund möglichst viel gemeinsam erleben können. Das braucht Verständnis dafür, wie Hunde unsere Umwelt wahrnehmen und wie sinnvolles Training funktioniert.
Die Sinnesfähigkeiten von Hunden werden noch allzu oft unterschätzt. Teils, weil ihre Leistung für uns unvorstellbar ist. Teils aber auch, weil ihre Fähigkeiten noch nicht ausreichend erforscht sind. Hunde können z. B. ein leises Knacken im Wald wesentlich früher hören und schneller lokalisieren als wir Menschen. Sie sind in der Lage, Unterzuckerung anzuzeigen oder die Spuren einer Tage zuvor weggelaufenen Person zu verfolgen. Gleichzeitig scheinen sie manchmal das für uns deutlich sichtbare Leckerli vor ihrer Schnauze auf dem Boden einfach nicht ohne unsere Hilfe zu finden. In die Sinneswelt unserer Hunde einzutauchen, ist nicht nur faszinierend, sondern hilft uns auch, ihre Wahrnehmung zu verstehen, um sowohl den Alltag mit Hund als auch das Training daran anzupassen.
Riechst du das?
Hunde sind für ihre gigantische bis unglaubliche Riechleistung bekannt. Bereits in den ersten Tagen nach der Geburt setzen Welpen ihre Nase statt ihrer – noch fest verschlossenen – Augen ein, um die Zitze der Mutter zu finden. Schlüssel bei der Wahrnehmung von Gerüchen ist die sogenannte „Riechschleimhaut“, in der verschiedene Geruchsrezeptoren sitzen. Diese Rezeptoren werden durch die eingeatmeten Geruchsmoleküle aktiviert und die Kombination der einzelnen, aktivierten Rezeptortypen formt den jeweils wahrgenommenen Geruch.
Unsere menschliche Riechschleimhaut ist mit ca. 5 - 10 Millionen Rezeptoren etwa 5 cm2 groß. Die Riechschleimhaut unserer Hunde ist, abhängig von der Rasse, ca. fünf- bis dreißigmal so groß. So kommt ein Hund auf ca. 125 - 300 Millionen Rezeptoren sowie etwa 1000 unterschiedliche Rezeptortypen für Gerüche, die wir Menschen zu einem großen Teil gar nicht wahrnehmen können. Zudem können Hunde durch das „vomeronasale Organ“, das hinter den Vorderzähnen im Oberkiefer liegt, Sozialpartner auf einer weiteren geruchlichen Ebene wahrnehmen, wie z. B. beim Erkennen von Pheromonen potenzieller Sexualpartner. Auch der Anteil des Gehirns, der Gerüche verarbeitet und speichert, ist beim Hund mit ca. 10 % etwa zehnmal so groß wie der beim Menschen.

Es ist für Hunde also grundsätzlich kein Problem, den Geruch diverser Gegenstände abzuspeichern und diese Gegenstände anhand ihres Geruchs zu orten. Das funktioniert nicht nur mit Dummys oder anderem Hundespielzeug, sie können auch Elektrogeräte, wie z. B. versteckte Handys in Gefängniszellen oder Trüffeln im Waldboden erschnüffeln („Suche nach einem bestimmten Geruch“). Auch die sprichwörtliche Suche nach „der Nadel im Heuhaufen“ ist für trainierte Hunde kein Problem, sie finden selbst die winzige Büroklammer, die in der Wohnung versteckt wurde („Suche nach kleinen Gegenständen“). Genauso können Hunde lernen, den Geruch einer Person von einem Kleidungsstück zu „extrahieren“ und diesen Geruch zu verfolgen, bis sie bei der versteckten oder vermissten Person angekommen sind („Mantrailing“). Hunde können auch Gerüche unterscheiden. So erkennen Hunde anhand von Geruchsproben die Proben der Menschen, die an Krebs oder Corona erkrankt sind („Geruchsdifferenzierung“).

Rassen mit extra kurz gezüchteten Nasen (z. B. Französische Bulldoggen) zeigen übrigens auch bei der Riechleistung eine Behinderung: Durch die anatomischen zuchtbedingten Veränderungen kommt es bei gleichzeitiger Wachstumshemmung des Kieferschädels zu einer Vergrößerung der Nasenmuscheln. Dadurch kommt es zum Kontakt zwischen den benachbarten Lamellen der Nasenmuscheln, sodass zwischen den Oberflächen der Riechschleimhaut kein Platz mehr für die durchströmende Luft bleibt. Zudem fällt diesen Hunden das Ein- und Ausatmen durch die viel zu kleinen Nasenlöcher schwer.
Denn ein weiterer Faktor für die hervorragende Riechleistung der Hunde ist ihre Atemtechnik. Beim gezielten Schnüffeln kommen Hunde auf bis zu ca. 300 Atemzüge pro Minute, bei denen sie sowohl beim Ein- als auch bei Ausatmen Gerüche wahrnehmen, denn die Luft wird durch die vorderen Nasenlöcher eingeatmet und durch die seitlichen Nasenschlitze wieder ausgeatmet. Dies ist körperlich überaus anstrengend, selbst für Hunde mit gesunder Schnauzenform. Da das gezielte Schnüffeln aber nicht nur müde macht, sondern den meisten Hunden wirklich Freude bereitet, bieten sich die zahlreichen Formen der „Nasenarbeit“ als ideale Auslastung an.
Für uns Menschen ist eine der größten Herausforderungen im Training ein Verständnis für die Welt der Gerüche des Hundes zu entwickeln, da wir nur einen Bruchteil dieser Welt wahrnehmen und nicht wirklich nachvollziehen können, welche Möglichkeiten Hunden zur Verfügung stehen. Wer seinem Hund beibringen möchte, Spuren zu verfolgen, muss wissen, wie sich Witterung und Umgebung auf die Verteilung der Gerüche auswirken. Und wer erwartet, dass sein Hund das Leckerli auf dem Boden findet, muss wissen, wie der Wind steht. Denn wenn der Hund auf die Nasenarbeit konzentriert ist, spielt der Sehsinn kaum noch eine Rolle. Und so kann es eben sein, dass dein Hund wenige Zentimeter an dem für dich in der Wiese gut sichtbaren Leckerli vorbeiläuft, wenn der Wind den Geruch in die andere Richtung trägt.
Fakt: So einzigartig wie jeder Hund, ist auch seine Nase! Der Nasenspiegel von Hunden hat ein individuelles Muster, ähnlich wie der Fingerabdruck beim Menschen!

Ich sehe was, was du nicht siehst
Im Gegensatz zum Riechen sind uns Hunde beim Sehen nicht grundsätzlich überlegen. Sie sehen aber auch nicht so schlecht, wie einst vermutet. Allein die bei den meisten Hunden eher seitliche Anordnung der Augen schafft ein deutlich weiteres Gesichtsfeld als die frontale Anordnung wie bei uns Menschen. Es ist also kein Wunder, wenn dein passionierter Jäger das Reh am Wegesrand vor dir sieht.

Wie im menschlichen Auge sind auch bei Hunden „Zapfen“ und „Stäbchen“ der Netzhaut ein wesentlicher Teil des Sehsinns. Der Mensch besitzt drei unterschiedliche Zapfen-Typen, die jeweils auf einen anderen Frequenzbereich des Lichts reagieren und uns zusammen den für Menschen sichtbaren Bereich des Farbspektrums eröffnen. Hunde besitzen nur ca. 2 % der Zapfen des menschlichen Auges, daher sehen sie Farben nur in abgeschwächter Form. Zudem besitzen sie keinen Zapfen-Typ für grünliches Licht. Entsprechende Farben aktivieren beim Hund insbesondere die Rezeptoren für rötliches Licht, weswegen rot und grün von Hunden kaum unterschieden werden können bzw. beides eher gelblich, von ihnen wahrgenommen wird.
Möchtest du z. B. beim Distanztraining deinen Hund zu einem Zielpunkt schicken, sollte sich dieser farblich deutlich von der Umgebung abheben: Geeignet wäre z. B. eine blaue Pylone auf grüner Wiese. Möchtest du hingegen die Suchleistung deines Hundes schulen, sollte sich der Suchgegenstand weniger schnell mit den Augen finden lassen. Lege also z. B. ein grünes oder rötliches Dummy in der grünen Wiese aus.

Die geringe Anzahl Zapfen scheint auch ein wesentlicher Grund dafür zu sein, dass Hunde die Umwelt vermutlich deutlich unschärfer sehen als wir Menschen. So nimmt ein Hund z. B. die Wiese nicht als Ansammlung einzelner Grashalme, sondern als eine Fläche wahr. Bewegungen hingegen sind klar erkennbar. Bewegt sich also etwa eine Maus durch das Gras, reagiert dein Hund besonders sensibel darauf. Auf größere Entfernung kannst du deinem Hund beim Rückruf daher helfen, zielsicher zu dir zu laufen, wenn du dich etwas bewegst statt regungslos stehen zu bleiben.
Die Netzhaut des Hundes enthält im Gegensatz zu der menschlichen deutlich mehr Stäbchen. Diese ermöglichen, auch in der Dämmerung noch etwas erkennen zu können. Verstärkt wird dies noch durch eine zusätzliche Schicht im Hundeauge: Durch die an der Rückwand der Hundeaugen befindliche Licht reflektierende Schicht fällt das Licht ein zweites Mal auf die Stäbchen, weshalb Hunde im Dunkeln deutlich besser sehen können als Menschen.
Info: Diese Schicht ist es auch, die bei manchen Fotoaufnahmen deines Hundes mit Blitz in der Dämmerung gelb oder grün reflektiert. Beim Menschen erscheinen die Augen bei Blitzaufnahmen rot, es sind dann die roten Blutgefäße im Augenhintergrund zu sehen.
Hörst du mich?
Wenn Schallwellen von der Ohrmuschel aufgefangen werden, setzen diese das Trommelfell im Gehörgang in Bewegung. Diese Schwingungen werden über winzige Knöchelchen bis an die „Hörschnecke“ weitergegeben. Darin befinden sich Haarzellen, die durch die Schwingungen ausgelenkt werden sowie abhängig von ihrer Position in der Hörschnecke für unterschiedliche Frequenzen empfindlich sind und uns so unterschiedliche Töne wahrnehmen lassen. Je stärker die Haarzellen erregt werden, desto lauter wird der jeweilige Ton wahrgenommen.
Ein äußerst komplexes Wirkungssystem, das prinzipiell für Hunde genauso funktioniert. In der Regel liegt es also nicht daran, dass dein Hund schlecht hört, wenn er „nicht hört“. Hunde können sogar ungefähr doppelt bis vierfach so hohe Töne hören, wie wir Menschen. Wenn dein Hund also vor dem Staubsauger flüchtet, kann ein Grund sein, dass dieser wirklich unangenehme, sehr hohe Geräusche von sich gibt, die du gar nicht wahrnehmen kannst. Zusätzlich nehmen Hunde viel leisere Geräusche wahr, als wir es können. Sie können Geräusche um das Vierfache weiter wahrnehmen, hören etwas also bereits aus einer Distanz von 100 m, das wir erst in einer Entfernung von 25 m wahrnehmen würden. Wenn dein Hund also schon längst an der Tür bereitsteht, wenn du kommst, kann das daran liegen, dass er dich schon bei der Anfahrt mit dem Auto gehört hat.
Aufgrund des Abstands zwischen den Ohren sind die Schallwellen einer Geräuschquelle unterschiedlich lang zum jeweiligen Ohr unterwegs. Dieser Zeitunterschied ist bedeutend für die Ortung der Geräuschquelle. Hunde, die ihre Ohren in unterschiedliche Richtung bewegen können, sogar unabhängig voneinander für das linke und das rechte Ohr, haben dadurch einen Vorteil bei der Lokalisierung von Geräuschquellen. Dies gilt für Hunde mit Stehohren umso mehr als für Hunde mit Hängeohren. Aufgrund der oben am Kopf angesetzten Ohren können Hunde Geräusche rund um sich herum wahrnehmen, während uns Menschen dies durch die seitlich angesetzten Ohren gerade einmal einen Bereich von ca. 140 Grad vor uns möglich ist. Dafür kann der Mensch im Vergleich zum Hund die genaue Richtung eines Geräusches achtmal deutlicher orten, dies liegt an der besseren Signalverarbeitung unseres Gehirns!

Auch wenn die Wörter der menschlichen Sprache für Hunde zunächst einmal alle bedeutungslos sind, können sie durchaus lernen, Wortsignale anhand ihres unterschiedlichen Klangs zu unterscheiden. Da die visuelle Kommunikation unter Hunden jedoch eine viel größere Rolle spielt als die auditive, machen wir ihnen das Lernen leichter, wenn wir ein Hörzeichen (wie ein Wort oder einen Pfiff) mit einem Sichtzeichen verbinden. Dennoch solltest du ein Signal nicht nur in der Kombination beider Signale trainieren, sondern darauf achten, dass dein Hund sowohl nur auf das Hörzeichen als auch nur auf das Sichtzeichen reagiert. Wird dein Hund im Alter einmal taub oder blind, kannst du weiterhin mithilfe des Sichtzeichens bzw. Hörzeichens mit ihm kommunizieren.

Info: Eine Hundepfeife hat nicht etwa einen „magischen Ton“, der deinen Hund zuverlässig zu dir bringt. Auch wenn viele Hunde den Pfiff zunächst interessant finden und zum Menschen rennen, musst du den Rückruf damit genauso in kleinen Schritten trainieren wie mit einem Wortsignal (z. B. „Hier“).

Geschmäcker sind verschieden
Wenn man bedenkt, wie genüsslich sich viele Hunde auf Pferdeäpfel stürzen und aus Pfützen trinken, könnte man ihnen aus Menschensicht schon den Geschmackssinn absprechen. Aber in der Tat befinden sich auf der Hundezunge bis zu ca. 2000 Geschmacksknospen, welche die vier Geschmacksrichtungen „umami“ (herzhaft/würzig), „bitter“, „sauer“ und „süß“ unterscheiden können.

Menschen besitzen ca. 9000 Geschmacksknospen und können zusätzlich „salzig“ schmecken. Da sich Hunde zum großen Teil von Fleisch mit natürlichem Salzgehalt ernähren, war die Erkennung salzhaltiger Nahrungsmittel für Hunde von geringer Bedeutung. Genau wie bei uns Menschen bildet sich das Geschmacksempfinden jedoch nicht allein über die Geschmacksknospen der Zunge, sondern auch über den wahrgenommenen Geruch.
Und bestimmt hast auch du schon gemerkt, dass dein Hund nicht alles gleich gern isst.
Info: Insbesondere bittere Geschmacksstoffe werden gemieden. Das macht sich der Mensch z. B. bei speziellen Verbänden mit aufgetragen Bitterstoffen zunutze, um den Hund vom Lecken an einer verbundenen Stelle abzuhalten.
Unantastbar
Vergleichbar mit dem menschlichen Tastsinn bildet auch beim Hund die Kombination mehrerer Rezeptoren den Tastsinn. Rezeptoren in der Nähe der Haarwurzeln registrieren Bewegungen der Haare. Tieferliegende Rezeptoren in der Haut sind druckempfindlich. Weitere Rezeptoren registrieren Kälte und Schmerz.

Den „Vibrissen“ (umgangssprachlich für „Schnurrhaare“), besonders feste und längere Haare an Lefzen, Kinn, Maulwinkeln und Augenbrauen, kommt eine besondere Bedeutung zu. Die Vibrissen sind so empfindlich, dass nicht nur direkte Berührung, sondern sogar ein Luftzug registriert wird. Damit schützen die Vibrissen den Hund nicht nur vor Kollisionen, sondern könnten auch ein Teil der Orientierung auf größere Distanz sein: Sie registrieren den Wind, der den wahrgenommenen Geruch transportiert.
Bislang fehlen fundierte Studien zur Einschränkung des Hundes bei fehlenden, durch Zucht veränderten oder rasierten Vibrissen. Es ist jedoch klar, dass sie weitaus mehr als nur ein optisches Merkmal sind.
Info: Damit gilt unter Experten aktuell auch weitestgehend die Auffassung, dass die Rasur der Vibrissen einer (temporären) Amputation im Sinne des Tierschutzgesetzes gleichkommt, also ohne medizinischen Grund verboten ist.
Der sechste, siebte, … Sinn
Die lange vorherrschende Meinung, Hunde hätten kein Zeitgefühl, wurde durch verschiedene Forschungen in den 2000ern widerlegt. So scheint es für Hunde durchaus einen Unterschied zu machen, ob ihre Menschen für eine halbe Stunde oder mehrere Stunden weg sind – nicht jedoch, ob es drei oder vier Stunden sind. Dieses Studienergebnis bestätigt sich in der Praxis häufig beim Training für das Alleinbleiben. Jeder Hund sollte dies erlernen – am besten in kleinen Schritten, angefangen mit wenigen Sekunden bis hin zu einigen Minuten. Bist du so kleinschrittig bei etwa einer Stunde Alleinbleiben angekommen, kannst du die Schritte in der Regel schnell auf mehrere Stunden erhöhen.

Ein wichtiger Faktor für das Zeitempfinden scheint erneut die enorme Riechleistung des Hundes zu sein. Hunde sind in der Lage zwischen frischem und altem Geruch zu unterscheiden. Bei der Jagd können sie so z. B. feststellen, in welche Richtung sich die Beute entfernt hat. Verlässt du nun das Haus, nimmt dein Hund wahr, wie dein Geruch im Laufe der Zeit abnimmt. Er merkt sich, wie es riecht, kurz bevor du nach dem regelmäßigen Arbeitstag wiederkommst und weiß so schon kurz vorher, dass es bald soweit sein wird.
Weitere Sinneswahrnehmungen der Hunde sind ebenfalls Teil der aktuellen Forschung. So ist z. B. noch nicht geklärt, inwiefern Hunde das Magnetfeld der Erde wahrnehmen und sich daran orientieren. In Studien zeigte sich, dass Hunde sich teilweise beim Koten oder Fressen abhängig vom Magnetfeld ausrichten. Das variierende Magnetfeld und die schwierige Interpretation von Beobachtungsstudien erschweren jedoch den Erkenntnisgewinn. Eine mögliche Funktion der magnetischen Ausrichtung könnte die Orientierung des Hundes durch inneres Kartografieren der Umwelt sein.







