Interview mit Franziska Herre zum Lebenszyklus Junghund

Franziska Herre leitet seit über dreizehn Jahren die Martin Rütter Hundeschulen Weimar / Erfurt und Jena / Gera. Ihre Golden Retriever Nepomuk und Kasimir begleiten sie im Alltag und im Job. Mit Kasimir ist sie im Dummytraining aktiv und startet ab und an auf Prüfungen.
Warum ist das für dich die schönste Zeit im Lebenszyklus des Hundes?
Durch das gesteigerte Erkundungsverhalten und die höhere Selbstständigkeit entdecken die jungen Vierbeiner täglich neue Herausforderungen. Gerade den Welpenbeinen entwachsen, werden sie zu kleinen Weltentdeckern. Diese Zeit zu begleiten und zu erleben, wie aus den kleinen Hunden große Persönlichkeiten werden, ist für mich ein großes Geschenk.

Was sind die Herausforderungen mit einem Junghund?
Die größte Herausforderung in dieser Phase ist in meinen Augen, die Balance zwischen Abenteuer und Ruhe zu finden. Junghunde möchten am liebsten überall dabei sein und alles auf einmal erleben. Diese Energie muss dosiert und großer Wert auf ausreichend Ruhe gelegt werden. Das stößt nicht immer auf Gegenliebe. Gleichzeitig entstehen aber auch Unsicherheiten, die es vorher nicht gab.

Was braucht der Hund in dieser Zeit besonders von seinem Menschen?
Ein um- und weitsichtiger Mensch an der Seite des Junghundes ist nun ganz entscheidend. Intensive Beziehungsarbeit, individuelle Beschäftigung und eine schnelle Reaktionsfähigkeit sind die Schlüssel für diese Zeit. So lässt sich die Orientierung trotz der höheren Selbstständigkeit gut aufrechterhalten. Auch der souveräne Umgang mit eventuell auftretenden Unsicherheiten ist sehr wichtig für eine gute Beziehung.
Was sind Fehler, die man mit einem Junghund vermeiden kann?
Weitet der Junghund den Radius zu weit aus und wird der Rückruf unzuverlässig, muss ich sofort reagieren. In diesem Fall bedeutet das – Schleppleine an den Hund! Um Umweltunsicherheiten entgegenzuwirken, muss die Sozialisierung fortgesetzt werden. Mein Hund sollte also weiterhin, wie in der Welpenzeit, mit sämtlichen Alltagssituationen und Gegenständen konfrontiert werden. Für den Kontakt mit Artgenossen wird es zunehmend wichtiger, dass ich die Körpersprache meines Hundes gut lesen kann, um den Freilauf zu kontrollieren und unerwünschte Verhaltensweisen sofort zu abzubrechen.
Die Kunst ist es, schnell auf Entwicklungen einzugehen und unerwünschte Verhaltensweisen zu vermeiden. Anderweitig müssen später unerwünschte Verhaltensweisen mühsam wieder abtrainiert werden.
Erzähle uns eine lustige und / oder emotionale Geschichte aus deinem persönlichen Erleben?
Junghunde sind erfahrungsgemäß durch ungleichmäßiges Wachstum manchmal etwas unförmig – die Ohren zu lang, die Beine zu hoch, der Kopf zu klein. Vor vielen Jahren erklärte mir ein älterer Herr beim Anblick meines 6 Monate alten Golden Retrievers, dass ich mich von Züchtern nicht übers Ohr hauen lassen soll. Er würde ausschließlich und definitiv einen Dackel-Mischling in meinem Junghund erkennen. Jegliche Erklärungen meinerseits waren überflüssig, denn er war nach jahrzehntelanger Hundeerfahrung sehr überzeugt. Mit einem Schmunzeln gab ich ihm Recht und so blieb Kenoah bis an sein Lebensende mein persönlicher etwas groß geratener Dackel-Mix.








