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Giftköder verweigern – nicht nur für „Staubsaugerhunde“ ein Pflichtprogramm

Heike Kleinhans ist seit über 10 Jahren im Netzwerk von Martin Rütter und betreibt seit 2015 mit ihrem Team die Martin Rütter Hundeschule Bielefeld / Gütersloh. Heike ist außerdem im Netzwerk als Dozentin für die angehenden Trainer:innen sowie als Autorin verschiedener Fachartikel tätig und bekannt aus der App DOGORAMA.

Labradorhündin Hermine und ihr Frauchen Sabine spazieren durch den Park. Hermine schnüffelt am Boden. Da riecht etwas sehr verlockend, geradezu köstlich. Wo kommt das denn nur her? Da! – Hermine findet die Geruchsquelle: Ein weggeworfener Döner, nur ein paar Mal angebissen, halbseitig in einer Papiertüte steckend, liegt direkt am Rand des Spazierwegs durch den Park. Die Hundedame will kurzen Prozess machen. Papier hin oder her, das „leckere“ Ding soll so schnell wie möglich in ihrem Hundemagen landen. Zu Sabines Glück ist der Döner jedoch so groß, dass Hermine ihn nicht direkt herunterschlucken kann. Sabine kann ihrer Hündin den Döner zumindest noch zum Großteil aus dem Fang ziehen. Eine richtig eklige Angelegenheit. Sabine ist stinksauer und zugleich erleichtert. Es war „nur“ ein Döner und Hermine hat ihn zum Glück nicht komplett gefressen. Was, wenn es ein Giftköder gewesen wäre? Oder Hermine eine ausgeprägte Lebensmittelunverträglichkeit hätte? Nach diesem Erlebnis war für Sabine klar, dass etwas passieren muss. So fand sie den Weg in unsere Hundeschule und nahm an einem unserer Kurse „Giftköder verweigern“ teil, bei dem wir die Mensch-Hund-Teams genau für solche Situationen wappnen möchten. 

Seit einigen Jahren führen wir diese Kurse regemäßig durch, denn leider gibt es immer mehr Menschen, die sich durch die Anwesenheit von Hunden gestört fühlen und in ihrem Hass zu Maßnahmen greifen, die nicht nur für Hunde lebensgefährlich werden können. Sie legen zum Beispiel Wurststücke aus, die mit Gift oder mit scharfen Gegenständen versehen sind, um Vierbeinern lebensgefährliche Vergiftungen oder innere Verletzungen zuzufügen. In den Kursen trainieren wir unter anderem, dass die Hunde Futter erst nach Aufforderung durch den Menschen fressen, dass sie alles, was sie im Fang haben, auf ein zuverlässiges Signal „Aus“ hergeben und langfristig alles Essbare, das sie draußen finden, ihrem Menschen durch ein bestimmtes Verhalten anzeigen. 

Vorab: Es ist völlig normal, dass Hunde das, was sie draußen als Nahrung identifizieren, auffressen. Dieses Verhalten war ursprünglich überlebenswichtig und ist zudem noch in einem hohen Maß selbstbelohnend. Ich halte es daher für unmöglich, dieses Verhalten dauerhaft durch eine Korrektur oder eine Strafe zu unterdrücken. Der Hund wird vielmehr dazu neigen, Gefundenes noch schneller zu verschlingen, oder vor seinem Halter weglaufen, um seine Beute zu sichern. Zudem wird eine Korrektur den Hund nur dann vom Fressen abhalten, wenn sich sein Mensch in seiner Nähe befindet und auf ihn einwirken kann. So ist ein Anti-Giftköder-Training nicht nachhaltig erfolgreich. Trainiere ich aber mit meinem Hund, dass es positive Alternativen zum wahllosen und staubsaugermäßigen Herunterschlingen gibt, die für ihn noch viel lohnender sind, erreiche ich zwar keine hundertprozentige Sicherheit (diese kann es leider nie geben), aber zumindest eine deutlich höhere Erfolgsquote. 

Aufbau der Signale „Nimm“ und „Nein“

Dein Hund lernt bei dieser Übung zunächst, Futter aus deiner Hand erst auf dein Signal „Nimm“ zu fressen. Für den Fall, dass dein Hund doch mal an das Futter gehen möchte, trainierst du gleichzeitig zur Sicherheit das Signal „Nein“. Als Steigerung übst du, dass dein Hund auch Futter vom Boden oder etwas Essbares, das herunterfällt oder geworfen wird, erst auf dein Signal fressen darf.

Du benötigst für dieses Training: Futter

  1. Halte ein Futterstück in der geschlossenen Hand vor die Nase deines Hundes.
  2. Dein Hund wird vermutlich versuchen, durch stupsen, lecken, knabbern oder kratzen mit der Pfote an das Futter zu kommen. All das ignorierst du einfach.
  3. Warte, bis dein Hund sein forderndes Verhalten einstellt und einen kurzen Augenblick ruhig abwartet – dann öffne deine Hand und gib das Futter mit dem Signal „Nimm“ frei.
  4. Steigere die Schwierigkeit, indem dein Hund immer länger warten muss – auch, wenn deine Hand bereits geöffnet ist. Versucht dein Hund, vorab ans Futter zu kommen, schließt du deine Hand wieder und führst dabei das Signal „Nein“ ein. 

Weitere Steigerungen:

  • Dein Hund darf auf dem Boden liegendes Futter erst auf dein Signal fressen.
  • Dein Hund darf Futter, das versehentlich herunterfällt oder geworfen wird, erst auf dein Signal fressen. 

Aufbau des Signals „Aus“

Ziel dieser Übung ist, dass dein Hund Futter oder Gegenstände auch auf mehrere Meter Entfernung sofort an Ort und Stelle fallen lässt, damit du anschließend in Ruhe zu ihm gehen und kontrollieren kannst, ob es sich um etwas Gefährliches handelt. Anfangs arbeitest du mit einer Kiste als Hilfsmittel, in die dein Hund den Gegenstand oder das Futter fallen lässt, damit er einen optischen Anhaltspunkt hat. Voraussetzung für diese Übung ist, dass dein Hund bereits zuverlässig apportieren kann, also auf dein Signal zu dem Apportiergegenstand läuft, diesen aufnimmt und ihn auf direktem Weg zu dir zurückbringt und abgibt.

Du benötigst für dieses Training: Einen Apportiergegenstand (Dummy, Tau o. ä.), Superleckerchen (Leberwurst, Harzer Käse, Trainingswurst etc.), eine nicht zu hohe Kiste (dein Hund muss dort etwas hineinfallen lassen können), trockenes Brötchen, ggf. Kauknochen, Pansen o. ä.

  1. Stell die Kiste direkt neben dir auf. Wähle einen Apportiergegenstand, den dein Hund gern apportiert, aber auch entspannt wieder abgibt. Wirf diesen Gegenstand und fordere deinen Hund auf, ihn zu apportieren.

  2. Ist dein Hund auf dem Rückweg zu dir, stell dich so hin, dass sich die Kiste zwischen euch befindet. Halte deine Hand über die Kiste, um den Gegenstand wie gewöhnlich entgegenzunehmen. Gib deinem Hund das Signal „Aus“, aber ziehe deine Hand in dem Moment weg, in dem dein Hund ihn loslässt, damit der Gegenstand in die Kiste fällt. Belohne deinen Hund sofort und verhindere damit, dass er den Gegenstand aus der Kiste wieder aufnehmen kann. 

  3. Ziehe deine Hand in den nächsten Trainingseinheiten immer früher weg, bis dein Hund die Hilfe der Hand gar nicht mehr benötigt.

  4. Platziere die Kiste immer weiter weg von dir und vergrößere so die Distanz beim „Aus“. 

  5. Lege vor einem Spaziergang einen bekannten Gegenstand aus. Wenn dein Hund den Gegenstand entdeckt und aufnimmt, gibst du das Signal „Aus“ auf Distanz.

  6. Trainiere das Signal „Aus“ auf Distanz schließlich mit etwas Fressbarem, beispielsweise mit einem sehr harten und großen Kauknochen, schließlich auch mal mit einem trockenen Brötchen.

Apportieren von Fressbarem – von Schweineohr bis Bockwurst

Wenn dein Hund bereits zuverlässig Spielzeug apportiert, kannst du ihm nun beibringen, zuerst harte Kauartikel und später sogar eine Bockwurst zu apportieren. Denn für den Fall, dass dein Hund sich draußen doch etwas geschnappt hat, das er nicht aufnehmen sollte, hast du so einen gut funktionierenden Plan B und kannst nach der Abgabe bei dir untersuchen, was dein Vierbeiner gefunden hat. 

Du benötigst für dieses Training: anfangs Brustgeschirr und Schleppleine, einen Futterbeutel, verschiedene harte Kauartikel (z. B. Rinderkopfhaut, Kauknochen, Schweineohr), ein hartes Brötchen, gefrorene und später auch weiche Bockwurst, Superleckerchen (Leberwurst, Harzer Käse, Trainingswurst etc.)

  1. Sichere deinen Hund mit Brustgeschirr und Schleppleine. Lass ihn dabei zuschauen, wie du einen harten Kauartikel in einen Futterbeutel packst. Mach den Futterbeutel spannend und wirf ihn ein kurzes Stück. Dein Hund muss nicht im „Bleib“ warten, sondern darf sofort hinterherflitzen. Wenn dein Hund den Futterbeutel aufnimmt, lockst du ihn verbal und körpersprachlich durch Rückwärtsgehen zu dir. Nutze zudem dein Apportiersignal, sodass dein Hund weiß, was du von ihm erwartest. Die Abgabe in deine Hand belohnst du mit einem Superleckerchen. 

  2. Im nächsten Schritt lässt du den harten Kauartikel schon ein wenig aus dem Futterbeutel herausgucken. 

  3. Funktioniert Schritt zwei gut, versuchst du den nächsten Durchgang mit dem harten Kauartikel ohne Futterbeutel. Achte dabei darauf, dass der Kauartikel so groß ist, dass dein Hund ihn auf gar keinen Fall am Stück schlucken kann! 

  4. Funktioniert die Übung zuverlässig, kannst du immer reizvollere Kauartikel zum Apportieren wählen. Das, was dein Hund apportieren soll, wird mit steigendem Schwierigkeitsgrad dann immer weicher, z. B. in dieser Reihenfolge: Möhre, hartes Brötchen, gefrorene Bockwurst, weiches Brötchen, weiche Bockwurst.

Die Königsdisziplin: Das Anzeigeverhalten

Nun geht es um die Königsdisziplin des Anti-Giftköder-Trainings. Hierbei lernt dein Hund, dir durch Hinsetzen zu zeigen, dass er etwas Fressbares gefunden hat. Das Schwierige dabei ist, dass dein Hund später kein Signal dafür bekommt. Er lernt, die Position „Sitz“ selbstständig einzunehmen, sobald er etwas Fressbares entdeckt hat. Denn du siehst im Alltag natürlich nicht immer, wo etwas liegt, das dein Hund gern fressen möchte. Ich empfehle das „Sitz“ als Position und nicht das „Down“, damit dein Hund mit der Nase nicht so nahe an dem Objekt ist, das er nicht fressen darf. 

Du benötigst für dieses Training: anfangs Brustgeschirr und Leine, Brötchen, Küchensieb, Zeltheringe zum Feststecken, Superleckerchen (Leberwurst, Harzer Käse, Trainingswurst etc.) 

  1. Lege etwas eher langweiliges Essbares (z. B. ein trockenes Brötchen) auf den Boden und decke es mit einem Küchensieb ab. Stecke das Küchensieb zur Sicherheit mit Zeltheringen im Boden fest, damit dein Hund das Sieb nicht zur Seite schieben kann. Lass deinen Hund bei diesen Vorbereitungen zusehen.

  2. Gehe zu deinem Hund und nimm die Leine auf, halte sie aber noch relativ kurz, ohne Spannung darauf zu bringen. Beweg dich mit deinem Hund ein bis zwei Schritte gemeinsam auf das abgedeckte Brötchen zu. Sobald dein Hund dabei zum Brötchen schaut, die Leine aber noch locker ist, sagst du „prima“ (oder ein anderes Lob- oder Markerwort, das dein Hund kennt) und belohnst deinen Hund mit einem Superleckerchen aus deiner Tasche. Dabei musst du sehr schnell sein. Dann nehmt ihr gemeinsam wieder mehr Abstand zum Brötchen auf und startet von vorn. 

  3. Nach ein paar Wiederholungen merkst du, dass dein Hund erst zum Brötchen schaut, dann aber von sich aus langsamer wird oder sogar abstoppt und auf dein Lob und die Belohnung mit dem Superleckerchen „wartet“. Genau dieses Verhalten wollen wir erzeugen. 

  4. Warte bei den nächsten Durchgängen auf den Moment, in dem dein Hund dich von sich aus (also ohne Signal von dir) ansieht und belohne ihn sofort mit einem Superleckerchen. 

  5. Wenn dein Hund zügig und zuverlässig Blickkontakt zu dir aufnimmt, sobald ihr euch dem Brötchen bzw. dem Sieb annähert, lobst du deinen Hund verbal und gibst ihm dann direkt das Signal „Sitz“. Dafür gibt es ein Superleckerchen. Wiederhole auch diesen Schritt über mehrere Trainingseinheiten und an unterschiedlichen Orten. Du wirst feststellen, dass dein Hund sich immer früher und schließlich sogar ohne Signal „Sitz“ hinsetzt.

  6. Nähere dich dem Brötchen bzw. dem Sieb beim Training immer weiter an, bis dein Hund auch direkt vor dem Brötchen bzw. Sieb zügig Blickkontakt zu dir aufnimmt und sich hinsetzt. Du solltest dafür kein Signal mehr geben müssen. 

  7. Nun baust du das Sieb ab. Zunächst legst du das Brötchen auf das Sieb und hältst die Leine bei der Übung so kurz (aber nicht auf Spannung), dass dein Hund nicht an das Brötchen kommt.

  8. Sobald dieser Schritt klappt, legst du das Brötchen ohne das Küchensieb auf den Boden.

Wichtig:

  • Die Superbelohnung muss immer mindestens gleich- oder höherwertig sein als das Fressbare, das dein Hund anzeigen soll.

  • Falls dein Hund im Training doch mal einen „Trainingsköder“ frisst, mach keine große Sache daraus. Schimpfen wäre in dem Fall kontraproduktiv. Gestalte den nächsten Durchgang für deinen Hund einfacher, sodass er ihn erfolgreich beenden kann. 

Weitere Schritte zur Steigerung des Anzeigeverhaltens

  1. Je sicherer dein Hund Fressbares auf diese Weise im Training anzeigt, desto reizvoller können die „Trainingsköder“ werden, die dein Hund anzeigen soll.

  2. Schrittweise kannst du immer mehr Abstand zu deinem Hund halten. Sichere ihn dann zunächst mit einer Schleppleine, damit er sich nicht selbst belohnen kann, falls er den „Trainingsköder“ doch mal stibitzt. 

  3. Führe alle Übungsschritte auch ohne Leine durch.

  4. Trainiere mit unterschiedlichen Trainingsködern sowie an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten, damit dein Hund das Verhalten möglichst schnell generalisiert. Er versteht dann, dass er dieses Verhalten immer zeigen soll.

  5. Baue die Trainingseinheiten in eure Spaziergänge mit ein: Du kannst immer wieder heimlich beim Spaziergang Trainingsköder für deinen Hund auslegen oder fallen lassen, um das Anzeigeverhalten zu üben.

  6. Schließlich versteckst du die Trainingsköder nicht mehr selbst, sondern lässt sie von einer Hilfsperson auslegen. Bitte dafür jemanden, der nicht in deinem Haushalt lebt, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Trainingsköder an einer bestimmten Stelle auszulegen. Im letzten Schritt weiß dann nur noch deine Hilfsperson, wo der Köder ausgelegt ist. Natürlich darf das Futter aus Sicherheitsgründen nur wenige Minuten unbeobachtet dort liegen. Jemand könnte es für einen echten Giftköder halten oder ein Hund, der Futtermittelunverträglichkeiten hat, könnte es aus Versehen fressen.

Dein Hund muss nicht zwangsläufig alle diese Übungen beherrschen. Du kannst zunächst die Übungen auswählen, die am besten zu euch passen und für die dein Hund die nötigen Voraussetzungen mitbringt. Gerade das Anzeigeverhalten muss über einen langen Zeitraum aufgebaut und immer wieder einmal mit dem Hund trainiert werden. Doch es lohnt sich, dranzubleiben!