Kleine Hunde, große Persönlichkeiten

Katrin Bechtel leitet die Martin Rütter Hundeschule Walldorf / Bruchsal. 15 Jahre lang begleitete sie dabei ihre Dackeldame Leyla, seitdem schlägt Katrins Herz für kleine Hunde. Doch auch die großen Vierbeiner sind in ihrer Hundeschule gut aufgehoben, für jeden Hund und jeden bzw. jede Halter:in ist das passende Angebot dabei.
Mehr als 15 Jahre lang hat meine kleine Dackelhündin Leyla mein Leben bereichert. Auch wenn sie nur knapp sechs Kilogramm gewogen hat, war sie doch eine sehr große Persönlichkeit und hat nach ihrem Gang über die Regenbogenbrücke eine riesige Lücke hinterlassen.
Auch heute noch habe ich mehrere Kleinhunde-Gruppenstunden in meiner Hundeschule und sie gehören immer noch zu meinen liebsten Stunden. Die Halter:innen dieser Hunde fühlen sich bei uns gut aufgehoben, denn schließlich hatte ich selbst einen „Zwerg“ und ihr kleiner Vierbeiner wird bei uns nicht belächelt, sondern gleichwertig behandelt. Die Kleinen sind mindestens so schlau wie ihre großen Artgenossen, und nicht selten sogar um einiges schneller in der Umsetzung neuer Aufgaben.
Während meiner Zeit mit Leyla habe ich mir viele Vorurteile über kleine Hunde anhören müssen, konnte diese in aller Regel aber auch sehr schnell widerlegen. Abwertende Bezeichnungen für kleine Hunde wie Fußhupe, Taschenwolf, Teppichratte oder Wadenbeißer waren leider keine Seltenheit. Aber auch erstaunte Aussagen wie: „Der gehorcht aber gut!“ bekamen wir öfter zu hören.
Aber warum erstaunt es viele Menschen so sehr, wenn ein kleiner Hund gut erzogen ist?
Es ist ein weit verbreitetes Klischee, dass kleine Hunde nur niedliche Kuscheltiere oder Accessoires sind. Diese Annahme wird den kleinen Vierbeinern nicht gerecht, denn sie sind viel mehr als nur süße Hunde zum Knuddeln. Kleine Hunde haben ebenso viel Charakter, Energie und Zuneigung zu bieten wie ihre größeren Artgenossen und verdienen es, als vollwertige Hunde betrachtet zu werden! Obwohl sie physisch natürlich kleiner sind, haben kleine Hunde oft ein „großes Herz“ und einen starken Willen. Sie sind intelligent, lernfähig und können ebenso gut wie größere Vierbeiner gut erzogene und sozialisierte Begleiter werden.

Die Welt aus Sicht der Zwerge
Kleine Hunde nehmen ihre Umwelt durch ihre geringe Größe aus einer völlig anderen Perspektive wahr als größere Hunde oder auch wir Menschen. Aufgrund ihres kleinen Körpers wirken alltägliche Objekte und Menschen viel größer und imposanter für sie. Hindernisse, die für größere Hunde leicht zu überwinden wären, können für kleine Hunde zu einer Herausforderung werden. Die Welt erscheint möglicherweise auch bedrohlicher aus der Sicht kleiner Hunde, da die vielen größeren Artgenossen und Menschen nicht selten einschüchternd wirken.
Umso wichtiger ist es, dass auch kleine Hunde gut sozialisiert werden. Die Sozialisierung von Hunden ist ein wichtiger Prozess, bei dem der Hund positive Erfahrungen mit seiner Umwelt, anderen Hunden und Menschen in verschiedenen Situationen macht, um sich zu einem gut angepassten Partner zu entwickeln. Eine sorgfältige und umfassende Sozialisierung ist zudem entscheidend, um Verhaltensprobleme und Ängste im späteren Leben zu minimieren. Ist ein kleiner Hund gut sozialisiert, wird er den Alltag problemlos meistern. Denn er kennt die Welt ja nur aus dieser Perspektive, für ihn ist sie genauso, wie sie ist, vollkommen normal.
Kommunikationsmissverständnisse
Kommunikationsmissverständnisse können bei kleinen Hunden aufgrund ihrer geringen Größe sowohl in der Kommunikation mit Artgenossen also auch zwischen Hund und Mensch vermehrt auftreten.
Aggressive Kläffer?
Ein häufiges Vorurteil gegenüber kleinen Hunden ist, dass sie übermäßig kläffen und aggressiv sind. Reaktionen wie Bellen, Hochschnellen und Knurren werden manchmal fälschlicherweise als Aggression oder Dominanz interpretiert, sind aber unter Umständen nur eine Verteidigungsstrategie, da der kleine Hund sich bedroht fühlte. Es ist wichtig, die Bedürfnisse und Gefühle der kleinen Hunde zu verstehen und respektvoll mit ihnen zu kommunizieren, um eine gute Bindung aufzubauen. Durch eine klare, verständliche Kommunikation können Missverständnisse vermieden werden, sodass kleine Hunde weniger Ängste ausstehen müssen.
Als Mensch kommunizieren wir zwangsläufig „von oben herab“. Aber alles, was frontal oder eben von oben auf einen Hund zukommt, kann dieser als bedrohlich empfinden. Wenn du Kontakt mit einem kleinen Hund aufnehmen möchtest, begib dich auf Augenhöhe, indem du dich hinhockst oder vielleicht sogar auf den Boden setzt. Zeigt der kleine Hund dennoch Unsicherheit, indem er ausweicht, sich klein macht oder die Ohren beschwichtigend anlegt, kannst du dich auch seitlich zu ihm hinhocken. Dadurch signalisierst du ihm, dass von dir keine Gefahr ausgeht und du dich ihm in freundlicher Absicht annähern willst. Natürlich solltest du dich entsprechend umsichtig auch an einen großen Hund annähern, nur ist hier der Größen-Unterschied nicht so ausgeprägt, sodass es ggf. ausreicht, wenn du dich seitlich drehst oder hinhockst.
Die Kommunikation zwischen großen und kleinen Hunden kann ebenfalls herausfordernd sein, da sie aufgrund ihrer physischen Unterschiede verschiedene Ausdrucksweisen unterschiedlich wahrnehmen oder interpretieren. So können große Hunde auf kleine Hunde einschüchternd wirken, während kleine Hunde für große Hunde möglicherweise weniger bedrohlich erscheinen. Beim gemeinsamen Spiel müssen sowohl große als auch kleine Hunde vorsichtig sein, um Verletzungen zu vermeiden. Es ist wichtig, dass der Größere seine Kraft kontrolliert, um den Kleineren nicht im Spiel zu überrollen und dabei zu verletzen. Doch auch der kleine Hund muss lernen, sich zurückzunehmen. Oft ist er viel wendiger und flinker als der größere Spielpartner, was nicht selten auch zu einer schnelleren Erregung führt. Im Eifer des Gefechts wird dann vielleicht auch einmal spielerisch in die Beine gebissen, was durchaus schmerzhaft für den großen Hund sein kann. Daher musst du als Hundehalter:in das Spiel gut im Blick haben und wenn nötig eingreifen, bevor ernsthafte Konflikte entstehen. In dem Augenblick, in dem sich das Spiel aufschaukelt und dein kleiner Hund stark erregt ist, rufen sowohl du als auch der bzw. die andere Halter:in ihren Hund zu sich. Nach einer kurzen Pause darf das tolle Spiel dann natürlich weitergehen. Auch wenn ich Kleinhunde-Gruppen bzw. Spielstunden wichtig finde, da die Kleinen dann einfach einmal unter sich sein können und sich so Spielpartner mit gleichen Interessen finden, gehört es für mich zu einer guten Hundeschule doch auch dazu, dass sich Hunde unterschiedlicher Rassen bzw. Größenklassen kennenlernen und den Umgang miteinander erlernen können. Dann steht auch einem ausgelassenen Spiel mit Größenunterschied nichts im Weg.

Kleiner Körper = weniger Auslauf?
Viele Menschen glauben, dass kleine Hunde weniger Bewegung brauchen als große. Und sicherlich, auf einem Spaziergang von 5 km braucht der kleine Hund beinahe doppelt so viele Schritte wie der große Hund, und um mit dem Menschen mitzuhalten, muss er oft bereits zügig traben, wo der große Hund gemütlich im Schritt oder höchstens im Passgang daher schlendert. Er muss aber auch viel weniger Gewicht tragen, sodass man letztlich mit einem gesunden und fitten kleinen Hund genauso große Spaziergänge (oder auch Wanderungen) machen kann – und muss! - wie mit einem großen Hund. Und auch kleine Hunde wollen nicht nur körperlich, sondern auch geistig ausreichend ausgelastet werden. Individuell ausgewählte Beschäftigungsmöglichkeiten sind für kleine Hunde von genauso großer Bedeutung wie für die größeren Vierbeiner. Nahezu alles, was die Großen können, ist auch mit den Kleinen machbar. Probiere einfach einmal aus, was deinem kleinen Hund Spaß macht. Ist er eher ein Schnüffler, dann hat er vielleicht Spaß an Suchspielen oder Fährte. Liebt er Action, dann könnt ihr beide ein tolles Team im Hoopers oder Agility werden. Hilfestellung, welche Beschäftigungsform zu dir und deinem kleinen Hund passt, bekommst du in einer professionellen Hundeschule.

Keine Familienhunde?
Oft wird davon abgeraten, einen kleinen Hund als Familienhund anzuschaffen, insbesondere dann, wenn die Kinder noch klein sind. Tatsächlich können sie jedoch wunderbare Familienhunde sein. Ihre geringere Größe macht sie nicht selten sogar zu idealen Begleitern für Kinder, da sich das Kind vor einem kleineren Hund oft nicht so schnell fürchtet wie vor einem großen Hund. Kind und Hund musst du sowieso immer im Auge haben, egal wie groß der Hund ist. Tatsächlich musst du aber insbesondere bei kleineren Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter ein besonderes Augenmerk auf das Spiel mit dem kleinen Hund haben. Denn Kinder in diesem Alter beziehen den kleinen Hund z. B. gern bei Familienspielen ein, und wer bietet sich aus Sicht des Kindes besser beim „Mutter, Vater, Kind-Spiel“ für die Rolle des Babys an, als der kleine Hund? Auch für Senioren oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen können kleine Hunde die idealen Partner sein, da sie sich leichter transportieren lassen als ihre großen Artgenossen und beim Spaziergang an der Leine besser gehalten werden können.
Gesundheitliche Defizite?
Viele Menschen glauben, dass kleine Hunde anfälliger für gesundheitliche Probleme sind. Das stimmt jedoch nur bedingt. Zwar gibt es bestimmte Erkrankungen und Gesundheitsprobleme, die bei ihnen eher auftreten als bei größeren Hunden. Eine typische Erkrankung ist beispielsweise die Patellaluxation, bei der die Kniescheibe aus ihrer normalen Position herausrutscht. Auch Zahnprobleme wie Parodontitis und Probleme beim Zahnwechsel in Form von nicht ausfallenden Milchzähnen („Haifischgebiss“) sind nicht selten. Weitere häufige Erkrankungen sind die Femurkopfnekrose (Erkrankung des Knochengewebes des Hüftkopfes) und der Trachealkollaps (sogenanntes „Rückwärtsniesen“, Kollabieren der Luftröhre). Dafür erkranken sie seltener an Krankheiten wie z. B. Hüftgelenkdysplasie oder Ellenbogengelenkdysplasie, die für größere Rassen typisch sind. Die meisten Kleinhunderassen sind sehr robuste, gesunde Rassen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass kleine Hunderassen eine längere Lebenserwartung haben als große Rassen, sie werden nicht selten 16, 17 oder sogar 18 Jahre alt.
Qualzucht
Allerdings möchte ich hier direkt die Qualzuchtrassen wie Mops und Französische Bulldogge davon ausnehmen. Diese brachyzephalen Rassen leiden aufgrund der züchterischen Entwicklung inzwischen unter so vielen Krankheiten, dass du von einem Kauf dieser Rassen Abstand nehmen solltest, um ihr Leid nicht noch zu unterstützen.

Teacup-Hunde
„Teacup-“, „Miniatur-“ bzw. „Spielzeug“-Hunde, werden durch selektive Zucht auf besonders kleine Größe gezüchtet. Sie wiegen oft weniger als ein Kilogramm. Teacup-Hunde haben in den letzten Jahren stark an Popularität gewonnen, da sie nicht selten als Modeaccessoire herhalten müssen, doch hinter den süßen, winzigen Gesichtern verbirgt sich eine dunkle Realität. Diese winzigen Hunde bringen eine Menge gesundheitlicher Probleme mit: Die viel zu großen Augen im kleinen Gesicht sind kaum geschützt, sodass es zu Augenverletzungen und -infektionen kommen kann. Aufgrund des zu großen Gehirns kann sich die Fontanelle, eine Lücke am Schädel, nicht schließen, sodass bereits ein leichter Schlag auf den Kopf den Hund das Leben kosten kann. Organmissbildungen sowie neurologische Probleme sind nicht selten, und auch die Knochen bereiten oft Probleme, denn schon beim Herunterspringen vom Sofa oder dem Spiel mit anderen Hunden können die fragilen Knochen brechen.
Die Zucht von „Teacup-Hunden“ ist Stand 2018 laut der Zuchtordnung des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH) verboten, denn laut Zuchtordnung muss das Mindestgewicht von Hunden, die zur Zucht verwendet werden, ein Kilogramm betragen. Daher zählen Teacup-Hunde genauso zu den Qualzuchten wie die vielen brachyzephalen Kleinhunderassen, und du solltest auf einen Kauf dieser Hunde lieber verzichten.

Statt nach immer kleineren Hunden zu streben, sollten wir uns für verantwortungsbewusste Zuchtpraktiken und artgerechte Haltung einsetzen. Nur so können wir sicherstellen, dass diese liebenswerten Tiere ein glückliches und gesundes Leben führen.
Fütterung
Entscheidend für die Futtermenge ist in erster Linie der Energieverbrauch des Hundes. Weil kleinere Hunde einen schnelleren Stoffwechsel haben, verbrennen sie auch schneller Kalorien, die ihnen wieder zugeführt werden müssen. Wie viel Futter ein Hund wirklich benötigt, hängt ganz von seinem Energielevel ab. Ein aktiver und spielfreudiger Jack Russell Terrier „verbrennt“ natürlich mehr Energie als ein Mops, der am liebsten den ganzen Tag auf dem Sofa herumlümmelt. Passe das Futter daher individuell an die Bedürfnisse deines Hundes an, du solltest bei kurzhaarigen Hunden die Rippen leicht schimmern sehen!
Wo fängt Vermenschlichung an, wo hört artgerechte Hundehaltung auf?
Kleine Hunde sind einfach niedlich! Nicht selten muss der kleine Hund als Kind-Ersatz dienen. Und natürlich darfst du deinen kleinen Hund auch gern verwöhnen. Doch dein Hund möchte als das wahrgenommen werden, was er ist: ein Hund mit entsprechenden Bedürfnissen. Ihn in ein Kleidchen zu stecken oder in einen Kinderwagen zu packen, um so mit ihm spazieren zu gehen, wird ihm daher nicht gerecht. Doch natürlich darfst du deinem kleinen Hund einen Mantel anziehen, wenn er friert! Kleine Hunde verlieren mehr Wärme als ihre großen Artgenossen, weil ihre Hautoberfläche im Verhältnis zum Körpergewicht größer ist. Hinzu kommt, dass sich kleine Hunde mit ihren kurzen Beinen näher am Boden befinden. Vor allem bei Bodenfrost oder Schnee frieren sie im Winter deshalb viel schneller. Du darfst ihm also gern ein warmes Mäntelchen anziehen, wenn es draußen kalt und nass ist, ansonsten verzichte aber bitte darauf, ihn mit Kleidchen, Hose, Mütze oder sonstigen Accessoires zu verkleiden.

Bei der Erziehung kleiner Hunde sind Menschen oft inkonsequent. Liebende Hundehalter:innen neigen dazu, kleine Hunde als weniger bedrohlich wahrzunehmen als größere Vierbeiner und setzen in der Erziehung Regeln nicht so strikt durch. Aufgrund ihrer Größe wirken diese kleinen Wesen oft so süß und knuddelig, und so geht der Mensch dann doch wieder auf die Forderung des Hundes ein, auf dem Sofa zu kuscheln oder noch einen Bissen vom Tisch abzubekommen Natürlich darfst du deinen Hund verwöhnen. Bedenke aber, wenn er bei dir zu Hause alle Entscheidungen trifft, warum soll er sich dann draußen nicht auch verantwortlich für euch beide fühlen? Und das ist oftmals ganz schön viel für so einen kleinen Hund. Klar, du kannst deinen Hund, der an der Leine zerrt und bellt, wenn euch ein anderer Hund entgegenkommt, vielleicht halten, aber schön ist es weder für dich, noch für deinen Hund, und übrigens auch nicht für die entgegenkommenden Menschen und ihre Hunde. Trainiere deinen kleinen Hund daher genauso wie einen großen Hund, sei konsequent im Alltag, übe die Grundsignale wie das Kommen, das Bleiben und das Laufen an der lockeren Leine, beschäftige ihn individuell und sozialisiere ihn gut. Denn dein kleiner Hund ist weder Accessoire noch Kuscheltier, sondern ein Hund mit einer einzigartigen Persönlichkeit, der dich gut erzogen als treuer Gefährte begleiten, dir unendliche Freude schenken und dein Leben bereichern wird.





