Kastrieren oder trainieren – was braucht mein Hund wirklich?

Es ist die Frage aller Fragen: Sollen wir kastrieren oder lieber nicht?
Kaum ein Thema spaltet die Hundewelt dermaßen wie das Thema „Kastration“. Es wird emotional diskutiert, schnell eine „Diagnose“ gestellt und ein Urteil gefällt. Dabei ist das Thema sehr differenziert zu betrachten. Eine pauschale Antwort gibt es nicht.
Sexualverhalten beim Hund
Fangen wir ganz am Anfang an: Wann zeigt ein Hund eigentlich Sexualverhalten und was ist „normal“? Sexualverhalten zeigt sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen: Hunde (egal welchen Geschlechts) zeigen z.B. langes, punktuelles Schnuppern an einer Stelle. Da wird ein einziger Grashalm ganz genau inspiziert und von oben bis unten nach Spuren abgesucht. Womöglich folgt ein Auflecken des gefundenen Urins, kombiniert mit Zähneklappern und starkem Speicheln. In diesem Fall wird das Vomeronasale oder Jacobsonsche Organ eingesetzt, dessen Sinneszellen auf die olfaktorische Wahrnehmung bestimmter Stoffe spezialisiert sind. Danach zeigt der Hund dann mitunter ein sexuell motiviertes Markieren, bei dem entweder das eigene Tinderprofil hinterlassen wird und die Markierung eines potenziellen Konkurrenten übertüncht werden soll.
Im Kontakt mit anderen Hunden gibt es die Kategorie „Flirter“, die vor dem Aufreitverhalten zumindest ein paar Liebesgedichte schreiben. Das zeigt sich in den sogenannten „sexy Öhrchen“, die in erregter, aber in Unwissenheit über die Reaktion des Gegenübers unsicherer Stimmung nach vorne geneigt und gleichzeitig angelegt werden. Das Wedeln der Rute ist breit und oft in Form einer Acht. Das Wittern und Lecken im Genitalbereich gehört auch noch zu den „harmloseren“ Annäherungsversuchen. Das Stupsen im Hals-Nackenbereich ist da schon etwas deutlicher, letztendlich wird mitunter ein Aufreitversuch gewagt. Aggression gegenüber gleichgeschlechtlichen Hunden kann auch in den Bereich der sexuellen Motivation fallen.
„Normal“ ist das alles. Ein geschlechtsreifer Hund denkt an Fortpflanzung, das hat die Natur so vorgesehen. Problematisch wird es dann, wenn der Hund nur mehr an „das Eine“ denkt, der Mensch quasi abgeschrieben ist, nicht mehr zum Hund durchdringt und ein entspanntes Zusammenleben mit dem Menschen kaum mehr möglich ist. Dann denkt Mensch durchaus verständlicherweise an die Kastration.
Was passiert bei einer Kastration?
Bei einer Kastration werden die Geschlechtsorgane entfernt – übrigens sowohl beim Rüden als auch bei der Hündin. Fälschlicherweise wird die Kastration der Hündin oft als Sterilisation bezeichnet. Das ist jedoch falsch. Bei einer Sterilisation bleiben die Geschlechtsorgane intakt, Samenleiter bzw. Eileiter werden jedoch unterbrochen, damit die Fortpflanzung verhindert wird. Hormonell ändert sich jedoch nichts. Die Vasektomie (Rüde) oder Ovariektomie (Hündin) wird aber in den seltensten Fällen durchgeführt, meist werden eben beim Rüden die Hodensäcke aus dem Hodensack, bei der Hündin die Eierstöcke aus dem Bauchraum entfernt. Manchmal wird bei der Hündin auch noch die Gebärmutter entfernt (Hysterektomie).
Und dann gibt es seit geraumer Zeit auch noch die chemische Kastration – offiziell allerdings nur beim Rüden. Dabei wird durch das Einsetzen eines „Hormonchips“ eine sogenannte Downregulationsmethode angewandt. Dies führt dazu, dass die Testosteron- und Samenzellproduktion eingestellt wird. Der Effekt ist also derselbe wie bei der chirurgischen Kastration.
Ist das wirklich noch natürlich?
Nicht selten trifft man auf die Einstellung, dass unsere Hunde „arm“ seien, weil sie ihre Sexualität nicht ausleben dürfen – im Gegensatz zum Wolf oder freilebenden Haushunden. Das ist aber so nicht ganz richtig. Studien zeigen, dass in einem Rudel aus Wölfen, Wildhunden oder auch verwilderten Haushunden durchschnittlich 5 Rüden und 2 bis 3 Hündinnen ohne Kastration harmonisch zusammenleben. Nur der Ranghöchste oder maximal der Rangzweite sind zur Verpaarung berechtigt, dies ist auch bei den Weibchen so. Daraus lässt sich schließen, dass 70 % der freilebenden Caniden nie zum Deckakt kommen und dennoch ein glückliches Leben führen.
Bei vielen unserer Haushunde ist die Aufgabenverteilung im Mensch-Hund-Rudel aber leider nicht so klar. Aus oft zu gut gemeinten Gründen leben Hunde mit zu vielen Privilegien ohne erzieherische Grenzen mit uns Menschen zusammen. Unklare Strukturen führen meist dazu, dass Hunde versuchen, Lücken zu füllen und Aufgaben zu übernehmen. Mit anderen Worten: Wenn sich der Mensch wie ein Junghund benimmt, der keine Verantwortung hat, benimmt sich der Hund eben wie ein Erwachsener, der diese übernimmt.
Struktur zu bieten, fällt Menschen nicht so leicht. Dabei bedeutet es gar nicht, streng oder lieblos im Umgang mit dem Hund zu sein. Eigentlich braucht es nur eine Art „Fahrplan“, ein Konzept, das der Mensch konsequent umsetzt. Gibt es genügend Regeln zuhause? Gibt es überhaupt Regeln? Und gelten diese immer oder nur, wenn der Mensch gerade genervt ist? Das sind Fragen, mit denen man sich spätestens im Hundetraining auseinandersetzen muss. Diese Regeln müssen auch nicht willkürlich sein oder unsinnige Verbote beinhalten. Wenn der Hund mit ins Bett soll und es keine schwerwiegenden Probleme gibt, darf der Hund eben ins Bett. Aber irgendeinen Rahmen braucht es. Den braucht jedes Lebewesen, damit es weiß, woran es ist. Wenn jedoch die gesamte Entscheidungsgewalt beim Hund liegt, dann braucht es eigentlich keinen Menschen, dann orientiert sich der Hund eben an dem, was er für sinnvoll erachtet. Und ja, der Rüde findet es mitunter sehr sinnvoll, die läufige Nachbarshündin zu stalken. Warum sollte er ausgerechnet jetzt auf den Menschen hören, der sonst keine Vorgaben gibt? Da erst sonst auch alle Privilegien genießt, warum jetzt ein so wichtiges Privileg aufgeben?
Daher ist es für eine harmonische Mensch-Hund-Beziehung eben so wichtig, dass der Mensch Regeln vorgibt, Entscheidungen trifft und diese konsequent umsetzt. Sei also ein Fels in der Brandung und steh zu deinem Wort. Wenn du gerade gemütlich vor dem Fernseher sitzt und dein Hund mit einem Spielzeug kommt, weil er genau jetzt spielen möchte, darfst du ihn ignorieren. Wenn dein Hund an der Leine reißt, weil er unbedingt an dem Blumentopf riechen oder ihn gar markieren möchte, dann setz deinen Weg unbeirrt fort. Wenn dein Hund nicht auf die beige Couch soll, dann schick ihn jedesmal hinunter und lass dich nicht vom berühmten Hundeblick beirren. Wenn dein Hund sich respektlos an dir vorbeidrängt ohne Rücksicht auf Verluste, weil er der erste durch die Tür sein will, um gleich einmal den Bodyguard zu spielen, dann lerne ihm, hinter dir zu warten, damit du für ihn checken kannst, ob die Luft auch rein ist. Wenn dein Hund gern den Portier gibt und sich ständig vor die Türe legt, schick ihn von dort weg und vermittle ihm dadurch, dass das nicht notwendig ist, weil du hier die Security bist. Sei dir bewusst, dass Aufmerksamkeit, Beute und auch Bewegungsfreiheit Privilegien sind, die verwaltet gehören. In einem freilebenden Hunderudel würde das auch geschehen, im Zusammenleben mit dem Menschen muss dies eben der Mensch organisieren.
Es mag auf den ersten Blick ein wenig schwierig umzusetzen klingen. Es lohnt sich aber, denn der Hund wird seinen Menschen bald als Partner wahrnehmen, dem man blind vertrauen kann, den man aber eben auch ernst nimmt.
Zeigen besonders Rüden trotz Strukturen im Zusammenleben und konsequentem Training dennoch Anzeichen für übersteigert sexuelles Verhalten, so kann eine Kastration hilfreich sein, um nicht zuletzt Dauerstress für den Hund zu verhindern.
Training und Beschäftigung
Neben den klaren Strukturen, die ein Hund braucht, ist es zudem unabdingbar, dass gutes Training stattfindet und sinnvolle Beschäftigung angeboten wird. Ganz nach dem Motto: Wenn der Hund nur an Sex denkt, sollte er eine Alternative bekommen. Es braucht ein oder auch mehrere Hobbys, die der Hund mit seinem Menschen teilt. Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Menschen ist dabei der Schlüssel zum Erfolg. Ob man mit dem Hund nun apportiert, Suchspiele oder Tricktraining macht, ist dabei nicht wichtig, Hauptsache der Hund hat Spaß daran, wird körperlich und mental ausgelastet und kommt auf andere Gedanken. Aller Anfang ist schwer, heißt es ja, und das kann in diesem Fall absolut zutreffend sein. Gerade außerhalb kann es sein, dass der Hund eben doch lieber sein eigenes Ding macht, als sich mit dem Menschen zusammenzutun. Nun heißt es geduldig sein und die Trainingsumgebung so zu gestalten, dass Hund auch mitarbeiten kann. Das Training bzw. die Beschäftigung findet also erstmal in den eigenen vier Wänden, im Garten, in der Tiefgarage oder am abgelegensten Ort der Welt statt – Hauptsache nicht dort, wo Hinterlassenschaften von anderen Hunden zu finden sind, die natürlich wieder als Ablenkung dienen. Zuerst überzeugt man also seinen Hund, dass die Beschäftigung mit dem Menschen mindestens so spannend sein kann, wie zu markieren, dann erhöht man die Schwierigkeit. Bei erwachsenen, gesunden Hunden kann es auch sinnvoll sein, das Futter erstmal nicht mehr aus dem Napf zu füttern, sondern es eben für die Zusammenarbeit zu verwenden. Hund kann lernen, dass es viel mehr Sinn macht, dem Futterbeutel hinterherzujagen als den Spuren eines anderen Hundes.
Beschäftigung und Auslastung des Hundes bringt letztendlich auch Orientierung des Hundes am Menschen. Und genau die braucht es, damit der Hund bei der Sache bleibt.
Training der Grundsignale gehört schließlich auch noch zum „vollen Paket“. Wenn ein Hund einfach leinenführig an einem Hund vorbeigehen kann – unabhängig vom Hormonstatus –, ist viel gewonnen. Ebenso wenn ein Rückruf aus allen Situationen möglich ist, egal ob die Hündin läufig ist oder der Rüde die läufige Hündin riecht. Hat der Hund auch noch Impulskontrolle in alle seinen Facetten gelernt, kann er auch viel mehr aushalten – auch dass es nach spannenden Hunden riecht.
Auch hier gilt aber: Wenn sich der Mensch in Sachen Training und Beschäftigung nichts vorwerfen kann, also wirklich konsequent mit dem Hund arbeitet, und trotzdem übermäßiges Sexualverhalten zu beobachten ist, kann eine Kastration durchaus angedacht werden.
Was ist wirklich „zu viel“?
Was ist denn nun wirklich zu viel? Ab wann wird das Sexualverhalten des Hundes zum Problem – vorausgesetzt man hat die soeben besprochenen Strukturen umgesetzt und gutes Training und sinnvolle Beschäftigung haben ebenso stattgefunden? Wenn ein Hund draußen wirklich nicht mehr ansprechbar ist und auch kein Interesse an Interaktion mit dem Menschen hat, darf man sich durchaus Gedanken machen. Ein Rüde, der den Menschen außerhalb der eigenen vier Wände komplett ignoriert und stattdessen nur markieren möchte und nur damit beschäftigt ist, Urin aufzuschlecken und daher auch starkes Speicheln zeigt, hat definitiv eine sehr starke sexuelle Motivation. Appetitlosigkeit per se im Zusammenhang mit läufigen Hündinnen ist noch kein Grund zur Sorge, hält diese aber über einen längeren Zeitraum an, muss man natürlich einschreiten. All diese „Symptome“ zusammen können auf die Notwendigkeit einer Kastration hindeuten.
Bei der Hündin verhält es sich etwas anders. Auch diese kann sexuelle Motivation zeigen, indem sie sexuell markiert, mitunter auch einmal Urin aufschleckt und den Menschen draußen ausblendet. Auch für sie gelten die genannten Voraussetzungen. Trotz alledem muss bei der Hündin beobachtet werden, ob ein problematisches Verhalten immer auftritt oder nur in einer bestimmten Zyklusphase. Denn dann wird ihr Verhalten vermutlich über das weibliche Sexualhormon Östrogen gesteuert. Dieses nimmt man ihr durch eine Kastration. Es muss also genau geschaut werden, ob die Hündin ganzjährig z.B. Aggressionsverhalten zeigt oder wirklich nur rund um die Zeit der Läufigkeit.
Jede Läufigkeit mündet in die Phase der Scheinträchtigkeit und zwei Monate später in die Scheinmutterschaft. In dieser Phase steht die Hündin unter dem Einfluss des Elternhormons Prolaktin. Die Hündin hat mitunter ein angeschwollenes Gesäuge, produziert eventuell Milch und bemuttert Spielzeug. Auch das ist normal. Allerdings können daraus auch gesundheitliche Probleme entstehen oder starke depressive Verstimmungen. Diese Aspekte müssen also über mehrere Läufigkeiten hinweg unbedingt im Auge behalten werden und können in einer Kastrationsempfehlung münden.
Aggressionsverhalten
Aggressionsverhalten des Hundes wird immer wieder als Kastrationsgrund hergenommen. Dabei muss zuerst herausgefunden werden, aus welchem Motivationskreis die Aggression kommt. Für Aggressionsverhalten gibt es zig verschiedene Gründe und Motivationen – zum Beispiel Angst und Unsicherheit, Beute- und Futteraggression, sozial motivierte Aggression, territoriale Aggression und eben sexuell motivierte Aggression.
Auch in diesem Zusammenhang spielt Erziehung wieder eine große Rolle. Hunde müssen auch auf sexueller Ebene lernen, mit Frust umzugehen und potenzielle Konkurrenten in unserer Gesellschaft zu dulden bzw. aushalten, nicht unbedingt mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten. Dennoch kann Kastration hier eine dienliche Grundlage sein, um an dem Aggressionsverhalten des Hundes zu arbeiten, sofern dieses eben einen sexuell motivierten Ursprung hat. Auch der Zeitpunkt der Kastration spielt eine große Rolle in Bezug auf die Wirksamkeit: Sind sexuelle Handlungsweisen einmal ritualisiert und im Gehirn programmiert, werden sie immer weiter auftreten, auch wenn die vermeintlichen Hormone für dieses Verhalten gar nicht mehr vorhanden sein sollten. In jedem Fall gilt also: Kastration ist nicht das Allheilmittel, sie kann nur eine unterstützende Maßnahme zu Erziehung und Training sein.
Steht das Aggressionsverhalten nicht im Zusammenhang mit sexueller Motivation, kann eine Kastration dieses sogar begünstigen.
Fortpflanzungsverhinderung
Es muss unbedingt vermieden werden, dass sich der Hund unerwünscht fortpflanzt, keine Frage. Die Tierheime im In- wie Ausland sind überfüllt mit Hunden jeden Alters, die dringend ein Zuhause brauchen. Mehr Hunde zu produzieren bedeutet für andere Hunde, länger im Tierheim zu warten oder im schlimmsten Fall in einer Tötungsstation getötet zu werden.
Dennoch kann für unsere Hunde, die im Familienverband leben, Kastration kein Argument dafür sein. Als Hundehalter:in sollte man immer dazu fähig sein, seinen Hund soweit unter Kontrolle zu haben, dass es nicht zu unerwünschter Verpaarung kommt. Eine läufige Hündin sowie ein Rüde, der von einer solchen nicht binnen Sekunden abrufbar ist, muss eben an der (Schlepp-)Leine geführt werden.
Fehlende Erziehung darf niemals Grund für einen operativen Eingriff am Hund sein.
Im Tierschutz ist Kastration natürlich ein unumgänglicher Weg der Verhütung. Wo mehrere hundert Hunde in Tierheimen und Auffangstationen zusammenleben, muss vorgesorgt werden. Kastrationskampagnen, bei denen Hunde oftmals auch eingefangen, kastriert und wieder auf die Straße entlassen werden, sind die einzige Möglichkeit, das Leid von weiteren Straßenhunden zu verhindern. Eine nicht kastrierte Hündin kann in ihrem Leben statistisch gesehen für 67 000 weitere Hunde sorgen, wenn man davon ausgeht, dass auch ihre Nachkommen sich wieder fortpflanzen. Das muss unbedingt verhindert werden.
Fazit
Es ist oder sollte keine leichtfertige Entscheidung sein, ob man seinen Hund kastrieren lässt. Es ist immerhin ein operativer Eingriff am Hund, der klare Auswirkungen auf den Hormonhaushalt hat. Ursachenforschung und Erziehung müssen daher immer als erste Maßnahme betrieben werden, wenn es Probleme mit dem Hund gibt. Kastration ist nämlich nur allzu oft gar nicht die Lösung.
Trotzdem ist Kastration ein Routineeingriff, der auch nicht verteufelt werden darf, wenn die Erziehung vollends ausgeschöpft ist und der Hund tatsächlich in seiner Lebensqualität eingeschränkt ist (und damit auch der Mensch), weil er Opfer seiner Hormone wird. Beim Rüden gibt es seit der Einführung des Hormonimplantats die Möglichkeit eines „Probelaufs“. Manchmal hilft auch eine einmalige Einsetzung des Chips, um den Rüden durch eine sehr schwierige Pubertätsphase zu bringen, um ihn in dieser Zeit aufnahme- und lernfähiger zu machen. Auch dieser Eingriff kann also eine Zwischenlösung sein – in Kombination mit Erziehung.